Gerhard Gloege (* 24. Dezember 1901 in Crossen an der Oder; † 15. April 1970 in Bonn) war einer der bedeutendsten deutschen evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts.So die Einschätzung Eberhard Jüngels, in: Um Gottes willen – Klarheit, in: EPD-Dokumentation 46/97, S. 59–65, 64.

Leben und Wirken Kindheit und Ausbildung (1901–1929) Gloege verbrachte seine frühe Kindheit in Crossen. Sein Vater verstarb, als er 4 Jahre alt war. Als seine Mutter im Dezember 1912 starb, zog er zu seinem ältesten Bruder Georg nach Friedenau.Georg Wilhelm Ernst Gloege (geb. 22. April 1886) war Germanist und Oberstudiendirektor der Königin-Luise-Schule in Berlin-Friedenau. 1934 trat er aufgrund der eingeforderten Arier-Erklärung aus der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft aus. Hier legte er 1920 die Reifeprüfung ab. Er studierte in Berlin und Marburg evangelische Theologie und besuchte das Predigerseminar Wittenberg unter Waldemar Macholz. Vikar war er im Michowitz (Steinkohlenrevier Schlesien). 1926 legte er das 2. theologische Examen ab und wurde Stadtvikar und 1927 Pfarrer in Bernau bei Berlin. Im gleichen Jahr heiratete er Elisabeth Biederstaedt und promovierte bei Gerhard Kittel in Tübingen zum Dr. theol. Während einer Vertretung im Juli 1928 in Zepernick traute Gloege Margarete Boden und Heinrich Himmler.

Lehrer der Kirche im Kirchenkampf und im Verborgenen (1930–1945) Im Dezember 1929 wurde Gloege Dozent für Neues Testament der ersten staatlich anerkannten Kirchlichen Hochschule Deutschlands, dem Kirchlichen Auslandseminar in Ilsenburg (Harz). In der heftigen Auseinandersetzung zwischen Karl Barth und Otto Dibelius baute Gerhard Gloege eine Brücke, die es wenig später ermöglichte, dass die beiden Kontrahenten in der Bekennenden Kirche zusammen agieren konnten.Ausgangspunkt war das Buch von Otto Dibelius Das Jahrhundert der Kirche. Berlin 1928 und Nachspiel - Eine Aussprache mit den Freunden und Kritikern des „Jahrhunderts der Kirche“. Berlin 1928. Darauf antwortete Karl Barth mit Die Not der evangelischen Kirche. In: Zwischen den Zeiten 9 (1931), S. 89–116. Zur weiteren Kontroverse vgl. Wolf Krötke: Gottes Herrlichkeit und die Kirche. Zum Gottesverständnis der Auseinandersetzung zwischen Karl Barth und Otto Dibelius. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 2 1989, S. 437–450. Gerhard Gloege erklärte in der Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung: „Mit der Bitte: dein Reich komme, bittet die Kirche um ihren Untergang.“ Diesen Satz zitierend lud Dibelius Barth zu einem Gespräch ein, bei dem es zu einer gegenseitigen Achtung der kirchenpolitischen Führer kam. Vgl. Hartmut Fritz: Otto Dibelius. Ein Kirchenmann in der Zeit zwischen Monarchie und Diktatur. Göttingen 1998, S. 382.

