Das Internationale Jahr der Frau wurde von der UNO-Generalversammlung für das Jahr 1975 ausgerufen. In diesem Jahr richteten die Vereinten Nationen erstmals zum Internationalen Frauentag am 8. März eine Feier aus und etablierten damit weltweit dieses Datum. Vom 19. Juni bis zum 2. Juli 1975 wurde in Mexiko-Stadt die erste UN-Weltfrauenkonferenz abgehalten, im Oktober folgte der Weltkongress der Frauen in Ost-Berlin, der von der Internationalen Demokratischen Frauenföderation vorbereitet worden war. Die UN-Weltfrauenkonferenz in Mexiko war die erste Konferenz der UNO, die sich ausschließlich mit der Gleichberechtigung beschäftigte.
Auf das Internationale Jahr der Frau folgte 1976–1985 die UN-Dekade der Frau.
Als Emblem wurde eine stilisierte Taube auf blauen Grund gewählt, in die ein Venussymbol und ein Gleichheitszeichen eingebracht wurden.Oakland Museum of California: Valerie Pettis ~ designer. International Women’s Year – poster work on paper. Es wurde von der New Yorker Grafikerin Valerie Pettis gestaltet.Dove Symbol for Women. Associated Press, The Calgary Herald. 10. Mai 1974.Dangers on the road to complete emancipation. The Glasgow Herald. 22. Oktober 1974. In vielen Ländern wurden 1975 nationale Programme und Veranstaltungen zum Internationalen Jahr der Frau abgegehalten.
Das Internationale Jahr der Frau gilt heute als Schlüsselmoment für die Internationalisierung der Frauenpolitik.
Die UN und ihre Ziele zum Internationalen Jahr der Frau Das Internationale Jahr der Frau wurde von den Vereinten Nationen auf der Generalversammlung 1972 beschlossen. Dieses markierte einen Meilenstein in der weltweiten Anerkennung der Rechte und der Rolle von Frauen. Die französische Staatssekretärin für Kultur Françoise Giroud unterstrich die Notwendigkeit, Frauen aktiv in die gesellschaftlichen Entwicklungen einzubeziehen.Françoise Giroud: Das Internationale Frauenjahr der Vereinten Nationen, in Vereinte Nationen 3, Koblenz 1975, S. 68 Die Ziele des Internationalen Jahres der Frau waren klar formuliert und umfassten die Förderung der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, die volle Integration der Frauen in die Entwicklungsanstrengungen der Vereinten Nationen und die Anerkennung des wachsenden Beitrags von Frauen zu freundschaftlichen Beziehungen, Zusammenarbeit zwischen den Staaten und Weltfrieden.
Auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene sollten Programme entwickelt werden, um neue Aktionspläne für Frauenrechte voranzutreiben. Die Frauenkommission und der Wirtschafts- und Sozialrat der UN betonten dabei die Verbindung zwischen Frauenrechten, Menschenrechten, wirtschaftlichen Rechten, Familienrechten, bis hin zur politischen Teilhabe. Ein besonderes Ziel war die Bekämpfung des Analphabetismus und eine Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit. Die Vereinten Nationen strebten nicht nur eine größere Beteiligung der Frauen in den Industriestaaten an, sondern wollten auch in den Entwicklungsländern eine stärkere Einbeziehung der Frauen in die gesellschaftlichen und politischen Prozesse erreichen. Im Kontext der Friedensförderung sollten Frauen motiviert werden, sich „für die internationale Entspannung sowie für die Bekämpfung des Kolonialismus, Neo-Kolonialismus, ausländische Beherrschung und Unterdrückung wie Apartheid und Rassendiskriminierung auszusprechen.“Hans Petersmann, Hildegard Wolfrum: Das Internationale Frauenjahr der Vereinten Nationen, in: Vereinte Nationen 3, Koblenz 1975, S. 69 Auf der UN-Weltfrauenkonferenz wurde ein Weltaktionsplan zur Verbesserung der Situation von Frauen verabschiedet.
Auch der Europarat beschäftigte sich mit den Zielen des Internationalen Jahres der Frau. In den Mitgliedsstaaten forderte man die Unterzeichnung und Umsetzung bestehender internationaler Abkommen in Bezug auf Frauenrechte.
