Barclay Records () war ein bedeutendes unabhängiges Plattenlabel Frankreichs; es wurde 1954 von Nicole und Eddie Barclay gegründet und zunächst gemeinsam betrieben. 1978 verlor es seine Unabhängigkeit und wurde zum Sublabel von PolyGram.

Vorgänger Das im April 1937 von Charles Delaunay – einem der ersten Diskografen – gegründete Pariser Plattenlabel Disques Swing spezialisierte sich auf Jazzaufnahmen. Für dieses Label machte auch Eddie Barclay Aufnahmen, so etwa sein Piano-Solo Péché-Mignon / Michèle Blues (aufgenommen am 19. Juni 1942). Eddie Barclay, eigentlich Édouard Ruault, legte sich den englischsprachigen Namen zu, damit sein Interesse an Blues und Jazz öffentlichkeitswirksamer zum Ausdruck kam. Er spielte anfangs als Barpianist in Pierre-Louis Guérins Nachtclub Le Club. Barclay entschloss sich im Februar 1947 zur Gründung eines eigenen Plattenlabels, das sich zur direkten Konkurrenz von Disques Swing entwickelte. Es entstand unter dem Namen Blue Star.

Gemeinsam mit Nicole Vandenbusche – die er 1949 heiratete – versuchte er, für seine Plattenfirma Blue Star einen Jazzkatalog aufzubauen. Deren erste Singles wurden live in Guérins Nachtclub als Eddie Barclay et son Orchestre in der Besetzung Hubert Rostaing (Klarinette), Christian Bellest (Trompete), Jack Diéval (Piano) und Jerry Mengo (Schlagzeug) am 1. Februar 1945 aufgenommen; es waren die Titel Goodnight Wherever You Are, A Lovely Day, I’ll Walk Alone, Paper Dolls, Smiles und Blues for Sales.

Blue Star Records mini|Tyree Glenn – Billies Bounce Erste Platte im Katalog von Blue Star (BS) war Eddie Barclay et son Orchestre (Body and Soul / You Belong to me; aufgenommen am 19. März 1945; BS 1). Mit Arthur Briggs (Trompete) und André Ekyan (Saxophon) entstanden am 19. März 1945 noch One O’Clock Jump / Rosetta. Die ersten amerikanischen Jazzbands kamen bereits im Januar 1947 zum neuen Label, darunter Tyree Glenn & His Orchestra (Billies Bounce / Mad Monk BS 24, I Surrender Dear / The Hour of Parting BS 25, I Can’t Get Started / Please Don’t Talk About Me When I’m Gone BS 26; alle am 13. Januar 1947), es folgten Don Byas Ree-Boppers (Laura / Cement Mixer BS 27, Red Cross / Walking Around BS 28, How High’s The Moon / Dynoma A BS 29; 27. Januar 1947).

Bis März 1947 hatte auch Django Reinhardt Plattenaufnahmen für das Pariser Label Swing gemacht. Ab April 1947 entstanden mit Reinhardt insgesamt sechs Sessions für Blue Star. Die erste Session in der Besetzung Django Reinhardt (Gitarre), Bruder Joseph Reinhardt (Gitarre), Michel de Villers (Altsaxophon), Willy Lockwood (Bass), Eddie Bernard (Piano) und Al Craig (Schlagzeug) fand am 16. April 1947 in den Pariser Pathé-Tonstudios statt. Es folgte eine Aufnahmesession am 6. Juli 1947 (8 Titel) im kleinen Technisonor-Studio – aus dem AFN Paris sendete – bestehend aus seinem Nouveau Quintette mit Nin-Nin (Ninine Vées; Gitarre), Hubert Rostaing (Klarinette), Ladislas Czabanyck (Bass) und André Jourdain (Schlagzeug).Michael Dregni: Django: The Life And Music of a Gypsy Legend. Oxford University Press, 2004, ISBN 978-0-19-516752-8, S. 234 f. (englisch; ). Neben dem Blues for Barclay entstanden 6 weitere Aufnahmen. Bereits am 18. Juli 1947 war das Technisonor-Studio erneut gebucht (acht Titel), ein weiterer Termin war für den 4. Oktober 1947 anberaumt (sieben Titel). Seine vorerst letzte Blue Star-Session fand am 10. Dezember 1947 als Gast des Rex-Stewart-Quintet statt, das – ergänzt um Hubert Rostaing (Altsaxophon) und Reinhardt (Gitarre) – den Cole-Porter-Klassiker Night and Day und Confessin aufnahm. Im Jahre 1948 umfasste der Barclay-Label-Katalog bereits 200 Titel.

