mini|Amina Tyler (Videostandbild, 2013) Amina Tyler (), mit bürgerlichem Namen Amina Sbouï (* 7. Dezember 1994)Quentin Girard: Amina. Un nouveau dessein. In: Libération, 5. September 2013, abgerufen am 20. September 2013 ist eine tunesische Feministin und ehemalige Femen-Aktivistin.
Leben Tyler ist die älteste von drei Geschwistern, ihr Vater ist der Arzt Mounir Sbouï, ihre Mutter ist Lehrerin. Für fünf Jahre arbeiteten ihre Eltern in Saudi-Arabien. Während dieser Zeit lebte Tyler die ersten drei Jahre bei ihrer Großmutter und dann für zwei Jahre in einem Internat. Ihr Vater hatte sich nach dem arabischen Frühling in Tunesien zunächst für die Sozialisten engagiert, distanzierte sich jedoch später von ihnen, nachdem sie mit den Islamisten kooperierten.
Mounir Sbouï sagt über seine Tochter: „Amina war schon immer rebellisch. Immer hat sie die Benachteiligten verteidigt, die Frauen, die Freiheit. Sie hat mich viel leiden lassen, aber sie hat mich viel zum Nachdenken gebracht, zu vielen Träumen.“
Erste Selbstporträts von Amina Tyler und die Folgen Am 11. März 2013 veröffentlichte Amina Sbouï ein Selbstporträt mit nacktem Oberkörper auf ihrer Facebookseite, die sie „Femen – Tunisian Fanpage“ genannt hat. Auf ihren Körper hatte sie in Arabisch geschrieben: „Mein Körper gehört mir und ist nicht die Quelle von irgendjemandes Ehre“.Tuniesie: Amina, seins interdits. In: Jeune Afrique, 26. März 2013, abgerufen am 24. August 2013 Ein weiteres Selbstporträt mit nacktem Oberkörper zeigt die Aufschrift „Fuck your Morals“.Femen protestieren weltweit gegen Islamismus. Befreit Amina! In: EMMAonline vom 5. April 2013, abgerufen am 25. August 2013 Sie bezeichnet sich als Gründerin der tunesischen Femen-Sektion, wobei schon vor Tylers Engagement für Femen eine tunesische Femen-Gruppe existierte, über deren Verbleib nichts bekannt ist. , Die Fotos zeigen eine Reihe von Personen, die feministische Aktionen durchführen. Amina Tyler ist nicht dabei. Übersetzung: »Femen Tunis – Die Ideen der ukrainischen Frauenbewegung Femen findet auf der ganzen Welt große Anhängerschaft. Ein Ableger der Bewegung hat sich aktiv im islamischen Tunesien entwickelt. Eine Gruppe tunesischer Mädchen führt aktiv Betriebsamkeit/Tätigkeit in der Hauptstadt des Staates durch. Femen halten Paraden ab, realisieren subversive Kunst, bemalen die Wände ihrer Stadt mit Aufrufen zu Gleichberechtigung und mit Symbolen der Femen-Bewegung. Die Kiewer Femen verfolgen mit Freude die Verbreitung des Virus‘ „Femen“ auf dem Planeten, und heben hervor, dass die Ukraine die Heimat des Neofeminismus‘ des 21. Jahrhunderts wird.« Abgerufen am 24. August 2013Facebookseite von EXit FEMEN, Fotoalbum „Amina was not the first tunisian Femen“ mit Screenshots von einer Facebookseite „FEMEN Tunisia“, veröffentlicht am 24. März 2013, abgerufen am 24. August 2013Dialika Neufeld: Zwei gute Argumente. Junge Frauen aus der Ukraine demonstrieren mit nackten Brüsten gegen Prostitution und korrupte Politiker. Sie finden Nachahmerinnen weltweit. Sogar Alice Schwarzer ist auf ihrer Seite. In: Spiegel, 7. Mai 2012, abgerufen am 25. August 2013
Dieses Foto war ein Skandal und rief starke Kontroversen innerhalb der tunesischen Gesellschaft hervor, die von der 2011 gewählten islamistischen Ennahda-Partei regiert wurde. Die Veröffentlichung des Fotos wirkte ähnlich wie die des nackten Selbstporträts von Aliaa Magda Elmahdy zwei Jahre zuvor in Ägypten. Tyler wurde daraufhin am 16. März in eine Sendung des Privatsenders Ettounsiya in die Talk-Show („Labes“) des bekannten Moderators Naoufel Ouertani eingeladen und verpixelt dargestellt. Sie äußerte dort, dass sie sich nicht aus sexuellen Gründen oben ohne zeigt, sondern um die Befreiung der Frau einzufordern. Dafür habe Tyler Todesdrohungen erhalten.Ed2Murrow: Verdammt, ein Busen! Ihr Name wird in deutschen Medien kaum erwähnt: Amina Tyler, die mit ihren Fotos für Aufruhr sorgte. Eine Rekonstruktion. In: Der Freitag, 12. April 2013
