Kessenich ist ein Ortsteil der Bundesstadt Bonn im gleichnamigen Stadtbezirk mit rund 12.500 Einwohnern auf einer Fläche von etwa zwei Quadratkilometern.
Geographie
Geographische Lage
Kessenich liegt im Bonner Süden auf einer von Niederterrassen gebildeten Sohle der Kölner Bucht, die durch den Godesberger Rheintaltrichter den Übergang vom rheinischen Schiefergebirge zur niederrheinischen Tieflandsbucht bildet. Ein eiszeitlicher Rheinarm, die Gumme, hat sich während der Vertiefung des Rheintales im Mittelquartär in die Niederterrasse eingegraben.
Die Grenze des heutigen Stadtteils Kessenich verläuft an der oberen Hangkante zum Venusberg, dem gleichnamigen Stadtteil in westlicher Richtung. Zur Rheinseite grenzt der Stadtteil Gronau an. Nördlich schließen sich die Stadtteile Südstadt und Poppelsdorf an, südlich der Stadtteil Dottendorf.
Die Gemarkung Kessenich in den Grenzen der ehemaligen Gemeinde besteht bis heute, sie reicht vom Venusbergplateau angrenzend an die Gemarkung Röttgen bis zur Mitte des Rheins und umfasst teilweise den Stadtteil Gronau.Landesvermessungsamt Nordrhein-Westfalen: (Stand 2005; PDF; 243 kB)
Geologie
Abgesehen von der Gumme, die vor der Kanalisierung der vom Hang ablaufenden Bäche in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Sumpfgebiet war, besteht der Kessenicher Talgrund größtenteils aus tiefgründigem Lößboden, ein Grund für die bereits früh nachweisbaren Siedlungsspuren. Meldung General-Anzeiger Bonn 3. Juni 2013
Klima Bedingt durch die Lage am Fuße des 40 Quadratkilometer großen Kottenforstes und die Nähe des Rheinstromes als Frischluftschneise sind die Höchsttemperaturen im Sommer geringer, und die Belastung der Atemluft ist deutlich geringer als in den innerstädtischen Stadtteilen. Die Kessellage bedingt ein schwüles Klima im Sommer. Im Winter sind Inversionswetterlagen mit den typischen Nebelbänken entlang des Rheins häufig. Wetterfotografie geohabel
Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt auf der Talsohle in Kessenich 11 °Celsius gegenüber 10 °C auf dem Venusberg und Spitzenwerten von 12,2 °C für Bonn in der Innenstadt. Auf dem Hardtberg werden die niedrigsten Durchschnittswerte von ca. 8 °C erreicht.Karsten Brandt: Rheinische Luft. Bonn 2010 162 ff.
Geschichte
Namensherkunft
Der Ortsname Kessenich erscheint in Dokumenten Anfang des 9. Jahrhunderts als KeistenichMax Perlbach, Neues Archivhttp://www.digizeitschriften.de/, 843 als villa Castenicha, in Kopien Castenaca und Castenacha., später 1043 Kestenich, 1065 Chessinich, 1073 Chessenich, schließlich 1066 als Kessenich, danach auch noch als Kessinich und Kessenig. Heute wird die Namensherkunft auf das gallorömische castiniacum zurückgeführt, was auf einen Hof des Castinus oder Castinius deutet.Bursch: Siedlungsnamen der Stadt Bonn. 1987 Im Namensgut der Bonner Legion kommt Anfang des 3. Jahrhunderts der Legat C. Julius Septimus Castinus vor, nicht überliefert ist jedoch, ob dieser Besitz auf Kessenicher Gebiet hatte. Eine frühere Herleitung vom keltischen Cassanus „Eiche“, die für den namensgleichen Ort Kessenich (Belgien) verwendet wird, ist an der genannten Stelle verworfen. Der namensgleiche Ortsteil Kessenich (Euskirchen) könnte denselben Ursprung haben, im Wirkungskreis seiner Legion hat Castinus auch einen Gedenkstein bei Iversheim gesetzt.Bonn: Beiträge zu seiner Geschichte und seinen Denkmälern - 1868
Steinzeit und Frühgeschichte Kessenich ist ein alter, bereits in vorrömischer Zeit vorhandener Siedlungsplatz,D. Partzsch: Wanderung durch Bonn-Kessenich. Einführung. 1997 und somit eine der ältesten Siedlungen in Bonn. Das als Bodendenkmal B 16 in die Bonner Denkmalliste eingetragene „Michelsberger Erdwerk“ (datiert auf 4080 v. Chr.) auf dem Venusbergplateau liegt zum überwiegenden Teil innerhalb der Gemarkung Kessenich. Zeitungsartikel (PDF; 1,7 MB) s.41 In unmittelbarer Nähe entspringt der ganzjährig wasserführende Venusbergbach Link zum Bachentwicklungsplan der Stadt Bonn mit den tiefgründigen Lößböden auf der Niederterrasse, ein günstiger Standort für frühe Ackerbauern.
