mini|Eurofighter beim Manövrieren in großer Höhe bei der Luftverteidigungsübung Taurus Mountain Das EuroDASS Praetorian ist das Selbstschutzsystem des Eurofighter Typhoon, welches vom EuroDASS-Konsortium, bestehend aus Airbus Group, BAE Systems, Elettronica und Indra Sistemas gefertigt wird. Die Entwicklungsphase war durch wechselhafte politische Entscheidungen geprägt, was zu Verzögerungen führte. Obwohl die Entwicklung des Selbstschutzsystems, früher als Defensive Aids Subsystem (DASS) bezeichnet, mit über £ 1,5 Mrd. (€ 1,8 Mrd.) die zweitteuerste Komponente des Flugzeuges nach dem Eurojet-Triebwerk (£ 1,66 Mrd.)Flightglobal: EFA development contracts signed, 5. Dezember 1988 (PDF; 311 kB) ist, ist am wenigsten darüber bekannt. Als 1987 das erste Konzept erstellt wurde, wurde auf einigen Gebieten Neuland betreten: EloUM/EloGM-Antennen mit aktiver elektronischer Strahlschwenkung, Errechnen einer Feuerleitlösung durch Emitteranpeilung, Millimeterwellenradar zur Raketenortung, Schleppstörsender für ein agiles Kampfflugzeug und die Errechnung von Manöveranweisungen für den Piloten zur Emitteranpeilung und Raketenvermeidung. Durch die Future Offensive Air System (FOAS) Studie dürften weitere Ideen eingeflossen sein, explizite Äußerungen dazu gibt es aber nicht.
Geschichte
Das Verteidigungssystem Defensive Aids Subsystem (DASS) wurde stets als integraler Bestandteil der Flugzeugzelle gesehen. 1987 sahen die Konzepte von Marconi, Elettronica und Ensa vor, Systeme für elektronische Gegenmaßnahmen (ECM), Elektronische Unterstützungsmaßnahmen (ESM), Raketenwarner mit aktivem Radar (MAW) und Laserwarner (LWR), sowie Düppel- und Fackelwerfer zu einem System zu vereinen. Ein Novum für ein manövrierfähiges Kampfflugzeug war die Konzeption von drei Schleppstörsendern, welche je an einem 100 m langen Seil hinter dem Flugzeug hergezogen werden sollten. Bei Bedarf sollte das Seil gekappt werden können. Um Kollisionsrisiken auszuschließen, wurden Simulationen durchgeführt, die zu dem Schluss kamen, dass nur die Leistungswegnahme im vertikalen Steigflug mit anschließendem Absacken zum Verheddern des Seiles mit dem Flugzeug führen könnte. Die anfängliche räumliche Aufteilung der Systeme ist etwas wirr: So sollten ESM, ECM, MAW und Laserwarner in den Pods untergebracht sein, andererseits ist von weiteren Phased-Array-Antennen in den Flügelwurzeln die Rede. Im Laufe der Entwurfsphase verschwand der Pod im Seitenleitwerk, dieser wurde als nicht mehr notwendig erachtet. Die Integration aller Systeme zu einem System of systems sollte es ermöglichen, einen infrarotgelenkten Flugkörper mit nur einer Fackel vom Flugzeug abzulenken.Flightglobal: Consortium proposes EFA defensive aids, 11. Juli 1987
1988 spielte Ferranti mit dem Gedanken ein elektro-optisches Raketenwarnsystem für das EFA zu entwickeln,Flightglobal: Ferranti bids for bigger EFA stake, 6. August 1988 und AEG trat im September dem von Marconi geführten EuroDASS-Konsortium bei.Flightglobal: AEG joins EFA EW bid, 17. September 1988 Die Eurofighter Jagdflugzeug GmbH diskutierte 1990 mit den Partnerländern darüber, das DASS auch außerhalb des Vier-Partner-Kontraktes auszuschreiben. Im Gespräch waren Loral und Dassault, statt des EuroDASS-Konsortiums. BAE Systems lehnte diese Pläne ab, da das DASS auch Daten der gesamten Avionik und des Flight Control Systems (FCS) für Verteidigungsmanöver benötigt. Das Verteidigungssystem sollte in acht Paketen ausgeschrieben werden, mit der Kategorie A (ESM, ECM, Laser-, Raketenwarner), der Kategorie B (Dispenser, DASS-Computer) und der Kategorie C (Täuschkörper).Flightglobal: EFA may use 'foreign' EW, 21-27. März 1990 (PDF; 1,3 MB) Das erste Paket wurde schließlich im August 1990 ausgeschrieben.Flightglobal: Last EFA system RFP due, 8-14. August 1990 (PDF; 2 MB) Gleichzeitig begannen Gespräche mit dem US-Unternehmen Texas Instruments, da der aktive Radarstörsender GENeric eXpendable (GEN-X) aus den Dispensern abgeworfen werden sollte.Flightglobal: Eurodass approaches Texas Instruments, 24. Oktober 1990
