mini|Tor zur Chinatown von Montreal: Inschrift: „“ wörtl.: „Straße der Tang-Menschen“
Als Auslandschinesen, gelegentlich auch Überseechinesen, werden Chinesen bezeichnet, die außerhalb der Volksrepublik China und der Republik China auf Taiwan leben. Schätzungen sprechen heute von etwa 40 bis 45 Millionen Auslandschinesen. Im Sprachgebrauch des Chinesischen wird allgemein unterschieden zwischen: Haiwai Huaqiao () als Menschen (meist Han-Chinesen) mit einem Pass der VR China oder der Republik China, die dauerhaft im Ausland leben; und Haiwai Huaren () als Menschen mit chinesischer Herkunft, die die Staatsbürgerschaft des Landes, in dem sie leben, angenommen haben.
Auslandschinesen sind zum größten Teil ethnische Han-Chinesen, deren Vorfahren historisch überwiegend sogenannte Kontraktarbeiter (Kuli) waren, zu einem kleinen Teil auch Angehörige ethnischer Minderheiten Chinas, darunter vor allem Mandschu, Hui-Chinesen, Uiguren und Tibeter. Der chinesische Begriff Überseechinese oder Auslandschinesen () steht für chinesische Staatsangehörige, die als Fremde vorübergehend oder auch dauerhaft (seit Generationen z. B. in Japan, Indonesien, Thailand) in der Diaspora leben.
Für ethnische Chinesen, die ausländische Staatsbürger sind, werden die Begriffe hǎiwài huárén () oder huáyì …rén () verwendet.
Geschichte mini|Die Chinatown in San Francisco (Kalifornien), ein Beispiel für eine auslandschinesische Siedlung
Überseehandel Seit der Zeit der Ming-Dynastie haben sich Chinesen in Vietnam und Thailand angesiedelt und sich in diesen Ländern teilweise mit der übrigen Bevölkerung assimiliert. In nichtbuddhistischen Ländern blieben diese frühen Gemeinschaften zumeist unter sich und organisierten sich häufig eigenständig im Rahmen von Geheimgesellschaften. Das chinesische Kaiserreich begünstigte einerseits mit der militärischen Expansion unter Admiral Zheng He die Ausbreitung chinesischer Kaufleute im pazifischen Raum, andererseits führte die ablehnende Haltung des Konfuzianismus gegenüber jeder Form von Handel, und insbesondere des als Beleidigung der kaiserlichen Würde verstandenen Außenhandels – denn dieser widersprach der Auffassung, dass China autark sein musste – zur Verdrängung der Händler ins Ausland. Dort konnten sich die ungeliebten Händler auch den Staatsmonopolen entziehen, die die Entstehung einer privat kapitalisierten Wirtschaft unterbanden. Nach konfuzianischem Selbstverständnis, so schrieb der Schriftsteller Yu-chien Kuan (1931–2018), konnten nur minderwertige Menschen ihr Heimatland verlassen. Nur im Rahmen des Tributsystems, bei dem sich die ausländischen Händler und Diplomaten symbolisch der chinesischen Oberhoheit unterwarfen, war der Außenhandel aus Sicht der Monarchie ausdrücklich erwünscht. Schon in der Song-Zeit von 960 bis 1279 und später zwischen 1740 und 1840 war der Handel in Südostasien fest in chinesischer Hand.
Ein weiterer Reiseweg führte über Land ins Innere Asiens und bis nach Persien oder Europa; für das 14. Jahrhundert liegen Berichte über chinesische Viertel in den russischen Städten Moskau und Nowgorod vor. Vor dem 14. Jahrhundert reiste eine chinesische Frau entlang einer Handelsroute nach Osteuropa aus, wo sie zum Judentum konvertierte und einen aschkenasischen Mann heiratete.
