Buderus [buˈdeːʁʊs] (je Zeitabschnitt Sozietät J.W. Buderus, OHG Gebrüder Buderus, Aktiengesellschaft Buderus’sche Eisenwerke, Buderussche Handelsgesellschaft, Buderus AG) war ein deutsches (Groß-)Unternehmen im Bereich der Eisenverhüttung und Eisenverarbeitung mit Hauptsitz in Wetzlar.
Das Familienunternehmen wurde am 14. März 1731 von Johann Wilhelm Buderus I gegründet und im Laufe der Jahrhunderte von seinen Nachfahren sukzessiv zu einem der größten Gießereiunternehmen Deutschlands und Europas ausgebaut. Es gehört zu den am längsten bestehenden Großunternehmen in Europa.
Im Jahr 2003 wurde die damalige Buderus AG mit ihren drei Töchtern Buderus Heiztechnik GmbH, Buderus Guss GmbH und Edelstahlwerke Buderus AG von der Robert Bosch GmbH übernommen. Die Edelstahlwerke Buderus AG, nun Buderus Edelstahl, wurde 2005 an die österreichische Böhler-Uddeholm AG verkauft. Die Buderus Guss GmbH ging an die Münchener Private-Equity-Gesellschaft Orlando Management, jedoch ohne die Sparte Bremsscheiben am Standort Breidenbach. Das Bremsscheibengeschäft firmierte zunächst weiter unter Buderus Guss GmbH und verblieb als eigenständige Tochtergesellschaft im Geschäftsbereich „Chassis Systems Control“ der Robert Bosch GmbH, bis sie 2024 an die Münchener Aequita-Gruppe verkauft wurde. Die ehemalige Buderus Heiztechnik GmbH firmiert unter dem Namen Bosch-Thermotechnik GmbH und gehört weiter zur Robert Bosch GmbH. Die Marke „Buderus“ wird dabei für Produkte im Heizungs- und Sanitärbereich weitergeführt.
Geschichte des Unternehmens Vorgeschichte bis 1731 mini|Historisches Logo Im Jahr 1678 baute die Familie Buderus in Hirzenhain im westlichen Vogelsberg im (Wetteraukreis in Hessen) die ersten Hochöfen. Die Geschichte des Unternehmens Buderus begann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als im Lahn-Dill-Gebiet sowie in Oberhessen zahlreiche Eisensteinvorkommen gefunden wurden. Das Recht zur Erzgewinnung lag bei den Landesherren. Diese errichteten Eisenwerke und betrieben sie entweder in eigener Regie unter einem Hüttenverwalter oder verpachteten sie. Friedrich Ernst Graf zu Solms-Laubach gründete auf seinem Territorium 1707 die nach ihm benannte Friedrichshütte nahe Ruppertsburg und reaktivierte damit das Eisenhüttenwesen, das durch den Dreißigjährigen Krieg zum Erliegen gekommen war. Im Frühjahr 1707 wurde mit dem Bau eines neuen Holzkohlenhochofenwerkes mit angeschlossenem Gießereibetrieb begonnen. Zur Umwandlung des Roheisens in Schmiedeeisen wurde 1709 ein Eisenhammer mit Frischherd in Betrieb genommen.
miniatur|hochkant|Der Firmengründer, Johann Wilhelm Buderus I miniatur|Das zehnte Kind des Firmengründers, sein Nachfolger Johann Wilhelm Buderus II. Im Jahr 1717 wurde Johann Wilhelm Buderus I die kaufmännische und technische Leitung der Friedrichshütte übertragen; er war 1690 in Nassau (Lahn) als Sohn eines Schullehrers, Kaplans und späteren Pfarrers geboren worden. Obwohl Buderus lediglich Verwalter war, steckte er erhebliche eigene Mittel in den Betrieb des Eisenwerks, das neben dem Holzkohlenhochofen und dem Gießereibetrieb ab 1718 über zwei Eisenhämmer verfügte. Bereits 1729 gehörte ihm der größte Teil des Betriebskapitals der Friedrichshütte. Er war damit de facto Chef der Eisenhütte.
Pachtung der Friedrichshütte, Expansion des Familienunternehmens (1731–1806) Am 14. März 1731 bezahlte Johann Wilhelm Buderus I eine Kautionssumme, womit die Pachtung der Friedrichshütte und der dazugehörigen Hämmer (Hessenbrücker Hammer und Oberhammer) auf ihn überging. Dieser Tag gilt seitdem als Datum der Firmengründung. Am 26. Juni 1734 schloss Buderus einen neuen Pachtvertrag mit dem Grafen Friedrich Magnus II. zu Solms-Laubach. Johann Wilhelm Buderus I war 22 Jahre lang Hüttenpächter. Er starb am 23. Juni 1753. Am 10. Dezember 1753 wurde ein neuer Pachtvertrag mit seiner zweiten Ehefrau Elisabetha Magdalena Buderus abgeschlossen. Die Witwe führte das Unternehmen durch die Wirren des 1756 ausgebrochenen Siebenjährigen Krieges, von dem Mittelhessen stark betroffen war.
