Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen ist ein Band mit Erzählungen von Patrick Roth, der im März 2013 im Wallstein-Verlag erschien.

Überblick Eine Folge von zehn autobiographisch grundierten Einzelerzählungen aus unterschiedlichen Werkphasen ist zur Amerikanischen Fahrt verknüpft.Ein Teil der Texte ist schon einmal an verstreuten Orten erschienen und wurde für die Neuausgabe überarbeitet. Das mittlere Stück „Real Time an den Feuern“ und die letzten drei unter dem Abschnitt Innen – Amerika – Nacht versammelten Texte sind Erstpublikationen. Das übergeordnete Bild der Fahrt stellt die chronologisch nach dem Lebensalter des Erzählers angeordneten Texte unter das Paradigma der Quest. Hintergrund ist Roths Leben in Amerika (1975 bis 2012), seine Liebe zum Film und das Finden des eigenen Wegs als Schriftsteller. Der Erzähler tritt in wechselnden Rollen in Erscheinung: als Filmstudent, Schauspieler/Statist, Jungregisseur, Filmjournalist und Schriftsteller. Als solcher blickt er auf seine „amerikanische Erfahrung“ zurück, mit der Maßgabe, dem eingeschriebenen Sinn auf die Spur zu kommen. In den letzten drei Innen – Amerika – Nacht betitelten „Stories“ tritt das selbstreflexive Element entsprechend stärker in den Vordergrund.Ursprünglich wurden die letzten drei Texte als Heidelberger Poetikvorlesungen (2012) verfasst. Vgl.: Patrick Roth, Videomitschnitt Innen. Amerika. Nacht / Heidelberger Poetikdozentur 2012

Inhalt Hebels Hollywood S. 7–39 Die erste Erzählung umfasst die Jahre 1975 bis 1981 und präsentiert den Erzähler als jungen Deutschen, der in Los Angeles Fuß zu fassen sucht. Mit nächtlichen Autofahrten über die Freeways und Boulevards der „Riesenstadt“ sucht er seine Entwurzelung zu bewältigen, indem er während der Fahrt den vertrauten Geschichten seiner Lieblingsdichter lauscht, die er sich eigens auf Band gelesen hat. Im Hören von Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen legen sich die aus dem Inneren aufsteigenden Bilder auf die konkrete Landschaft vor der Windschutzscheibe. Hebels junger Bergmann küsst die Braut „in Los Angeles auf dem Ventura Freeway nahe dem Laurel Canyon Exit“, an dem der junge Mann gerade „mit 55 Meilen die Stunde“ vorbeifährt.Patrick Roth, Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen, Göttingen: Wallstein, 2013, S. 14. Innen und Außen, Deutschland und Amerika, Hebel und Hollywood gehen eine Verbindung ein. Durch den inneren Vorgang der Projektion wird das Getrennte als vereint und das Fremde als heimisch erfahren. Wenige Jahre später – der erste Film, eine Charles-Bukowski-Geschichte, ist nicht verkauft, die junge Ehe liegt in Scherben –, taucht der junge Mann in Paris auf. Einem Rat der Filmhistorikerin Lotte Eisner folgend, stattet er dem Musée Balzac einen Besuch ab. In einem unbeobachteten Moment springt er über das Absperrseil, setzt sich an den Schreibtisch des Dichters. Den Kopf auf der vom Druck der Schreibhand Balzacs eingewölbten Tischplatte sieht er plötzlich die Verbindung der „Täler“: demjenigen Balzacs und dem eigenen, kalifornischen San Fernando Valley, das sein neuer Lebensmittelpunkt werden wird.

Der Fremde Reiter S. 41–64 Die zweite Erzählung ist eine Short Story klassischen Zuschnitts, die 1976 im Milieu von Bürgerkrieg-Hobbyisten spielt, in das es den 22-jährigen Filmschul-Absolventen verschlagen hat.Zu Bauform und Interpretation der an Ambrose Bierces Kurzgeschichte An Occurence at Owl Creek Bridge angelehnte Erzählung vgl.: Michaela Kopp-Marx: „Das römische Abendmahl oder Die Problematik des Bösen in Corpus Christi und Der fremde Reiter“, in: dies. (Hg.): Der lebendige Mythos. Das Schreiben von Patrick Roth. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2010, S. 457ff. Auf einer Wiese südlich von Culver City agiert er als Fahnenträger der Konföderierten im Reenactment von „Pickett's Charge“, dem blutigsten Gefecht des Amerikanischen Bürgerkriegs und Höhepunkt der Schlacht von Gettysburg.

