mini|Bundeshaus (Bern): „Unus pro omnibus, omnes pro uno“ (dt.: Einer für alle, alle für einen) Als Willensnation bezeichnet sich ein Staat im Sinne einer voluntaristischen, also bewusst gewollten Gemeinschaft von ansässigen Bürgern unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Die Konstruktion der Willensnation geht auf Ernest Renan zurück.Maximilian Opitz: Die Minderheitenpolitik der Europäischen Union. LIT Verlag, Münster 2007, ISBN 978-3-8258-0524-1. Die Willensnation gehört in der sozialwissenschaftlichen Literatur neben der Staatsnation und der Kulturnation zu den drei Nations­typen.

Grundlagen zur Bildung einer Willensnation Die Willensnation wird von freien Menschen gebildet, die sich selbstbestimmt der Nation anschließen. Eine Willensnation kann vom Staat nicht verordnet, sondern nur gefördert werden, indem er nicht die Macht der Zentrale stärkt, sondern die Bürgergesellschaft pflegt. Sie entsteht aufgrund des freien Willens souveräner Bürger von unten nach oben, wenn diese bereit sind, in hohem Maße Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen und die Gemeindeautonomie sowie die föderalstaatliche Hoheit zu respektieren. Die Entwicklung einer solchen politischen Kultur braucht eine lange Zeit des Heranwachsens. Vielvölkerstaaten sind deshalb oft nicht als Willensnationen anzusehen, auch wenn einige davon einen Weg in diese Richtung eingeschlagen haben, wie beispielsweise Bolivien, das sich seit 2009 „plurinationaler Staat“ nennt.

Völkerrecht Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist im jeweiligen Artikel 1 der Charta der Vereinten Nationen, des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte, des Internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie in etlichen Resolutionen der Generalversammlung der Vereinten Nationen verankert. Deshalb gilt das Prinzip der territorialen Integrität einer Nation in diesem Zusammenhang nicht als absolut. Das Selbstbestimmungsrecht muss jedoch nicht in jedem Fall die totale Unabhängigkeit bedeuten. Die völkerrechtliche Norm der UN-Charta stellt eine präventive Strategie dar, um bewaffnete Konflikte zu vermeiden: Wenn sich ein Teil der Bevölkerung aus einer Nation lösen möchte, sollte das auf friedlichem Wege durch ein Referendum geschehen. 2014 hatte sich Schottland in der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit mit 55,3 Prozent Nein für den Verbleib im Vereinigten Königreich entschieden.NZZ vom 19. September 2014: Klares Nein der Schotten

Gemeinschaftsgefühl und gemeinsamer Wille Das verbindende „Zusammengehörigkeits- und Identitätsgefühl“ (Gemeinschaftsgefühl) entwickelt sich nach sozialpsychologischen Gesichtspunkten. Es ist somit kein Indiz für ein Volk, das durch gemeinsame Sprache und Kultur miteinander verbunden ist. In einer Willensnation leben zwar ethnisch verschiedene einheimische Volksgruppen, die sich aber dem gemeinsamen Staatswesen, dem Vielvölkerstaat, zugehörig fühlen. Solche Länder werden in diesem Sinne auch als Staatsnationen bezeichnet.

Der Willensnation liegt ein allgemeiner Wille zugrunde, der nach Jean-Jacques Rousseau ein Interesse aller für das Allgemeinwohl des Volkes darstellt, das seinen Monarchen als Souverän abgesetzt hat und an dessen Stelle getreten ist. Er definierte den allgemeinen Willen, die Volonté générale, als das „wahre Interesse“ der Demokratie und des souveränen Staatsvolkes. Eine Willensnation braucht auch einen Zweck, auf den der Wille gerichtet ist. In der Schweiz ist das der gemeinsame Wille, ein Maximum an politischer Freiheit zu genießen.

Föderalismus als Staatsform Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine Willensnation ist eine dezentralisierte, von unten aufgebaute Demokratie, die nach dem Subsidiaritätsprinzip funktioniert und damit vor allem den verschiedenen Minderheiten die größtmögliche Selbstbestimmung gewährt. Es setzt die Bereitschaft der Bürger im Sinne des Milizprinzips voraus, ein hohes Mass an Verantwortung (Mitbestimmung an Gemeindeversammlungen und Volksabstimmungen, nebenberufliche Behördentätigkeit, Milizarmee usw.) für das Gemeinwohl zu übernehmen.