Erst nach einer längeren Phase des Rückzugs konnte ihn Eddie Barclay 1953 dazu bewegen, neue Studioaufnahmen zu machen. Am 10. März 1953 entstanden unter dem Arbeitstitel „Django Reinhardt et Ses Rhythmes“ acht Titel, die Jazzpromoter Norman Granz auf seinem Label Clef posthum 1954 als LP unter dem Titel The Great Artistry of Django Reinhardt veröffentlichte.Michael Dregni: Django Reinhardt And The Illustrated History of Gypsy Jazz. Fulcrum Publishing, 2006, ISBN 978-1-933108-10-0, S. 127 (englisch; ).Reinhardts Aufnahmen für das Blue Star-Label bis 1953 gibt es auf der CD Pêche à la Mouche: The Great Blue Star Sessions 1947/1953 Bei fast allen Sessions mit Reinhardt übernahm Eddie Barclay die Funktion des Musikproduzenten und verkaufte die Platten von seinem Motorroller aus in Paris.Michael Dregni: Django: The Life And Music of a Gypsy Legend. Oxford University Press, 2004, ISBN 978-0-19-516752-8, S. 235 (englisch; ).

Am 9. Februar 1953 gab Dizzy Gillespie ein Live-Konzert im Pariser Salle Pleyel, das Barclay aufnahm. Am 22. Februar 1953 stand Dizzy im Pariser Studio Pathé Magellan. Eine bedeutende Interpretin im Repertoire von Blue Star war Mary Lou Williams. Sie nahm im Januar 1954 die LP Mary Lou Williams & Her Rhythm (BLS 6841) auf, eine zweite Aufnahmesession folgte am 14. Januar 1954 für die LP I Made You Love Paris (BLS 6842). Mit ihrer Eigenkomposition Nicole ehrte sie Nicole Barclay.Tammy Lynn Kernodle: Soul on Soul: The Life and Music of Mary Lou Williams. UPNE, 2004, ISBN 978-1-55553-606-0, S. 166 (englisch; ).

Barclay Records mini|Eddie Constantine – L’homme et l’enfant Im April 1954 gründeten Nicole und Eddie Barclay das Label Barclay Records (LC 00126), das das Vorgängerlabel Blue Star als Sublabel weiterführte. Aus dem Blue Star-Katalog übernahm Barclay Records insbesondere die Live-Mitschnitte vom Dizzy-Gillespie-Sextet aus dem Théâtre des Champs-Élysées vom 25. März 1952 und 6. April 1952 für die LP The Very Thought of You (B 820 122).

Eigenproduktionen im Jazz Barclay spezialisierte sich anfangs zunächst auf Jazzaufnahmen im LP-Format. Am 17. April 1954 nahm der Gitarrist René Thomas mit seinem Orchester im Pariser Magellan-Tonstudio acht Titel für die LP René Thomas and his Orchestra auf, die als die ersten Aufnahmen für den Barclay-Katalog gelten. Allerdings erschien diese LP im Barclay-Katalog numerisch erst mit der Katalog-Nr. 84030. Die numerisch erste LP des Katalogs stammte von Posaunist Jimmy Archey mit Georges Arvanitas & Michel Attenoux et son Orchestre (LP Jazztime Paris, B 84001, aufgenommen am 27. Januar 1955), es folgten Pianist René Urtreger (LP René Urtréger Joue Bud Powell, B 84003; 24. Februar 1955) oder Lucienne Delyle (EP Lucienne Delyle, B 80004; 23. Mai 1955). Lionel Hampton kam für seine LP Lionel Hampton And His New French Sound nach Paris (B 84004; mit Sacha Distel/elektrische Gitarre, René Urtreger/Piano; 18. März 1955), seine LP Lionel Hampton and his Giants entstand in Los Angeles (mit Art Tatum/Piano, Barney Kessel/Gitarre, Red Callender/Bass, Buddy Rich/Schlagzeug, B 3571; 7. September 1955). Es folgten die Eigenproduktionen von Stéphane Grappelli et son Sextette (B 84006; 12. und 16. April 1955) sowie von Bernard Pfeiffer and his Saint Germain des Près Orchestra (LP Piano et rhythmes B 84008; 12. – 17. Dezember 1954).

Nicole Barclay hatte Trompeter Chet Baker für mehrere Plattenaufnahmen gewinnen können. Es entstand am 11. und 14. Oktober 1955 die von Nicole Barclay produzierte LP Rondette (B 84009), am 21. Oktober 1955 starb sein Pianist Richard Twardzik in Paris an einer Überdosis Heroin. Schon am 24. Oktober 1955 stand Baker erneut im Pariser Studio Pathé-Magellan (LP Summertime, B 84017). Zwischen dem 25. Oktober 1955 und dem 10. Februar 1956 fand die dritte und letzte Aufnahmesession Bakers für Barclay Records statt (LP Alone Together, B 84042). Weitere Jazzaufnahmen entstanden mit Bobby Jaspar (LP Memory of Dick, B 84023; 27./29. Dezember 1955), alle produziert von Eddie und Nicole Barclay. Die Miles Davis All Stars-LP All Stars (B 84038; 24. Dezember 1955) entstand in New Jersey bei Rudy Van Gelder und wurde von Barclay Records in den eigenen Katalog übernommen.

