mini|300px|Verbreitungsgebiet des Pitesamischen im samischen Sprachraum mini|300px|Historisches Siedlungsgebiet und Sprachraum der Pitesamen mini|300px|Einband des pitesamisch-schwedischen Wörterbuchs von Joshua Wilbur
Pitesamisch, auch Arjeplogssamisch, ist eine samische Sprache, die mit Stand 2014 von ca. 30 Personen gesprochen wurde, deren Familien aus der Gemeinde Arjeplog im schwedischen Lappland stammen. Historisch wurde das Pitesamische auch in den angrenzenden Gebieten in Norwegen gesprochen.
Ethnolinguistische Daten
Familie Pitesamisch bildet einen Zweig innerhalb der samischen Sprachen, die wiederum zur uralischen Sprachfamilie gezählt werden.
Geografie Pitesamisch wird in der Gemeinde Arjeplog im schwedischen Lappland sowie in angrenzenden Gebieten Norwegens gesprochen.
Bezeichnung Pitesamisch wird manchmal auch als „Arjeplogssamisch“ bezeichnet, das Endonym lautet Bidumsáme giella bzw. Bisumsáme giella, was übersetzt etwa „die Sprache der Pitesamen“ bedeutet. Oft bezeichnen die Sprecher des Pitesamischen ihre Sprache auch einfach als „Samisch“.
Sprachstatus Sprecher des Pitesamischen führten traditionell ein Leben als Halbnomaden und Rentierhirten, teilweise aber auch als sesshafte Bauern, Fischer und Jäger. Ihre Kultur und Sprache wurden lange Zeit durch die vorherrschende nordgermanische Kultur unterdrückt, was insbesondere ab dem 18. Jahrhundert systematisiert wurde. Pitesamen konvertierten zunächst zum Christentum, ab dem 19. Jahrhundert setzten zusätzliche Assimilierungsprogramme ein. Die Kinder wurden in spezielle Nomadenschulen geschickt, wo es ihnen untersagt war, Pitesamisch zu sprechen, und sie von ihren Familien und somit von ihrem traditionellen kulturellen Alltag ferngehalten wurden. Heutzutage gibt es kaum noch Pitesamen, die ein traditionelles Leben führen. Die meisten sind sesshaft geworden, leben in Dörfern und Städten und sprechen hauptsächlich Schwedisch. Politisch hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Kehrtwende stattgefunden und der Wille zur Erhaltung der samischen Sprachen und ihrem kulturellen Erbe macht sich bemerkbar. Problematisch ist dabei jedoch, dass die Unterschiede zwischen den Sprachgruppen kaum berücksichtigt werden und alle nur als „Samen“ zusammengefasst betrachtet werden. Das führt dazu, dass kleinere Gruppen wie Pitesamisch nicht nur durch das Schwedische, sondern auch durch größere samische Sprachen wie beispielsweise Nordsamisch bedroht werden, da diese stärkere Förderung durch die Behörden erfahren. Unter den etwa 2000 Samen mit pitesamischer Gruppenidentität wurde die Zahl der aktiven Sprecher mit Stand 2014 auf nur noch 30 geschätzt, die außerdem alle bereits zur älteren Generation über 50 zählen. Damit ist Pitesamisch vom Aussterben bedroht.
Phonologie Das Phoneminventar von Pitesamisch umfasst 44 Konsonanten und 9 Vokale.
Konsonanten bilabiallabiodentalalveolarpost-alveolarpalatalvelaruvularglottalPlosivep (b) ʰp (p) pː (bb) ʰpː (pp)t (d) ʰt (t) tː (dd) ʰtː (tt)k (g) ʰk (k) kː (gg) ʰkː (kk)Nasalem (m) mː (mm)n (n) nː (nn)ɲ (nch) ɲː (nnch)ŋ (nmn) ŋː (nnmn)Trillsr (r) rː (rr)Frikativef (f) fː (ff) v (v) vː (vv)s (s) sː (ss) z (z) zː (zz)ʃ (sch) ʃː (ssch) ʒ (zxh) ʒː (zzxh)h (h) hː (hh)Approximantenl (l) lː (ll)j (j) jː (jj)Affrikatents (c) ʰts (x) tsː (cc) ʰtsː (xx)tʃ (csh) ʰtʃ (xzh) tʃː (ccsh) ʰtʃː (xxzh) Wie aus der obigen Tabelle ersichtlich, existieren alle Plosive und Affrikaten in einer nicht-aspirierten und in einer präaspirierten Variante. Zusätzlich gibt es in allen Kategorien die Zweiteilung in eine Geminate und das entsprechende einfach gesprochene Gegenstück. Präaspirierte Konsonanten und Geminaten kommen nur im Konsonantenzentrum vor.
