Die Friedrichstadt ist ein historischer Stadtteil von Berlin. Die ab 1688 angelegte, nach dem preußischen König Friedrich I. benannte und zunächst selbstständige Vorstadt wurde bereits 1710 eingemeindet. Bei der kommunalen Vereinigung von Groß-Berlin und der Einteilung in Verwaltungsbezirke im Jahr 1920 kam der nördliche Teil der Friedrichstadt zum Bezirk Mitte (Ortsteil Mitte) und der südliche Teil zum Bezirk Kreuzberg, heute Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg (Ortsteil Kreuzberg). Von 1945 bis 1990 gehörten die beiden Teile der Friedrichstadt so verschiedenen Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen an und entwickelten sich unterschiedlich.
Topografie mini|Friedrichstadt, 1789
Die Friedrichstadt wurde südlich der Dorotheenstadt und südwestlich der Vorstadt Friedrichswerder und damit auch südwestlich der beiden Städte Berlin und Kölln angelegt.
Die Grenze der historischen Friedrichstadt verläuft vom Spittelmarkt nach Norden entlang der Nieder- und der Oberwallstraße, entlang der Behrenstraße Richtung Westen bis zur Ebertstraße, von hier Richtung Süden über den Potsdamer Platz, die Stresemannstraße bis zum Halleschen Tor und von hier wieder Richtung Norden entlang der Lindenstraße und der Axel-Springer-Straße zurück zum Spittelmarkt. Der Spittelmarkt und der Hausvogteiplatz gehören historisch als ehemalige Bastionen der Festungsanlage zu Neu-Kölln und zu Friedrichswerder.
Die Grenze zwischen nördlichem und südlichem Teil verläuft entlang der südlichen Seite der Achse von Niederkirchnerstraße und Zimmerstraße, wo auch die Berliner Mauer stand.
Geschichte mini|Grundriss der Friedrichstadt und der Dorotheenstadt um 1700 (Norden rechts) mini|Plan von Berlin um 1710 mini|hochkant|Französische Kirche, 1740
Stadtgründung durch Friedrich I. Nach dem Tod des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm im Jahr 1688 ließ sein Sohn Kurfürst Friedrich III., der spätere König Friedrich I., auf der Köllnischen Feldmark eine neue Stadt anlegen, die er nach seinem eigenen Namen Friedrichstadt nannte. Es entstand zunächst auf dem Papier eine moderne Stadt, deren schachbrettartiger Grundriss ein regelmäßiges System von rechtwinklig sich schneidenden Straßen vorsah. Mit der Planung und Bauleitung für die Straßen und Häuser waren bis 1695 die Baumeister Michael Mathias Smids und Johann Arnold Nering danach Johann Heinrich Behr und Martin Grünberg beauftragt.
Die Friedrichstadt erhielt 1691 Stadtrecht. Sie war nach Friedrichswerder, Neu-Kölln und der Dorotheenstadt die vierte Erweiterung des historischen Stadtkerns von Berlin und Kölln. Die Friedrichstadt wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1710 zusammen mit den bis dahin selbstständigen Residenzstädten Berlin, Kölln, Friedrichwerder und Dorotheenstadt zu einer Stadtgemeinde vereinigt. Bis zu ihrer Erweiterung ab 1732 reichte die Friedrichstadt nach Westen bis an die Mauerstraße, die ursprünglich der innere Umgang der Befestigungsmauer der Friedrichstadt war. In Richtung Süden dehnte sich die Friedrichstadt bis zur Zimmerstraße aus.
Ein wesentliches Motiv für die Gründung der Friedrichstadt war der Grundsatz des preußischen Merkantilismus „Menschen sind der größte Reichtum“. Dieser fußte auf einer Steuerpolitik, nach der die Akzise einen Großteil des sich mit der Entstehung des Absolutismus in Preußen stetig erhöhenden Finanzbedarfs für Armee, Hofhaltung und Bürokratie aufbringen sollte. Das Aufkommen dieser indirekten Verkaufs-, Tor-, Gewerbe- und Viehsteuer hing mit der Höhe der Einwohnerzahl zusammen. Der dringend gesuchte Bevölkerungszuwachs wurde auch durch die Ansiedlung von Glaubensflüchtlingen realisiert, von denen in der Friedrichstadt besonders die Hugenotten aus Frankreich einen prägenden Einfluss entwickelt haben. Ihnen und anderen Einwanderern wurden bei der Ansiedlung in der Friedrichstadt umfassende Privilegien gewährt: Gewerbe- und langjährige Steuerfreiheit, kostenloses Baumaterial, Zuschüsse zu den Baukosten und Befreiung von Einquartierungen. Bedingung war die schnelle Fertigstellung der Häuser, deren Pläne die königlichen Architekten anfertigten.
