Die Kunststation Villa Moser ist ein architektonisches Ensemble, das der Architekt Hans Dieter Schaal für die Umgebung der ehemaligen Villa Moser im Leibfriedschen Garten in Stuttgart entwarf. Die Station macht die Überreste der Villa Moser und ihren verwilderten Park durch Laufstege zugänglich, ohne dass der Besucher mit dem Gelände in Berührung kommt. Nach einem seltener benutzten Namen der Villa wird die Kunststation bisweilen auch als Kunststation Villa Moser-Leibfried bezeichnet.Siehe z. B: #Hoffmann 2013, S. 424.
Die Kunststation Villa Moser ist eine der Kunststationen, die zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 (IGA '93) in der Parklandschaft des Grünen U in Stuttgart errichtet wurden und nach der Ausstellung erhalten blieben.Die zehn erhaltenen Kunststationen sind: Bei der Buche, Bienengarten, Egelsee, Gate of Hope, Grottenloch, Im Keuper, Sanctuarium, Stangenwald, Unter den Stangen, Villa Moser. Außer dieser Station schuf Hans Dieter Schaal auch die Kunststation Stangenwald im Höhenpark Killesberg
Hinweis: Ziffern in Klammern, z. B. (12), verweisen auf die entsprechenden Nummern in Plan 1 oder Plan 2.
Lage mini|hochkant=1|links|Plan 1: Leibfriedscher Garten.Der Plan basiert auf einer OpenStreetMap-Karte, ergänzt um die Kennzahlen 1–22, die gestrichelte Wegstrecke bei Nr. 10 sowie die Symbole für die Villa Moser (16) und das Sanctuarium (22). Die Wegstrecke und die beiden Symbole sind nur ungefähr maßstabs- und positionsgetreu.
Im Stuttgarter Stadtbezirk Stuttgart-Nord liegt am Pragsattel, „Stuttgarts Verkehrsknotenpunkt Nummer eins“, die vier Hektar große, fast dreieckige Parkanlage des Leibfriedschen Gartens.#Arbogast 1993, S. 85, 88, #Schiel 1993, S. 8. Er wird von vier Straßenzügen begrenzt (1–4). Bis auf die Löwentorstraße (4) sind die stark befahrenen Straßen vierspurig ausgebaut und werden von Stadtbahnen durchfahren. Der Verkehrslärm, der die Parkanlage umbrandet, bricht sich an der reichen Bepflanzung der Anlage, so dass der Leibfriedsche Garten dem Besucher als eine Oase der Stille erscheint. Fast im Zentrum des Parks liegen die Überreste der Villa Moser (16) mit der Kunststation Villa Moser.
Villa Moser Die Villa Moser wurde in der Gründerzeit 1875 im Stil der Renaissance von Johann Wendelin Braunwald für den Schokoladenfabrikanten Eduard Otto Moser erbaut. Im Jahr 1944 wurde die Villa bei einem Luftangriff bis auf die Grundmauern zerstört. Erhalten blieben: ein Teil der Sockelgeschossfassade der Gartenfront mit einer künstlichen Grotte und den beiden Freitreppen, zwei Treppen, die von den unteren Gartenterrassen zur Villa hinaufführten, zwei Springbrunnenbecken, im nordöstlichen Garten eine Stützmauer und der Sockel eines sechseckigen Pavillons sowie große Teile der Unterkellerung.
Vorgeschichte mini|hochkant=1.2|Johann Wendelin Braunwald: Villa Moser, Ansicht der Gartenfassade, vor 1870.
Nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs verwilderten Ruine und Park zu einem „Dornröschengarten“.#Knitz 1984.1. Im Jahr 1955Hinweistafel am Eingang zur Laube. erwarb die Stadt Stuttgart das Areal, verpachtete es teilweise als Grabeland und überließ das übrige Gelände und die Villenruine sich selbst.#Arbogast 1993, S. 85. In der Planungsphase für die IGA '93 erinnerte man sich bei der Stadt wieder an die „vergessene Ecke“#Arbogast 1993, S. 85. des Leibfriedschen Gartens mit den Überresten der Villa Moser und dem „verwilderten und verwunschenen Garten“.#Christof Luz 1993.3, S. 15. Im Jahr 1986 wurde in der Ausschreibung des Offenen Ideen- und Realisierungswettbewerbs für die IGA '93 postuliert, dass „erhaltenswerte Reste der ehemaligen Villa sowie der dazugehörigen Gartenanlage in die Gestaltung einbezogen werden“ sollten.#Schiel 1987, S. 27.
