Der Hauptplatz in Sitzendorf an der Schmida ist von Gebäuden umgeben, die im Kern teilweise noch aus der Entstehungszeit des Platzes in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammen. mini|
Im 13. Jahrhundert traten als Lehnsherren die im benachbarten Waldviertel ansässigen, ursprünglich hochfreien Kuenringer auf. In die Zeit ihrer Herrschaft fällt der Bau einer Wasserburg sowie die Anlage des rechteckigen Hauptplatzes von Sitzendorf als neues Zentrum südlich der Kirche.Heimatbuch „Daheim in Sitzendorf“ S. 631 Ob die Kuenringer selbst oder ihre adeligen Gefolgsleute, die SitzendorferDie erste urkundliche Erwähnung der Sitzendorfer erfolgte laut Heimatbuch der Marktgemeinde Sitzendorf an der Schmida um 1246/1248, die Anlage des Platzes veranlasst haben, ist nicht überliefert.
Der weite, planmäßig angelegte Marktplatz (heute „Hauptplatz“) ist etwa 60 Meter breit und 170 Meter lang und von traufständigen Gebäuden in geschlossener Verbauung umgeben. Er wird durch vier in den Ecken einmündenden Straßen erschlossen. Die planmäßige Anlage hat ein klares Grundrissschema mit nahezu einheitlicher Parzellierung ergeben. Die einzelnen Parzellen sind längsrechteckig und grenzen mit einer der Schmalseiten an den Platz und mit der anderen an die ehemaligen Hintauswege (heute „Ziersdorfer Straße“ und „Am Berg“), die parallel zur Längsachse des Hauptplatzes verlaufen.
Die Doppelhakenhöfe am Hauptplatz waren Ackerbürgerhäuser oder dienten Handels- und Gewerbebetrieben als Standort. Die platzseitigen Mittel- oder Seitenflurhäuser sind durchwegs zweigeschoßig und hatten früher repräsentativen Charakter. Dahinter erstreckten sich Hofflügel und eine Querscheune mit Ausfahrt zum Hintausweg. Breitere Hausanlagen entstanden durch Zusammenlegungen insbesondere ab dem 18. Jahrhundert. Diese Disposition der Grundstücke mit den Hintauswegen erlaubte es, die Ackerbürgerhäuser und Betriebe im Ortszentrum anzusiedeln, während sie sonst oft am Rand des Ortsgebietes standen, damit die Ackerwagen und Fuhrwerke den sonstigen Verkehr nicht behinderten.
Die Verbauung im Bereich des Hauptplatzes entspricht seit der Anlage weitgehend der heutigen. Besonders seit Anfang des 19. Jahrhunderts hat es kaum noch Veränderungen gegeben, wie ein Vergleich des heutigen Katasterplanes mit dem Franziszeischen Kataster von 1823 zeigt.
Zwei Gebäude am Hauptplatz stehen unter Denkmalschutz, die Jugendstilvilla Wieninger und das ehemalige Bürgerspital. mini|hochkant| mini|hochkant|
Beschreibung der einzelnen Gebäude Die Hausnummern beginnen an der Nordwestecke des Hauptplatzes und setzten sich im Uhrzeigersinn fort.
Nr. 1: Neue Mittelschule, ehemals Herrschaftssitz Geschichte Den nordwestlichen Abschluss des Hauptplatzes bildet ein mächtiger freistehender Bau, der seit dem Jahre 1876 als Schule genutzt wird. Seine Geschichte reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück, als an dieser Stelle eine Burg errichtet wurde, die von einem 25 Meter breiten Wassergraben umgeben war. Diese wurde im Jahre 1463 durch Kaiser Friedrich III. erobertGedenktafel im Besitz der Marktgemeinde Sitzendorf an der Schmida und befand sich ab dem Jahre 1492 bis zu seinem Tod im Jahre 1504 im Besitz von Hanns von Wulfestorff. Im Jahre 1745 wurde die Burg wegen Baufälligkeit abgetragen„Dehio“ S. 1095Die älteste Darstellung der Burg stammt aus Vischers Topografie aus dem Jahre 1672. Eine weitere Darstellung befindet sich auf einem Ölgemälde, welches im Heimatmuseum „Alte Hofmühle“ in Hollabrunn aufbewahrt wird. und im Jahre 1765 mit einem Neubau eines Schlosses unter Einbeziehung erhalten gebliebener Teile der ehemaligen ZwingerbautenHeimatbuch „Daheim in Sitzendorf“ S. 638 begonnen, von dem nur das westliche Drittel des geplanten Projektes zur Ausführung gelangte.Schweickhardt S. 175 Onlineausgabe mini|
Bis zum Jahre 1876 wechselte das Schloss mehrmals die Besitzer und war vor diesem Zeitpunkt zuletzt im Besitz der Familie Dietrichstein. Nach Inkrafttreten des Reichsvolksschulgesetzes im Jahre 1869, das wegen der Ausweitung der Unterrichtspflicht von sechs auf acht Jahre eine Steigerung der Schülerzahlen zur Folge hatte, war das Schulhaus (heute Hauptplatz 2), zu klein geworden und die Gemeinde kaufte das leer stehende Schloss um darin eine geräumige Volksschule einzurichten. Die Adaptierung verzögerte sich, sodass die Übersiedlung der Schule erst im Jahre 1876 erfolgen konnte.