Beispiele:
Plosiv: bena – /pena/ – „Hund“
Plosiv (Geminate): bägga – /pɛkːa/ – „Wind“
präaspirierter Plosiv: dåhpe – /tɔʰpe/ – „Haus“
präaspirierter Plosiv (Geminate): máhttet – /maːʰtːe-t/ – „können“
Das Phänomen der Präaspiration wird im Pitesamischen unterschiedlich realisiert, je nachdem, welcher Laut davor steht. Stimmlose einfache Plosive unterliegen am Wortende zusätzlich der Postaspiration. Im Pitesamischen sind Konsonantencluster häufig, sie können aus bis zu drei Phonemen bestehen.
Vokale
Im Pitesamischen existieren acht Monophthonge (/i e ԑ a aː u o ɔ/) und ein Diphthong (/ua/). Die beiden Monophthonge /e/ und /o/ werden jedoch als leichte Diphthonge ausgesprochen. Die Position V1 kann von allen Vokalen besetzt werden, V2 von allen Monophthongen außer /ԑ/ und V3 von /i ԑ a u/.
Prosodie
Der überwiegende Teil der Wörter im Pitesamischen ist zweisilbig, nur einige wenige Funktionswörter (Interjektionen, Konjunktionen und Pronomen) sind einsilbig.
Die folgenden Konsonant-Vokal-Muster sind bei einsilbigen Wörtern möglich: phonologisches MusterBeispielIPAÜbersetzungVCajaj'auch'CVdätɛ'dann'CVCjusjus'falls'CVCCgujtkujt'definitiv'CVCCCdájsttaːjst'von diesen' (DEM-PROX-ELAT.PL) Die Grundstruktur eines jeden mehrsilbigen pitesamischen Wortes ist in der folgenden Tabelle dargestellt: --- PROSODISCHER FUSS --- --- KERN ---cccVccCVcccvcccFuß-OnsetV1KonsonantenzentrumV2C2V3C3BEISPIELE‚haben‘ (SG.IMP)ane‚Hund‘pena‚küssen‘ (2.SG.PRS)uvːatasaːkasta-vsaːkastav
Ein Wort in Pitesamischen besteht mindestens aus einem Konsonanten und einem Vokal (CV bzw. VC). Die minimale Struktur (der Kern) mehrsilbiger Wörter ist VCV, meist sind sie jedoch komplexer. Der prosodische Fuß entspricht dem trochäischen Muster, das heißt die erste Silbe ist betont, die zweite unbetont. Die Intonation äußert sich dabei, wie beim trochäischen Rhythmus üblich, durch erhöhte Intensität und Tonlage, nicht jedoch durch eine Änderung der Tonlänge. Ist die Anzahl der Silben ungerade, bleibt die letzte unbetont.
Einige Lehnwörter aus dem Schwedischen bilden eine Ausnahme von diesem Muster und haben, wie im schwedischen Ursprungswort, eine unbetonte erste Silbe. Beispiel: departemännta – /deˈparteˌmɛnːta/ („Abteilung“)
Welche Phoneme in den entsprechenden Positionen in der obigen Tabelle vorkommen können, ist innerhalb des prosodischen Fußes nicht beschränkt, in den Positionen V3 und C3 sind jedoch nur bestimmte Vokale und Konsonantencluster erlaubt. Außerdem unterliegt nur der prosodische Fuß morphophonologischen Veränderungen.
Die Prosodie auf Satzebene macht sich durch eine Abschwächung der Intensität zum Ende eines Deklarativsatzes hin bemerkbar. Die letzten ein bis drei Silben werden stark abgemildert ausgesprochen, was sich durch Verlust der Stimmhaftigkeit bis hin zum Flüstern äußert.
Morphologische Muster Pitesamisch ist eine synthetische Sprache und weist folgende Flexionskategorien auf: Wortklasse/ SubkategorieFlexionskategorienVerben- finite FormenPerson, Tempus, Modus -infinite FormenAspekt, Konnegativ etc.Nominale AusdrückeVollnomenKasus, NumerusInterrogativ-, RelativpronomenKasus, NumerusPersonal-,ReflexivpronomenKasus, Numerus, PersonDemonstrativpronomenKasus, Numerus, DistanzAdjektive -attributive AdjektiveKomparativ, Superlativ -prädikative AdjektiveKomparativ, Superlativ, Numerus
Häufig wird im Pitesamischen derivationelle Morphologie genutzt, um Nomen und Verben zu bilden oder auch – wenn auch seltener – um Adjektive und Adverbien zu bilden. Sowohl die Derivationsmorphologie als auch die Flexionsmorphologie äußern sich linear (mit Hilfe von Suffixen) und nicht-linear (via Stufenwechsel, Umlaut und/oder Vokalharmonie). In vielen Fällen werden lineare und nicht-lineare Morphologie auch kombiniert.
Lineare Morphologie Im Pitesamischen existieren sowohl Flexionssuffixe als auch Derivationssuffixe. Derivationssuffixe werden an eine lexikalische Wurzel angehängt, noch vor dem Flexionssuffix.