Der salafistische Prediger Adel Almi forderte einige Tage später in der gleichen Talkshow 100 Peitschenhiebe und den Tod von Tyler mittels Hinrichtung durch Steinigung, um solche Verhaltensweisen zu unterdrücken. Er gab damit quasi eine Fatwa ab. Beides entspricht nicht dem tunesischen Recht. Amina Tyler habe laut Adel Almi durch das nackte Posieren Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Das bedeute, sie habe nichts mehr zu verlieren und wäre sich der Heiligkeit der Frau nicht mehr bewusst. Sie solle Drogentests und einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen werden. Sofort danach wurde der Facebook-Account von Tyler gehackt und ihre Fotos entfernt. Ab dem nächsten Tag war Amina Tyler verschwunden. Die tunesische Menschenrechtsaktivistin Bochra Bel Haj Hmida konnte am 24. März kurz mit ihr telefonieren.Hannah Wettig: Streit um die tunesische Femen-Aktivistin Amina Tyler. In: Jungle World Nr. 17, 25. April 2013, abgerufen am 24. August 2013
Für Amina Tyler setzte sich nun die feministische Schriftstellerin und Politologin Caroline Fourest ein. Die tunesische feministische Filmemacherin Nadia al-Fani veröffentlichte ein Solidaritäts-Selbstporträt mit offener Bluse und erhobenem Arm, auf dem »Für Amina« steht. Über die international bekannte iranische Menschenrechtlerin Maryam Namazie lief die Vernetzung der Unterstützung. Und es gibt eine online-Petition, in der die tunesische Regierung aufgefordert wird, „für die Sicherheit und Freiheit von Amina zu sorgen“.Petitioning Tunisian Government: Amina must be safe. Online-Petition auf change.org
Femen Germany nahmen Tylers Verschwinden zum Anlass, am 4. April in Berlin vor einer Ahmadiyya-Moschee oben ohne gegen Islamismus zu protestierten. Sie verwendeten mehrfach Tylers Slogan „Fuck your Morals“.
Tyler wurde in dieser Zeit von Angehörigen in einem Café gefunden und nach Hause gebracht. Ihr Cousin hat ihren Telefonchip kaputt gemacht und sie geschlagen. Sie wurde anschließend im Haus ihrer Großmutter in Kairouan abgeschottet. Dort wurde ihre Jungfräulichkeit überprüft, sie wurde täglich zum Imam gebracht, ihr wurde aus dem Koran vorgelesen. Sie floh von dort und kam bei Freunden unter. Einen Monat später tauchte Tyler wieder auf., abgerufen am 24. August 2013Video auf dem Youtube-Kanal von Anna Hutsol, veröffentlicht am 15. April 2013, abgerufen am 25. August 2013
Im April 2013 kritisierte Tyler die Aktion von Femen. In Frankreich hatten Femen-Aktivistinnen vor der tunesischen Botschaft mit dem Slogan „Amina Akbar, Femen Akbar“ (dt. „Amina ist groß, Femen ist groß“) protestiert und mit verhülltem Gesicht eine schwarze Fahne verbrannt. Sie trug die der Aufschrift „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“. Solche Fahnen werden von Salafisten benutzt. Tyler bewertet die Aktion als inakzeptabel, da sie nicht nur die Fundamentalisten, sondern alle Muslime beleidigt habe. Weiterhin störte sie die Verwendung ihres Namens als Aufschrift auf den Körpern der Aktivistinnen. Tyler befürchtete, dass sie dadurch als Urheberin der Aktion betrachtet wird. Trotzdem konstatierte sie zu diesem Zeitpunkt, dass sie bei den Femen bleiben wolle, „selbst wenn ich 80 werde, weil das wirkliche Feministinnen sind“.
