Mundigak () ist eine archäologische Ausgrabungsstätte in Afghanistan, die rund 55 km nordwestlich von Kandahar liegt. Es handelt sich um die Reste einer der frühesten Städte im Gebiet zwischen Indien und dem Iran. Die Stadt wird der Helmand-Kultur zugerechnet, die auch im Osten des Iran bezeugt ist. Ausgrabungen von 1951 bis 1958 brachten Reste einer beachtlichen Stadtanlage mit Stadtmauern, einen Palast und einen Tempel zu Tage. Vor diesen Ausgrabungen war nur wenig zur Vorgeschichte von Afghanistan bekannt. Die Entdeckung einer relativ großen, vorgeschichtlichen Stadt in Afghanistan warf ein vollkommen neues Licht auf die Entwicklung der Kulturen im Gebiet zwischen dem Iran und Indien. Ein Großteil des Fundgutes war ohne Parallele, so dass eine Feindatierung der einzelnen Siedlungsphasen problematisch war und bis heute kontrovers diskutiert wird. Die Stadt hatte möglicherweise bis zu 10.000 Einwohner;Philippe Beaujard: Part I – The Ancient Routes of Trade and Cultural Exchanges and the First States (Sixth–Second Millennium bce), in: Philippe Beaujard, The Worlds of the Indian Ocean 2 Hardback Book Set: The Worlds of the Indian Ocean: A Global History: Bd. 1, Cambridge, ISBN 978-1-108-42456-1, S. 100. sie nahm in ihrer Blütezeit eine Fläche von etwa 32 ha ein. mini|hochkant=1.3|Plan der ausgegrabenen Reste der Schicht IV mini|hochkant=1.3|In Mundigak gefundene Siegel, drittes Jahrtausend v. Chr. Der Bereich der Helmand-Kultur ist möglicherweise mit einem antiken Staatsgebilde gleichzusetzen. Mundigak wäre dort, nach Schahr-e Suchte, die zweitwichtigste Stadt.Jane McIntosh: The Ancient Indus Valley: New Perspectives, Santa Barbara, California, ISBN 978-1-57607-908-9, S. 86–87.

Lage Die Reste der Stadt liegen etwa 55 km nordwestlich von Kandahar im Tal des Flusses Kushk-i Nakhud, der heute nur saisonal Wasser führt und vor allem im Sommer ausgetrocknet ist. Weiter im Süden mündet er in den Helmand. Der Ort erlangte seine Bedeutung wahrscheinlich durch die Lage an wichtigen Handelsrouten.Bridget und Raymond Allchin: The Rise of Civilization in India and Pakistan. London, New York, Bew Rockwell, Melbourne, Sydney 1982, ISBN 0-521-24244-4, S. 132–133. Es wurde vermutet, dass von hier aus Lapislazuli, den man im Norden Afghanistans abbaute, nach Iran weiter gehandelt wurde.Philippe Beaujard: Part I – The Ancient Routes of Trade and Cultural Exchanges and the First States (Sixth–Second Millennium bce), in: Philippe Beaujard, The Worlds of the Indian Ocean 2 Hardback Book Set: The Worlds of the Indian Ocean: A Global History: Bd. 1, Cambridge, ISBN 978-1-108-42456-1, S. 112. Das Ruinenfeld wird von diversen Hügeln dominiert. Tépé (Hügel) A ist der höchste von ihnen. Hier konzentrierten sich die Ausgrabungen und hier wurden auch die bedeutendsten Funde gemacht.

Ausgrabungen Bei französischen Ausgrabungen von 1951 bis 1958 in zehn Kampagnen unter der Leitung von Jean Marie Casal im Rahmen der La Délégation archéologique française en Afghanistan konnten verschiedene Besiedlungsschichten unterschieden werden. Die Grabungen fanden an elf Stellen im Ausgrabungsgebiet statt. Auf Tépé (Bereich) A, der höchsten Erhebung im Stadtgebiet, konnten in Schicht IV.1 und Schicht V Reste eines Palastes ausgegraben werden. Hier wurden Stadtbereiche aus fast allen Perioden des Ortes gefunden. Bereich C liegt nordwestlich von Bereich A. Hier wurde nur ein kleiner Bereich ausgegraben, wobei die Reste bis in Schicht III zurückreichen. In den anderen Teilen der Stadt wurden diverse, größere oder kleinere Flächen freigelegt (Bereiche B, D bis I und P und R), wobei vor allem Reste der Schicht IV zu Tage kamen, die damit die am besten dokumentierte Schicht ist. In Bereich P kamen auch Reste von Schicht V zu Tage, die sonst nur noch in Bereich A bezeugt ist. Durch Erosion waren insbesondere die oberen Schichten vollkommen verschwunden. In Bereich A konnte in Schicht V ein großer Palast auf den Resten des älteren Palastes freigelegt werden. Ansonsten ist Schicht V aber in der Stadt nicht gut belegbar.Casal: Fouilles de Mundigak, S. 23–27. Ein Großteil der Funde befindet sich heute im Nationalmuseum Kabul und im Museum Guimet in Paris. Der Ausgräber Jean Marie Casal war im letzteren Museum seit 1957 angestellt. mini|Keramik aus Schicht III (drittes Gefäß von Links) und aus Schicht IV