Im Jahre 1939 ergab sich mit der Installierung der Hauptschule neuerlich ein Platzproblem, das erst in den Jahren 1954 bis 1957 durch den dreigeschoßigen Erweiterungsbau im Osten beseitigt werden konnte. Dieser Erweiterungsbau führte zum Abbruch des Burgtores, das sich an der Stelle des Zubaues befunden hatte. Seit der Übersiedlung der Volks- und Sonderschule in ein neu errichtetes Schulgebäude im Jahre 1972 ist in dem Gebäude nur noch die Hauptschule untergebracht, die im Jahre 2014 in „Neue Mittelschule“ umbenannt wurde.
Das heutige Gebäude Über einem aus Bruchsteinen und Sandsteinquadern gefügten geböschten Mauerwerk des Kellergeschoßes erhebt sich der dreigeschoßige Bau, dessen Bausubstanz zumindest teilweise aus dem späten Mittelalter stammt. Der westliche fünfachsige Gebäudeteil mit den drei nach Süden vorspringenden Fensterachsen stellt die Bausubstanz des Schlosses aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar. Nach Osten hin erstreckt sich der Erweiterungsbau aus der Mitte des 20. Jahrhunderts mit neun Fensterachsen und einem großen Rechteckportal im Osten. An der fensterlosen Südfassade des Erweiterungsbaus ist eine Sonnenuhr umgeben von einer Fassadenmalerei mit bäuerlichen Motiven.
Die Fassade ist durch Gesimsbänder und Eckquaderung gegliedert, die bei einer Fassadenneugestaltung im Jahre 1964 entstanden sind. Die Baukörper werden durch Walmdächer abgeschlossen unter denen sich ein umlaufendes Traufgesims mit Zahnschnitt befindet.
Teile des Kellers und des Erdgeschoßes mit Wandstärken von etwa 1,75 Metern werden durch eckige Stichkappen aus dem 17. Jahrhundert abgeschlossen. Tonnen mit tief einschneidenden Kappen, die noch aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammen dürften, finden sich im Süd- und Westteil des Kellergeschoßes.Heimatbuch „Daheim in Sitzendorf“ S. 639 Ein mittelalterlicher Durchgang mit Tonnengewölbe wird von einem dieser Gewölbe teilweise verbaut.
Nr. 2: Wohnhaus, ehemals Pfarrhof, Wirtschaftsgebäude, Schulhaus und Geschäftshaus Geschichte Dieses Haus war ursprünglich durch einen dazwischen liegenden Gebäudeteil mit dem Haus Hauptplatz 3 verbunden und bildete mit diesem den ehemaligen Pfarrhof. mini|
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangte der Gebäudekomplex in den Besitz der Rogendorfer, welche es zu Wirtschaftsgebäuden ausbauten. Nach Errichtung eines neuen Schüttkastens im Jahre 1788, der sich auf dem heutigen Areal des Lagerhauses nordöstlich des Ortsgebietes befindet, hatten die Wirtschaftsgebäude ihre Bedeutung als solche verloren und das Gebäude wurde ab dem Jahre 1795 als Schulhaus verwendet. Ungefähr zu dieser Zeit erfolgte der Abbruch des zwischen Hauptplatz 2 und 3 liegenden Gebäudeteiles, sodass die nördlich davon stehende Kirche einen direkten Zugang vom Hauptplatz aus erhielt.
Bis zum Jahre 1876 diente das Gebäude als Schule, dann gelangte es in den Besitz eines Kaufmannes, der es als Wohn- und Geschäftshaus adaptierte.
Das heutige Gebäude Das Erscheinungsbild des zweigeschoßigen Gebäudes erhielt sein heutiges Aussehen durch verschiedene Umbauten, die im 20. Jahrhundert vorgenommen wurden. Das heutige fünfachsige Zwerchhaus hat ein Satteldach, das Zwerchdach ist als vorspringendes Walmdach ausgebildet, an den Seiten werden die aus der Dachschräge des Satteldaches hervortretenden Mauerteile an beiden Seiten durch steile über die Fassade hinausragende Pultdächer bedeckt. Unter dem Dachvorsprung des Zwerchdaches befindet sich ein Balkon mit Schmiedeeisengitter.
