Als Liubusua wird in der Chronik des Thietmar von Merseburg (975–1018) eine Slawenburg beschrieben, in welcher bis zu zehntausend Bewohner Platz gefunden haben sollen. Im Jahr 932 soll diese Burg durch die Deutschen unter König Heinrich I. erstmals zerstört worden sein. Heinrich der II. ließ die Anlage 1012 wiedererrichten, bevor sie im August desselben Jahres durch Bolesław Chrobry endgültig zerstört wurde. Das Fehlen einer genauen Ortsbeschreibung in Thietmars Chronik sorgte in der Vergangenheit für verschiedene Lokalisationen des Ortes. Lediglich die Benennung des Ortes und eine kurze Beschreibung des Geländes sind dort angeführt und bringen bis in die heutige Zeit verschiedene Lösungsansätze zur Lokalisation vor. Aufgrund moderner Forschungsarbeiten wird in neuester Zeit (Stand 2015) jedoch nicht mehr von einer zentralen Slawenburg in der Lausitz ausgegangen. mini|hochkant=2|Die Sächsische Ostmark mit Lebusa als Liubusua (Bildmitte) um 1000
Hinweise in der Chronik des Thietmar von Merseburg mini|Bischof Thietmar v. Merseburg
Ein erster Verweis auf Liubusua findet sich im ersten Buch der Chronik des Thietmar von Merseburg und beschreibt die Zerstörung des Ortes im Jahr 932. Für das in Latein verfasste Werk existieren verschiedene deutsche Übersetzungen. Da das Original der Chronik während der Luftangriffe auf Dresden fast vollständig zerstört wurde, liegt heute nur noch eine Abschrift aus dem Jahr 1905 vor.
Zitat: …Einen Berg an der Elbe, der damals dicht mit Bäumen besetzt war, bebaute er (Heinrich I.) und gründete dort eine Burg, die er nach einem Bache, der nördlich von derselben fließt, Misni (Meißen) nannte und mit einer Besatzung und Festungswerken, wie sie jetzt üblich sind, versah. Von da aus unterwarf er 932 die Milzener und zwang sie ihm Zins zu zahlen. Auch die Burg Liubusua, von der ich später ausführlich reden werde, belagerte er lange und brachte die Einwohner, nachdem sie vor ihm in eine kleine unterhalb der Burg gelegene Feste geflohen waren, zur Übergabe. Die Burg aber wurde von jenem Tage an, wo sie nach Verdienst mit Feuer zerstört wurde, nicht wieder bewohnt. Wenn Heinrich während seiner Regierung, wie viele behaupten, unrechtmäßiges Besitztum an sich gerissen hat, so möge ihm Gott in seiner Gnade verzeihen.
Da Thietmar diese Zeit nicht selbst erlebt hat, beruft er sich auf die von ihm verwendeten Quellen wie Widukinds Sachsengeschichte, die Quedlinburger Annalen und private Notizen des Widukind von Corvey.
In seiner Chronik erwähnt Thietmar von Merseburg Liubusua dann wieder im sechsten Buch an zwei weiteren Textstellen.
Text 39
Zitat: Nachdem der König, (Heinrich II.) danach vielen Nöten des bedrängten Vaterlandes abgeholfen, besuchte er (1011) wieder die Westlande, und die wie die Fluten des Wassers hin und her wogenden Gemüter der Bewohner mit dem Zügel seiner Weisheit lenkend und zähmend feierte er zu Palithi (Pölde) mit festlicher Freude die Geburt des Herrn. Darauf kam er (1012) wieder nach dem ihm sehr lieben Merseburg, und nachdem er dort auf fünf Jahre den innern Frieden hatte beschwören lassen, begann er, nach dem Rate einiger Wenigen die Burg Liubusua auszubauen und befestigen zu lassen. Von dieser aber sagten Manche das vorher, was leider noch in demselben Jahre sich bestätigte. Wir kamen dorthin zu Ende des Monats Januar (1012), feierten dort die Reinigung der heiligen Mutter Gottes mit gebührender Andacht und vollendeten in vierzehn Tagen das aufgetragene Werk, worauf wir mit Hinterlassung einer Besatzung heimkehrten. Neben Liubusua an der Nordseite liegt eine Burg, die nur durch ein Tal von ihr getrennt ist. Sie hat zwölf Tore. Als ich sie sorgfältig in Augenschein nahm erkannte ich in ihr, durch Erinnerung an Lucan, ein Werk des Julius Cäsar und einen großen römischen Bau. In dieser Burg hätten mehr als zehntausend Menschen Platz gefunden. Die kleinere Burg aber, die wir wiederherstellten, stand seit König Heinrich I. bis auf jene Zeit leer, und durch welch klägliches Ende sie bald nachher darnieder sank, werde ich schildern, wenn ich was dazwischen liegt, erzählt habe.