Ende 1933 wurde Gloege als Studiendirektor des Predigerseminars und Gemeindepfarrer in Naumburg am Queis berufen. Im Zuge der Bildung einer Reichskirche ließ Reichsbischof Ludwig Müller am 15. März 1934 alle Predigerseminare Preußens schließen. Hatte Gloege sich in Ilsenburg den Deutschen Christen angeschlossen, so zerriss er nun vor seiner Gemeinde seine Mitgliedskarte und wirkte von da an in der Bekennenden Kirche mit.Bericht darüber vom 29. März 1934 in: Quellenbuch zur Geschichte der Evangelischen Kirche in Schlesien. Hrsg. von Gustav Adolf Benrath, Göttingen 1992, S. 469 Das von Gloege formulierte „Wort des Schlesischen Kirchentages zu Breslau am 13. Mai 1934 an die Gemeinden und Pfarrer Schlesiens“ zeigte ihn als einen Verfechter einer klaren Trennung der Kirche von den Deutschen Christen und insbesondere ihrer Blut-Ideologie. Wie sehr dies zugleich ein Politikum war, blieb jedoch in Breslau offen.So Hans-Joachim Fränkel: Der Kirchenkampf in Schlesien. In: Peter Maser, Peter Hauptmann (Hrsg.): Der Kirchenkampf im deutschen Osten und in den deutschsprachigen Kirchen. Göttingen 1992, S. 49–66 Nach dieser Synode wurde eine Erklärung an die Gemeinden Schlesiens versandt, die auch Gerhard Gloege unterzeichnete, in der es hieß: „Wir wollen keine Spaltung unserer Kirche … Wir bejahen die Verfassung der DEK von 1933 und erstreben in ihr Einheit und Zusammenfassung, aber vom Bekenntnis aus. Zum Frieden kann unsere Kirche nur kommen durch ein Kirchenregiment, das nicht nur das Bekenntnis schützt, sondern vom Bekenntnis aus handelt.“Aufruf des Rates der Bekennenden Kirche Schlesiens an alle Pfarrer anlässlich der Bekenntnissynode von Barmen, vom 13. Juli 1934. In: Quellenbuch zur Geschichte der Evangelischen Kirche in Schlesien. Hrsg. von Gustav Adolf Benrath, Göttingen 1992 Eine für den Lutheraner Gloege wichtige Klärung fand auf der Barmer Bekenntnissynode wenige Tage später statt, an der er als Berater im Theologischen Ausschuss teilnehmen durfte. Im April hatte er schon die Zusage des Pfarrernotbundes zur Gehaltsübernahme bekommen. In den folgenden Monaten ist Gloege oft für die Bekennende Kirche auf Vortragsreisen unterwegs. Am 15. Juli 1934 wurde er durch den preußischen Bischof Ludwig Müller seiner Ämter enthoben. Er und seine Kirchgemeinde gingen dagegen juristisch vor, letztlich jedoch ohne Erfolg. Als Ludwig Müller am 23. September 1934 im Berliner Dom als Reichsbischof eingeführt wurde, predigte Gloege in Betsche (Landkreis Lebus) und erklärt Müller als außerhalb der Kirche stehend.

Als im November 1934 die preußische Kirche das Predigerseminar mit einem neuen, den Deutschen Christen nahestehenden Leiter eröffnete, beschloss der Bruderrat der Bekennenden Kirche, unter der Leitung von Gerhard Gloege in Naumburg eine eigene Ausbildungsstätte zu etablieren. Zum ersten Kurs erschienen vor allem Kandidaten aus dem ehemaligen Predigerseminar Frankfurt/Oder. Sie mussten mit in die Wohnung von Gloeges ziehen, was die Polizei erfolglos zu verhindern versuchte. Zu diesem Zeitpunkt erklärte Bischof Otto Zänker, die schlesische Kirche auch im Widerspruch zum Evangelischen Oberkirchenrat zu leiten.Ernst Hornig: Die Bekennende Kirche in Schlesien 1933–1945: Geschichte und Dokumente. Göttingen 1997, S. 110f. Gloege fand bei seinem radikalen Kurs, allen staatlichen Einflüssen auf die Kirche zu widerstehen, vielfältige Unterstützung durch seine Naumburger Kirchgemeinde.Vgl. Ernst Hornig: Die Bekennende Kirche in Schlesien 1933–1945: Geschichte und Dokumente. Göttingen 1997, S. 138ff. Der Polizei- und Gestapo-Terror gegen Vertreter der Bekennenden Kirche in Schlesien nahm 1935 zu. Zeitweilig waren über 200 evangelische Pfarrer Schlesiens inhaftiert.Dietrich Meyer: Widerstand und Anpassung der evangelischen Kirche von Schlesien während des Nationalsozialismus. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Selbstbehauptung und Opposition. Kirche als Ort des Widerstandes gegen staatliche Diktatur. Berlin 2003, S. 49–77, 55 Im März 1935 verfügte der Evangelische Oberkirchenrat die Absetzung Gloeges auch als Pfarrer von Naumburg. Doch Gloege blieb und auch der Seminarbetrieb ging weiter. Mit Bischof Zänker wurde eine Prüfungsordnung vereinbart, bei der die Verantwortung allein bei der Bekennenden Kirche lag, doch der inzwischen vermittelnde Landeskirchenausschuss setzte gegen den Bischof eine Prüfungsbehörde ein. Ganz im Sinne der Vierten Synode der Bekennenden Kirche konnte Gloege dieses nicht anerkennen,Gloege an Generalsuperintendent Johannes Eger am 11. Dezember 1935. In: Ernst Hornig: Die Bekennende Kirche in Schlesien 1933–1945: Geschichte und Dokumente. Göttingen 1997, S. 154ff. aber die Umsetzung wurde immer schwieriger (Einzug der Kirchkasse, Kündigung von Mitarbeitern am Predigerseminar, Inhaftierung von Kandidaten, u. a. Hans-Joachim Fränkel und des Sprechers der Schlesischen Vikare Herbert Mochalski, Telefonbeschlagnahmung, Verhöre). Gloege war in diesen Jahren viel unterwegs, um Familien und Gemeinden, deren Mitglieder inhaftiert wurden, zu unterstützen. Einen eindrücklichen Bericht gibt es über seine Visitation in Oberwalden, bei der er der Gemeinde und der Gestapo öffentlich ins Gewissen redete.Gloege: Bericht über eine Visitation in Oberwalden am 19. Juni 1937. In: Quellenbuch, S. 491–493 Immer deutlicher erkannte Gloege die Dynamik der staatlichen Kirchenzerstörung.

