Die Selbstverteidigungsstreitkräfte (japanisch , Jieitai, ) sind die Streitkräfte Japans, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Besatzungszeit aufgebaut wurden. Die Streitkräfte waren bisher noch nie in Kampfhandlungen verwickelt, nehmen aber an friedenserhaltenden Einsätzen teil. Sie werden vom Verteidigungsministerium kontrolliert, mit dem Premierminister als Oberbefehlshaber. Die JSDF verfügen über eines der größten Militärbudgets der Welt und wurden 2024 als weltweit siebtstärkste Militärorganisation eingestuft. 2018 war Japan als achtstärkste Militärorganisation eingestuft. In: Globalfirepower.com, 2018 (englisch).

Ab 2011 änderte Japan seine Strategie hin zu einer wesentlich offensiveren Verteidigungsstruktur; Ende 2018 wurden die Verteidigungsrichtlinien so geändert, dass das Land erstmals Waffensysteme vorhält, die sich auch für Angriffe nutzen lassen. Umstritten ist, ob dieser Strategiewechsel von der japanischen Verfassung gedeckt ist.

Angesichts einer geänderten weltpolitischen Lage, die durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine, die militärischen Drohgebärden und das Nuklearprogramm Nordkoreas und den militärischen Aufstieg der Volksrepublik China gekennzeichnet war, vollzog Japan im Jahr 2022 eine grundlegende Neuausrichtung seiner Militärpolitik. Am 16. Dezember 2022 kündigte die japanische Regierung ein massives Aufrüstungsprogramm im Volumen von 43 Billionen Yen, entsprechend mehr als 300 Milliarden Euro bis zum Jahr 2027 an. Bei einer konsequenten Umsetzung dieses Rüstungsprogramms würde Japan von einer militärischen Regionalmacht zur drittgrößten Militärmacht der Welt (nach den Vereinigten Staaten und China, gemessen an den Militärausgaben) aufsteigen.

Die verbreitete Übersetzung als „Selbstverteidigungsstreitkräfte“ ist juristisch ungenau, da die SDF aufgrund von Artikel 9 der japanischen Verfassung nicht als „Streitkräfte“ bezeichnet werden dürfen.

Vorgeschichte Von der Meiji-Restauration (1868) bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (1945) war Japan ein Kaiserreich (Japanisches Kaiserreich) unter einem Tennō. Diese 77 Jahre waren eine Zeit des Imperialismus und Kolonialismus.

Im Rahmen einer Krise in Ostasien, die seit dem japanischen Einfall in die Mandschurei 1931 und der Bildung des Marionettenstaats Mandschukuo zwischen Japan und China herrschte, kam es am 7. Juli 1937 beim Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke zum Ausbruch des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges.

Am 7. Dezember 1941 überfielen japanische Flugzeuge überraschend Pearl Harbor. Bald danach drangen die Japaner planmäßig weiter nach Süden vor und besetzten unter der Ideologie Asien den Asiaten europäische und amerikanische Kolonien wie Hongkong (siehe die Japanische Besetzung Hongkongs), die Philippinen und Niederländisch-Indien. Vier Monate später hatten japanische Truppen ganz Südostasien und einen Großteil des Pazifiks mit etwa 450 Millionen Menschen unter ihrer Kontrolle. Dies war die größte Ausdehnung in der Geschichte Japans. Mitte 1942, nach der Schlacht im Korallenmeer sowie der Schlacht um Midway (bei der die Flotte der Japaner durch den Verlust von vier Flugzeugträgern empfindlich geschwächt wurde) änderte sich die Situation und US-Truppen konnten ab jetzt auf japanisch besetztes Gebiet vorrücken.

Nach den Kämpfen auf den japanischen Inseln Iwojima und Okinawa warfen amerikanische Bomber am 6. August 1945 die erste Atombombe auf Hiroshima und am 9. August die zweite über Nagasaki ab. Sechs Tage später verkündete der Tennō im Rundfunk die Kapitulation.

Geschichte Bereits während der Besatzungszeit forderten die Vereinigten Staaten einen Beitrag Japans zur eigenen Verteidigung. Besonders ab Beginn des Koreakrieges verfolgte die US-Regierung einen Kurs der allmählichen Wiederbewaffnung Japans. Zwar wollte Premierminister Yoshida Shigeru gemäß der Yoshida-Doktrin die Verteidigungsausgaben auch auf Kosten außenpolitischer Handlungsfreiheit minimieren, allerdings stimmte er bei der Wiedererlangung der Souveränität 1952 der Umwandlung der 1950 geschaffenen nationalen Polizeireserve (, keisatsu yobitai) in „Sicherheitskräfte“ (, Hoantai) zu. Diese unterstanden über die Sicherheitsbehörde (, Hoan-chō) dem zuständigen Minister im Kabinett. 1954 wurde diese nach der gegenseitigen Verteidigungsvereinbarung (, sōgō bōei enjo kyōtei, Mutual Defense Assistance Agreement) und dem „Gesetz über die Selbstverteidigungsstreitkräfte“ (, jieitai-hō) in die Verteidigungsbehörde umgewandelt und die Selbstverteidigungsstreitkräfte eingerichtet.