Amina Tylers Graffiti-Aktion und Verhaftung Am 19. Mai 2013 versuchte Tyler, eine Aktion gegen den verbotenen Jahreskongress der militanten Salafistengruppe Ansar al-Scharia in Kairouan durchzuführen. Sie brachte das Graffito „Femen“ auf der Friedhofsmauer der Moschee Oqba-Ibn-Nafaa in der Nähe des Tagungsortes der Salafisten an. Dafür wurde sie von Passanten beschimpft und von der Polizei „zu ihrem Schutz“ inhaftiert. Der Gouverneur von Kairouan, Abdelmajid Laghouan, behauptet hingegen, Tyler habe sich vor der Uqba-Moschee entkleidet. Der tunesische Innenminister schloss sich an und bezeichnete Tylers „unmoralischen Akte“ als „Außenseiterverhalten“, das in einer islamischen Gesellschaft nicht zu akzeptieren sei. Das Kairouaner Strafgericht wandelte am 21. Mai Tylers Festnahme in eine Untersuchungshaft wegen „Störung der Totenruhe“ und „unzüchtigem Verhalten“. Ihr drohten damit 2 Jahre Haft. Am 30. Mai und am 5. Juni 2013 fanden Gerichtsverhandlungen statt, bei denen Tyler zugegen war. Sie wurde in Handschellen und bis auf das Gesicht verhüllt vorgeführt. Sie wurde am 30. Juni zu einer Geldbuße von 300 Dinar (entspricht 140 Euro) wegen Tragens einer Waffe, einer Sprühdose mit Pfefferspray, verurteilt.
Tyler wurde wegen „Verletzung der guten Sitten“ angeklagt. Ein Verteidigerkollegium unter der Leitung von Radhia Nasraoui übernahm Aminas juristische Verteidigung. Nasroui sieht in der Anklage verleumderische Anschuldigungen und Fälschungen. Während Amina Tyler in Haft sei, werden die Personen nicht zur Rechenschaft gezogen, die zum Mord an ihr aufgerufen haben. Auch die 20 Salafisten, die im September 2012 die amerikanische Botschaft in Tunis angegriffen hatten, sind auf Bewährung auf freiem Fuß. Diese Ungleichbehandlung beunruhigte Radhia Nasraoui sowie weite Teile der tunesischen Gesellschaft. Die Verhandlung wurde ohne einen neuen Termin vertagt.Rainer Wandler: Femen auf Arabisch geht zu weit. Amina in Tunesien verhaftet. In: taz, 22. Mai 2013
Tyler ist nicht die einzige tunesische Atheistin, die 2013 verhaftet wurde und der drakonische Strafen drohten. Die Blogger Ghazi Beji und Jabbeur Mejri wurden zu siebeneinhalb Jahren Haft für das Posten von Karikaturen und Kommentaren über Mohammed verurteilt. Zu 2 Jahren Haft wurde der Rapper Alaa Yaacoubi aka Weld al 15 verurteilt. In der Folge gab es weitere Verhaftungen unter den Sympathisanten von Weld al 15, u. a. die französisch-tunesische Journalistin Hind Meddeb, die ein Unterstützungskomitee für ihn gegründet hatte. Der Vorwurf des tunesischen Staates an diese Personenkreise incl. Tyler ist der des „laizistischen Extremismus“.Bernd Beier: Ab in den Knast! Die tunesische Justiz schlägt zu – gegen Jugendliche, die das Freiheitsversprechen der Revolution wörtlich nehmen. In: Jungle World, 27. Juni 2013
Amina Tyler war zweieinhalb Monate lang in einem Gefängnis in Messadine inhaftiert. Sie lebte in einer Zelle zusammen mit anderen 20 Gefangenen. Sie empfing die Besuche eines Psychiaters und befolgte seine Behandlungen. Sie bereue ihre Handlungen, sagt ein Cousin, der sie dort besucht hat. Femen habe „ihre psychischen Störungen ausgenutzt, um sie in eine Aktivistin der Organisation zu transformieren“.
Solidaritätsaktionen mit der verhafteten Amina Tyler Am 29. Mai 2013 demonstrierten drei Femen-Aktivistinnen aus Frankreich und Deutschland mit entblößten und beschrifteten Oberkörpern vor dem Justizpalast in der tunesischen Hauptstadt Tunis gegen die Inhaftierung von Amina Tyler.Vorwurf des Sittlichkeitsvergehens. In: taz, 31. Mai 2013, abgerufen am 11. Juni 2013. Die drei Frauen wurden festgenommen und zwei Wochen später zu vier Monaten Haft wegen „Verstoß gegen die guten Sitten und Erregung öffentlichen Ärgernisses“ verurteilt.Femen-Aktivistinnen zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, sueddeutsche.de vom 12. Juni 2013Femen in Tunis in Gefahr. Hohe Gefängnisstrafe. In: EMMAonline vom 13. Juni 2013 Am 7. Juni protestierte Femen vor dem Berliner Kanzleramt mit dem Slogan: „Merkel, free Femen – befreien Sie Femen!“ gegen das Gerichtsurteil. Am selben Tag traf Angela Merkel den tunesischen Ministerpräsidenten Ali Larajedh zu einem Mittagessen.