Am 1. Juni 1701 wurde der Grundstein für die Französische Kirche der Hugenotten in der Friedrichstadt gelegt, auch als Symbol für die Glaubensfreiheit in Brandenburg-Preußen, das weitere Einwanderer anlocken sollte. Am 11. August 1701 erfolgte die Grundsteinlegung der Deutschen Kirche, die zur gleichberechtigten Nutzung der reformierten und der lutherischen Gemeinde vorgesehen war. Zu der reformierten Gemeinde gehörten aus der Schweiz geflohene Calvinisten, die in der Friedrichstadt gesiedelt hatten. Beide Kirchen befanden sich auf einer freien Fläche aus der später der Gendarmenmarkt hervorging.
Ausbau durch Friedrich Wilhelm I. mini|hochkant|Plan der Friedrichstadt um 1740 (Süden oben, Norden unten) mini|hochkant|Friedrich Wilhelm I. besichtigt Bauarbeiten in der Friedrichstadt, hinten die Dreifaltigkeitskirche
Am 23. Mai 1721 erließ Friedrich Wilhelm I. das „Patent betreffend der Benificia dererjenigen, so auf der Fridrichs=Stadt neu anbauen wollen“. Friedrich Wilhelm I., der die Friedrichstadt nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1713 zunächst vernachlässigt hatte, drängte nun auf einen weiteren Ausbau der Friedrichstadt. Die noch vielen „wüsten“ (unbebauten) Stellen sollten endlich durch Häuser besetzt werden. 1732 war das Projekt Friedrichstadt in seinen zunächst vorgesehenen Grenzen zum Abschluss gebracht: 1051 Häuser waren bewohnt, bzw. fertiggestellt. Die Häuser waren streng und bescheiden, sparsam im Dekor, meist zweigeschossig und stets traufständig, also mit der Längsseite und nicht mit dem Giebel zur Straße gebaut. So ergab sich ein Gesamtbild mit einem hohen Maß an Regelmäßigkeit, das den absolutistischen Vorstellungen der äußeren Gestaltung einer Stadt entsprach.
Im selben Jahr beschloss der König eine Erweiterung der Friedrichstadt. Die Erweiterung betraf das Gebiet westlich und südlich der Mauerstraße und erstreckte sich nach Westen bis zur gleichzeitig gebauten Akzisemauer. Die architektonische Leitung der Stadterweiterung oblag Oberbaudirektor Philipp Gerlach und Hofbaumeister Johann Friedrich Jacob Grael. Auch die Erweiterung der Friedrichstadt wurde auf dem Papier geplant. Das kleinteilige Rastersystem der bereits bebauten Fläche wurde nun aber durch eine strahlenförmige Anlage der Straßen ersetzt, die sich in einem Punkt, dem Rondell (dem späteren Belle-Alliance-Platz, heute: Mehringplatz) bündelten. Das Rondell war einer von drei geometrischen Plätzen, die im Rahmen der Erweiterung der Friedrichstadt durch Friedrich Wilhelm I. entstanden: rund das Rondell, achteckig das Octogon, später Leipziger Platz, und quadratisch das Quarré, der Pariser Platz (die Plätze erhielten ihre neuen Namen 1815, nach dem Sieg über Napoleon). Laurenz Demps vermutet, dass sie die „Quadratur des Kreises“ versinnbildlichen sollen und den barocken Zeitgeist widerspiegeln, der „stets in geometrischen Formen sich seiner eigenen Ordnung und Herrschaft versichert“.
Die Erweiterung der Friedrichstadt ging über den Bedarf an neuen Hausstellen in Berlin hinaus und es konnten auch zu diesem Zeitpunkt keine neuen Ansiedler gewonnen werden. Daher ging Friedrich Wilhelm I. dazu über, an wichtige Mitglieder seiner Staatsbehörden, Mitglieder des Hofes und hohe Militärs großzügig abgesteckte Bauflächen zuzuweisen und diese zum Bauen zu bewegen. Dies geschah teilweise auch in Form von königlichem Zwang bei Androhung von Strafe. Insbesondere in der nach Friedrich Wilhelm benannten Wilhelmstraße entstanden so in dieser Zeit stattliche Adelspalais für die preußische Elite mit großzügigen Gartenflächen. Zur Errichtung des prächtigsten Palais der Friedrichstadt, des Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstraße, war beispielsweise der Baron François Mathieu Vernezobre de Laurieux vom König gedrängt worden. Nur so konnte Vernezobre seine Tochter von der vom König arrangierten Zwangsheirat mit dem Kapitän von Forcade freikaufen.