Römerzeit Ebenfalls zu einem großen Teil innerhalb der Kessenicher Gemarkungsgrenzen befand sich der Vicus Bonnensis, eine zivile römische Siedlung mit bis zu zehntausend Menschen südlich des Bonner Römerlagers. Es wird vermutet, dass bereits seit der Römerzeit in Kessenich Wein angebaut wurde.D. Partzsch, S. 8 ff. (Geschichtlicher Überblick) Eine große Anzahl der ersten Funde des vicus Bonnensis sind im Untergeschoss des Hauses der Geschichte ausgestellt. Weitere Funde wurden bei den Bauarbeiten zum WCCB gemacht.
Mittelalter mini|Die alte Pfarrkirche St. Nikolaus Im Jahr 843 wird die Propstei Kessenich. zu der auch das Krongut Dottendorf gehörte, erstmals urkundlich erwähnt. Die Kaiserurkunden der Provinz Westfalen 777–1313. Band 1, Franz Friedrich Roger Wilmans, Friedrich Philippi - 1. Januar 1867, Regensberg-Verlag Kaiser Lothar I., ein Enkel Karls des Großen, schenkte das Lehen, welches damals aus acht Mansen bestand, an den hessischen Gaugrafen Esiko, der es seinerseits an die Benediktinerabtei Corvey weitergab. In der Gründungsphase der Corveyer Klosterstiftung waren die Weinlieferungen aus Kessenich von Bedeutung,abine Robrecht: Das Weserkloster und seine Weingeschichte. 5. April 2023 auf https://welterbewestwerkcorvey.de bis ins 12. Jahrhundert hinein machte der Abt von Corvey jährlich die Weinreise nach Kessenich.Ennen/Höroldt: Vom Römerkastell zur Bundeshauptstadt. 3. Aufl. 1976, S. 128.
1249, einige Jahre nach einem Klosterbrand in Corvey erwarb das Zisterzienser-Kloster Hardenberg den Besitz in Kessenich.Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen B 604u / Kloster Hardehausen / Urkunden, Nr. 74. 1405 ging der klösterliche Besitz an den Kölner Kurfürsten. 1445 wurde er an die Kölner Kartause abgegeben.Ennen/Höroldt: Vom Römerkastell zur Bundeshauptstadt. 3. Aufl. 1976, S. 128.
Anno 1449 war Kessenich das größte Dorf des Amtes Bonn im Kurfürstentum Köln.LVR-Freilichtmuseum Kommern, Museumsführer(2009), S. 146.
1486 schloss man einen Vertrag zwischen den Gemeinden Kessenich und Poppelsdorf über den Bau und die Erhaltung der St. Martinskirche zu Bonn.Pfarrer Franz Lohe: Liber parochiae et pastoratus in Kessenich et cum ea unitae in Dottendorf. 1838. Zitiert in: Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein. Köln 1896, S. 155. Die Beiträge wurden zu einem Drittel aus Poppelsdorf und zu zwei Dritteln aus Kessenich entrichtet.G. H. C. Maaßen: Die Pfarreien der Erzdiözese Köln. 1894, S. 145
1571 wurden dem Kirchlein in Kessenich Tauf- und Begräbnisrecht verliehen.Wilhelm Passavanti (Hrsg.): Bonner Kirchen und Kapellen. 1989, S. 78ff. 1670 umfasste Kessenich 118 Häuser.Wilhelm Fabricius: Erläuterungen zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz. 2. Band: Die Karte von 1789. Bonn 1898, S. 58. Damit verbunden ist die älteste bekannte Inschrift des Ortes auf einem Taufbecken mit Datierung „Anno 1571“. Nachweis auf www.inschriften.net
Die alte St.-Nikolaus-Kirche, die auf einen Saalbau aus der Mitte des 11. Jahrhunderts zurückgeht, liegt oberhalb der neuen Pfarrkirche im alten Kessenicher Friedhof und ist das älteste erhaltene Bauwerk in Kessenich. Kessenich war neben Poppelsdorf seit altersher ein Sprengel der Pfarrei St. Martin in Bonn. Der Bonner Talweg als Prozessionsweg zur Pfarrkirche in der Stadt wird mit Beleg seit 1580 auch „Heiliger Weg“ genannt. Der Bonner Bannbegang, Felix Hauptmann (1894) S. 29
Neuere Geschichte
Im Zuge der Säkularisation wurde St. Nikolaus 1804 selbstständige Pfarrei, als Pfarrer wurde Franz Xaver Joseph Lohé eingesetzt. 1879 wurde der „Bonner Eisclub e. V.“ gegründet, der 1906 sein Clubhaus auf dem Kessenicher Feld errichtete.https://www.bonn.de/themen-entdecken/bildung-lernen/zeitfenster/zeitfenster.php#&gid=1&pid=37 In den Jahren 1888–1891 wurde die neue Pfarrkirche St. Nikolaus nach den Plänen Johannes Richters erbaut.
