mini|Erste bekannte Abbildung eines Frauenradrennens, bei Bordeaux 1868 Die Geschichte des Frauenradrennsports begann in den 1870er Jahren, als Frauen an Radrennen, insbesondere an Wettbewerben im Straßen- und Bahnradsport, teilnahmen. Mit der Einführung des sogenannten Kurbelvelozipeds in den 1860er und des Hochrades in den 1870er Jahren wurden Radrennen in Teilen Europas und Nordamerika populär. Von Beginn an nahmen Frauen an Radrennen teil, mussten sich aber, wie damals weit verbreitet, mit Vorbehalten und Anfeindungen auseinandersetzen, wenn auch immer wieder einzelne Frauen Aufsehen durch Distanzfahrten und Rekordleistungen erregten. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert wurden sportliche Wettbewerbe von Frauen von einigen nationalen Verbänden sogar verboten.

Meisterschaften, ob nationale oder internationale, wurden in den folgenden Jahrzehnten nur inoffiziell ausgetragen und meist von privaten Veranstaltern organisiert. Zeitungen ignorierten diese Wettbewerbe in der Regel. Erst seit den 1950er Jahren gibt es offizielle Radrennen für Frauen, zunächst nur auf nationaler Ebene. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sprach sich erst in seiner Hauptversammlung im März 1967 per Beschluss für den Frauenradsport als Bestandteil des BDR aus. Bis 1968 sollten die im BDR vertretenen Landesverbände die Voraussetzung auf Länderebene zur Austragung von Radrennen für Frauen in der Verantwortung des BDR schaffen. 1958 waren Frauen erstmals bei Straßen-Weltmeisterschaften zugelassen. Seit 1984 ist der Straßenradsport für Frauen auch olympische Disziplin; der Bahnradsport folgte 1988, Mountainbike- und BMX-Rennen 2008.

Bisher ist das Thema wenig wissenschaftlich-historisch bearbeitet worden.

Frauen und Fahrrad Die erste deutsche Radlerin war nach Angaben des Berliner Tageblatts 1908 „Frau Choralist Schneider“, die – 1908 bereits 73 Jahre alt – „seit 25 Jahren eine treue Freundin des Rades“ gewesen sei.Die erste deutsche Radlerin. In: Berliner Tageblatt. 21. August 1908, Morgenausgabe, 1. Beiblatt, S. 3 (Volltext [Wikisource]).

Seit Beginn der 1890er Jahre wurde das Hochrad vom sogenannten Niederrad abgelöst, und Fahrräder, bisher ein Luxusgut für die höheren Kreise, wurden zunehmend erschwinglicher. Es bot neue Möglichkeiten der Mobilität: „Das Fahrrad befreite die Frauen aus der Enge des Hauses. Es führte sie aus der Stadt heraus auf das Land, in die frische Luft und die Natur.“ Die niederländische Frauenbewegung De Evolutie propagierte 1895 „das Radfahren als Akt der Befreiung, mit dem die Frauen der Enge und erstickenden Atmosphäre der Stadt entfliehen und ihr Bedürfnis nach körperlichen Entwicklung stillen konnten“. Zudem hatte der Radsport Auswirkungen auf die Mode: Die bis dahin üblichen langen Röcke und Korsetts waren beim Fahrradfahren äußerst hinderlich, und Frauen gingen zunehmend dazu über, ihre Röcke zu kürzen, das Korsett abzulegen oder gar praktische Hosenröcke und Pumphosen (sog. „Bloomers“) zu tragen. Wegen dieser praktischen Kleidung und der gespreizten Beinhaltung beim Radfahren standen Fahrradfahrerinnen unter starker Kritik bis hin zu dem Verdacht, dass das Fahrradfahren sogar eine Onanie begünstige; Ärzte befürchteten zudem, Fahrerinnen könnten sich diverse Krankheiten zuziehen, wie etwa Geschwüre, oder unfruchtbar werden. Andere, etwa Carl Fressel 1897, befürworteten aus gesundheitlichen Gründen das Frauenradfahren.Das Radfahren der Damen vom technisch-praktischen und ärztlich-gesundheitlichen Standpunkte. Heuser, Neuwied am Rhein u. a. 1897 (digital.staatsbibliothek-berlin.de).