Im weiteren Verlauf wurde der Architekt Hans Dieter Schaal beauftragt, einen Entwurf für die Öffnung dieses Teils des Leibfriedschen Gartens für das Publikum vorzulegen. „Im Spannungsfeld zwischen Belassen-wie-es-ist und denkmalgerechter Rekonstruktion“#Christof Luz 1993.1, S. 27. entwickelte Schaal die Idee, „das verwunschene Ensemble von Villa und Garten unberührt zu lassen und nur mit einer leichten, hölzernen Struktur zu überlagern, die den Besucher auf einen imaginären Weg durch die Zeit führt.“#Hoffmann 2013, S. 424. Der ehemalige Gartenbereich wird in seinem damaligen Zustand belassen, „indem nichts umgebaut oder restauriert wird und Hauptwegeverbindungen daran vorbeigeführt werden, ein Zugang aber auch nicht verwehrt wird.“#Christof Luz 1993.1, S. 27.
Nach Hans Dieter Schaal lag seinen Entwürfen das folgende Programm zugrunde: „Wo das Haus war, ist heute ein Urwald, ein dichtes Baum- und Buschgestrüpp, verflochten mit Lianen, bewohnt von Vögeln, allerdings auch benutzt als Steinbruch und als Müllkippe. Die Idee besteht nun darin, den Kern des verwunschenen Naturbereichs zu belassen wie er ist. Seitlich, nicht in der Hauptachse, wird ein Steg durch das Gestrüpp gelegt, über ein Treppenhaus, das mitten in den Bäumen steht, erreicht man die tiefergelegene Gartenzone. Vom Steg aus hat man Einblicke in die Vergangenheit, in die Archäologie des Hauses und der Natur. Zeit wird sichtbar.“Zitiert nach #Md 1994, S. 62.
Kunststation mini|hochkant=1.2|Plan 2: Kunststation Villa Moser.Schemazeichnung, angenähert maßstabs- und positionsgetreu. Reste der Villa Moser in Rot. mini|hochkant=1.2|Hans Dieter Schaal: Lageplan der Kunststation Villa Moser (vergleiche: Plan 2, siehe oben). mini|hochkant=1.2|Hans Dieter Schaal: West-Ost-Querschnitt der Kunststation, links: Treppenturm, Mitte: Belvedere, rechts: Laube.
Zur Eröffnung der Gartenbauausstellung wurden die Villa Moser und Schaals Installationen dem Publikum im Rahmen des Kunststationenkonzepts als Kunststation Villa Moser präsentiert. Die Kunststation besteht aus den folgenden Teilen: Laube (51) Brunnen (20) Laufstege (53–55, 60) Belvedere (56) Treppenturm (57) mit Aussichtspunkt (58). Die Installationen bestehen zu einem kleineren Teil aus Betonbauteilen, großenteils jedoch aus holzverschalten Konstruktionen aus Stahlträgern und Vierkantprofilen. Obwohl sie teilweise Objekte der Gartenbaukunst aus einer vergangenen Zeit zitieren, erscheinen manche der Installationen durch ihre offensichtliche Unzweckmäßigkeit eher als eine Persiflage auf das Geltungsbedürfnis eines reichen Großbürgertums:#Arbogast 1993, S. 88, #Luz, Hans 1993.3, S. 100. Die Laube gaukelt eine Eingangssituation vor, gewährt aber nur einen Blick in den „Urwald“, der die Villa Moser umgibt. Der Brunnen ist eine hölzerne Attrappe und kann weder Wasser spenden noch den Besucher durch Wasserspiele erfreuen. Das Belvedere verweigert die erhoffte Aussicht in die Ferne und gibt stattdessen ausschnitthaft Blicke frei auf die Wildnis in der unmittelbaren Umgebung. Der Aussichtspunkt am Treppenturm entpuppt sich als geometrische Freiluftskulptur. Sie kann nicht begangen werden, da sie wie ein Drahtgittermodell nur aus Kanten besteht, auf denen man allenfalls balancieren könnte. „Ein aufgeständerter Holzsteg führt nicht in die Hauptachse der Villa, sondern seitlich an der Anlage vorbei durch den Baumbestand und gewährt dem Besucher vielfältige Einblicke in die Vergangenheit des Gebäudes und des Gartens“.#Hoffmann 2013, S. 424.
Laube Im Außenbereich der Kunststation, am Fuß der Bastion Leibfried (21), jenseits des Kreisbogens, den der Samaraweg (Plan 1, 9) um den Brunnen (20) schlägt, trifft man auf einen tunnelförmigen Torbogen („Laubentunnel“,#Werner 1993.2, S. 29. „Laubentor“#Skrentny 2011, S. 401.), der den Eingang zur Villa Moser zu markieren scheint, jedoch „lediglich den Blick in den verwilderten Villengarten rahmt“.#Hoffmann 2013, S. 424. Solitärbäume von teilweise beeindruckender Größe und Ausladung umgeben die Laube: zwei Kastanien, zwei Eschen, eine Robinie und eine Birke. Sie kündigen den bemerkenswerten Baumbestand im Inneren des Gartens um die Villa Moser an. Die Laube spiegelt, seitlich und in der Höhe versetzt, „die erhaltengebliebene Grotte am anderen Ende des Gebäudes wider“#Werner 1993.1, S. 37. Dort ist auch eine Entwurfszeichnung von Hans Dieter Schaal mit einem Geländequerschnitt abgebildet, der die räumliche Beziehung zwischen Laube und Grotte darstellt. (siehe Abbildung Nord-Süd-Querschnitt).