Yoshidas Nachfolger Hatoyama Ichirō verfolgte als Premierminister in enger Abstimmung mit den USA eine Änderung der Verfassung, insbesondere von Artikel 9, um das explizite Verbot von Streitkräften aufzuheben. Er richtete 1956 in beiden Parlamentskammern einen Beratungsausschuss für die Verfassung (, kempo chōsakai) ein. Nachdem es ihm nicht gelang, bei der Oberhauswahl 1956 eine Zweidrittelmehrheit zu erzielen, scheiterte der Plan.

Am 10. Februar 1965 löste die Publikmachung eines geheimen strategischen Dokuments der Selbstverteidigungsstreitkräfte durch den sozialistischen Abgeordneten Okada Haruo einen Skandal aus, der im Volksmund als Mitsuya Kenkyū (; engl. Three Arrows Study; offiziell , Shōwa 38-nendo sōgō bōei zujō kenkyū), bekannt wurde. Der Plan sah für den Fall eines erneuten Koreakrieges unter anderem ein amerikanisch-japanisch-südkoreanisch-taiwanisches Bündnis vor, innerhalb dessen Japan zwar defensiv agieren, aber umfangreiche wirtschaftliche und logistische Unterstützung zugunsten der Bündnispartner leisten sollte. Dazu zählte die Patrouille des Gelben und des Japanischen Meeres, die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Japan und die Umstellung auf die Kriegswirtschaft. Aus dem Dokument wurde ersichtlich, dass das Militär zur effektiven Umsetzung dieses Plans eine autoritäre Staatsform anstrebte. Premierminister Satō Eisaku leugnete die Existenz des Plans, erkannte diesen später jedoch an und verteidigte ihn. Da die große Mehrheit der Bevölkerung knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende die vergleichsweise geringe, schrittweise Wiederbewaffnung Japans unterstützte, erschien Mitsuya Kenkyū als undemokratischer Umsturzversuch des Militärs und eine riskante Wiederbelebung des Vorkriegsmilitarismus.

Ab den 1970er Jahren stieg die öffentliche Unterstützung, unter anderem auch weil 1976 unter Generaldirektor der Sicherheitsbehörde Sakata Michita eine Budgetgrenze auf 1 % des Bruttosozialprodukts und eine Politik eines allgemeinen Waffenexportverbots begann (siehe die Drei Prinzipien des Waffenexports). Unter dem steigenden Druck der USA und anderer westlicher Nationen, dass Japan sich militärisch international stärker engagieren solle, begann unter Premierminister Nakasone Yasuhiro ab 1986 ein umfangreiches Modernisierungsprogramm der Streitkräfte, bei dem die 1-%-Grenze kurzzeitig aufgehoben wurde. Zur Verbesserung der öffentlichen Meinung engagierten sich die Streitkräfte in Infrastrukturprojekten nahe der Stützpunkte, wie dem Bau von neuen Straßen, Bewässerungsanlagen, Schulen und Lärmschutzmaßnahmen bei Luftbasen-Anliegern.

Nach einem in beiden Kammern des Parlaments verabschiedeten Gesetz In: law.e-gov.go.jp (japanisch). erhob die japanische Regierung (Kabinett Shinzō Abe I) am 9. Januar 2007 die Verteidigungsbehörde (Bōei-chō) in den Rang eines Verteidigungsministeriums (Bōei-shō). Damit einher ging eine Erweiterung der Kompetenzen der Behörde und des zuständigen Ministers,Japanisches Verteidigungsministerium: The Defense Agency’s Transition to the Ministry of Defense, in: Japan Defense Focus, No. 4, 2007. unter anderem eine größere Unabhängigkeit vom Parlament bei der Entsendung von Truppen. Begründet wurde dies mit der gewachsenen internationalen Bedeutung Japans, den internationalen Einsätzen der Selbstverteidigungsstreitkräfte und den besonderen politischen Bedingungen in der Region. Letzter Minister der Verteidigungsbehörde und erster Minister im Verteidigungsministerium war Fumio Kyūma. Bis Ende 2022 gab es 19 weitere Verteidigungsminister (Liste hier).