Am Vorabend der Aufführung kommt es zu einem seltsamen Abendmahl am Lagerfeuer der Reenactors, bei dem originaler, aus Gettysburg-Weizen gebackener Keks und alter Wein, der auf dem Schlachtfeld gewachsen sein soll, unter den Männern verteilt und eingenommen wird. Unmittelbar darauf erscheint ein unbekannter junger Rekrut und trägt der Runde die Bitte vor, am folgenden Tag nicht die Schlacht selbst, sondern das Ur-Reenactment nachzustellen, das Veteranen beider Seiten fünfzig Jahre später, im Jahr 1913, am Originalschauplatz aufführten. Der Unbekannte mahnt die Männer, nicht Kampf und Tod, sondern der wundersamen Versöhnung zu gedenken, die sich bei diesem ersten Reenactment spontan ereignet hatte: Überwältigt vom Schmerz waren sich die Todfeinde brüderlich in die Arme gefallen, anstatt der „Historie“ gemäß noch einmal aufeinander zu schießen. Die eindringliche Bitte des unbekannten Rekruten wird jedoch ausgeschlagen. Das Reenactment am folgenden Tag endet in einer Katastrophe. Der Erzähler schildert eindringlich, wie er und seine Kameraden unter den scharfen Säbel eines plötzlich auf dem Schlachtfeld erschienenen „fremden Reiters“ geraten. Die dunkle Gestalt im weißen Gewand lässt den Horror des Krieges wieder wirklich werden und richtet und ein Blutbad unter den Reenactors an.

Silhouette des Reiters S. 65–83 Die dritte Erzählung stellt ein posthumes Interview mit dem berühmten Western-Regisseur John Ford dar, der eigens zu diesem Zweck von seiner Wolke „herabgeblasen“ wurde. Auf einer Mesa im Monument Valley, der typischen Landschaft zahlreicher Ford-Western, erwartet ihn der Interviewer, der sich als „Patrick Roth, Schriftsteller“ vorstellt. Das folgende Gespräch dreht sich hauptsächlich um den kreativen Prozess und seine Voraussetzungen. Insbesondere die Schwierigkeiten der Umsetzung geistiger Inhalte in Bilder und Szenen, sowie die unterschiedlichen Talente von Regisseur und Schriftsteller sind Thema des Interviews: Der Schriftsteller formt in einsamer Schreibtisch-Arbeit aus Phantasien, Gedanken und Visionen eine Geschichte; der Regisseur übersetzt mithilfe eines Teams ein geistiges Produkt in die „dreidimensionale Wirklichkeit“ des Filmsets. Ford erscheint vor diesem Hintergrund als legendärer Regisseur, der zwar eine ganze Welt in ein Filmbild fassen, aber „nicht schreiben“ konnte.

Getragen wird das Interview von Bewunderung für den „Bildpoeten“ Ford und der Überzeugung, dass große Kunst Erfahrung ermöglicht. Dem Zuschauer einen Raum zu schaffen, in den er eintreten kann, ist im Sinne des Interviewers das Grundprinzip von Fords Filmen. Ihm verdankt sich die „Lehre“ von der vierten Ecke des Filmbilds, die dunkel bleiben muss und die strikte Ablehnung des Zoom. Das technisch produzierte Heran- oder Herauszoomen „zerstört“ den Raum, wohingegen die „ruhige, amerikanische Kamerafahrt“ den Zuschauer in den Raum und in die Geschichte „hineinschreibt“.Patrick Roth: Silhouette des Reiters. In: ders.: Die amerikanische Fahrt, S. 80.

Lynch for Lunch S. 87–99 Die vierte Erzählung spielt 1986 und handelt vom talentierten Schreiber Parker, der in einem Hinterzimmer-Theater am Hollywood Boulevard sein Stück über Arthur Rimbaud mit ihm selbst in der Hauptrolle zur Aufführung bringt und fest an die Macht des Schicksals glaubt. Seinen Traum vom großen Durchbruch sieht er in greifbarer Nähe, als eines Abends der Name von David Lynch auf der Reservierungsliste steht. Allmachtsphantasien ergreifen von Parker Besitz; er beginnt, seine Rolle im Stil von Lynchs Der Elefantenmensch zu spielen und phantasiert sich in zukünftige Projekte mit dem Kultregisseur hinein. David Lynch taucht jedoch nie in Parkers Vorstellung auf. Liebe und Bewunderung verwandeln sich in Hass und Verachtung. Jahre später, Parker arbeitet nun als Aushilfe in einem Buchladen, sieht er seine Chance auf Vergeltung gekommen. David Lynch erscheint im Laden und fragt nach „Büchern von David Lynch“. Parker erteilt dem Mann, in dem er einen Lynch-Verehrer vermutet, eine Abreibung. Doch es war der „echte“ David Lynch und Parker sieht sich neuerlich vom Schicksal „gebeugt“.