Schichten I bis III mini|Mundigak, Plan der Schicht I.5 Die unterste Schicht (I) wurde nur im zentralen Hügel ergraben (Bereich A). Sie datiert wahrscheinlich in das fünfte Jahrtausend v. Chr.Petrie und Schaffer, in: Allchin, Ball, Hammond (Hrsg.): The Archaeology of Afghanistan, From earliest Times to the Timurid Period, S. 189–191. Schicht I wurde vom Ausgräber in fünf Unterschichten unterteilt (I.1–5). Aus Schicht I.3 stammen die ersten Belege dauerhafter Bauten. Nur für Schicht I.4 und I.5 sind Häusergrundrisse erhalten geblieben. In diesen Schichten waren die Bauten eher einfach. Es handelt sich um rechteckige Lehmziegelwohnbauten, die aus ein bis drei kleinen Räumen bestanden.Cameron A. Petrie und Jim G. Schaffer: A Helmand civilsation south of the Hindu Kush, in: Raymond Allchin, Warwick Ball, Norman Hammond (Hrsg.): The Archaeology of Afghanistan, From earliest Times to the Timurid Period, Edinburgh: University Press, 2019, ISBN 978-0-7486-9917-9, S. 166–173. Die Keramik aus Schicht I wird durch offene Formen dominiert. Vor allem Fragmente von Schalen sind gefunden worden. Die Keramik ist zum Teil bemalt, wobei einfache geometrische Muster überwiegen. Ganz selten kommen auch gemalte Tiere vor.Casal: Fouilles de Mundigak, S. 29–32, Figs. 6–7. Schicht I.5 und die folgende Schicht II waren durch eine dicke Ascheschicht getrennt, was darauf hindeutet, dass der Ort zumindest in diesem Bereich eine längere Zeit unbewohnt war.Casal: Fouilles de Mundigak, S. 126–28, Figs. 49–50.

Schicht II wurde vom Ausgräber in vier Unterschichten unterteilt: II.1, II.2, II.3a und II.3b. Die Besiedlungsdichte in Bereich A nahm zu. Es konnten verschiedene mehrräumige Bauten ausgegraben werden. In einem Hof fand sich ein tiefer Brunnen. Im Vergleich zu Schicht I nimmt die Qualität der Keramik jedoch ab. Es gibt viel weniger bemalte Typen. Viele Töpfe sind eher grob gearbeitet.Casal: Fouilles de Mundigak, S. 33–36.

Schicht III ist wiederum vor allem aus Bereich A bekannt, dort wurden sechs Unterschichten unterschieden. Aus Bereich C stammen die Reste eines Friedhofes, der auch noch zur Zeit von Schicht IV belegt wurde. Die Toten lagen hier in Hockerstellung. Es gab so gut wie keine Beigaben. Nur in einem Fall fanden sich Perlen als Armband. Die Bebauung in Bereich A ist nun noch dichter. Es handelt sich meist um kleinere Häuser mit zwei oder drei Räumen. Aus dieser Schicht stammen auch Siegel mit geometrischen Mustern.

Schicht IV und V mini|Tonfigur aus Schicht IV In Schicht IV entwickelte sich Mundigak zu einer voll ausgebildeten Stadt mit Palast und Tempel. Es kann auf eine fortgeschrittene soziale Gliederung geschlossen werden. Belege für den Gebrauch von Schrift fehlen jedoch. Der Ausgräber unterschied drei Subschichten: IV.1, IV.2 und IV.3.

Palast Im Zentrum der Stadt steht Hügel A, auf dem sich umfangreiche Reste einer Palastanlage fanden. Es ist unsicher, ob es sich wirklich um einen Palast handelte, wie der Ausgräber vermutete, aber der Bau hatte zweifellos eine öffentliche Funktion. Das Gebäude war weitläufig von einer Mauer umgeben. Um für den Bau eine Plattform zu schaffen, wurden auf dem Hügel stehende ältere Häuser eingeebnet. Die nördliche Fassade des Palasts war mit einer Pilasterreihe dekoriert, die stuckiert und weiß bemalt war. Am oberen Rand wurden diese Pilaster von einer dekorierten Ziegelleiste begrenzt. Sie waren bei den Ausgrabungen zum Teil noch zwei Meter hoch erhalten. Der eigentliche Palast bestand aus diversen Räumen und einem Hof. Die Ost-, Süd- und Westfassade des Baues waren nicht erhalten, mögen aber auch mit Pilastern dekoriert gewesen sein. Es konnten drei Umbauphasen unterschieden werden, die alle in die Schicht IV.1 datieren. Der spätere Palast von Schicht IV.2 und Schicht IV.3 war den Umbauarbeiten in Schicht V vollkommen zum Opfer gefallen.