Im November 1956 zogen die Firmen in den noblen Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine. Am 23. Mai 1957 hatte Barclay eine 20 Mann umfassende Jazzband unter dem Namen Eddie Barclay Orchestra zusammengestellt, in der unter anderem Stéphane Grappelli (Violine) oder Kenny Clarke (Schlagzeug) bei 14 Titeln mitwirkten (LP Et Voila!; B 82138); Arrangeur war erstmals Quincy Jones. Dieser studierte seit 1957 Komposition am Amerikanischen Konservatorium in Fontainebleau. Nicole Barclay holte im August 1957 Quincy Jones endgültig als Musikproduzent für Barclay Records nach Paris.Quincy Jones: Q: The Authobiography of Quincy Jones. Crown/Archetype, 2002, ISBN 978-0-385-50474-4, o. S. (englisch; ). Einer der Gründe, warum Jones das Angebot annahm, war seine Konzentration auf die Komposition und das Arrangement für Streichinstrumente. Das setzte er auch um, als er für Eddie Barclays 55-Personen-Orchester arrangierte.Clarence Bernard Henry: Quincy Jones: His Life in Music. University Press of Mississippi, 2013, ISBN 978-1-61703-861-7, S. 19 (englisch; ). Jones arrangierte für Barclay rund 250 Studioaufnahmen. Er blieb bis Oktober 1961 in Paris und wurde dann von Barclays Vertriebspartner Mercury Records zum Vizepräsidenten in die USA berufen.

Barclay Records vertrieb amerikanische Label wie Verve oder Mercury in Frankreich.Philippe Carles, André Clergeat, Jean-Louis Comolli: Le nouveau dictionnaire du jazz. R. Laffont, Paris 2011 (französisch). Der Vertriebsvertrag mit Mercury Records bescherte dem Barclay-Label 1955 den Platters-Hit Only You (And You Alone), der alleine in Frankreich 1 Million Exemplare umsetzte. Im Februar 1959 übernahm Barclay Records die Vertriebsrechte für den gesamten Atlantic-Records-Katalog.Atlantic in New French Tie Up. In: Billboard-Magazin, 2. Februar 1959, S. 2 (englisch; ). Es folgte im November 1967 ein Vertriebsvertrag mit Buddah Records.

Eigenproduktionen Chanson Barclay widmete sich auch dem französischen Chanson, schuf dafür ein weiteres Sublabel Riviera und avancierte mit Künstlern wie Dalida (ab 1956), Henri Salvador (1958), Charles Aznavour (1959), Brigitte Bardot (1961), Jacques Brel (1961), Françoise Hardy (1962) oder Juliette Gréco (1972) zum wichtigsten unabhängigen Label für das Chanson. Erster Erfolg war Eddie Constantines Duett mit seiner Tochter Tania bei L’homme et l’enfant (B 70007), das sich ab November 1955 insgesamt 200.000 Mal verkaufteThe Barcley Story. In: Billboard-Magazin, 30. Mai 1970, S. 68 (englisch; ). und ab Dezember 1955 für 11 Wochen den ersten Rang der französischen Hitparade belegte.

Dalidas Debüt fand am 9. April 1956 im Pariser Olympia mit der französischen Version von Stranger in Paradise (Etrangère au Paradis) statt, hier wurde sie entdeckt von Eddie Barclay, der bei ihren Plattenaufnahmen als Orchesterbegleitung meistens Raymond Lefèvre einsetzte. Ihre Debüt-SingleBarclay brachte von Dalida EPs auf den Markt, bezeichnet als „Super 45“ war Madonna / Guitare flamenco / Flamenco bleu / Mon cœur va (EP Barclay 70034; veröffentlicht am 28. August 1956). Als zweite Single folgte La violetera / Gitane / Le torrent / Fado (70039). Dann kam am 8. Februar 1957 als dritte Single Bambino / Por favor / Aime-moi / Eh! ben (70068) auf den Markt. Diese Aufnahme war mit dem Orchester Lefèvre im neuen labeleigenen Tonstudio (1.800 m²) in der Pariser Rue Hoche 9 entstanden, für das Eddie Barclay den gleichaltrigen deutschen Toningenieur Gerhard Lehner (* 26. Januar 1921 in Gera; † 13. Mai 2005) engagiert hatte. Die Platte verbrachte ab April 1957 insgesamt 31 Wochen als Nummer-eins-Hit in der französischen Hitparade. Am 19. September 1957 bekam Dalida als erste Künstlerin in Frankreich – und auch Barclay Records – die erste Goldene Schallplatte für mehr als 300.000 verkaufter Exemplare von Bambino.Bertrand Dicale: Les chansons qui ont tout changé. Fayard, 2011, ISBN 978-2-213-66536-8, o. S (französisch; ).

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