Am 1. Januar 1729 wurde zwischen der Deutschen und der Französischen Kirche ein neuer Markt eröffnet. Hier hatten ab etwa 1710 auch die Gensdarmes ihr Quartier, ein aus französischen Flüchtlingen zusammengestelltes Reiterregiment, was für die spätere Namensgebung des Platzes in ‚Gendarmenmarkt‘ verantwortlich war.
Die Friedrichstadt nach dem Tod Friedrich Wilhelm I. mini|Gendarmenmarkt um 1815 mit dem Nationaltheater mini|hochkant|Friedenssäule auf dem Belle-Alliance-Platz
Auf dem Gendarmenmarkt wurde in den Jahren 1774 bis 1776 auf Anweisung von Friedrich II. das Französische Komödienhaus erbaut. An selber Stelle entstand 1800–1801 das Nationaltheater von Carl Gotthard Langhans. Von 1780 bis 1785 wurden die Deutsche und Französische Kirche auf dem Gendarmenmarkt jeweils um einen Kuppelturm, den Deutschen Dom und den Französischen Dom, erweitert. Das Nationaltheater brannte 1817 bis auf die Umfassungsmauern ab. Als Ersatz entwarf Karl Friedrich Schinkel das Königliche Schauspielhaus, das am 10. Februar 1821 eröffnet wurde.
Auf dem Mehringplatz befindet sich das erste Berliner Säulenmonument, die Friedenssäule, die am 3. August 1843, nach 25 Jahren Frieden in Preußen, enthüllt wurde. Der erste Standort der Siemens & Halske Maschinenfabrik und Telegraphenbauanstalt etablierte sich in der Berliner Friedrichstadt an der Markgrafenstraße 88–94/Charlottenstraße 6–7. Die nach dem König Friedrich I. benannte Friedrichstraße entwickelte sich nach 1871 zur ersten Geschäfts- und Vergnügungsstraße sowie zur Hauptverkehrsader der Berliner City. In der Wilhelmstraße nahmen ab 1871 zahlreiche Reichsbehörden ihren Sitz. Die Straße entwickelte sich zum Zentrum deutscher Macht, des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus. Hier befanden sich die Reichskanzlei und die Neue Reichskanzlei. Heute sind hier noch die Gebäude des ehemaligen Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda und das Reichsluftfahrtministerium, die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und vom Bundesministerium der Finanzen genutzt werden. Am Leipziger Platz wurde 1896 mit dem Bau des Kaufhauses Wertheim begonnen, dem damals größten Kaufhaus Europas. Rund um die Behrenstraße entwickelte sich das Berliner Bankenviertel und rund um die Kochstraße das Berliner Zeitungsviertel. Ihre höchste Einwohnerzahl erreichte die Friedrichstadt mit 76.359 im Jahr 1871.Friedrich Leyden: Gross-Berlin. Geographie der Weltstadt. Hirt, Breslau 1933 (darin: Entwicklung der Bevölkerungszahl in den historischen Stadtteilen von Alt-Berlin, S. 206)
mini|Kaufhaus Wertheim, um 1900
Einen kleinen Einblick in die 1870er Jahre vermittelt der Schriftsteller Max Osborn in einem Erinnerungsbericht:
Die Friedrichstadt in Groß-Berlin Bei der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 ging die Friedrichstadt in die neu gebildeten Bezirke Mitte und Kreuzberg auf. Diese beiden Bezirke wurden nicht in Ortsteile untergliedert.
mini|Konfrontation sowjetischer und US-amerikanischer Panzer am 27. Oktober 1961
Der barocken Friedrichstadt wurden während des Zweiten Weltkriegs schwere Schäden zugefügt. Viele der historischen Gebäude waren so stark zerstört, dass sie nur noch abgetragen werden konnten. Im geteilten Berlin lag die nördliche Friedrichstadt in Ost-, die südliche in West-Berlin. Durch den Bau der Berliner Mauer riegelte die DDR 1961 beide Teile hermetisch voneinander ab. Nur an der Friedrich- /Ecke Zimmerstraße lag die für Alliierte und ausländische Besucher passierbare Grenzübergangsstelle Checkpoint Charlie, die im Oktober 1961 Schauplatz einer dramatischen Konfrontation zwischen sowjetischen und US-amerikanischen Panzern wurde.