Tierwohl ist eine Bezeichnung für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Tieren, insbesondere von Nutztieren. Das Tierwohl umfasst die Aspekte körperliche Gesundheit, die Ausführbarkeit von natürlichen Verhaltensweisen („Normalverhalten“) und das emotionale Wohlbefinden der Tiere.I. J. H. Duncan, D. Fraser: Understanding animal welfare. In: M. C. Appleby, B. O. Hughes (Hrsg.): Animal Welfare. Wallingford, UK 1997, S. 19–31. Das Tierwohl ist zu einem Thema von breit angelegter wissenschaftlicher Forschung und Diskussion und der Begriff zum politischen Fahnenwort geworden. Der Begriff Tierwohl taucht auch im Zusammenhang mit der Vermarktung von tierischen Produkten auf (siehe Tierwohllabel).

Das Tierwohl hängt entscheidend davon ab, ob die Tierhaltung tiergerecht ist, das heißt, ob sie den Bedürfnissen der Tiere gerecht wird. Das Thema des Tierwohls wird deshalb in der Fachliteratur häufig mit dem Begriff Tiergerechtheit angesprochen.Zum Beispiel Ute Knierim: Grundsätzliche ethologische Überlegungen zur Beurteilung der Tiergerechtheit bei Nutztieren. In: Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 109, 2002, S. 261–266. Tiergerechtheit beschreibt als messbares Kriterium der Haltungsumgebung und des Umgangs mit dem Tier, „in welchem Maß Umweltbedingungen dem Tier die Voraussetzungen zur Vermeidung von Schmerzen, Leiden und Schäden sowie zur Sicherung von Wohlbefinden bieten“.Ute Knierim: Beurteilung der Tiergerechtheit – Konzepte und Begriffsdefinitionen (Begleittexte zum Vortrag, online), S. 3–5.

Die Frage des Tierwohls und der Tiergerechtheit stellt sich bei Nutztieren (Haustiere, Versuchstiere, Zirkustiere) und Heimtieren, teilweise auch bei Wildtieren (z. B. Zootiere, vgl. Wildtierhaltung). Dabei steht die landwirtschaftliche Nutztierhaltung im Vordergrund. Die Entscheidung, welche Haltungsbedingungen und Verfahren als nicht tiergerecht zu bewerten sind, hängt vom wissenschaftlichen Erkenntnisstand, aber auch von gesellschaftlichen Präferenzen ab. Der Gesetzgeber definiert im Tierschutzrecht Mindestanforderungen.

Begriffsabgrenzung Tierwohl, Tiergerechtheit, animal welfare Tierwohl und Tiergerechtheit verhalten sich spiegelbildlich: Das Tierwohl hängt vor allem vom tiergerechten Umgang mit den Tieren ab, und der Zweck einer tiergerechten Haltung ist das Tierwohl. Die beiden Begriffe werden oft gemeinsam erläutert, zum Beispiel: „Wenn Tiere gesund sind, ihr Normalverhalten ausführen können und negative Emotionen vermieden werden (z. B. Angst und Schmerz), kann von einer guten Tierwohl-Situation bzw. einer tiergerechten Haltung ausgegangen werden.“Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Nutztierhaltungsstrategie. Zukunftsfähige Tierhaltung in Deutschland. Juni 2017. Zitiert in Caroline Gröner, Angela Bergschmidt: Tierwohl-Förderprämien der Bundesländer. Ausgestaltung, Inanspruchnahme und Reichweite. Thünen Working Paper 125. Braunschweig 2019 (PDF; 1,4 MB), S. 3 (= PDF-Seite 13).

Ansonsten betreffen die Begriffe Tierwohl und Tiergerechtheit zwar weitgehend, aber nicht genau dieselben Sachverhalte. Beispielsweise ist die körperliche Gesundheit des Tieres nicht allein von der Tierhaltung und vom tiergerechten Verhalten des Menschen abhängig: Ein Tier kann auch dann krank werden, wenn die Haltungsbedingungen und die tierärztliche Betreuung optimal sind. Da das Tierwohl in der Regel im Hinblick auf die Verantwortung des Menschen betrachtet wird, beziehen sich die beiden Begriffe dennoch auf dasselbe Thema. Sie werden in Fachtexten häufig wie Synonyme verwendet,Caroline Gröner, Angela Bergschmidt: Tierwohl-Förderprämien der Bundesländer. Ausgestaltung, Inanspruchnahme und Reichweite. Thünen Working Paper 125. Braunschweig 2019 (PDF; 1,4 MB), S. 3 (= PDF-Seite 13). obwohl dies zumindest unpräzise ist.