Die Weinbaugeschichte wurde auch in Kessenich durch das Erscheinen der Reblaus unterbrochen. Den Stand zuvor zeigt die Rhein-Weinbaukarte von 1904. Seitdem wird erwerbswirtschaftlicher Weinbau hier nicht mehr betrieben.Rhein-Weinbaukarte von 1904 auf Dilibri.de 1904 wurde die bis dahin eigenständige Gemeinde Kessenich mit einer Fläche von 578 Hektar in die Stadt Bonn eingegliedert. Im Jahre 1920 gründete Hans Riegel in Kessenich die Firma Haribo, die sich zu einem der wichtigsten Wirtschaftsunternehmen der Stadt entwickelte und den Stadtteil mit mehreren Fabrikgebäuden und dem markanten Lakritz-Geruch prägt.
Die evangelische Friedenskirche wurde 1955 erbaut, nach dem Bonn Regierungssitz geworden war und dem damit verbundenen Zuzug von Regierungsbeamten; 1970 wurde die Friedenskirchengemeinde begründet.http://www.friedenskirche-bonn.de/gemeinde/geschichte.php Im Freilichtmuseum Kommern befindet sich seit 1958 ein aus Kessenich stammendes Fachwerkhaus, das im 16. Jahrhundert erbaut wurde, sowie seit 2011 das Interieur der im Jahre 1967 gegründeten Eisdiele „Dall’Asta“, die von der Betreiberfamilie aus Altersgründen aufgegeben wurde. Website des LVR-Freilichtmuseum Kommern.
Denkmäler
Das unter Denkmalschutz stehende Kriegerehrenmal in Kessenich wurde 1926 im Auftrag des Kessenicher Kriegervereins errichtet.
Kulturgeschichtliche Rezeption
Literatur
ca. 1820: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (* 1798 in Fallersleben, † 1874 in Corvey) „Ich hatte in Kessenich eine kleine Bauernwirthschaft entdeckt, wo man guten Wein und Butterbrot billig haben konnte.“ Der Dichter des Deutschlandliedes studierte von 1819 bis 1821 in Bonn und spazierte regelmäßig nach Kessenich, dort unter anderem einige Volkslieder aufzeichnend. Verweis KalenderblattHoffmann von Fallersleben: Mein Leben. Zwei Teile, Teil 1, Berlin 1894, S. 139.
1853: Johanna Kinkel (* 1810 in Bonn, † 1874 in London)In der Stadt Bonn um halber sieben, Da ist die Luft geschwellt Von Traubenblüt’, soweit da reicht das Kessenicher Feld. (Johanna Kinkel, Bonn und London, im März 1853)Im Druck erschienen in: Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands. […] 4 (1878), S. 285–289.
17. Januar 1890: Luigi Pirandello (* 1867 in Agrigent, † 1936 in Rom) „… Wir stiegen nach Kessenich hinab, das, wie man sagen kann, aus einer einzigen langen und breiten Strasse mit einfachen niedrigen Häuschen besteht, fast alle zu ebener Erde und von sehr alterthümlicher Bauweise. wir suchten ein Wirtshaus … da die Strasse menschenleer war und ich auch kein Wirtshausschild entdecken konnte, vielleicht auch angezogen von dem recht maliziösen Lächeln, entschloß ich mich, zu dem jungen Mädchen zu gehen, und fragte es danach. Sie sagte, daß nicht weiter gesucht zu werden brauchte … und versetze beim Durchqueren des weitläufigen Hofes die geschwätzige Schar der Gänse in Aufruhr, die sich sofort sammelten und ihr zuhauf folgten, mit gestreckten Hälsen, auf kurzen Füßen hüpfend und die Flügel schlagend.“Pirandello, Luigi und Willi Hirdt [Hrsg.]: Bonn im Werk von Luigi Pirandello. 1990, ISBN 3-8233-4105-7, dt./it.
Reisebeschreibung
1888: Reiseführer Mittelrhein „… Ein angenehmer, etwa 25 Min. längerer Weg geht vom Fuße der Ruine Godesberg über die Dörfer Friesdorf an der „Amalienhöhe“ und einem Alaunwerke vorbei, über Dottendorf mit der Dottendorfer Höhe (Aussicht) und Kessenich nach Bonn. Hinter Kessenich steigt man auf einem schönen Fahrwege zur Rosenburg und zur Casselsruhe (Restauration) hinauf, wo sich ein herrliches Panorama des Rheintales und der sieben Berge eröffnet. Über den Bergrücken Venusberg führen hübsche Wege nach Poppelsdorf; von dem Schlosse rechts in 10 Min. nach Bonn.“Johannes Baumgarten: Mittelrhein, Mosel, Lahn, Eifel, Taunus und Westerwald. 4. Aufl. Groos, Coblenz .
Musik Etwa 1953 komponierte und dichtete Christian Gratzfeld das fünfstrophige Kessenicher Heimatlied.Josef Niesen: Bonn im Spiegel der Musik. In: Bonner Geschichtsblätter, Band 64, Bonn 2014.
Sonstiges