mini|Leitbunker der Kruppschen Nachtscheinanlage, 2013 Die Kruppsche Nachtscheinanlage war eine Attrappe der Essener Krupp-Gussstahlfabrik, die als Scheinanlage in der Nähe Velberts während des Zweiten Weltkriegs, genauer im Zeitraum 1941–1944, alliierte Luftangriffe auf sich ziehen und so vom tatsächlichen Produktionsstandort der damals sogenannten Waffenschmiede des Deutschen Reiches ablenken sollte. Diese Anlage wurde in der Bevölkerung auch Scheindorf genannt.

Beschreibung der Anlage Geschichte Auf dem Velberter Rottberg, mit Ausdehnung bis in das Asbachtal und den Essener Süden, betrieb die deutsche Luftwaffe von 1941 bis 1944 eine Nachtscheinanlage. Diese war eine vereinfachte Nachbildung der Gussstahlfabrik der Friedrich Krupp AG, eines der größten Rüstungsbetriebe des Deutschen Reiches. Sie hatte eine Ausdehnung von 1,5 km × 2,5 km. auf: wz-newsline.de vom 13. September 2012. In der ersten Kriegsphase sollte damit den nur nachts angreifenden alliierten Flugzeugen suggeriert werden, dass sich hier die schlecht abgedunkelte und in Betrieb befindliche Kruppsche Gussstahlfabrik befindet. So sollte die Nachtscheinanlage Angriffe auf sich ziehen und von der im etwa 10 km entfernten Essen befindlichen tatsächlichen Fabrik abhalten. Die Anlage war damit ein Scheinziel, eine Art riesige nächtliche Zielscheibe für die Flugzeuge.

Tatsächlich zog die Scheinanlage bis Anfang 1943 einen großen Teil der Bombenangriffe auf den dünn besiedelten Rottberg, war dort aber eine erhebliche Gefahr für die umliegenden Höfe.„Gussstahlfabrik“ auf dem Rottberg bombardiert. auf: lokalkompass.de vom 15. September 2012.

Die Scheinanlage bestand aus einer Vielzahl von mit einfachsten Mitteln errichteten Attrappen industrieller Anlagen wie Sheddächern, einem Gasometer, Schornsteinen oder einer auf einer Endlosschleife fahrenden Eisenbahn. Die Anlage wurde 1940/1941 vermutlich von der Organisation Todt in Zusammenwirken mit dem Werkluftschutz der Firma Krupp geplant und errichtet. Die Bauleitung war Zeitzeugenberichten zufolge in einem Nebengebäude der Rottberger Schule untergebracht, welches von der Scheineisenbahn umkreist wurde. Auf dem benachbarten Gut Pollen am Vossnacken wurde gleichzeitig mit der Scheinanlage eine schwere FlaK-Batterie in fest ausgebauten Stellungen stationiert. Die bis 2012 noch gut erhaltenen Reste der Geschützstände, Munitionslager und der Mannschaftsbaracke wurden vom neuen Eigentümer der Flächen eingeebnet.

Heute ist nur noch der Leitbunker erhalten. Die Sprengung des Bauwerks durch die britische Militärverwaltung im Zuge der Demilitarisierung konnte 1945 durch den Landwirt, auf dessen Grund der Leitbunker errichtet worden war, mit Verweis auf eine vermeintliche landwirtschaftliche Nutzung verhindert werden.

Funktionskonzept und Bauweise mini|Leitbunker innen, Tag des offenen Denkmals 2019 Eine detaillierte Beschreibung der Kruppschen Nachtscheinanlage hat sich im Historischen Archiv Krupp erhalten, dieser sind die nachstehenden Ausführungen auszugsweise entnommenHistorisches Archiv Krupp, Berichte WA 42/175 und WA 40B/947: a) Bericht der Krupp Werkluftschutzleitung Geschichte des Luftkrieges vom 23. Mai 1945, HA Krupp, WA 42/175b) Beschreibung Scheinanlage durch die Krupp Werkluftschutzleitung vom 29. Mai 1945, A/CO HA Krupp, WA 40 B/947c) Bericht der Werkluftschutzleitung vom 11. Juni 1945, HA Krupp, WA 40B/947.. Die Beschreibung wurde von der Werkluftschutzleitung der Firma Krupp unmittelbar nach Kriegsende für die Alliierten angefertigt.

