Ruxolitinib ist ein Arzneistoff, der die Januskinasen JAK1 und JAK2 hemmt. Er wird bei bestimmtem bösartigen Blutbildungskrankheiten (myeloproliferativen Neoplasien) eingesetzt.C. Keohane, D. H. Radia, C. N. Harrison: Treatment and management of myelofibrosis in the era of JAK inhibitors. In: Biologics: targets & therapy. Band 7, 2013, S. 189–198, doi:10.2147/BTT.S34942, PMID 23990704, .L. P. Yang, G. M. Keating: Ruxolitinib: in the treatment of myelofibrosis. In: Drugs. Band 72, Nummer 16, November 2012, S. 2117–2127, PMID 23061804. Seit 2011 ist er in den USA unter den Handelsnamen Jakafi (Incyte Corp.), in den Ländern der EU seit 2012 unter dem Namen Jakavi (Novartis) zugelassen zur Behandlung der idiopathischen (oder primären) Myelofibrose und der Polycythaemia vera (Zulassung in der EU 2015), seit 2022 für die Behandlung der Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD) und seit 2023 unter dem Namen Opzelura (Incyte Corp.) zur Behandlung von Vitiligo.
Wirkungsmechanismus Der Tyrosinkinaseinhibitor Ruxolitinib hemmt selektiv die beiden Januskinasen JAK-1 und JAK-2, die über den JAK-STAT-Signalweg die Wirkung pro-inflammatorischer Mediatoren und Zytokine, z. B. Interferon-γ in die Zelle und den Zellkern vermitteln.
Anwendungsgebiete Systemisch Ruxolitinib ist zugelassen zur Behandlung von krankheitsbedingter Splenomegalie (vergrößerter Milz) oder von anderen Symptomen bei Erwachsenen mit primärer Myelofibrose, Post-Polycythaemia-vera-Myelofibrose oder Post-Essentieller-Thrombozythämie-Myelofibrose. Ferner ist es angezeigt zur Behandlung der Polycythaemia vera bei Patienten, die resistent oder intolerant gegenüber Hydroxycarbamid sind.
Auch bei Behandlung der akuten und Cortison-refraktären Graft-versus-Host-Reaktion, also einer Immunreaktion der Stammzellen nach allogener Stammzelltransplantation gegen den Empfänger, zeigt Ruxolitinib gute Ergebnisse. In einer offenen randomisierten kontrollierten Studie (Phase-III-Studie) zeigte sich unter Ruxolitinib nach 28 Tagen in 62 % (gegen 39 % in der Kontrollgruppe) eine Reaktion (Odds ratio 2,64) mit einer medianen Überlebenszeit von 11 Monaten (gegen 7 Monate).Robert Zeiser, Nikolas von Bubnoff, Jason Butler, Mohamad Mohty, Dietger Niederwieser, Reuven Or, Jeff Szer, Eva M. Wagner, Tsila Zuckerman, Bruyère Mahuzier, Judith Xu, Celine Wilke, Kunal K. Gandhi, Gérard Socié et al. für die "REACH2 Trial Group": Ruxolitinib for Glucocorticoid-Refractory Acute Graft-versus-Host Disease. New England Journal of Medicine 2020, Band 382, Ausgabe 19 vom 7. Mai 2020, Seiten 1800–1810, DOI: 10.1056/NEJMoa1917635. Ruxolitinib ist seit dem Mai 2022 für diese Indikation in Europa zugelassen.
Topisch Im September 2021 wurde Ruxolitinib als Creme unter dem Präparatenamen Opzelura zur kurzzeitigen und zur nicht-kontinuierlichen chronischen Behandlung von leichter bis mittelschwerer atopischer Dermatitis bei nicht immungeschwächten Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren zugelassen, wenn andere topische Therapien nicht ausreichend wirksam oder nicht ratsam sind. 2022 gab es eine Zulassungserweiterung um die Behandlung von nicht-segmentaler Vitiligo bei Patienten ab 12 Jahren. NDA 215309, abgerufen am 28. April 2023. Vitiligo ist eine Erkrankung des Immunsystems, bei dem die Melanozyten (pigmentbildende Hautzellen) angegriffen werden, wodurch weiße Hautflecken entstehen. Die EU-Zulassung für die Behandlung von nicht-segementaler Vitiligo, wenn auch das Gesicht betroffen ist, erfolgte im April 2023. Eintrag EU/1/23/1726 im EU-Register für Humanarzneimittel, Europäische Kommission. Abgerufen am 28. April 2023.
Kontraindikationen Bei einem Unterschreiten der Thrombozytenzahl auf < 50.000/µl oder der Leukozytenzahl < 500/µl sollte die Behandlung unterbrochen werden. Außerdem sind Schwangerschaft und Stillzeit eine Kontraindikation.
Einige Patienten mit Myelofibrose entwickeln zwei bis drei Jahre nach Therapiebeginn ein aggressives B-Zell-Lymphom, da JAK2-Inhibitoren im Knochenmark schlummernde B-Zell-Lymphome aktivieren und damit den Krebs auslösen. Das aggressive Lymphom schlummert in rund 16 Prozent der Myelofibrose-Patienten. Bei etwa sechs Prozent davon bricht es durch JAK-2-Inhibitoren aus. Die ruhenden Lymphome können, wenn man sie sucht, durch eine sensitive, molekularbiologische Methode entdeckt werden – um Risikopatienten vor der Therapie mit JAK2-Inhibitoren zu bewahren.bloodjournal.org E. Porpaczy et al.: Aggressive B-cell lymphomas in patients with myelofibrosis receiving JAK1/2 inhibitor therapy. In: Blood, doi:10.1182/blood-2017-10-810739.
Nebenwirkungen Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Schwindel und Kopfschmerz. Auch waren Infektionen und eine Erhöhung des Blutdrucks unter der Behandlung häufiger als bei den mit Placebo behandelten Patienten.
Dosisabhängige unerwünschte "on-target"-Wirkungen sind Blutarmut (Anämie), Blutplättchenmangel (Thrombozytopenie), eine verminderte Zahl weißer Blutkörperchen und Blutungen sowie eine Immunsuppression. Auch Cytomegalie-Reaktivierungen wurden häufig beobachtet. Ruxolitinib scheint ein sehr selektiver Inhibitor mit wenigen "off-target"-Wirkungen zu sein.Nelson Chao: Finally, a Successful Randomized Trial for GVHD New England Journal of Medicine 2020, Band 382, Ausgabe 19 vom 7. Mai 2020, Seiten 1853–1854, DOI: 10.1056/NEJMe2003331.
Anwendung bei COVID-19 Ruxolitinib wurde versuchsweise und anscheinend erfolgreich gegen COVID-19 eingesetzt.
Handelsnamen Jakavi (CH, EU, CND, J), Jakafi (USA), Opzelura (EU, USA)
Weblinks Jakavi | European Medicines Agency (EPAR auf der Website der Europäischen Arzneimittelagentur)
Einzelnachweise
Kategorie:Tyrosinkinase-Inhibitor Kategorie:Pyrrol Kategorie:Pyrimidin Kategorie:Pyrazol Kategorie:Cyclopentylverbindung Kategorie:Nitril