Buderus’ Sohn – Johann Wilhelm Buderus II – stieg im Januar 1762 in das Unternehmen ein, nachdem er seine hüttenmännische Ausbildung beendet hatte. Unter seiner Leitung – ab 1766 offiziell als Pächter der Friedrichshütte – trat das Familienunternehmen aus dem begrenzten Radius eines regionalen Eisenproduzenten der Vogelsberger Region heraus und expandierte in die Gegend um Lahn und Weil. Am 1. Februar 1779 konnte Johann Wilhelm Buderus II ein weiteres Hammerwerk bei Schellnhausen von der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt pachten und erhielt auch das alleinige Recht des Eisenverkaufs in den fünf hessischen Ämtern Burg-Gemünden, Grebenau, Grünberg, Schotten und Ulrichstein. 1798 erwarb er die Audenschmiede im Weiltal. Hierbei handelte es sich um ein bedeutendes Eisenwerk im Raum Nassau-Weilburg, dem damaligen Zentrum des Eisenwirtschaftsgebietes an der mittleren Lahn. Johann Wilhelm Buderus II, der durch den Grafen zu Solms-Laubach im Jahr 1776 zum Bergrat ernannt worden war, starb am 1. Mai 1806. Der Nachlass seines Vaters – und damit sein Startkapital – hatte 1762 etwa 710 Gulden betragen; nach seinem Tod wurde das Familienvermögen auf 180.000 Gulden gewertet.
Gründung einer Sozietät, weitere Expansion (1806–1840) Nach dem Tod Johann Wilhelms II ging das Unternehmen zu gleichen Teilen an seine drei überlebenden Söhne Johann Christian Wilhelm, Anton Georg Wilhelm Christian und Georg Friedrich Andreas Buderus (* 9. März 1777; † 26. Februar 1840 in Frankfurt am Main, der spätere Georg Buderus I.). Diese schlossen sich am 2. Januar 1807 zur Sozietät J.W. Buderus Söhne mit Sitz auf der Friedrichshütte bei Laubach zusammen.
miniatur|Die Kinder der Familie Buderus, Gemälde aus dem Jahr 1866 Nach dem Tod seiner beiden Brüder führte Georg Buderus I das Unternehmen alleine weiter. Er verfolgte die weitere Expansion des Unternehmens. 1812 pachtete er die Löhnberger Hütte bei Weilburg, 1817 die Eisenhütte zu Hirzenhain. Das Hauptwerk, die Friedrichshütte, wurde modernisiert und 1821 um einen Hochofen und ein Schmelzgebäude erweitert. 1817 wurde das neue Herrenhaus der Familie fertiggestellt. Auch der Oberhammer befand sich nun im Eigentum von Buderus und wurde in Georgenhammer umbenannt. 1822 kaufte Georg Buderus I die Christianshütte bei Schupbach in der Grafschaft Wied-Runkel. 1824 wurde der bisherige Pachtbetrieb Schellnhausener Hammerwerk käuflich erworben. Das Werk wurde 1827 in Louisenhammer, nach der Ehefrau Georgs, umbenannt. Auch der Eisenhammer, der in der Grafschaft Leiningen-Westerburg stand, ging 1830 in den Familienbesitz über.
Im Zuge dieser Expansion wurden weitere Familienangehörige in die Leitung des Familienunternehmens aufgenommen. Im Jahr 1830 stiegen drei Neffen von Georg Buderus I in das Geschäft ein: Georg Carl Theodor Buderus (* 1808; † 1873, der spätere Georg Buderus II), Alexander Richard August Leberecht Theodor Moritz Buderus (* 1814; † 1871), beides Söhne von Johann Buderus, und Friedrich Ludwig August Buderus (* 1810), Sohn von Anton Buderus. Am 1. Juli 1838 wurde ein neuer Sozietätsvertrag zwischen Georg Buderus I und seinen drei Neffen geschlossen. Das Generalinventarium vom 31. Dezember 1836 ergab:
Eigentümliche Hüttenwerke: Audenschmiede und Christianshütte Pachthüttenwerke: Löhnberger Hütte, Friedrichshütte mit Hessenbrücker Hammer und Hirzenhainer Hütte Eigentümliche Hammerwerke: Louisenhammer, Georgenhammer und Gemünder Hammer Bergwerke: Eisensteinbergwerke, Mehlbacher Silbergrube und Braunkohlenbergwerk Buderus Sonstige Besitzungen: Hessenbrücker Mühle, Horloffsmühle, Haus in Weilburg und Roheisen-Magazin in Frankfurt am Main.