Man ging von der Voraussetzung aus, dass die nachts einfliegenden Flugzeuge nur in Grobanpeilung die Ziele anflogen, während die genaue Zielanpeilung rein visuell erfolgte. Wenn das eigentliche Ziel gut verdunkelt war, das Scheinziel jedoch entsprechende Lichterscheinungen zeigte, konnte mit Erfolgen gerechnet werden. Auf dem Rottberg wurden viele Anlagen, die auch in einer echten Fabrik vorhanden waren, nachgebaut, nur dass diese mit einfachsten Mitteln aus Holz, Spanplatte, Segeltuch und anderen Leichtbaumaterialien gebaut waren. Zudem war alles etwas kleiner als das Original, und speziell so ausgelegt, dass unter Nutzung nächtlicher Licht- und Befeuerungseffekte aus großer Höhe echte Fabrikanlagen suggeriert wurden. Errichtet wurden vor allem die Attrappen von Fabrikhallen, dieses über nachgeahmte sogenannte Sheddächer, wie sie als Fabrikhallendächer weit verbreitet waren. Diese Sheddachattrappen waren etwa mannshoch und lagen auf dem Erdboden auf. Mit geschickt angeordneten indirekten Beleuchtungen konnte man sie aus großer Höhe für eine echte Fabrikhalle halten. Darüber hinaus wurden ein 36 m hoher Scheinschornstein aus Holz errichtet mit künstlichen Rauchschwaden. Es gab verschiedene andere Anlagennachbauten mit künstlichen Lichteffekten, die Gießereifeuer und Schweißarbeiten nachbilden sollten, und eine Art Scheingasometer. Mit zum Herzstück der Anlage gehörte eine 2-gleisige Eisenbahn (Feldbahn) mit zwei Zügen, die auf einer Endlosschleife im Kreis fuhren – ebenfalls „dezent“ beleuchtet. Auf den Anhängern wurden durch Abbrand Lichteffekte erzeugt, die glühende Schlacke vortäuschen sollten. Die Lokomotiven waren umgebaute Feldbahnloks mit Dieselantrieb, die während der Angriffe unbemannt fuhren. Die Anlagen waren, abgesehen von ihrer nächtlichen Beleuchtung und „Befeuerung“, tagsüber abgetarnt und eher unauffällig, so dass sie aus der Luft schlecht erkennbar waren.

Die technischen Bestandteile der Scheinanlage, offiziell nannte man sie „Täuschungsgeräte“, waren nach „Regelbauplänen“ gebaut, hierzu gab es eine eigene militärische Dienstvorschrift, die Bau- und Betriebsgrundsätze für Scheinanlagen. Darin sind insgesamt 21 verschiedene Täuschungsgeräte definiert und mit Bauplänen, Materiallisten etc. dokumentiertBau- und Betriebsgrundsätze für Scheinanlagen, herausgegeben vom Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Ausgabe November 1942, darin V. Anhang Zusammenstellung der Täuschungsgeräte.. Es ist zumindest anzunehmen, dass darüber hinaus weitere Arten von Täuschungsgeräten existierten.

mini|Bau- und Betriebsgrundsätze für Scheinanlagen, November 1942 mini|Originalgetreuer Nachbau des Einzel-Elementes einer Sheddach-Attrappe mit zugehöriger Leuchte, so seit August 2019 im Außengelände der Kruppschen Nachtscheinanlage Velbert aufgestellt. Im Gegensatz zur echten Fabrik war die Scheinanlage nur „partiell“ aufgebaut, und nicht flächendeckend wie ein echtes Werk. Die nächtlichen Effekte genügten hier aber, um das echte Werk vorzutäuschen. Die Anlage war militärischer Sicherheitsbereich. Zudem war sie „streng geheim“. Der Betrieb erfolgte durch eine Einheit der Wehrmacht-Luftwaffe, die sich durchweg aus älteren Jahrgängen zusammensetzte, darunter viele Handwerker, die im Fall der Zerstörung von Anlagenteilen diese wieder aufbauen konnten und sollten. Am Velberter Rottberg war die 3. Kompanie LS-Abteilung zur besonderen Verwendung im Luftgau VI im Einsatz (3. / LS.Abt. z. b. V. VI), die ihren Stammsitz in der FlaK-Kaserne Duisburg hatteGrau, Lohbeck, Polkläser: Die Krupp’sche Nachtscheinanlage in Velbert. Scala Verlag, Velbert 2017, 2. Auflage, Seite 63, unter Bezugnahme auf den Nachlass Voßmeyer.. Die Soldaten waren ungeschützt in Baracken im Anlagengelände untergebracht.

Die Lage der Scheinanlage und die Rolle des Baldeneysees Scheinanlagen sollten nach Möglichkeit zu auffälligen Geländemerkmalen („Hilfszielen“) wie zum Beispiel Flüssen in ungefähr gleicher Beziehung stehen wie das SchutzobjektBau- und Betriebsgrundsätze für Scheinanlagen, herausgegeben vom Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Ausgabe November 1942, Abschnitt 9.