Verlauf in der Bundesrepublik Deutschland Das Internationale Jahr der Frau fiel in der Bundesrepublik 1975 in ein wirtschaftlich schwieriges Jahr. Seit Beginn der 1970er Jahre schrumpfte zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Wirtschaft, und es kam zu einem spürbaren wirtschaftlichen Abschwung, der zu einer hohen Arbeitslosigkeit – vor allem Frauenarbeitslosigkeit – führte. 1973 waren 275.000 Menschen in der Bundesrepublik arbeitslos, 1975 bereits 1,074 Millionen oder 4,6 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung.Werner Bührer: Wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik, in: Informationen zur politischen Bildung, 2002; (online) Im Zuge der 68er-Bewegung hatte sich in der Bundesrepublik eine neue Frauenbewegung gegründet. Die 1970er Jahre wurden damit zu der „wohl entscheidend(sten) Dekade weiblicher Emanzipation in der Geschichte der Bundesrepublik“.Axel Schildt: Gesellschaft, Alltag und Kultur in der Bundesrepublik, in: Informationen zur politischen Bildung, Deutschland in den 70er/80er Jahren. (online) Die Aktivistinnen dieser Frauenbewegung unterstützten die Aktionen zum Internationalen Jahr der Frau nicht. Sie lehnten das von der UN weltweit ausgerufene Jahr vielmehr als „Verhöhnung der Frau“ ab.Claudia Pinl: 1975 Das Internationale Jahr der Frau und die Bundesrepublik - Versuch einer vorläufigen Bilanz, in: Frauenfragen. 26 (1975) 11, S. 678–685; (online (PDF))
Staatliche Politik und Aktionen des Deutschen Frauenrates
In der Bundesrepublik Deutschland wurde das Internationale Jahr der Frau von staatlicher Seite und vorzugsweise vom Deutschen Frauenrat und den in ihm zusammengeschlossenen Frauenverbänden und -vereinen organisiert. Die Schirmherrschaft übernahm die Bundestagspräsidentin Annemarie Renger.
Durch die zuständige Bundesministerin Katharina Focke wurde das „Kuratorium Internationales Jahr der Frau“ gegründet, das am 19. November 1974 seine erste Sitzung in Bonn-Bad Godesberg abhielt. Das Kuratorium sollte ein Gesamtprogramm zum Jahr der Frau erarbeiten, Informationen verbreiten und Aktivitäten planen. Die Zusammensetzung des Kuratoriums war umstritten, denn Focke hatte auch Personen in das Komitee berufen, die ein traditionelles Frauenbild vertraten, so zum Beispiel der katholische Bischof von Münster Heinrich Tenhumberg und der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände Hanns Martin Schleyer. Im Kuratorium saß auch Walter Steigner, Intendant der Deutschen Welle, der in der Sendung „Auf ein Wort“, am 17. November 1974 ausführte: „Wenn Frauen schließlich doch in öffentliche Ämter berufen werden, geschieht das mehr aus Höflichkeit, die dem weiblichen Geschlecht von den Männern aus unerfindlichen Gründen entgegengebracht wird. Frauen kommen dann auch für wichtige Positionen nicht in Betracht. Ihnen werden fürsorgende Funktionen überlassen wie das Jugendressort, bei dem ohnehin nichts mehr zu verderben ist.“ Das Kuratorium traf sich ein zweites Mal am 17. Juli 1975 zur „Halbzeit“ des Internationalen Jahres der Frau und beendete seine Arbeit zu Beginn des Jahres 1976.
Offiziell wurde das Internationale Jahr der Frau am 9. Januar 1975 durch eine feierliche Veranstaltung des Deutschen Frauenrates in der Bonner Beethovenhalle eröffnet.