Massenauswanderung Das Vordringen des europäischen Kolonialismus änderte die Lage. Die chinesischen Händler wurden ins Kolonialsystem integriert. Die Kolonialmächte schätzten sie als Mittelsmänner und verhinderten so eine Unterwanderung ihrer Geschäftsprozesse durch Einheimische. Opium wurde zum Beispiel mit Hilfe der Überseechinesen umgeschlagen. Das Kuli-System wurde von wohlhabenden Überseechinesen mitorganisiert und ermöglichte es den Kolonialmächten, Arbeitskräfte für Infrastrukturprojekte zu rekrutieren. Treiber dieser chinesischen Arbeitsmigration waren das Bevölkerungswachstum in den Herkunftsgebieten, die zahlreichen Hungersnöte und das Eindringen des Kolonialismus nach China infolge des Ersten Opiumkriegs, gleichzeitig war mit dem Verbot der Sklaverei eine neue Nachfrage entstanden. Schätzungen über die Zahl der damals ausgewanderten Chinesen liegen bei 15 Millionen Menschen. Die Vorfahren der heutigen Auslandschinesen wanderten meist zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert aus und stammten überwiegend aus dem Gebiet des Perlflussdeltas und den Küstenprovinzen Guangdong und Fujian, weitere Gruppen von Auswanderern kamen aus Taiwan und Hainan. Ab den 1930er Jahren emigrierten vermehrt auch Frauen.
Die Auswanderung aus China wurde vom chinesischen Kaiserreich bekämpft, da das Reich fürchtete, es könnten sich Widerstandsnester gegen die Herrschaft in der Fremde herausbilden. Diese Einschätzung war überwiegend richtig, da die Nationalbewegung Sun Yat-sens von den chinesischen Gemeinschaften aus Übersee finanzielle Hilfe für die politische Umgestaltung Chinas erhielt. Weil die Monarchie jedoch anerkennen musste, dass die westlichen Kolonialmächte China technologisch weit überlegen waren, wurde ab 1850 die Entsendung junger Männer zum Studium in den USA, England, Frankreich und Deutschland gefördert. Auch Offiziere eigneten sich im Ausland Kenntnisse in moderner Kriegsführung und Technologie an, womit auch westliches Gedankengut, wie der Marxismus, schließlich nach China gelangte.
Chinesische Diaspora in Asien mini|Guandi-Tempel (Dili)
Der Umstand, dass die chinesischen Händler ins Kolonialsystem integriert waren, machte sie in Südostasien besonders zu einer Paria-Gruppe in den sich bildenden Nationalstaaten. Diese Stellung ermöglichte es den Vielvölkerstaaten in Südostasien, eine nationale Identität mittels der Abgrenzung von den Chinesen zu entwickeln. Chinesen waren verbreiteter Feindschaft ausgesetzt, die sich unterschiedlich zeigte und auswirkte: von Diffamierung, Diskriminierung, Unterdrückung, ethnischer Verfolgung bis hin zu Pogromen, Vertreibung oder Ermordung. Die Triaden dienten auch dem Selbstschutz.
Die Entwicklung in China verstärkte die Ausgrenzung. In Thailand waren die Chinesen dem König verdächtig, weil 1911 die republikanische Xinhai-Revolution das Kaiserreich in China stürzte. Nachdem die Republik China durch die Volksrepublik China ersetzt wurde, waren in Indonesien die Chinesen automatisch des Kommunismus verdächtig, was unter anderem zu schweren Übergriffen auf sie führte (Massaker in Indonesien 1965–1966); auch im ab 1975 von Indonesien besetzten Osttimor. Zuvor hatte auch das imperialistische Japan als Besatzungsmacht in Südostasien mehrere blutige Kampagnen gegen die Chinesen geführt. Unter der Bezeichnung Sook Ching (dt. „Säuberung durch Elimination“) töteten japanische Soldaten allein in Malaya, dem Gebiet der späteren Staaten Malaysia und Singapur, rund 50.000 Chinesen. Tan Kah Kee leitete dagegen den nichtkommunistischen Widerstand.
Der Großteil der Auslandschinesen lebt heute vor allem in Südostasien. Außerhalb Chinas stellen Chinesen auch in Singapur mit 74,3 % der Bevölkerung die Mehrheit, das Hochchinesische ist eine der vier Amtssprachen des Stadtstaates. In Malaysia beträgt der Anteil der Chinesen an der Gesamtbevölkerung knapp 25 %, in einigen malaysischen Städten, wie etwa in Kuala Lumpur oder in Ipoh, stellen sie die größte ethnische Gruppe bzw. sogar die Bevölkerungsmehrheit. In Indonesien (3,6 % der Bevölkerung), den Philippinen, Thailand (10–15 % der Bevölkerung), Südkorea, Vietnam und Myanmar gibt es ebenfalls bedeutende chinesische Minderheiten. Im Kleinstaat Brunei stellten im Jahr 2016 Chinesen 10,3 % der Bevölkerung. Eine chinesische Minderheit lebt auch auf Timor, in Kambodscha (2,5 %) und Laos (3,2 %). In Vietnam verließen infolge des Vietnamkriegs jedoch von 1976 bis 1979 rund 1 Million Chinesen das Land, sehr häufig in Richtung Frankreich. Kambodscha erlebte einen solchen Exodus im Jahr 1978.