Dies hatte weitreichende gesellschaftspolitische Konsequenzen. Viele der Frauen, die den Mut hatten, sich trotz Anfeindungen mit diesem modernen Gerät auf den Straßen fortzubewegen und ihre „züchtige“ Kleidung gegen für das Radfahren geeignete auszutauschen, hatten auch die Courage, womöglich politische Rechte für sich einzufordern. Sie wurden zu Vorreiterinnen der Frauenbewegung. 1896 sprach die US-amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony in einem Zeitungsinterview mit der New York World über das Fahrrad: Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frau getan als irgendetwas anderes auf der Welt. Ich stehe da und freue mich jedes Mal, wenn ich eine Frau auf einem Fahrrad sehe. Es gibt Frauen ein Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen.Zitiert nach: Das neue Selbstbewusstsein manifestierte sich in Deutschland in der Herausgabe eigener Fachzeitschriften für Frauen wie „Die Radlerin“ oder „Draisena“.

Zunächst war das Radfahren ein prestigeträchtiges Hobby von Frauen aus den bürgerlichen Kreisen. Nach der Jahrhundertwende nutzten mehr und mehr Frauen aus unterprivilegierten Kreisen, etwa Dienstmädchen und Arbeiterinnen, das Rad als Verkehrsmittel, da es durch höhere Produktionszahlen immer erschwinglicher wurde. Diese Form der „Standesnivellierung“ führte zu weiteren Diskussionen über die Schicklichkeit des Fahrradfahrens von Bediensteten. Während 1890 ein Fahrrad noch 230 Mark gekostet hatte, lag der niedrigste Preis eines Fahrrades ab 1911 bei rund 26,50 Mark, was in etwa dem durchschnittlichen Wochenlohn eines Arbeiters entsprach. Während vermögende Kreise sich zunehmend dem Automobil zuwandten, das wegen seines kostenintensiven Unterhalt nun als neues Luxusgut der Mobilität soziale Exklusivität herstellte, stieg die Zahl der Fahrradfahrerinnen aus ärmeren Schichten weiter an, besonders in den Städten.

mini|hochkant|Werbeplakat des französischen Herstellers Société Gladiator, 1905 Obwohl das Radfahren von Frauen wegen ihrer damit wachsenden Unabhängigkeit und der Kleidung bis zum Ersten Weltkrieg im Allgemeinen noch gesellschaftlich verpönt war, wurden auf Werbeplakaten der Hersteller vorzugsweise Frauen abgebildet, womit eine leichte Handhabe des Fahrrades dargestellt werden sollte. Allegorische, mythologische, leichtbekleidete oder nackte weibliche Figuren dienten zur Symbolisierung der durch das Fahrrad erlangten neuen Freiheit.

Entwicklung des Radrennsports Die Anfänge An den ersten Draisinenrennen (Ipswich 1819, München 1829) nahmen anscheinend nur Männer teil; in England ist ein für Damen gebautes „Hobby-Horse“ erhalten. Ende der 1860er Jahre gab es in Frankreich erste Rennen auf der Straße und der Bahn, an denen auch Frauen teilnahmen. Die ersten Radsportlerinnen waren vielfach zu diesem Zweck engagierte Schauspielerinnen oder Akrobatinnen, die unter einem Künstlernamen starteten, da das Fahrradfahren als anrüchig galt. Einige wenige waren vermutlich Frauen aus bürgerlichen Kreisen („independent minded daughters of the bourgeoisie“), deren sozialer Hintergrund jedoch möglicherweise von den männlichen Journalisten verschleiert wurde.

Zwischen 1868 und 1870 wurden in Belgien und Frankreich 23 Damenrennen auf Kurbelvelozipeden ausgetragen. Das erste bekannte Rennen fand am 1. November 1868 im Park von Bordelais bei Bordeaux statt, an dem vier Frauen teilnahmen und bei dem Miss Julie gegen Miss Louise gewann. 1869 wurde das erste internationale Straßenrennen über 123 Kilometer von Paris nach Rouen von der Zeitschrift Le Vélocipède Illustré organisiert, an dem unter den rund 100 Startern auch fünf Frauen teilnahmen. 33 Fahrer kamen ans Ziel, darunter eine Frau mit dem Pseudonym Miss America (Frau des Velozipedfabrikanten Rowley B. Turner (Marke „Vélocipèdes Américains“)), 1894 eine weitere unter dem Namen Mme. Sarti, die den 29. Platz belegte. Als sich 1891 mehrere Frauen zum Rennen Paris–Brest–Paris anmelden wollten, wurden sie von den Organisatoren zurückgewiesen. Und schon im ersten Jahr der Tour de France, 1909, wurde der Vorstoß, eine solche Tour auch für Frauen einzuführen, von der damals für die Organisation zuständigen Zeitschrift L’Auto abgelehnt.