Für den frühen Theoretiker des Föderalismus Pierre-Joseph Proudhon vereinigt das föderative System als „einziges die Bedingungen für Gerechtigkeit, Ordnung, Freiheit und Dauer“.Über das Föderative Prinzip und die Notwendigkeit, die Partei der Revolution wieder aufzubauen. Erstausgabe 1863, Teil 1: Verlag Peter Lang, Bern 1989, ISBN 978-3-631-40852-0. Jede politische Ordnung gründete für ihn auf dem Dualismus von Autorität und Freiheit: „Autorität ohne eine Freiheit, die diskutiert, Widerstand leistet oder sich unterwirft, ist ein leeres Wort; Freiheit ohne Autorität, die ein Gegengewicht zu ihr bildet, Unsinn“.

Um Autorität und Freiheit in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen, beinhaltet das föderative System die Idee des politischen Vertrages. Die von Jean-Jacques Burlamaqui, einem Vertreter der Westschweizer Naturrechtsschule, ausgearbeitete Theorie des Gesellschaftsvertrages (Principes du droit politique, 1751) wurde von Jean-Jacques Rousseau 1762 in seinem Contract Social weiterentwickelt.

Der Gesellschaftsvertrag ist für Proudhon immer ein Föderationsvertrag, der tatsächlich wirksam ist, vorgeschlagen wird und über den diskutiert und abgestimmt wird. Seine ganze Würde und Sittlichkeit gewinne er nur, wenn er wechselseitig (Tauschvertrag) ist und sein Gegenstand begrenzt ist: Der Bürger muss vom Staat genauso viel bekommen, wie er ihm abtritt, und er muss seine ganze Freiheit, Souveränität und Initiative behalten.

Die Herrschaft der Freiheit wird in der Demokratie durch die Teilung der Macht hergestellt. Die Idee der Gewaltenteilung ist nach Proudhon eine der größten Errungenschaften in der politischen Wissenschaft. Für Proudhon war das föderative System eine Friedensgarantie, sowohl im Innern als auch für die Nachbarn. Es würde nicht nur dem Aufbrausen der Massen, sondern auch jeder Art von Ehrgeiz und Demagogie Einhalt gebieten.

Politische Kultur Eine Willensnation braucht eine bestimmte politische Kultur, die ständig gefördert werden muss und Jahre für ihre Entwicklung benötigt. Dazu gehört der Wille zur lokalen Selbstverwaltung mit dem politischen Engagement der Bürger, Selbstverantwortung, Bereitschaft für Konsensverfahren und Kompromisse, eine neutrale, zurückhaltende Außenpolitik mit einer humanitären Maxime, ein gemeinsames Verständnis und ein toleranter Umgang mit den sprachlichen und konfessionellen Minderheiten, indem ihnen mehr als nur der proportionale Anteil gewährt wird. Dazu gehört der gemeinsame Wille, den Erhalt und die Unabhängigkeit der Willensnation und ihren Zweck durch die Förderung des Friedens in der Welt und notfalls auch durch militärische Verteidigung zu erhalten.

Adolf Gasser hat die politischen und ethischen Grundsätze für ein konstruktives Gemeinschaftsleben untersucht. Seiner Ansicht nach habe der europäische Liberalismus im Bereich der politischen Verfassung und der Wirtschaft die Idee der Freiheit umgesetzt, sei aber in der politischen Praxis im administrativen Autoritarismus steckengeblieben und habe es nicht vermocht, sich vom bürokratischen Zentralismus zu lösen. Nur ein föderalistischer Staat mit umfassender Gemeindeautonomie sei ein Garant für ein konstruktives Gemeinschaftsleben.Adolf Gasser: Gemeindefreiheit als Rettung Europas. Grundlinien einer ethischen Geschichtsauffassung. 2., stark erweiterte Auflage. Verlag Bücherfreunde, Basel 1947.

Unterschiede zwischen Willensnation, Staatsnation und Kulturnation Eine Willensnation besteht aus Bevölkerungsgruppen, die sich ethnisch, sprachlich, religiös und aufgrund ihrer Mentalität oder historischen Erfahrung mehr oder weniger stark unterscheiden und innerhalb der Willensnation vielfach einer Minderheit angehören. Diese Staaten sind nicht durch ethnische Gemeinsamkeit usw. ihrer Bürger geprägt, sondern sehen ihre Daseinsberechtigung allein aus dem Willen der Bürger nach einem gemeinsamen Staatswesen.