Je nach Örtlichkeit wurden Scheinanlagen aber auch spiegelbildlich zu solchen Hilfszielen angeordnetBau- und Betriebsgrundsätze für Scheinanlagen, herausgegeben vom Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Ausgabe November 1942, Abschnitt 30, so auch die Kruppsche Nachtscheinanlage. Hier definierte die Ruhr zumindest grob die Spiegelachse zwischen der echten Gussstahlfabrik und der Scheinanlage, darin mittig der Baldeneysee. Da beobachtet worden war, dass feindliche Flieger dessen Wasserfläche zum Ausgangspunkt ihrer Orientierung machten, um von hier aus Angriffskurs auf die Krupp-Werke zu nehmen, wurde der Baldeneysee 1941 – im Zusammenhang mit dem Bau der Scheinanlage – abgelassen und der Grund in eine Wiesen- und Ackerfläche verwandelt. Mit der Realisierung dieser Maßnahme war die Ruhr nur noch ein Fluss, an dessen Achse die Flieger sich zwar orientieren konnten, ohne jedoch einen konkreten Ortsbezug zu haben. Auf diese Achse wiederum bezogen lagen nun die echten Kruppwerke und die Kruppsche Nachtscheinanlage etwa spiegelbildlich, womit zumindest eine Desorientierung erfolgversprechend schienErich Hampe: Der Zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg – Dokumentation und Erfahrungsberichte über Aufbau und Einsatz. Bernard und Graefe Verlag, 1963, Seite 560Dr. Helmut Grau, Jürgen Lohbeck, Sven Polkläser: Die Krupp’sche Nachtscheinanlage in Velbert. Scala Verlag, Velbert 2017, Seite 20. Im Jahr 1943 lief der Baldeneysee im Zuge der Möhnekatastrophe wieder voll.

Leitbunker mini|Dreidimensionale Darstellung des Leitbunkers der Kruppschen Nachtscheinanlage (Ansicht von unten), nach einem Aufmaß der ehrenamtlichen Mitarbeiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland Inmitten der Anlagenattrappen wurde 1941 ein schwerer Leitbunker gebaut. Von ihm aus wurden die elektrischen Schaltungen vorgenommen und hier fand das Führungspersonal der Luftwaffe Schutz bei den unvermeidlichen Angriffen. Der Leitbunker war „schwer“ und bombensicher ausgebaut, von ihm aus konnten wegen seiner erhöhten Lage nahezu alle Bestandteile der Scheinanlage eingesehen werden, was für Betrieb und Führung der Anlage wichtig war. Der vollständig in Stahlbetonbauweise ausgeführte Bunker misst außen 9,10 m × 6,63 m, besitzt eine Wandstärke von 1,10 m, eine Deckenstärke von 1,40 m und enthält einen ca. 6,90 m × 4,40 m großen Schutzraum. Decken- und Wandstärke stellen unter den Leitbunkern von Scheinanlagen eine Besonderheit dar, weil der Bunker damit „bombensicher“ ausgeführt ist, während nahezu alle anderen Anlagen lediglich „splittersicher“ ausgeführt waren, meist in Ziegelmauerwerk. Dieser Umstand zeugt von der strategischen Wichtigkeit der Kruppschen Nachtscheinanlage. Der Eingang ist durch ein Splitterschutzlabyrinth gesichert. Zusätzlich gibt es auf der gegenüberliegenden Seite einen Notausstieg. In jeder Wand des Bunkers ist eine treppenförmige, mit Stahlschartenschiebern verschließbare Beobachtungsscharte eingelassen, insgesamt also vier. Über diese Beobachtungsscharten konnten nahezu alle Bestandteile der Scheinanlage übersehen werden, was für Betrieb und Steuerung der elektrischen Effekte wichtig war. Im Bunker befand sich die gesamte elektrische Schalt- und Steuerungseinrichtung für die „Täuschungsgeräte“. Über Durchlassrohre in den Außenwänden wurden die Kabel nach außen geführt, von dort weiter auf kleine Holzmasten und über Freileitungen ins Gelände. Als Befehlsstand waren entsprechende Kommunikationsgeräte wie Telefonapparate und ggf. Funkgeräte vorhanden. Der Bunker war über einen Ofen beheizt. Etwa fünf bis zehn Soldaten der Luftwaffe führten von dort aus vor und während der Luftangriffe den Betrieb der Scheinanlage. Er war nicht für die Unterbringung vorgesehen, sondern ausschließlich Schalt- und Kommandozentrale.

Scheinsignalraketen