Text 48
Zitat: Indes ging Herzog Bodeslav (von Polen), auf die Kunde vom Tod des Erzbischofs sein Heer zusammenziehend, auf Liubusua los, dessen ich oben erwähnte, und weil er wusste, dass wegen des Übertretens der Elbe von unserer Seite den Belagerten niemand zu Hilfe kommen konnte, schlug er daselbst sein Lager auf. Seine Krieger rückten zum Kampfe ermuntert an, und die Besatzung leistete nur mäßigen Widerstand. Denn diese große Burg schützte nicht mehr als tausend Mann, obwohl ihrer dreimal so viel kaum genügt hätten. Bolizlav saß beim Frühmal und sah voller Freuden seine Mannen als Sieger in die Burg eindringen. Das Tor ward geöffnet und viel Blut vergossen. Gefangen genommen wurden von jenen die angesehenen Männer Guncelin und Wiso und der unglückliche Befehlshaber der Burg, Scih, welcher verwundet war. Dieser beklagenswerte Mann verlor, so oft er eine Burg zu hüten hatte, dieselbe stets, nicht aus Feigheit, sondern durch ein klägliches Missgeschick. Sie wurden alle dem stolzen Sieger vorgeführt und auf seinen Befehl alsbald wieder zur Haft hinweggebracht. Von den Kriegsgefährten des Herzogs blieben jedoch nicht weniger als fünfhundert Mann in eben diesem Kampfe. Dieses jammervolle Blutbad ward angerichtet am 20. August (1012). Die ungeheure Beute wurde dann geteilt, die Burg angezündet, und die siegreiche Schaar zog mit ihrem Herrn fröhlich heim.F. Huf (Hrsg.), Thietmar von Merseburg: Chronik. Phaidon Verlag Kettewig, 1990, ISBN 3-88851-092-9
Bisherige Standortzuweisungen/Lokalisationsversuche
Bad Liebenwerda mini|Bad Liebenwerda 1628 Bad Liebenwerda als möglichen Standort der Slawenburg Liubusua anzusehen kam 1957 durch Rudolf Lehmann in seinem Werk Zum Liubusua Problem, veröffentlicht in: Ausgrabungen und Funde, Berlin, Heft 4/1954, S. 197–202 zur Diskussion. Mit der geografischen Lage der Stadt im Tal der Schwarzen Elster, den angrenzenden Hochflächen inklusive des angrenzenden Lausitzer Grenzwalls passten die Beschreibungen auch zu Thietmars Chronik. Gleichzeitig befindet sich am Stadtrand eine ehemalige Wallburg sowie nördlich der Stadt eine mittelalterliche Herrenburg. Diese Vermutungen dienten 1964 dem Bad Liebenwerdaer Heimatforscher Fitzkow zu einer weiteren Veröffentlichung im Heimatkalender für den Kreis Liebenwerda. Er verweist auf die besondere Lage am Schnittpunkt von vier slawischen Gauen, aber auch auf die geografischen Besonderheiten. Ihm zufolge waren das Luckauer Tor und die Luckauer Gasse alte Wege nach Liubusua. Auch habe der ehemalige Rossmarkt die Form einer flachen Senke, und in dessen Nähe deuten einzelne Erhebungen auf eine frühgeschichtliche Wallburg hin. Gleichzeitig gab es einen erstmals 1441 erwähnten Ort namens Ruckow, welcher bis 1873 nordwestlich als eigenständiger Ort existierte. Einen zwischen diesen Anlagen existierenden Gewässerarm interpretierte er als das in der Chronik beschriebene Tal zwischen großer und kleiner Burg. Gleichzeitig verweist Fitzkow aber auch auf die bisher fehlenden archäologischen Beweise zum Standort einer so großen slawischen Burganlage wie sie Thietmar für Liubusua beschreibt. Auch die Vermutung, die in der Nähe des Roßmarktes befindlichen Erhebungen könnten eine Wallburg gewesen sein, gilt heute als widerlegt.