Als das erste Radrennen für Frauen in Australien ist ein Rennen in Ashfield (New South Wales) 1888 über zwei Meilen dokumentiert. Siegerin wurde Miss Dot Morell. Auch in Australien wurde das Fahrradfahren von Frauen in den 1890er Jahren kontrovers diskutiert. Es war ausführliches Thema in Radsportzeitschriften, auch die Frage, ob Frauen Radrennen bestreiten sollten oder ob sie das männlich machen würde. Die in Australien vorherrschende Fahrradfabrik Malvern Star umwarb jedoch Frauen als Kundinnen und bildete sie in ihren Katalogen ab.

In den USA gab es 1895 und 1896 ein Sechstagerennen mit weiblicher Beteiligung, ein Jahr später in Großbritannien sogar ein Zwölf-Tage-Rennen, bei denen die Teilnehmerinnen jedoch täglich nur zwei bis vier Stunden fuhren. Es siegte die Fahrerin, die die größte Distanz zurückgelegt hatte. Bei den Sechstagerennen und Straßenrennen in den USA sorgte die schwedischstämmige Rennfahrerin Tillie Anderson für Furore, die von der League of American Wheelmen als „beste Radrennfahrerin der Welt“ bezeichnet wurde. 1902 musste sie allerdings ihre Karriere beenden, da in den USA Radrennen für Frauen verboten wurden.

In Dänemark fuhr die Radsportlerin Susanne Lindberg 1897 eine Strecke von 1000 Kilometer in 54 Stunden und 30 Minuten und war damit zwei Stunden und 50 Minuten schneller als der bisherige männliche Rekordhalter. In England löste indes die Rekordfahrt der 16-jährigen Tessie Reynolds von Brighton nach London (176 Kilometer in 8,5 Stunden) einen Skandal aus, da man die „unnötig männliche“ Kleidung („rational dress“) der jungen Frau kritisierte. In Schweden war die Nutzung des Fahrrades durch Frauen offensichtlich weiter verbreitet als in Deutschland, wie ein Artikel in Sport im Bild aus dem Jahre 1897 berichtet. Es gebe allerdings keine Frauenradsportvereine, weil „das Radfahren der Frauen etwas Alltägliches ist, und jeder Radsportverein aus Damen und Herren besteht“. Der Artikel beschreibt weiter, dass es in den Clubhäusern Umkleiden für beide Geschlechter gab und die Frauen im Verein auch stimmberechtigt waren. „Die deutsche Radfahrerin ist einstweilen noch weit entfernt von der sportlichen Freiheit, deren sich ihre schwedische Kollegin erfreut …“Minna Wettstein-Adelt: Das sportliche Leben der Schwedin. In: Sport im Bild. Jg. 3, Nr. 38, 1897, S. 635–636, hier S. 636.

In diese Zeit fiel die erste Umrundung der Welt durch eine Frau auf dem Fahrrad, Annie Londonderry. Sie startete im Juni 1894 in Boston und erreichte im September 1895 Chicago als Zielort. Grund für diese Fahrt soll eine Wette gewesen sein. Allerdings bestritt Londonderry weite Teile ihrer Reise mit dem Schiff.

Während offizieller Frauenradrennsport in Belgien und Frankreich in den 1890er Jahren schon als etabliert galt und es dort auch Profi-Rennfahrerinnen gab, war in Deutschland die Teilnahme von Frauen an Radrennen eher die Ausnahme. Das erste reine Damenrennen in Deutschland wurde 1890 in Machern bei Leipzig auf Dreirädern veranstaltet; die Siegerin erhielt als Preis eine Brosche sowie eine Schürze aus Seide. 1893 wurde das erste offizielle Rennen für Frauen auf Niederrädern in Berlin auf der Radrennbahn Halensee ausgetragen, an dem auch Frauen aus dem bürgerlichen Milieu teilnahmen. Eine der acht Starterinnen, die Berlinerin Amalie Rother, schrieb: Es siegte Clara Beyer aus Berlin, die drei Jahre später einen Rekord über die Strecke von Berlin nach Halle aufstellte mit acht Stunden und 40 Minuten.Amalie Rother: Das Damenfahren. In: Paul von Salvisberg (Hrsg.): Der Radfahrsport in Bild und Wort. Academischer Verlag, München 1897, S. 111–136, hier S. 120.

1892 wurde Marie Maag aus Zürich erstes weibliches Mitglied des Schweizer Radsportverbandes Schweizerischer Velozipedisten Verband.