In einigen dieser Länder kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Diskriminierungen und Enteignungen von Chinesen, insbesondere in Indonesien und den Philippinen zur Zeit der niederländischen bzw. spanischen Kolonialherrschaft. Zahlreiche Bestimmungen im heutigen Malaysia werden von den dortigen Auslandschinesen als Weiterführung dieser Eingriffe in ihre freie wirtschaftliche Entfaltung aufgefasst. Diese Politik, von Abdul Razak 1971 eingeführt und von Mahathir bin Mohamad ausgebaut, gilt aus Sicht der Malaien (sogenannte Bumiputra) als Positive Diskriminierung, mit der dieser Volksgruppe zu Chancen im Wirtschaftsleben verholfen werden soll, zumal das wirtschaftliche Übergewicht der Chinesen gegenüber Malaien und Indern durchaus manifest ist: So waren 16 der 20 reichsten malaysischen Staatsbürger im Jahr 2001 chinesischer Abstammung. Die Bevorteilung der Bumiputra führt jedoch zu sozialen Spannungen, soll diese gleichzeitig aber auch kontrollierbar machen. Rund 100.000 Chinesen zogen in der blutigsten Phase des ethnischen Konflikts von 1947 bis 1957 in den späteren Staat Singapur.
Die Volksgruppe der Hakka wanderte überwiegend in Gebiete der späteren Staaten Malaysia (Penang), Singapur – beide bildeten damals zusammen die Straits Settlements – und Indonesien (Sumatra) aus. Die Auswanderung der Hakka umfasste 18 % der chinesischen Erstauswanderung. 1950 lagen die Hauptsiedlungsgebiete von Auslandschinesen an Malaysias Westküste, in Südvietnam, um Bangkok und auf Java. Die in den Straits Settlements, vor allem Malakka, seit dem 15. Jahrhundert ansässigen malaiischsprachigen chinesischen Familien werden als Straits Chinese, Peranakan oder Baba-Nonya bezeichnet. Auslandschinesen in Asien haben teilweise ihr ursprüngliches Aufenthaltsland gewechselt, so flohen Ende der 1990er Jahre 100.000 bis 200.000 chinesische Indonesier vor antichinesischen Unruhen nach Malaysia und vor allem nach Singapur. Diese Mobilität setzt sie immer wieder dem Vorwurf aus, keine loyalen Staatsbürger zu sein. Ein weiteres Siedlungsgebiet der Auslandschinesen in Asien ist seit dem Ende der Sowjetunion Russlands Ferner Osten; China interessiert sich dort für die Waldbestände.
Chinesische Diaspora in Australien und im Pazifikraum Ab den 1880er Jahren begannen australische Zuckerrohrpflanzer hauptsächlich in der Region um die Stadt Mackay in Queensland Chinesen, Javaner und Melanesier als Kontraktarbeiter auf den Südkontinent zu holen, letztere bis 1906 auch zur Zwangsarbeit, eine Praxis, die „Blackbirding“ genannt wurde. Heute sind 5,6 % der Australier ganz oder teilweise chinesischer Herkunft, dies entspricht rund 1,2 Millionen Menschen. Zudem kommen Tausende Chinesen jährlich zum Studium auf den Südkontinent. Die Zahl wohlhabender Investoren aus der Volksrepublik mit Zweitwohnungen in Sydney ist im Steigen begriffen. Der tatsächliche oder manchmal unterstellte Einfluss von chinatreuen Auslandschinesen und chinesischen Überseeorganisationen, wie dem United Front Department der KP oder der chinesischen Social-Media-Seite WeChat auf die Politik des Landes prägt zunehmend die öffentliche Debatte, zumal Chinesen in einzelnen Wahlbezirken bis 15 % der Wahlbevölkerung stellen. Auf der sehr kleinen, zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel bilden Chinesen die Bevölkerungsmehrheit der nur etwa 1400 Einwohner.
Chinesische Diaspora in Amerika