Ankäufe und Hüttenstilllegungen (1840–1860) Am 26. Februar 1840 starb Georg Buderus I in seinem Zweitwohnsitz in Frankfurt/Main. Seine Frau Louise erhielt von den Neffen eine Abfindung, und diese verteilten die Anteile der Sozietät neu. Richard und Georg Buderus II erhielten jeweils 5/18 und Friedrich Buderus 8/18 Anteile an der Sozietät.
1846 wurde die Aßlarer Hütte gepachtet, ebenso wie die Oberndorfer Hütte, die beide im Kreis Wetzlar lagen und der Standesherrschaft zu Solms-Braunfels gehörten. Beide Hütten konnten aber auf Dauer nicht rentabel betrieben werden. Die Aßlarer Hütte wurde 1859 und die Oberndorfer 1861 stillgelegt. Im Jahr 1855 kam ein neues Hütten- und Hammerwerk hinzu, das man von Wolfgang Ernst III. Fürst zu Ysenburg und Büdingen kaufte. Neuenschmidten, das im Tal der Bracht bei Wächtersbach liegt, war für ein Hüttenwerk in der damaligen Zeit außerordentlich ungünstig gelegen. Die Erze mussten per Fuhrwerk aus dem Raum Wetzlar herantransportiert werden. Das erwies sich als unrentabel, sodass auch diese Hütte 1859 stillgelegt wurde. Die Hüttenstilllegungen standen im Zusammenhang mit der 1857 von Nordamerika ausgegangenen Weltwirtschaftskrise, die sich auch auf die heimische Eisenindustrie negativ auswirkte.
Am 24. Mai 1856 beschloss die Sozietät, einen Verwaltungsrat einzuberufen. Diesem Verwaltungsrat gehörten die drei Neffen an sowie die drei langjährigen Führungskräfte Gottfried Stuhl von der Friedrichshütte in Laubach, Fritz Spies von der Löhnberger Hütte bei Weilburg und Georg Friedrich Carl Heitefuß von der Aßlarer Hütte. Zunächst war Aßlar der Hauptsitz der Verwaltung. Nach der Einstellung der dortigen Eisengewinnung wurde der Unternehmenssitz nach Wetzlar verlegt.
Als Friedrich Buderus im Jahr 1857, ohne seine Mitgesellschafter vorher zu fragen, auf eigene Rechnung das Blechwalzwerk „Albion“ bei Neuwied kaufte, provozierte er ein schweres und letztlich irreparables Zerwürfnis. Er versuchte wiederholt dieses Werk dem Unternehmen einzugliedern, doch seine Cousins waren dagegen, sodass er schließlich unter dem Namen L. Fr. Buderus Germania eine eigene Firma gründete.
Anschluss an das überregionale Eisenbahnnetz und an das Ruhrrevier (ab 1862), Einführung von Kokshochöfen 1861 erwarb Buderus die Hedwigshütte bei Lollar. Sie lag an der Main-Weser-Bahn, sodass die Roheisenerzeugnisse nun einfach und schnell an Abnehmer in größerer Entfernung versandt werden konnten. Des Weiteren konnte sie über Paderborn erheblich kostengünstiger als über den bisherigen Bahnweg Koks aus dem Ruhrrevier beziehen. Es bestand nun eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen dem eisenerzreichen Lahngebiet und dem kohlereichen Ruhrgebiet. 1862 wurde die Deutz-Gießener Eisenbahn eröffnet. Erzversand und Eisenabsatz waren damit endgültig von der Lahnregion unabhängig geworden.
mini|Der sogenannte Gichtturm in Lollar mit der Aufschrift Main-Weser-Hütte
In Anlehnung an die anliegende Bahnlinie wurde die Hedwigshütte in Main-Weser-Hütte umbenannt. Sie wurde zur Geburtsstätte der neuzeitlichen Entwicklung von Buderus. An dem 1854 von Justus Kilian bei Lollar erbauten Werk musste Buderus zunächst neue Hochöfen errichten, da die alten unbrauchbar waren. Am 9. November 1863 wurde der erste Hochofen Minerva angeblasen. Im November des nächsten Jahres folgte der zweite Hochofen, Vulkan. Vulkan war der erste Kokshochofen an der mittleren und oberen Lahn. Das neue Werk wurde ab 1862 von Georg Buderus III (* 1838), dem ältesten Sohn von Georg Buderus II, geleitet. Durch die Einführung von Kokshochöfen wurden die Holzkohlenhütten überflüssig und unrentabel, sodass sie aufgegeben wurden. Mitte der 1860er-Jahre wurden der Georgen- und der Hessenbrücker Hammer und 1872 der Louisenhammer stillgelegt. 1866 die Löhnberger Hütte.
Die Erzgewinnung hingegen erreichte im Jahr 1867 mit 129 412 Tonnen Eisenerz einen Höchststand. Von Oberhessen hatte sich das Zentrum der Eisenerzförderung von Buderus im 19. Jahrhundert in das Lahnrevier verschoben, wobei der Schwerpunkt im Bergrevier Wetzlar lag.
Auflösung der Sozietät (1870)