Das Konzept der Staatsnation wurde in der Rückschau auf die Ereignisse der Französischen Revolution für Frankreich entwickelt.Vgl. Ernest Renan, Qu’est-ce qu’une nation ? Frankreich gilt daher als Musterbeispiel einer Staatsnation (), da auch Frankreich 1789 ethnisch sehr heterogen war. Die Verwendung der Bezeichnung Nation besitzt hier eher psychologischen Charakter, denn damit sollen die unterschiedlichen Ethnien ein Gemeinschafts- und ein Wir-Gefühl für den Staat entwickeln und somit gegenläufige Kräfte bändigen und damit den Fortbestand des Staates garantieren.

Die Willensnation steht im Gegensatz zur Kulturnation, einer ethnischen Gemeinschaft von Menschen, die durch Sprach- und Kulturgemeinschaft gekennzeichnet ist. Dabei ist die Kulturnation im Unterschied zur Staatsnation nicht zwingend in einem Nationalstaat organisiert, geht also meist über (künstlich geschaffene) Staatsgrenzen hinaus. Auch verbindet eine Kulturnation nicht unbedingt ein Gemeinschaftsgefühl oder ein Nationalbewusstsein, sondern ist lediglich über die gemeinsame Kultur seiner Bewohner (Sprache, kulturgeographische Ähnlichkeiten, gemeinsame Kunst- und Geistesgeschichte usw.) auch nach außen hin erkennbar.

Typische Einwandererstaaten wie Kanada oder die Vereinigten Staaten von Amerika benutzen für sich zumeist die Eigenbezeichnung als „Nation“. Die Voraussetzungen für den Begriff einer Kulturnation in der Gründungszeit sind hier fraglich, diese werden daher als „Willensnation bzw. Willensgemeinschaft“ beschrieben.

Nicht erklärte Willensnationen Die Voraussetzungen für eine Willensnation wie ethnische, sprachliche oder religiöse Minderheiten treffen auf die meisten Länder zu. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen bisher (Stand: 11/2012) von 25 Staaten des Europarates ratifiziert wurde. Die Charta setzt sich dafür ein, dass die Zusammengehörigkeit von regionalen Sprachminderheiten nicht durch politische Grenzen behindert wird.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Staaten, die den Begriff einer Willensnation erfüllen, sich nicht als Willensnation erklären. Frankreich, das die Charta noch nicht ratifiziert hat, ist der Meinung, es gebe, trotz Korsen, Bretonen und Elsässern, keine sprachlichen Minderheiten im Land. In Belgien, das die Charta nicht unterzeichnet hat, können sich die Sprachgruppen nicht einigen, weil alle eine Minderheit sein wollen.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen in nichtrussischen Nachfolgestaaten zur sprachlich diskriminierten Minderheit. Für Estland, Lettland und Litauen ist die Abgrenzung und Identitätsfindung durch Sprache eine Folge ihrer von der Sowjetunion während Jahrzehnten unterdrückten Staatlichkeit. Die Ukraine ist faktisch eine Willensnation, mit Bevölkerungsgruppen, die sich in Sprache, Mentalität und historischer Erfahrung zum Teil recht stark voneinander unterscheiden und wo die ethnischen Russen knapp 20 Prozent der Bevölkerung, in der Ostukraine sogar bis zu 50 Prozent ausmachen.NZZ vom 14. April 2010: Die Ukraine – eine fragile Willensnation

Die Republik Singapur ist ein Stadtstaat mit einer multiethnischen und multireligiösen Bevölkerung und vier Amtssprachen. Sie hat ein erfolgreiches Finanzzentrum von globaler Bedeutung. Der Ausländeranteil liegt bei über 15 Prozent. Singapur versucht seine Herausforderungen mit einem Top-down-Ansatz zu lösen. Das politische System von Singapur gilt als illiberale Demokratie.avenir suisse: Wie Singapur die Zukunft umarmt. 9. Mai 2014. Gesehen am 3. Januar 2015.

Willensnation Schweiz In der Schweizerischen Eidgenossenschaft wird der Terminus Willensnation als Schlüsselbegriff benutzt, um die Verbundenheit aller ansässigen Schweizer Bürger mit ihrer sprachlichen, kulturellen und religiösen Vielfalt auszudrücken.

Schweizerischer Sonderfall