miniatur|Elfriede Jelinek, 2004 Rein Gold: Ein Bühnenessay (Eigenschreibweise rein GOLD) ist ein Prosawerk von Elfriede Jelinek. Die Urlesung fand am 1. Juli 2012 im Prinzregententheater in München statt, publiziert wurde es am 8. März 2013 im Rowohlt Verlag und hat Beschreibungen intensiver Leseerlebnisse hervorgerufen.

Rein Gold ist ein Streitgespräch zwischen "B: Brünnhilde" und "W: Wotan, der Wanderer", in dem es aus der Sicht von Brünnhilde um herrschende Verhältnisse geht, um die Abdankung ihres Vaters Wotan und um Stellenwert und Wirkungsmacht von Gold und Geld im Kapitalismus.

Der Text, auf den Fährten von Richard Wagners Werk Der Ring des Nibelungen, stellt Verbindungen zwischen ökonomischer und politischer Korruption her und zeigt auf, wie Macht, Kapital, Diebstahl, Heldentum und Schuld zusammenhängen. Konkret werden zwei deutsche Skandale des Winters 2011/12 aufgegriffen: die Immobilien-Kreditaufnahme des damaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und die Überfälle und Morde des NSU.Evelyne Polt-Heinzl, Abschnitt Ökonomie im Kapitel Zentrale Themen und Diskurse, in: Pia Janke (Hrsg.), Jelinek-Handbuch, Metzler, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-476-02367-4, S. 262–266. Jelinek rückt in diesem Werk deutsche Heldensymbolik und ökonomische EnthaltsamkeitMoira Mertens, Abschnitt Fortsetzung der Kapitalismuskritik im Kapitel Die Kontrakte des Kaufmanns; Rein Gold von Franziska Schößler, in: Pia Janke (Hrsg.), Jelinek-Handbuch, Metzler, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-476-02367-4, S. 198–203. in ein kritisches Rampenlicht, auf polemische, kunstvolle Weise und mit hoher intertextueller Dichte, die durch den Regisseur am Tag der Urlesung nochmals aktualisiert worden ist.

Die Uraufführung als Musiktheaterstück fand am 9. März 2014 an der Staatsoper Berlin statt, am 11. September 2014 war die Premiere der Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden.

Inhalt Eingangs wirft Brünnhilde ihrem Vater Wotan vor, sich für den Bau seiner Burg finanziell übernommen zu haben – „Eine Situation wie in jeder zweiten Familie“Rein Gold: Ein Bühnenessay. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-498-03339-2, S. 7, S. 122. – woraufhin sich ein Wortwechsel zwischen B und W ergibt. Sie haben je 4 Redebeiträge von 1,5 bis 56 Seiten Länge. B beginnt, W hat das Schlusswort. Darin laviert er zwischen der Ankündigung seines Abgangs und seiner Lust, weiterhin in Experimentierlaune verschiedenen Reizen zu folgen: „Mal sehn, was draus wird.“

Im Laufe der Auseinandersetzung entzieht sich Wotan in kalauernder Übertreibung seiner Verantwortung und es wird eine Vision formuliert, in der Geld allmählich gottesgleiche Funktion übernimmt. Das Werk sei ein „Albtraum der Endzeitvision des kapitalistischen Zeitalters“, so die Wissenschaftlerin Susanne Vill in ihrer Analyse.Susanne Vill (2013): Von Rheingold zu Rein Gold. Intertexte aus Richard Wagners Der Ring des Nibelungen in Elfriede Jelineks Bühnenessay. In: JELINEK[JAHR]BUCH 2013, S. 73–89.

Bezüge zu anderen Werken

Titel Mit dem Titel des Werks, Rein Gold, spielt Jelinek auf Richard Wagners Oper Das Rheingold (1869) an, die erste von vier Opern in dessen Zyklus Der Ring des Nibelungen. In Wagners Personenkonstellation tritt Brünnhilde allerdings noch nicht an diesem Vorabend auf. Der Dialog zwischen B und W bezieht sich auf Die Walküre (1870), die zweite Oper der Ringtetralogie, und dort auf den dritten Dialog zwischen Brünnhilde und Wotan, in der letzten Szene des letzten Aktes, ein Moment von Intensität und Endlosigkeit. Bei Wagner wird hier Brünnhilde durch Wotan bestraft. Der Titel von Jelineks Werk hat als Intertext die Funktion, in zwei Worten die Geschichte aus Wagners Rheingold abzuhandeln, bevor der Dialog von B und W bei Jelinek beginnt, der dann den eigentlichen Text von Rein Gold ausmacht.