Das Grundgerüst des Laubentunnels wird von zwei Hufeisenbögen und fünf Querstreben, alle aus stählernen Vierkantrohren, gebildet. Die Bögen waren durchgängig mit schmalen Holzlamellen besetzt, so dass das in lichtes Weiß gefasste Tor wie eine Jalousie wirkte und bei strahlender Sonne vom Licht durchflutet wurde – im Gegensatz zur dunklen Grotte, die von Dickicht umhüllt ist. Heute sind die Lamellen bis zur Höhe des Geländers herunter entfernt.
Ein Gerüst aus ebenfalls stählernen Vierkantrohren umgibt das Tor und streckt seine Stangen wie Fühler in die Höhe und seitwärts. Die Stangen tragen fünf Vogelhäuser, ein freundliches Angebot für die Vogelscharen, die sich in dem Urwald des Parks tummeln. Ob die Vogelhäuser von der Vogelwelt angenommen wurden, ist nicht bekannt.
Der Weststeg (53) verläuft quer vor der Laube und gibt an seinem linken Ende den Zugang zum Nordsteg (54) frei. Dieser Zugang ist seit einigen Jahren mit einer Sperrplatte zugenagelt.
Brunnen Auch der Brunnen (20) befindet sich im Außenbereich der Kunststation, und zwar zwischen der Laube und der Bastion Leibfried, wo sich früher der Behälter für die Wasserversorgung der Villa Moser befand. Der vom Sanctuarium (22) herunterführende Samaraweg (9) schlägt einen Kreisbogen um den Brunnen.
Der Brunnen als Attrappe ist ein ironischer Verweis auf Springbrunnen als unerlässliche Ingredienzen des großbürgerlichen Gartens, erinnert aber auch an die Brunnen im Garten der Villa Moser, von denen noch ein rundes und ein langovales Becken im östlichen Gartenteil erhalten geblieben sind.
Das runde Becken der Brunnenattrappe ist mit einer kegelförmigen Holzverschalung bedeckt, die in der Mitte von einem kleinen Holztürmchen gekrönt wird, unter dem man den Brunnenstock vermuten könnte. Der Brunnen ist heute von einem Maschendrahtzaun umgeben.
Laufstege Die „Stege durch den »Stadtdschungel« (StZ) über die Grundmauern der Villa“#Skrentny 2011, S. 401. verschaffen dem „Besucher Zugang zur verschwundenen Pracht der Gründerzeitvilla ohne sie eigentlich zu betreten“.#Werner 1993.1, S. 37. Gleichzeitig bietet sich ihm ein Blick auf die wilde Vegetation mit ihrem reichen Baum- und Pflanzenbestand. Die Stege sind mit dicken Holzbohlen belegt, die auf einer stählernen Unterkonstruktion aufliegen. Am Nordsteg wurden (beschädigte?) Bohlen entfernt, so dass er nicht mehr sicher begehbar ist, offenbar ein Grund für die Sperrung des gesamten Nordstegs und damit auch des Belvederes, der Sackgasse und des Treppenturms. Die Seitenwände der Stege bestehen beim Nordsteg aus einer Stahlkonstruktion mit Holzbrettverschalung und Geländerläufen aus Stahlprofilen, während der Oststeg nur durch Stahlgeländer gesichert ist.
Zwei „offizielle“ Zugänge erschließen Garten und Villenruine: der Nordsteg (54), der links neben der Laube beginnt, an Sackgasse (55) und Belvedere (56) vorbeiführt und im Treppenturm (57) endet, und der Oststeg (60), der am Lodzweg (7) auf halber Höhe zwischen der Laube und dem Gate of Hope (12) beginnt und am Treppenturm endet.
Nordsteg Der Eingang zum Nordsteg, der nunmehr durch eine Sperrplatte vernagelt ist, wird durch ein vorgelagertes, spitzes Betondreieck hervorgehoben, während der Zugang zum Oststeg durch einen Portalrahmen aus Beton markiert wird, der allerdings so stark von Pflanzen überwuchert ist, dass ihn nur das kundige oder aufmerksame Auge erspäht. Zwei Stege zweigen in der Mitte des Nordstegs ab: die Sackgasse (55) und ein Steg, der zum Belvedere (56) führt. Nach dem Belvedere überbrückt der Nordsteg die rechte Freitreppe der Villenruine, bevor er im Treppenturm endet.
Sackgasse