In allen Reden wurde auf die Skepsis eingegangen, die das Jahr der Frau in der Bundesrepublik begleitete. In ihren Eröffnungsworten legte Irmgard von Meibom, die damalige Vorsitzende des Deutschen Frauenrate dar, dass alleine die Ankündigung des Internationalen Jahres der Frau in der Bundesrepublik bisher vor allem kritische Reaktionen hervorgerufen habe. Der Deutsche Frauenrat, so Meibom, sehe in dem Jahr allerdings eine große Chance und habe sich deshalb entschlossen, über das gesamte Jahr hinweg eine Fülle von Aktionen zu planen. Irmgard von Meibom: Begrüßung, in: Informationen für die Frau, 24. Jg., Nummer 1, Januar 1975, S. 3–4
Die Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, Katharina Focke, legte in ihrem Grußwort die Gründe dar, warum sich die Bundesregierung positiv zum Jahr der Frau gestellt hatte und dieses unterstützte: „Erstens wendet sich dieses Jahr an alle Nationen, es will etwas für die Frauen aller Länder erreichen (...). Aber auch in unserem eigenen Land ist die Situation der Frauen keineswegs so rosig, daß wir einen zusätzlichen Anstoß nicht gebrauchen könnten.“Katharina Focke: Grußwort, in: Informationen für die Frau, 24. Jg., Nummer 1, Januar 1975. S. 5–6
Die Bundestagspräsidentin Annemarie Renger wies vor allem auf die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt hin und auf die mangelnde Repräsentation von Frauen in den Parlamenten.Annemarie Renger: Ansprache, in: Informationen für die Frau, 24. Jg., Nummer 1, Januar 1975. S. 9–11. Als letzte Rednerin der Eröffnung sprach die Finnin Helvi Sipilä, die als Beigeordnete UN-Generalsekretärin für Soziale Entwicklung und humanitäre Fragen gleichzeitig auch Generalsekretärin für das Internationale Jahr der Frau war. Sie legte dar, dass das Internationale Jahr der Frau ein "neues Kapitel in der internationalen Entwicklung" einleiten sollte. Dabei stünden vor allem zwei Problemkreise im Mittelpunkt: Die Bevölkerungs- und die Ernährungsfrage, die beide ohne die aktive Einbeziehung von Frauen weltweit nicht gelöst werden könnten.Helvi Sipilä: Ansprache, in: Informationen für die Frau, 24. Jg., Nummer 1, Januar 1975. S. 11–14 In einer Regierungserklärung vom 30. Januar 1975 betonte Focke, dass das Internationale Jahr der Frau eine Chance bot, über die Situation der Frauen in der Bundesrepublik und weltweit nachzudenken.
An den offiziellen Veranstaltungen beteiligten sich viele Institutionen, u. a. Parteien, Gewerkschaften (z. B. der DGB), Kirchen, ARD, ZDF, Frauenverbände und Sozialverbände. Das ganze Jahr wurde durch Seminare, Fernseh- und Radiosendungen sowie zahlreiche öffentliche Veranstaltungen begleitet. Die Informationen für die Frau – der Informationsdienst des Deutschen Frauenrates – listete in seinem Märzheft alleine über 60 Veranstaltungen seiner Mitgliedsverbände zwischen Januar und Dezember 1975 auf.
Nichtstaatliche Organisationen und ihre Aktivitäten
Um über das Internationale Jahr der Frau angemessen zu informieren, gründete sich im April 1975 die Initiative Internationales Jahr der Frau 1975. Die Initiatorinnen waren unter anderem Journalistinnen, Schauspielerinnen, Publizistinnen, Wissenschaftlerinnen, sowie Betriebsrätinnen, welche das Ziel verfolgten, die Öffentlichkeit auf die Probleme der nicht vollzogenen Gleichberechtigung der Frau aufmerksam zu machen. Die Initiative war ein selbstständig organisierter Zusammenschluss vor allem aus den Kreisen der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung, welcher Veranstaltungen und Aufrufe mit Hilfe von Spendengeldern finanzierte.Nachlass Eleonore Romberg: Addf; NL-P-18; 11-7.
Die Dozentin Eleonore Romberg lud im Namen der Initiative zur Pressekonferenz am 7. Januar 1975 in Bonn ein und stellte dort ihre Ideen für ein erfolgreiches Internationales Jahr der Frau der Öffentlichkeit vor. Besonders wichtig war den Initiatorinnen die Verknüpfung von Emanzipation und Pazifismus.