Weitergehende intertextuelle Bezüge Der Text von Jelinek stellt einen Bezug zur Nibelungensage her, indem verschiedene Horizonte miteinander verschmolzen werden: die Horizonte der Mythengestalten mit denen der Wagnerschen Protagonisten, und der religionsgeschichtliche Wirkungsbereich der ersten mit der Rezeptionsgeschichte der zweiten.

In Wagners Werk urteilt Wotan willkürlich und pseudo-justiziell seine Tochter Brünnhilde ab, Jelinek hingegen überschreibt dieses Vater-Tochter-Verhältnis so, dass B in Protesthaltung W dazu zwingt, sich selbst zu rechtfertigen. B bezeichnet Ws Burg Walhall abschätzig als Einfamilienhaus, womit B umgekehrt W bestraft. Jelinek interpretiert mit Zitaten aus Marx’ Kapital den Ring als Analyse der Euro- und Staatsschuldenkrise infolge der Börsen- und Bankenkrise und knüpfe damit an eine Interpretation an, die Wagners Ring als antikapitalistische Allegorie lese und sich dabei auf Wagners Teilnahme an der Revolution von 1848/49 berufe. In Frage käme George Bernard Shaw mit seinem Werk The Perfect Wagnerite. A commentary on The Ring of the Nibelungs (1898) sowie die Deutung des Ring, die Patrice Chéreau mit seiner Inszenierung bei den Salzburger Festspielen im Jahre 1976 vorgelegt hatte. Die politische Ökonomie von Marx werde auf den Ring angewendet. Nicolas Stemann sieht eine Parallele zwischen dem Eigenheimkredit, der nicht zurückgezahlt wurde, in Jelineks Text, und dem Lohn, der den Riesen für ihre Arbeit nicht gezahlt worden ist, in Wagners Werk, was der Ausgangspunkt der Geschichte sei, die im Ring erzählt werde. Thema sei „die Gier nach Gold und Macht und deren Fallstricke.“Nicolas Stemann (2013): Statt einer Konzeptionsprobe. An die Beteiligten der Urlesung von Rein Gold am 1. Juli 2012 im Prinzregententheater. In: JELINEK[JAHR]BUCH 2013, S. 107–112. Zur Tilgung der Bauschulden werde das Rheingold gestohlen und Lohnarbeit bleibe unbezahlt. Arbeit, Kapital und Wertschöpfung würden im Text von Jelinek fokussiert und die Kapitalismuskritik von Marx, die aus der Zeit Wagners stammt, werde mit den aktuellen ökonomischen Bedingungen von 2011/12 konfrontiert, wo die konstitutiven Zusammenhänge zwischen diesen drei Komponenten mehr und mehr aufgelöst würden.

Weitere Assoziationen beziehen sich auf die Kriminalkomödie Der rosarote Panther von 1963, in der es ebenfalls um ein Raubgut geht, in diesem Fall um einen Diamanten. Als Gegenstück zu Brünnhildes Aufbegehren gegen Wotan werde diese Komödie ambivalent kombiniert mit der bürgerrechtlich motivierten Black Panther Party for Self-Defense, dann aber zugespitzt auf den NSU und auf Todesverachtung der Soldaten des „Göttervater[s] im Führerbunker“.

Mittels Burleske, Derbheit und pausenloser, Rap-ähnlicher Tiraden wird darüber hinaus die monumentale Gestik der Wagnerschen Musik konterkariert.

Stil Rein Gold besteht aus Sprachflächen im Stil eines Bewusstseinsstromes, der freie Assoziation zulässt. Der Sog von Wagners Musik wird in die Struktur des Texts überführt. Jelinek lässt das Pathetische ins Banale stürzen, tut einen schlammig Bodenverhafteten Abgrund auf und nutzt diese Fallhöhe, um die Musik der Opern im Text mitschwingen zu lassen. Die Themen von Wagners Tetralogie werden von Jelinek „immer wieder übereinandergelegt und in immer neuen Sprachspielen miteinander verwurstet“, so der Regisseur der Urlesung, Nicholas Stemann. In diesen Sprachfluss mische sich im Laufe des Werkes zunehmend die Gegenwart, mit tagesaktuellen Nachrichten zu den rassistischen Morden des NSU und zur Finanz/Euro-Krise. Die monströsen Formen des hemmungslosen Abschweifens und Kalauerns zusammen mit den Hasstiraden entsprechen dem wagnergemäßen Nicht-mehr-aufhören-Können.