Als der Lutherische Rat 1934 einberufen wurde, gehörte auch Gloege dazu. Im Dezember 1935 versuchte er den Lutherrat ohne Erfolg zu einer Aufgabe der Zusammenarbeit mit den vom Reichsbischof eingesetzten Kirchenausschüssen zu bewegen.Carsten Nicolaisen (Hrsg.): Verantwortung für die Kirche II.: Herbst 1935 bis Frühjahr 1937. Göttingen 1992, 150f. Kurz darauf war er Zeuge der Spaltung der Bekennende Kirche bzw. des Reichsbruderrates auf der Vierten Synode der Bekennenden Kirche in Bad Oeynhausen. Ähnliches vollzog sich wenig später in der Bekennenden Kirche der Kirchenprovinz Schlesien. Gloege erklärte die Breslauer Synode, später Christophori-Synode genannt, zur „Pseudosynode“.Gloege: Von der Kirchengewalt. In: Ders.: Theologische Traktate I. Göttingen 1965, S. 231–259, 251 Für die Erste Schlesische Bekenntnissynode, die auch Naumburger Synode genannt wird, formulierte er die radikale Positionsbestimmung „Von der Kirchengewalt“. Von den Schmalkaldischen Artikeln ausgehend lehnte Gloege und mit ihm alle anwesenden Synodalen jedes nicht im Priestertum aller Gläubigen begründete kirchliche Amt als häretisch ab.Ähnlich erklärte Dietrich Bonhoeffer im Juni 1936, „wer sich wissentlich von der Bekennenden Kirche in Deutschland trennt, trennt sich vom Heil“. Dietrich Bonhoeffer: Zur Frage nach der Kirchengemeinschaft. In: Evangelische Theologie 3, 1936, S. 214–233, S. 231 Von der Naumburger Synode wurde Gloege in den Schlesischen Bruderrat gewählt. In der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche war er zugleich im Lutherischen Konvent. Hier hat er zusammen mit seinem Kollegen Hans Asmussen die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Kirche und im Zusammenhang mit der Synode in Halle 1937 die Frage der Abendmahlsgemeinschaft innerhalb der Bekennenden Kirche reflektiert.Gerhard Besier/Henning Gloege, Unveröffentlichte Dokumente aus der Auslegungsgeschichte von Barmen: Gerhard Gloege, Staat und Kirche nach lutherischer Lehre in Auslegung des fünften Barmer Satzes, in: Gerhard Besier/Gerhard Ringshausen (Herausgeber): Bekenntnis, Widerstand, Martyrium: von Barmen 1934 bis Plötzensee 1944, Göttingen 1986, S. 396–425; Carsten Nicolaisen (Herausgeber): Verantwortung für die Kirche, II.: Herbst 1935 bis Frühjahr 1937, Göttingen 1992, S. 149–151