Freesdorf Einige Beachtung schenkte man in den 1970er Jahren dem an der Verbindungsstraße Freesdorf-Goßmar gelegenen Burgwall. Dieser ist ein Niederungswall mit einer „Vorburgbefestigung“ im Tal des Flusses Berste. Die Anlage hat eine Ausdehnung von 175 Metern mit Wallhöhen von bis zu 7 Metern. Die heute in Berlin und Luckau gelagerten Fundstücke aus dem Burgwall bestehen aus slawischen Gefäßen, Scherben und ungebrannten Lehmsteinen. Da jedoch die Angaben in Thietmars Chronik deutlich von den geographischen Gegebenheiten in Freesdorf abweichen, wurde dieser Standort schon frühzeitig angezweifelt und wird heute nicht mehr betrachtet.Joachim Herrmann: Siedlung, Wirtschaft und gesellschaftliche Verhältnisse der slawischen Stämme zwischen Oder/Neiße und Elbe. Deutsche Akademie der Wissenschaften der DDR, Sektion für Ur- und Frühgeschichte, Berlin 1968.
Hohenleipisch Dieser, etwa acht Kilometer nordöstlich von Elsterwerda gelegenen Ort, kam zum einen aufgrund der teilweise vorhandenen Namensverwandtschaft, hauptsächlich aber aufgrund einer Sage, nach der sich im heutigen Naturschutzgebiet Der Loben eine untergegangene Stadt befunden haben soll, in die Auswahl für einen möglichen Liubusua Standort. Nördlich dieser Stadt soll ein Schloss auf einer Anhöhe gestanden haben. Da sich bisher (2014) jedoch keine Nachweise für das Bestehen einer solchen Anlage erbringen ließen, wird der Ort nicht mehr mit Liubusua in Zusammenhang gebracht.Rudolf Lehmann: Zum Liubusua-Problem. In: Ausgrabungen und Funde. Berlin, Heft 4/1957, S. 197–202.
Kosilenzien mini|Karte vom Ziegram 1847 mini|Kosilenzien am Burgwall im Ziegram Einen etwa 500 Meter östlich des Ortes gelegenen Burgwall im Ziegram brachte R. Spehr im Jahr 1994 in die Liubusua Diskussion ein. Im Werk Frühe Kirchen in Sachsen. Ergebnisse archäologischer und baugeschichtlicher Untersuchungen wird davon ausgegangen, dass die ehemals 180 × 130 Meter große Wallanlage das alte Liubusua, und das heutige Nachbardorf Kröbeln die kleine Burg des Thietmar von Merseburg gewesen sein könnte. Die Entstehungszeit des Burgwalls wird in die Bronze- bzw. Frühe Eisenzeit datiert. Bisherige Funde stammen lediglich von der Oberfläche der Anlage und befinden sich in Museen von Bad Liebenwerda, Berlin, Dresden und Zossen.R. Spehr in: Frühe Kirchen in Sachsen. Ergebnisse archäologischer und baugeschichtlicher Untersuchungen. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-1094-2, S. 8–63.
Lebus Der nördlich von Frankfurt (Oder) gelegene Ort rückte vor allem wegen seiner Namensgleichheit ins Interesse der Liubusua-Forschung. Im Jahr 1753 beschreibt Jacob Paul Freiherr von Gundling in Geschichte der Chur-Mark-Brandenburg von den aeltesten Zeiten bis zum Absterben Albrechts des Andern, Marggrafen zu Brandenburg, Aus dem Hause Ascharien und Ballenstädt Lebus als Standort für das historische Liubusua. Linksseitig der Oder existiert eine heute überbaute Burganlage deren Entstehungszeit in die Bronzezeit datiert wird. Archäologische Ausgrabungen bestätigen auch eine Nutzung durch Slawen und die wiederholte Zerstörung der Anlage. Aber auch dieser Standort wurde 1844 durch Karl Benjamin Preusker aufgrund der hier gemachten Bodenfunde sowie des Nichtübereinstimmens von Fakten in der Chronik ausgeschlossen. Auch die moderne Forschung sieht keine Übereinstimmung mit dem historischen Liubusua.P. Frhr. v. Gundling: Geschichte der Chur-Mark-Brandenburg von den aelteten Zeiten bis zum Absterben Albrechts des Andern, Marggrafen zu Brandenburg. Aus dem Hause Ascharien und BallenstädtK. B. Preusker: Blicke in die vaterländische Vorzeit. Band 3, Verlag der J. C. Hinrichs’schen Buchhandlung, Leipzig 1844.
Lebusa mini|Borchelt Schöna