Der englische Begriff animal welfare, der auch in deutschen Fachtexten auftaucht, ist eine wörtliche Entsprechung zum deutschen Wort Tierwohl. Im Englischen wird animal welfare jedoch häufiger und mit einer breiteren Bedeutung verwendet als Tierwohl im Deutschen. Animal welfare kann sich ebenso auf das Wohlergehen von Tieren („Tierwohl“) beziehen wie auf die Tierhaltung und alle Aktivitäten des Menschen, die dem Schutz von Tieren dienen. Deshalb kommt je nach Kontext auch die Übersetzung mit Tierschutz oder artgerechte Haltung oder Tiergerechtheit in Frage. Animal welfare umfasst beispielsweise auch Schutzmaßnahmen für wildlebende Tiere und entspricht in dieser Hinsicht dem deutschen Begriff Tierschutz. Im Englischen wird der Begriff animal welfare auch auf historisch frühe Bemühungen um den Tierschutz angewendet und sollte in diesem Zusammenhang mit Tierschutz übersetzt werden.US-Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnete im Jahr 1966 den Animal Welfare Act zum Schutz von Versuchstieren. Im Deutschen werden derartige Gesetze bis heute als „Tierschutzgesetz“ bezeichnet, nicht als „Tierwohlgesetz“. Somit entspricht animal welfare einem Überbegriff für mehrere deutsche Begriffe.Die Bedeutungsbreite von animal welfare kann bei einem Vergleich der deutschen und der englischen Version von Texten des BMEL nachvollzogen werden. Ein Beispiel: Tierschutz entspricht animal welfare, artgerechte Tierhaltung entspricht animal-welfare oriented husbandry, Tierwohl-Initiative entspricht animal welfare initiative.

Tierschutz Während der Begriff der Tiergerechtheit sich auf die Qualität der Tierhaltung bezieht, gehören zum Tierschutz auch Schutzmaßnahmen für frei lebende Wildtiere. Beispiele sind die Wildrettung oder Maßnahmen zum Schutz von Walen (vgl. Walschutzgebiet). Delfine sind ein Thema des Tierschutzes, weil viele von ihnen als Beifang der Fischerei sterben; für die Diskussion der Tiergerechtheit sind Delfine nur dann relevant, wenn sie in Delfinarien gehalten werden.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es beim Tierschutz eher um elementare Bedürfnisse der Tiere geht, während das Konzept des Tierwohls auch das emotionale Wohlergehen der einzelnen Tiere in den Blick nimmt.P. Ingenbleek, V. Immink, H. Spoolder, M. Bokma, L. Keeling: EU animal welfare policy: Developing a comprehensive policy framework. In: Food Policy. 37, 2012, S. 690–699.

Tierrechte Die Konzepte der Tierrechte und der Tiergerechtheit stehen in einem teils gegensätzlichen, teils parallelen Verhältnis zueinander. Die Tierrechtsdebatte beschäftigt sich seit den 1970er Jahren mit der Frage, ob Menschen überhaupt die Berechtigung haben, Tiere zu nutzen. Tierrechte-Philosophen wie Tom Regan und Peter Singer lehnen die Nutzung von Tieren weitgehend ab. Im Gegensatz dazu gehen Praktiker (zum Beispiel Landwirte und Handelsunternehmen) und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen (zum Beispiel Ethologen und Tiermediziner) von der Realität der Tierhaltung aus und beschäftigen sich mit der Frage, wie man Tiere – trotz ihrer Nutzung durch den Menschen – möglichst tiergerecht, also im Einklang mit ihren natürlichen Bedürfnissen behandeln und halten kann.F. David: Animal ethics and animal welfare science: bridging the two cultures. In: Applied Animal Behaviour Science. H. 65, 1999, S. 171–189. Schritte auf dem Weg zu mehr Tiergerechtheit in der Tierhaltung können auch als schrittweise Annäherung an das Ideal der Tierrechte verstanden werden – zum Beispiel wenn bestimmten Nutztieren künftig das „Recht“ auf mehr Bewegungsfreiheit im Stall zugestanden wird. Insofern besteht auch eine gewisse Ähnlichkeit der Konzepte.