Lost in Your Shadow S. 101–122 In der fünften Erzählung tritt der Erzähler als Filmverrückter in Erscheinung, der mit einem Freund im Auftrag von Universal Studios von Vorführung zu Vorführung eilt, ausländische Filmklassiker auf „Remake-Possibility“ zu prüfen. Seine Eindrücke hält er in tagebuchartigen Notaten fest. Auch die Geschichte seiner ‚Begegnung‘ mit dem großen Stummfilmregisseur D. W. Griffith, die sich im ältesten Restaurant Hollywoods zutrug, eröffnet tiefe Einblicke in den Alltag eines „Filmbesessenen“, der die Welt ausschließlich durch die Film-Brille wahrnimmt und sich nicht wundert, wenn das längst verstorbene Filmgenie in „Geisterseelenruhe“ sein Steak bei „Musso and Frank“ verspeist.

Die untergründige Nähe von Kino und Psyche erweist auch der letzte Tagebucheintrag, der die Vorführung einer verlorenen Szene aus Orson Welles Der Glanz des Hauses Amberson zum Thema hat. Der Erzähler vergegenwärtigt im Stil eines Drehbuchs eine unheimliche nächtliche Szenerie, in der der Protagonist George Minafer, Tim Holt, den Schädel seiner kürzlich verstorbenen Mutter im Schlamm des Amberson-Grundstücks entdeckt. Die Episode liest sich wie eine Essenz des Mutter-Sohn-Problems, das Welles Film grundiert und hier in ein schockierendes, fiktives Bild gefasst wird.

Real Time an den Feuern S. 123–169 Die sechste, umfänglichste Erzählung markiert die eigentliche Mitte der Amerikanischen Fahrt und präsentiert den Erzähler als filmbegeisterten Schriftsteller, der seine Film-Notate und Tagebucheinträge aus dem Juli 2002 durchgeht – Aufzeichnungen aus der Zeit eines bevorstehenden Umbruchs, der das Ende eines Lebensabschnitts markiert. Aus der Rückschau fällt ihm seine damalige Faszination für Filme ins Auge, die „real time“-Szenen enthielten. Zum Beispiel die Episode am Lagerfeuer in Richard Brooks Spätwestern 700 Meilen westwärts oder das ausführliche Gespräch, das Anna Karina in Jean-Luc Godards Vivre sa vie mit einem Philosophen in einem Pariser Café führt. Die Handlung steht in diesen Szenen still und eröffnet dem Zuschauer die Möglichkeit, „real time“ zu erleben, d. h. Anteil am „Dauern der Zeit“ zu haben: Er sitzt mit am „Lagerfeuer“ oder am Bistrotisch und vergisst Raum und Zeit. „Wenn der Plot hält: bewegt uns das Unbewegte. Bewegt den Erinnernden, bewegt sich in ihm, weil er nun weiß, physisch – durchs Dauern der Szene – weiß, daß er wirklich dabei gewesen ist.“Patrick Roth: Real Time an den Feuern. In: ders.: Die amerikanische Fahrt, S. 138.

Die eigenartige Vorliebe für Filme, die „real time“-Momente ermöglichen, erklärt sich aus der bevorstehenden Umwälzung im Leben des Tagebuchschreibers, dem erzwungenen Auszug aus dem vertrauten Sherman Oaks und dem Aufbruch in eine neue Stadt. Vor diesem Hintergrund wird das Bedürfnis nach „real time“, nach einem Unvergänglich-Ewigen als Kompensation im Vorhinein verständlich: Kompensiert wird der anstehende Umbruch und das damit verbundene Chaos, von dem das Bewusstsein noch nichts weiß, das sich im instinktiven Verlangen nach Teilhabe an einem Zeitlos-Dauerhaften manifestiert.

Deutlich wird: Filme bzw. Filmszenen fungieren im Sinne des Erzählers in ähnlicher Weise wie Träume: Sie tragen das Potential eines Spiegels in sich, mit dem sich innere, unbewusste Vorgänge bewusst machen lassen. Bedingung für diese Spiegelfunktion ist die Ansprache des Gefühls im Zuschauer. Was für den Film gilt, gilt auch für das eigene Schreiben: Es zielt auf die Evokation von „Real-Time“, will die Grenzen zwischen Buch und Leser aufheben. Gelingt dies, wird ein „Raum der Verwandlung“ geschaffen, in den der Leser eintreten kann.Patrick Roth: Real Time an den Feuern. In: ders.: Die amerikanische Fahrt, S. 140.

Out of the Past S. 171–181