Als Unwetterstele bezeichnet die Ägyptologie eine beschriftete Stele, die in Karnak (Ägypten) gefunden wurde und eine Naturkatastrophe beschreibt, die sich zwischen dem 11. und dem 22. Regierungsjahr von Pharao Ahmose I. ereignet haben soll. Der Text schildert die Auswirkung eines großen Unwetters in Theben und berichtet von Restaurierungsarbeiten, die Ahmose I. an den Tempeln des Landes durchführen ließ. Die inhaltliche Interpretation der Unwetterstele ist äußerst umstritten.

Auffindung und Publikation Teile der Stele wurden durch französische Archäologen zwischen 1947 und 1951 verbaut im 3. Pylon des Tempels von Karnak entdeckt. Publiziert wurde die Stele erstmals 1967 durch den belgischen Ägyptologen Claude Vandersleyen, der ein Jahr später auch zwei weitere Fragmente hinzufügen konnte.Claude Vandersleyen: Une tempête sous le règne d’Amosis. In: Revue d'Égyptologie. 19, 1967, S. 123–159; Claude Vandersleyen: Deux nouveaux fragments de la stèle d’Amosis relatant une tempête. In: Revue d'Égyptologie. 20, 1968, S. 127–134.

Inhalt und Übersetzung Inhaltsübersicht Die Unwetterstele beschreibt eine Naturkatastrophe, die sich während der Herrschaft von König Ahmose I. ereignet haben soll: Der Himmel verfinsterte sich von Westen und es begann ein ununterbrochener Starkregen, der für mehrere Tage anhielt. Die hohen Niederschlagsmengen verursachten eine verheerende Nilflut, die Gebäude zerstörte und Menschen tötete. Es wird eine außergewöhnliche Dunkelheit beschrieben, die auch tagsüber anhielt. Das Unwetter wurde zudem von einem unbeschreiblichen Lärm begleitet. Nach dem Ende der Naturkatastrophe wurden Gräber, Tempel und Pyramiden verwüstet aufgefunden. König Ahmose I. veranlasste nach dem Zurückweichen der Fluten die umgehende Restaurierung der zerstörten Gebäude und ordnete die Schaffung und Aufstellung von reich verzierten Götterstatuen an. (englisch); zuletzt aufgerufen am 24. August 2013.Übersetzung der Inschrift der Unwetterstele (Deutsch); zuletzt aufgerufen am 24. August 2013.

Übersetzung der Inschrift

Interpretationen Innerhalb der ägyptologischen wie auch historischen Forschung werden verschiedene, teils auseinandergehende Ansichten zur Bedeutung der Inschrift vertreten. Die Aussagen der Unwetterstele werden von Forschern wie Kim Ryholt als bloße Metapher verstanden, als ein verschlüsselter Bericht über die Zerstörungen Ägyptens durch die Hyksos. Demnach wäre der Einfall der Hyksos mit einem Unwetter verglichen und entsprechend umschrieben worden.Kim Ryholt: The Political Situation in Egypt during the Second Intermediate Period, c. 1800–1550 B.C. (= The Carsten Niebuhr Institute Publications. Band 20). The Carsten Niebuhr Institute of Near Eastern studies, Kopenhagen 1997, ISBN 87-7289-421-0, S. 144, 145, 147. Daniel Polz und andere widersprechen dem entschieden. Sie werfen die Frage auf, warum ein Pharao einen Feindeseinfall in Ägypten derart kryptisch verschlüsseln sollte. Militärkampagnen und Feldzüge wurden zwar stets so abgeschlossen, dass ein Pharao als Sieger dastand, aber sie wurden historisch wie chronologisch unverschlüsselt und bezüglich ihrer Abläufe wahrheitsgemäß wiedergegeben. James P. Allen und andere sehen in bestimmten Textstellen Hinweise darauf, dass es während der Unwetterkatastrophe zu Plünderungen durch Einheimische kam. Dies würde auch die rege Bau- und Restaurationstätigkeit der Herrscher während der 17. und 18. Dynastie erklären.Daniel Polz: Der Beginn des neuen Reiches. Zur Vorgeschichte einer Zeitenwende. (= Sonderschrift des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. Band 32). de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019347-3, S. 9 f.

Toby Wilkinson und andere halten einen besonders starken Monsunregen mit einhergehender Nilflut für denkbar.Toby A.H. Wilkinson: The Rise and Fall of Ancient Egypt. Bloomsbury Publishing, London 2011, ISBN 978-1-4088-1002-6, S. 548.

Malcolm H. Wiener, James P. Allen und andere vermuten, dass die Unwetterstele Auswirkungen des Ausbruchs des Vulkans von Santorin auf Ägypten beschreibt. Diese sogenannte Minoische Eruption hätte demnach auch große Teile Ägyptens verwüstet. Als Indizien führen sie die Beschreibungen in der Inschrift von ungewöhnlichem Lärm während des Unwetters sowie die – ihrer Meinung nach – ebenfalls untypische Finsternis während des Unwetters an. Der beschriebene „Lärm“ sei demnach das Dröhnen der Erde gewesen, ausgelöst durch den Vulkanausbruch; die Aschewolke wäre für die Dunkelheit verantwortlich. Außerdem sei die beschriebene Flut für einen einfachen Monsunregen als zu zerstörungsreich dargestellt. Es gilt als gesichert, dass die Santorin-Eruption einen oder mehrere Tsunamis auslöste.spektrum.de Lisa Leander: Tsunami-Spuren an Israels Küste. epoc-online vom 14. Oktober 2009. Die Tsunamis haben auch das tiefliegende Nildelta überflutet, was die verheerenden Zerstörungen erklären könnte. Auf der Arabischen Halbinsel existieren bis heute aktive Vulkane, und es ist möglich, dass diese durch die extreme Santorin-Eruption ebenfalls ausbrachen. Starkregen begleiten viele Vulkanausbrüche, lokale Starkregen entstehen durch die Eruptionsgewitter. Andererseits sind in Ägypten keinerlei Ablagerungen vulkanischer Asche gefunden worden, die in die Herrschaftszeit des Ahmose fallen.