Allerdings kollabierte das Beschaffungsvorhaben 1991, da sich Deutschland aufgrund der hohen Kosten aus dem EuroDASS-Projekt zurückziehen wollte. Ab diesem Zeitpunkt kam es zu massiven Verzögerungen: DA1 war in Ottobrunn fast fertiggestellt und in Warton wurde mit dem Bau von DA2 begonnen. PIRATE lag bereits drei Jahre hinter dem Zeitplan und eine Einigung zum Verteidigungssystem war nicht in Sicht.Flightglobal: Eurofighter's final systems snag on cost, 26. Juni 1991 Deutschland wollte nur Radar- und Flugkörperwarner und so wurde Telefunken Systemtechnik als deutsches Unternehmen im EuroDASS-Konsortium nur ein Beobachterstatus zugewiesen.Flightglobal: Germany reviews common DASS for EFA, 7-13. August 1991 (PDF; 1,3 MB) Im November 1991 schrieb Deutschland einen eigenen Auftrag zur Ausrüstung der deutschen Eurofighter mit Radar- und Flugkörperwarnern aus.Flightglobal: Germany issues solo tender for EFA, 6-12. November 1991 Im Februar 1992, kurz vor der Unterzeichnung des £ 1,5 Mrd. (€ 1,87 Mrd.) schweren DASS-Vertrages, bekam Spanien Zweifel an der Finanzierbarkeit des EFA. Deutschland hatte unterdessen am 30. Januar Angebote zu seiner Ausschreibung bekommen, erwog aber wieder, Mitte des Jahres mit EuroDASS zusammenzuarbeiten.Flightglobal: Spain dithers on Eurofighter DASS choice, 5-11. Februar 1992 Letztlich wurde der Vertrag ohne Deutschland und unter spanischem Vorbehalt im Februar 1992 unterzeichnet.Flightglobal: Marconi's team wins EFA DASS, 29. Januar 1992 Da Großbritannien und Italien die einzigen Länder im EuroDASS-Konsortium waren, wurden die Arbeitsanteile zu 60 % und 40 % aufgeteilt. Insgesamt waren fünf Angebote notwendig, bevor der Zuschlag erteilt wurde. Es wurde festgelegt, dass die Störsender in den Pods mit aktiven Phased-Array-Antennen arbeiten würden, um mehrere Radare gleichzeitig stören zu können. Mehrere Schleppstörsender sollten im Steuerbordpod untergebracht werden. Das ESM-System sollte Spiralantennen verwenden und Daten zu den Störsendern, dem Waffenleitrechner, dem Head-up-Display und den Head-down-Displays senden.Zu der Möglichkeit, Lenkwaffen durch das ESM zu Zielen zu führen, existieren zahlreiche Hinweise. Flight International schrieb z. B. 1992, dass das ESM auch Daten an den Waffenleitrechner senden soll – wozu, wenn nicht zum Schießen? Elettronica nennt auf ihrer Homepage als Fähigkeit „targeting due to adoption of very accurate TDOA measurement“. Lediglich ein Eurofighter-Werbemagazin von 2009 nennt „Zielerfassung durch Radarwarnempfänger und/oder Radar“ als Option. Eine offensive Vermarktung dieser Fähigkeit findet nicht statt.Die Aussage von Flight International von 1992, dass das ESM auch Informationen an das HUD sendet, weckt Assoziationen an die Einblendung des Ausweichkurses. Tatsächlich existiert mit US 6822583 B2 von BAE Systems auch ein passendes Patent von 2002 dazu. Hier wird auch die Datenverarbeitung und Priorisierung erläutert sowie der Datenaustausch zwischen den Flugzeugen. Ein expliziter Hinweis auf eine Anwendung am Eurofighter gibt es nicht. Allerdings passen einige erwähnte Punkte (Manövereinblendungen, IRST ohne Laser, Emitteranpeilung durch zwei Maschinen) sehr gut zu den bekannten Fakten des Eurofighters. Da sowohl das DASS als auch das AN/ALR-94 von BAE Systems gefertigt wird, werden sich bei der Datenverarbeitung zwangsläufig Überschneidungen geben. Denkbar ist, dass US 6822583 B2 das AN/ALR-94 beschreibt, während WO 2006135416 A2 sich auf das DASS bezieht. Die Raketenwarner von Plessey Avionics sollten in den vorderen Flügelwurzeln und am Ende des Seitenleitwerks Platz finden und mit aktivem Radar arbeiten.Flightglobal: Eurodass wins EFA EW contract, 25-31. März 1992 (PDF; 1,5 MB)