Seit 2011 erhöht Japan sein Budget für die Verteidigungskräfte stetig. Für den Haushalt 2018 beschloss das Kabinett, 41 Milliarden Euro für Verteidigung auszugeben. Geplant ist bis 2023 insgesamt 211 Milliarden Euro für die Militärstrukturen aufzuwenden.

Japan aktivierte am 7. April 2018 die Amphibious Rapid Deployment Brigade, die erste Marineinfanterie-Einheit seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie ist darauf trainiert, Eindringlingen aus der Besetzung japanischer Inseln entgegenzuwirken.

Auftrag Hintergrund Die japanische Gesellschaft steht als Kollektiv seit Jahrzehnten unter dem Eindruck des als Kaiserreich verlorenen Zweiten Weltkrieges, der für Japan durch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki eine traumatische Qualität gewann. Seitdem sind Gesellschaft und Politik bemüht, die nach dem Ende des Krieges eingeschlagene Orientierung des Landes zum Frieden hin fortzuführen. Aufgrund der geostrategischen Lage Japans in der Nähe zu Russland und der Volksrepublik China war und bleibt dies nur bedingt möglich, vor allem mit der Notwendigkeit der Präsenz amerikanischer Großverbände.

Verfassungsrechtlicher Rahmen Die stark pazifistische Grundhaltung der Gesellschaft kommt vor allem in der Verfassung Japans zum Ausdruck, die in elf Kapitel gegliedert ist. Das erste Kapitel enthält acht Artikel und ist dem Kaiser als Symbol der staatlichen Einheit gewidmet. Das zweite Kapitel trägt den Titel „Lossagung vom Krieg“ und umfasst ausschließlich den neunten Verfassungsartikel.

Japan ist es damit verboten, ein Militär aufzustellen oder internationale Konflikte durch Gewalt zu lösen, wobei es allerdings seit etwa 2000 eine breite öffentliche Diskussion über die Möglichkeit gibt, den Artikel aus der Verfassung zu streichen. Die Interpretation des Artikels an sich ist ebenso umstritten; er wird so ausgelegt, dass bewaffnete Streitkräfte zur Selbstverteidigung legitim sind. Allerdings haben die Selbstverteidigungsstreitkräfte eine eingeschränkte, hauptsächlich auf eine funktionierende Landesverteidigung ausgelegte Ausrüstung. Es gibt keine Langstreckenangriffsmöglichkeiten, wie Mittel- oder Langstreckenraketen, Langstreckenbomber, Tankflugzeuge, Kampfschwimmer oder Einsatzrichtlinien (Rules of engagement). Das US-Militär ist in erster Linie für offensive Militäreinsätze verantwortlich. Japan hatte 2007 mit rund 50 Milliarden US-Dollar den viertgrößten Militäretat (nach den USA, China und Großbritannien). Die Hälfte des Geldes wird für Personalkosten ausgegeben, die andere Hälfte für Versorgung, Neuanschaffung und Aufrüstung von Waffen.

Verteidigungsstrategie Die grundlegende Militärdoktrin Japans, die am 20. Mai 1957 vom ersten Kabinett Kishi zusammen mit dem Nationalen Verteidigungsrat – Vorläufer des heutigen Sicherheitsrates –, dem De-facto-Generalstab, mit der Bezeichnung Basic Policies for National Defense verabschiedet wurde, auf der Website des japanischen Verteidigungsministeriums – MoD, abgerufen am 29. Juni 2007 (englisch). schließt sich nahtlos an den Friedensimperativ der Verfassung an und baut bereits auf der weiteren Interpretation auf, dass eine militärische Selbstverteidigung gestattet sei. Als Ziel der nationalen Verteidigungspolitik wird die Prävention sowohl direkter als auch indirekter Aggression gegen Japan herausgearbeitet, um so den Frieden des Landes, der auf der Demokratie beruht, zu bewahren.

Zu diesem Zweck werden der Politik vier Leitlinien empfohlen:

Orientierung am internationalen Frieden, die am besten in Kooperation mit den Vereinten Nationen erreicht wird. „Stabilisierung der Existenzgrundlage des Volkes“ und die Pflege des Patriotismus, um die Grundlage der nationalen Verteidigung zu etablieren. Schrittweiser Aufbau der Verteidigungskapazitäten, ausgehend von der aktuellen Stärke Japans und der aktuellen politischen Situation, solange sie im Rahmen der Selbstverteidigung bestehen.