Zusätzlich ist Ägypten eines der wenigen afrikanischen Länder, in dem starke Erdbeben auftreten.http://www.das-erdbeben.de/aegypten.htm - Erdbeben in Ägypten, abgerufen am 24. August 2017 Es existiert eine Korrelation zwischen Erdbeben und vulkanischer Aktivität.https://www.weltderphysik.de/gebiet/planeten/erdinneres/kopplung-von-erdbeben-und-vulkanen/, abgerufen am 24. August 2017https://www.researchgate.net/publication/259328200_Interactions_between_earthquakes_and_volcano_activity Interactions between earthquakes and volcano activity Darum ist es möglich, dass die Minoische Eruption in Ägypten ein Erdbeben ausgelöst hat.

Allen und Wiener weisen darauf hin, dass die ägyptischen Schreiber des Neuen Reiches manchmal zur literarischen Übertreibung neigten und dies möglicherweise auch auf die Unwetterstele zutreffen könnte.Malcolm H. Wiener, James P. Allen: Separate Lives: The Ahmose Tempest Stela and the Theran Eruption. In: Journal of Near Eastern Studies. 57, 1998, S. 1–28.

Ereignisdatierung Ägyptologen wie Wolfgang Helck, Thomas Schneider, Rolf Krauss und Friedrich Graf bewerten die Datierung des Unwetters unterschiedlich. Krauss und Schneider schätzen das erste Regierungsjahr von Ahmose I. auf das Jahr 1539 v. Chr., wobei Helck für das neunte Regierungsjahr von Amenophis I. einen Zeitraum zwischen 1516 und 1505 v. Chr. angibt. Graf vermutet für das erste Regierungsjahr von Ahmose I. das Jahr 1541 v. Chr. Die Entstehung der Unwetterstele würde insgesamt in den Zeitraum zwischen 1530 und 1516 v. Chr. fallen, was sich zeitlich auch in etwa mit der traditionellen Datierung der Minoischen Eruption decken würde.Friedrich Graf: Der ägyptische Glaube. Band 3: Ägyptische Amulette, Perlen, Mythologie und das alltägliche Leben. BoD – Books on Demand, 2012, ISBN 978-3-8482-0393-2, S. 321.Malcolm H. Wiener, James P. Allen: Separate Lives: The Ahmose Tempest Stela and the Theran Eruption. In: Journal of Near Eastern Studies. Jan. 1998, Vol. 57, Nr. 1, S. 1–28, online auf: www.jstor.org abgerufen am 3. Sept. 2013.

Das Papyrus Ipuwer enthält eine sehr ähnliche Beschreibung einer Naturkatastrophe, sie wird aber auf etwa 1670 (± 40) v. u. Z. datiert.

Literatur Claude Vandersleyen: Une tempête sous la régne d’Amosis. In: RdE. 19 (1967), S. 123–159. E. N. Davis: A Storm in Egypt during the Reign of Ahmose. In: D. A. Hardy, Colin Renfrew (Hrsg.): Thera and the Aegean World III. Proceedings of the Third International Congress, Santorini, Greece, 3-9 September 1989. Band 3: Chronology. The Thera Foundation, London 1990, ISBN 0-9506133-7-1, S. 232–235. Malcom H. Wiener, James P. Allen: Separate Lives: The Ahmose Tempest Stela and the Theran Eruption. In: JNES. 57 (1998), S. 1–28. Peter Beylage: Aufbau der königlichen Stelentexte vom Beginn der 18. Dynastie bis zur Amarnazeit. Teil 1: Transkription und Übersetzung der Texte. In: Ägypten und Altes Testament: Studien zu Geschichte, Kultur und Religion Ägyptens und des Alten Testaments. Band 54, Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-04520-5. Wolfgang Helck: Historisch-biographische Texte der 2. Zwischenzeit und neue Texte der 18. Dynastie. (= Kleine ägyptische Texte. 6,1). 3. Auflage. Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-02331-7, S. 104–110. Andrea Klug: Königliche Stelen in der Zeit von Ahmose bis Amenophis III. (= Monumenta Aegyptiaca. 8). Brepols, Turnhout 2002, ISBN 2-503-99123-8, S. 35–46. Joachim Friedrich Quack: Gibt es in Ägypten schriftliche Quellen zum Thera-Ausbruch? In: Harald Meller, François Bertemes, Hans-Rudolf Bork, Roberto Risch (Hrsg.): 1600 – Kultureller Umbruch im Schatten des Thera-Ausbruchs? Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle (Saale) 2013, ISBN 978-3-944507-00-2, Die »Unwetterstele« des Königs Ahmose, S. 221–225.

Weblinks

Übersetzung und Beschreibung der Stele (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Archäologischer Fund (Theben) Kategorie:Altägyptische Stele Kategorie:18. Dynastie (Ägypten) Kategorie:Archäologischer Fund (Afrika)