1993 plante Spanien den Wiedereinstieg in das EuroDASS-Konsortium. Gleichzeitig wurde auch die Zahl der Ziele reduziert, welche gleichzeitig gestört werden sollten.Flightglobal: Spain to consider re-joining DASS, 24. Februar 1993 (PDF; 1,5 MB) Spanien kehrte 1995 ins Konsortium zurück. 1996 plante Deutschland dann doch, einen Schleppstörsender in den Eurofighter zu integrieren, welcher auch von der Transall benutzt werden sollte. Nun sah man auch hier die Möglichkeit, ins Konsortium zurückzukehren.Flightglobal: DASA develops a towed radar decoy for Transall, 8 May 1996 Im Mai 1996 beschloss die Bundesrepublik, das DASS zu kaufen, obwohl kein deutsches Unternehmen mehr an der Entwicklung und Produktion beteiligt war. Der nationale Alleingang hatte sich als zu teuer erwiesen.Flightglobal: Germany buys off-the-shelf DASS, 22 May 1996 Spitzenmanager von DASA und GEC-Marconi trafen im Juli zusammen, da DASA einen Produktionsanteil wollte. Dies scheiterte jedoch, sodass mehrere zehn Millionen Mark für die Entwicklung von Radarwarnern, elektro-optischen Raketenwarnern und einem Schleppstörsender letztlich verloren waren. DASA blieb nichts anderes übrig, als anderweitig um Kunden für diese Systeme zu werben.Flightglobal: DASA and GEC aim to settle DASS dilemma, 5-11. Juni 1996 (PDF; 336 kB) Im August 1996 wurde der Schleppstörsender zum ersten Mal mit DA2 getestet.Flightglobal: ...as GEC test-flies new towed-decoy, 24 Jul 1996 Im April 1997 wurde die Möglichkeit den aktiven Radarstörsender GEN-X über die Dispenser abwerfen zu können, fallen gelassen.Flightglobal: Raising the tempo, 16. April 1997 Ende 1997 versuchte DASA noch, zumindest den Auftrag für die Schleppstörsender der deutschen Eurofighter zu gewinnen.Flightglobal: Germany thinks again on EF2000 defence system, 3-9. September 1997 Anfang 1998 wurde der erste Überschallflug von DA2 mit dem Schleppstörsender und sechs Flugkörpern absolviert, während DASA weiterhin versuchte einen Fuß in das Programm zu bekommen und die Bundesluftwaffe den GEC-Marconi Schleppstörsender auch auf dem Panavia Tornado testete.Flightglobal: Eurofighter carries out first supersonic tests with decoy, 25 Feb 1998 Bis Anfang 1998 war der GEC-Marconi Schleppstörsender, der nun „Ariel“ genannt wurde bis Mach 2 getestet, während DASA weiterhin für seinen Schleppstörsender, der nur bis Mach 1,4 getestet war und nicht in den Defensive Aids Computer (DAC) integriert war, Lobbyarbeit betrieb.Flightglobal: Dasa continues to test decoy despite ministry doubters, 29. April 1998 Die Freigabe des gesamten DASS wurde mit den IPAs vorgenommen.Flightglobal: Shared experience, 16 Jun 1999
Im Zuge der Future Offensive Air System (FOAS) Studie starteten 1993 die Arbeiten zum AMSAR. Das FOAS sollte diese Technologie nutzen, um kleine Radaranlagen an Flügelwurzeln, Vorderrumpf und Heck zu tragen, um das Sichtfeld zu erhöhen. Dies würde auch die Flexibilität im Kampf erhöhen, da Gegner geortet und mit Flugkörpern beschossen werden könnten, ohne die Flugzeugnase auf sie zu richten.flightglobal: RAF aims for multiple arrays, 1996 Im Jahr 2000 folgte nach der Festlegung des Eurofighters als Hauptplattform für FOAS die ominöse Ankündigung, dass Eurofighter der Tranche 3, welche ab 2010 ausgeliefert werden sollten, eine 360°-Sensorabdeckung besitzen sollten.Flightglobal: Eurofighter weapons, radar and sensor updates mooted, 13 Jun 2000 2001 wurde schließlich der Produktionsvertrag für Tranche-1-Maschinen unterzeichnet,Flightglobal: Eurofighter Aids contract awarded, 22 Jun 2001 gleichzeitig trat EADS/DASA dem Konsortium bei.
Am 13. Juni 2003 wurde schließlich der erste seriengefertigte Eurofighter der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Bundeswehr nahm die Maschine am 4. August desselben Jahres ab. Das komplette Praetorian-Selbstschutzsystem steht aber erst ab Tranche 1 Block 2B zur Verfügung. Verschiedene Andeutungen lassen darauf schließen, dass die Raketenwarner ab Tranche 2 Block 10, zusammen mit den Low-Band-Antennen, kampfwertgesteigert wurden. Ab Mitte 2014 steht auch ein aktiver, abwerfbarer Radarstörsender der europäischen Selex ES zur Verfügung, der auf Kundenwunsch eingerüstet werden kann.
Überblick mini|F-16 mit ALQ-131 am zentralen Rumpf