Als solle es ein Äquivalent zu Wagners kompositorischer Technik sein, der Kunst des Übergangs, imitiere Jelinek musikalische Verfahren mittels verästelter Intertexte, die rätselhaft verfremdet würden. In Sprachspielen mit Kinderabzählversen, mit Assonanzen und Alliterationen, die Wagners Stabreime parodieren, würden Zusammenhänge ausgeblendet und der Sinn einer Mitteilung unkenntlich gemacht.

Diskursbeispiel (Eine Textfläche entwickelt sich)

Die folgenden Textstellen eignen sich als Beispiel dafür, wie in Rein Gold Themen bearbeitet werden, scheinbar assoziativ und doch stringent. Dabei weisen nur Anreden oder besitzanzeigende Fürwörter darauf hin, wessen Redebeitrag es ist. Zuerst spricht eine Frau so, wie es der historischen Figur Jesus zugeschrieben wird, und zwar im Femininum („Ich bin die, die ihr sucht“). Dann wird im Zusammenhang des Nicht-gesucht-Werdens die Aussage im Maskulinum verwendet, danach wieder im Femininum in Zusammenhang mit einer weiblichen Abwandlung von Jesus, und nochmals im Femininum die „Worte Jesu“. Dann geht es um das Einsperren und Einstellen einer Ungesuchten, erneut wird ein weiblicher Jesus benannt, mit scheinbarer Unbeholfenheit als Braut getarnt. Bald wird das Heldenmädchen schon Vorbild für den Helden, dann wird der Satz von Jesus in wörtlicher Rede im Femininum wiedergegeben und Wotan sagt voraus, dass sein Kind Jesus sein kann. Abschließend wird statt des Polizeinotrufs die Nation Deutschland der Adressat für die Aussage des Heldenmädchens.

W: „Ich bin die, die ihr sucht, sagt die Nazibraut, der man am Telefon vorhin, als sie den Polizeinotruf erwählte, nicht geglaubt und nicht getraut hat. Wer uns getraut, der gehört gehaut. Sie sagt dasselbe wie Jesus zu seinen Fängern. Genau: Es sind Jesu Worte!“ (Seite 58). W: „Und am Ende hat er das meiste: sich selbst gegeben, das größte Opfer. Ein ganz spezieller Idiot, kein Zweifel. Man muss andere opfern, nie sich selbst! Ich bin der, den ihr sucht, das sagten schon viele, auch die, die gar nicht gesucht wurden“ (Seite 89). B: „Diese Frau, die Heldenfrau, mit der wurde niedlich umgegangen, Badvorleger und Gardinen, die brauchen wir Helden schon, die Frau? Ja, diese weibliche Jesus-Taschenbuchausgabe mit diesem ‹Ich bin die, die ihr sucht!› Eher Gutrune als Brünnhilde. Sanfter. Sanfter als ich auf jeden Fall“ (Seite 138). B: „sie sagt: Ich bin die, die ihr sucht. Sie spricht die Worte Jesu, ich sagte es schon, aber ich finde das dermaßen cool“ (Seite 167). B: „sie sagt nichts, sie bestreitet nichts und wird eingesperrt, weil sie diejenige ist, die nicht gesucht wird“ (Seite 167). B: „hätten sie nie gefunden, wenn sie nicht von selbst gekommen wäre, ein weiblicher Jesus, na ja, eine Abart von ihm, Jesu Braut, auch nicht schlecht. Sie ist die, die gesucht wird, und sie wird auch gleich eingestellt“ (Seite 168). W: „Wenn die klingeln, machst du schön die Tür auf, Held. und dann sagst du: Was wollt Ihr? So wie das Heldenmädchen sagen wird: Ich bin die, die ihr sucht!“ (Seite 202). W: „Ich gebe dir die Worte ein, Kind, daß auch du Jesus sein kannst, wenn du willst. Wenn der Held durch das Feuer kommt, beziehungsweise wenn er für dich durchs Feuer gegangen sein wird, sagst du zu ihm einfach, was Jesus selbst damals sagte: Ich bin die, die Sie suchen“ (Seite 204). W: „Deutschland. Ich bin die, die ihr sucht, das wirst du sagen, das wird mein Heldenmädchen sagen, mit den Worten des Herrn Jesus, welche er sprach“ (Seite 207).

Im Verlauf des Textes entwickelt sich Jesus zwischen den Seiten 58 und 207 allem Anschein nach zu einer Nazibraut, denn sie spricht in einer ähnlichen Situation so ähnlich wie jener. Ihr Handeln werde ein Vorbild für Helden und sie stelle sich – beziehungsweise duelliert sich – mit dem Staat.

Entstehung und Quellen