Die Erkenntnis, dass eine mehr oder weniger tiergerechte Haltung noch keine Gerechtigkeit gegenüber dem Tier bedeutet und nicht mit einer Anerkennung von Tierrechten gleichzusetzen ist, spiegelt sich in der Umbenennung des österreichischen Tiergerechtigkeitsindex (TGI), wie er ursprünglich genannt wurde. Helmut Bartussek, der den TGI im Jahr 1985 entwickelt hat, berichtete über die Umbenennung in Tiergerechtheitsindex (Fettschrift wie im Original):

Messung und Bewertung Die fünf Freiheiten Im Jahr 1979 wurde von dem damals neu gegründeten britischen Farm Animal Welfare Council (FAWC) das Konzept der „fünf Freiheiten“ veröffentlicht, das auf dem britischen Brambell Report (1965)F. W. R. Brambell: Report of the Technical Committee of Enquiry into the Welfare of Livestock Kept under Intensive Conditions. HMSO, London 1965. aufbaute und weltweite Anerkennung gefunden hat.Farm Animal Welfare Council: FAWC Report on Farm Animal Welfare in Great Britain: Past, Present and Future (PDF; 403 kB), Oktober 2009, S. 2. Es bildet die Grundlage für verschiedene Mess- und Bewertungssysteme für Tiergerechtheit. Das Farm Animal Welfare Council bearbeitete das Thema des Tierwohls weiter und veröffentlichte regelmäßig Berichte und Stellungnahmen, bevor es im März 2011 durch eine Nachfolgeorganisation, das heute tätige Farm Animal Welfare Committee (FAWC), ersetzt wurde.Collection: FAWC advice to government gov.uk.

Die fünf Freiheiten sind:Angela Bergschmidt: Thünen-Institut: Wie sich Tiergerechtheit messen lässt thuenen.de, 11. Juli 2022. Freiheit von Hunger und Durst: Tiere haben Zugang zu frischem Wasser und gesundem und gehaltvollem Futter. Freiheit von haltungsbedingten Beschwerden: Tiere haben eine geeignete Unterbringung (z. B. einen Unterstand auf der Weide), adäquate Liegeflächen etc. Freiheit von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten: Die Tiere werden durch vorbeugende Maßnahmen, bzw. schnelle Diagnose und Behandlung, Verzicht auf Amputationen (bzw. Betäubung) versorgt. Freiheit von Angst und Stress: Durch Verfahren und Management werden Angst und Stress vermieden z. B. durch Verzicht auf Treibhilfen. Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster: Die Tiere haben die Möglichkeit das Normalverhalten auszuüben z. B. durch ausreichendes Platzangebot, Gruppenhaltung etc.

Das Konzept der fünf Freiheiten bietet einen Ansatz für die Operationalisierung, also die Messung der Tiergerechtheit in der Praxis.

Indikatoren Die Messung der verschiedenen Aspekte des Tierwohls erfolgt auf der Basis von Indikatoren. Hierbei werden unterschieden: Ressourcenbezogene Indikatoren, die bspw. Informationen über Haltungsverfahren und Platzangebot bereitstellen. Managementbezogene Indikatoren, die Praktiken wie die Enthornung von Rindern oder die Kastration von männlichen Ferkeln erfassen, aber auch die Fütterung und den Umgang mit den Tieren. Tierbezogene Indikatoren, die direkt am Tier gemessen werden. Beispiele für tierbezogene Indikatoren (animal-based indicators) sind Fußballenentzündungen (Pododermatitis) bei Mastgeflügel, Lahmheiten bei Milchkühen sowie Lungenbefunde am Schlachtkörper bei Mastschweinen.

Der Messung von Tiergerechtheit liegen immer mehrere Indikatoren zugrunde. Viele einzelne Indikatoren sind anerkannt und haben sich bewährt. Bislang steht kein allgemein anerkanntes Indikatoren-Set zur Verfügung. Die gebräuchlichen Mess- und Bewertungsverfahren treffen jeweils eine Auswahl aus den Indikatoren und setzen dabei Schwerpunkte.

Mess- und Bewertungsverfahren Einige Mess- und Bewertungsverfahren beziehen tier-, ressourcen- und managementorientierte Indikatoren ein, andere nutzen nur eine oder zwei Indikatorengruppen. Das liegt unter anderem daran, dass die Verfahren für verschiedene Anwendergruppen und Zwecke konzipiert sind. Beispiele sind die Politikberatung durch Behörden und Experten, Beratung für Landwirte, Betriebsplanung bzw. Eigenmonitoring durch Landwirte oder die Produktkennzeichnung (Tierwohllabel) von Handels- und Vermarktungsunternehmen.