Im Erdgeschoß ist südseitig an der linken Seite der Fassade ein weit vorragender verglaster Vorbau mit Flachdach, der etwa zwei Drittel der Gebäudebreite einnimmt und als Geschäftslokal gedient hat.
Auf der Westseite des Gebäudes sind im Kellergeschoß mittelalterliche Fensteröffnungen erhalten.
Nr. 3: Wohn- und Geschäftshaus, ehemals zum Teil Wirtschaftsgebäude Geschichte Die Geschichte des Hauses deckt sich weitgehend mit jener des gegenüber liegenden Hauses Hauptplatz 2 (siehe dort). mini|
Die neunachsige Hauptfassade des dreiflügeligen zweigeschoßigen Gebäudekomplexes ist nach Westen ausgerichtet. Der Baukörper im Bereich der linken drei Fensterachsen ist der älteste Teil des Gebäudes und war ursprünglich durch den Ende des 18. Jahrhunderts abgetragenen Gebäudeteil mit dem gegenüber liegenden Haus Hauptplatz 2 verbunden. Die Roggendorfer verkauften es im Jahre 1790 an einen Kaufmann, der es nach Süden hin um weitere sechs Fensterachsen erweiterte.
Das heutige Gebäude Die westliche Front des Gebäudes wird durch einen schmalen dreiachsigen Mittelrisalit und eine Plattenstilfassade mit genutetem Erdgeschoß aus dem Ende des 18. Jahrhunderts gegliedert. Das Gebäude hat Rechteckfenster mit schmalen Verdachungen im Obergeschoß im Bereich des Risalits. Ein Walmdach setzt über einem weit vorkragenden profilierten Traufgesims an. Rechts und links des rechteckigen Mittelportals sind Geschäftslokale. Das südliche Geschäft hat ein Kastenportal aus der Zeit um das Jahr 1900.
Nach Osten schließen an der Südseite Wohn- und Wirtschaftsgebäude und an der Nordseite der eigentliche zu Wohnzwecken adaptierte Kernbau an, der im Erdgeschoß mit einer Stichkappentonne aus der Zeit um 1575/1580 überwölbt ist. In den neueren Gebäudeteilen sind Flachdecken.
An der äußeren Hofmauer sind Kopfskulpturen eingemauert.
Nr. 4: Wohnhaus, ehemals Priorat des Klosters Baumburg Geschichte Dieses Haus dürfte das älteste Gebäude des Marktes Sitzendorf sein.Heimatbuch „Daheim in Sitzendorf“ S. 641 Zwischen dem Jahre 1241 und dem Inkrafttreten des Reichsdeputationshauptschlusses im Jahre 1803 hatte das Kloster Baumburg mit Unterbrechungen in der Reformationszeit das Patronatsrecht in Sitzendorf inne. Das Haus Hauptplatz 4 war damals Priorat des Klosters Baumburg. mini|
Das heutige Gebäude Das fünfachsige, zweigeschoßige Gebäude ist von den Restaurierungen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts geprägt. Die Fassade ist durch eine Eckquaderung, faschengerahmte Rechteckfenster mit Sohlbänken und profilierte Fensterverdachungen aus dem 17. Jahrhundert im Obergeschoß sowie ein in der mittleren Achse liegendes Rechteckportal gegliedert. Oberhalb dieses Portals befindet sich ein Steinrelief „Presentatio Christi“ aus dem Jahre 2003 von Oskar Höfinger. Das Gebäude hat ein Schopfwalmdach mit verbrettertem Giebel.
In einer Nische der südlich angrenzenden Tormauer steht als Leihgabe der Gemeinde eine Statue des heiligen Johannes Nepomuk aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Im Norden schließt ein Wirtschaftstrakt (Hofflügel) rechtwinkelig an das Hauptgebäude an. Dieser und eine rückwärtige Scheune wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beziehungsweise am Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet.
Ein Kreuzgratgewölbe im nördlich des Mittelflurs gelegenen Teil des Erdgeschoßes und ein Tonnengewölbe im rückwärtigen Teil des Hauses sind ebenso wie das aufgehende Mauerwerk aus sorgfältig gearbeiteten Sandsteinquadern gebaut, was für eine Entstehung im 13. Jahrhundert spricht.
Die südlich des Mittelflurs gelegenen Räume im Erdgeschoß haben flache barocke Putzschnittdecken, die nach der Rückgabe an das Kloster Baumburg im Zuge der Rekatholisierung nach der Reformation um das Jahr 1640 entstanden sind.