Tempel Etwa 200 m östlich des Palasts stand ein monumentales Gebäude, bei dem es sich wahrscheinlich um einen Tempel handelte, der auf jungfräulichem Boden errichtet wurde. Er stand auf einem flachen, etwa 2,5 m hohen Hügel und hatte eine monumentale Außenmauer, die an der Außenseite mit mächtigen, im Grundriss dreieckigen Strebepfeilern dekoriert war. Die Fundamente bestanden aus Stein. Im Inneren der Anlage befand sich ein Hof, in dessen Mitte sich der eigentliche Tempel erhob.Casal: Fouilles de Mundigak, S. 126–28, Figs. 63–65.

Etwa 350 m südlich von Hügel A wurden Teile eines weiteren großen Lehmziegelbaus ausgegraben (Grabungsbereich F), der sicherlich auch eine öffentliche Funktion hatte. Es fanden sich ein Hof mit einem großen Wasserbecken sowie diverse darum angeordnete Räume.Casal: Fouilles de Mundigak, S. 79–81, Figs. 42.

Mauer und Wohnstadt Die Wohnquartiere sind nur ausschnittweise ergraben worden. Westlich des Palastes konnten an verschiedenen Stellen die Reste einer Mauer verfolgt werden. Sie bestand aus zwei Außenwänden. Das Innere war durch Trennwände unterteilt; dadurch entstand eine Reihe von Innenräumen, die durch Türen an der Mauerinnenseite begehbar waren. An der Außenfassade befanden sich Stützpfeiler. Eine Ecke der Mauer ist gefunden worden. Hier stand ein Turm mit vier Innenräumen und mit einst vielleicht vier Stützpfeilern an jeder Seite. Nur an der Nordseite sind alle vier erhalten. Schon in Schicht IV.1 war das Gebiet um die Mauer an beiden Seiten dicht mit einfachen Häusern bebaut, die meist aus wenigen Räumen bestanden. Die Funktion dieser Mauer ist unsicher; sie hat möglicherweise den Palast weiträumig umschlossen. Etwa 90 m westlich (Grabungsgebiet E) fanden sich wiederum Reste einer zweiten Mauer, die ähnlich aufgebaut war und sich über eine Länge von etwa 120 m verfolgen ließ. Hier handelte es sich wahrscheinlich um die eigentliche Stadtmauer. Wohnbauten kamen ansonsten vor allem in Grabungsgebiet D vor, wo in Schicht IV.1 noch die Stadtmauer stand; das Gelände in Schicht IV.2 war dagegen mit einfachen Wohnbauten bebaut.

Schicht V Schicht V war aufgrund der Erosion des Grabungsgebietes sehr schlecht erhalten. Auf dem Haupthügel wurde auf den Resten des alten Palastes ein großes Gebäude errichtet (vom Ausgräber als Monument Massif bezeichnet), wobei die alten Strukturen unter dem neuen und sehr massiven Bau begraben und zum Teil bewahrt wurden. Erhalten war bei den Ausgrabungen noch eine monumentale Rampe, die auf eine Plattform führte. Diese bestand aus einer Reihe von Räumen, die nicht betreten werden konnten, also eine reine Stützfunktion hatten. Der eigentliche Bau auf dieser Plattform ist vollkommen verschwunden. In anderen Teilen der Stadt gibt es ebenfalls Belege für eine Bebauung auch in dieser Periode, doch sind die Reste nur sehr schlecht erhalten. Es ist jedoch klar, dass Mundigak in Schicht V weiterhin eine bedeutende Stadt war, deren Reste jedoch zum großen Teil verschwunden sind.Petrie und Schaffer, in: Allchin, Ball, Hammond (Hrsg.): The Archaeology of Afghanistan, From earliest Times to the Timurid Period, S. 187–189. Danach ist der Ort anscheinend verlassen worden. Nach 2500 v. Chr. befand sich hier keine Stadt mehr. Dies ist vor allem insofern bemerkenswert, als sich damit keine chronologische Überlappung mit der Indus-Kultur ergibt.E. Cortesi, Maurizio, Tosi, A. Lazzari, Massimo Vidale: Cultural Relationships beyond the Iranian Plateau: The Helmand Civilization, Baluchistan and the Indus Valley in the 3rd Millennium BCE. In: Paléorient, 2008, Bd. 34, Nr. 2, S. 26.

Schicht VI und VII