[ lexikalische Wurzel + Derivationsmorphem + Flexionsmorphem ] → Wort
Nicht-lineare Morphologie (Morphophonologie) Im Pitesamischen gibt es drei verschiedene Arten, auf die nicht-lineare Morphologie ausgedrückt werden kann:
Stufenwechsel
Stammvokalwechsel in V1 Position (Umlaut)
Regressive Vokalharmonie in V1 und V2 Vokalen
Wortklassen Es gibt im Pitesamischen zwei Hauptwortgruppen, die offene Wortklasse und die geschlossene Wortklasse. Zur offenen Wortklasse zählen unter anderem Nomen, Pronomen, Adjektive sowie Verben. Adpositionen, Konjunktionen sowie Interjektionen werden hingegen der geschlossenen Wortklasse zugeordnet.
Für Pitesamisch lassen sich sieben Wortklassen unterscheiden:
WortklasseFlexionskategorieNomenKasus, NumerusAdjektiveNumerusVerbenTempus, Modus, Person, NumerusAdverbien -Adpositionen -Konjunktionen -Interjektionen -
Nominale Ausdrücke mini|Deklinationsformen des pitesamischen Wortes für „Fisch“ (guolle) Vollnomen Jedes Nomen im Pitesamischen besteht aus einem lexikalischen Stamm, an den ein Klassenmarker sowie ein Portmanteausuffix angehängt werden:
∑ + Klassenmarker + Kasus/Numerus
Die Nomen in Pitesamischen flektieren – außer in den grammatischen Fällen Essiv und Abessiv – in jedem grammatischen Fall nach Singular und Plural. Im Pitesamischen wird nicht zwischen Massenomina und zählbaren Nomen unterschieden.
Kasus Im Pitesamischen gibt es 9 Kasus:
Nominativ, Genitiv, Akkusativ, Illativ, Inessiv, Elativ, Komitativ, Abessiv, und Essiv.
Das Kasussystem gilt sowohl für Nomen als auch für Pronomen, jedoch nicht für Adjektive und Numerale.
Kasus und Numerus werden im Pitesamischen meist durch ein nominales Suffix markiert, welches durch weitere morphologische Markierungsstrategien, wie einen Konsonantenwechsel im Stamm oder einen Umlaut, ergänzt wird. Darüber hinaus werden Nomen außerdem durch nicht-lineare Stamm-Allomorphie kasus- und numerusmarkiert. Da im NOM.SG, NOM.PL und GEN.SG generell keine Suffixe verwendet werden, können Nomen in diesen drei Kasus-/Numeruskategorien nur durch nicht-lineare Morphologie ausgedrückt werden.
Die Tabelle zeigt die Kasus- und Numerusmarkierung der Nomen: Kasus Suffix ErklärungSingularPluralNominativNOM - -(~h)markiert das grammatische Subjekt einer VerbalphraseGenitivGEN -(~h) -jder einzige adnominale Kasus im Pitesamischen, markiert das possessive NomenAkkusativAKK -v -jtmarkiert das Objekt eines transitiven VerbsIllativILL -j -jdamarkiert Nomen, die das Ziel einer Handlung sind, die durch ein Bewegungsverb ausgedrückt werden (wohinein?)
markiert Nomen, die auf den Empfänger eines Ausdrucks referierenInessivINESS -n -jnmarkiert Nomen, die als Ergänzung für Verbalsätze dienen, die den Ort eines Events oder Aktion anzeigen (wo?)ElativELAT -st -jstmarkiert unter anderem Nomen als Ursprung einer Transferaktion (woheraus?)KomitativKOM -jn(a) -jkennzeichnet Nomen, die auf jemanden oder etwas referieren, die an einer Handlung zusammen mit dem Agens teilnehmen
markiert Nomen, die auf ein Instrument referieren, das zum Ausführen einer Handlung genutzt wirdAbessivABESS -dak, -daga, -gat, -gahta, -ahtakommt in der natürlichen Sprache eher selten vor
Referent eines Nomens, das im Abessiv steht, ist nicht vorhanden.EssivESS -nflektiert nicht nach Numerus
markiert prädikative Nomen, die als Ergänzungen für Verben wie sjaddat ‚werden‘. funktionieren
drückt einen Zustand aus
Flexionsklassen Im Pitesamischen gibt es 3 Hauptflexionsklassen sowie diverse Unterklassen. Jedes Nomen wird durch ein sogenanntes Klassensuffix markiert, welches direkt an den Stamm des Nomens angehängt wird, noch vor dem Kasus-/Numerussuffix. Für den Großteil der Nomen im Pitesamischen besteht dieses Suffix lediglich aus einem Vokal (in V2 Position).
Es gibt 2 Hauptkriterien, die verschiedenen Klassen zu postulieren:
Die Allomorphie der NOM.SG-Form des Nominalstammes in Relation zum Rest des Flexionsparadigmas (Stufenwechsel, Umlaut) Die Gleichmäßigkeit der Vokalmuster zwischen dem Wortstamm und dem Kasus-Numerussuffix
KlasseStufenwechselKlassensuffix im NOM.SGIstark zu schwach-a/á/o/å/eIIschwach zu stark -VjIIIschwach zu stark -
Klasse I