Das Krankenhaus West in der Rostocker Chaussee in Stralsund ist eines von zwei Krankenhäusern des Helios Hanseklinikums Stralsund. Das zweite Krankenhaus ist das Krankenhaus am Sund. Das Klinikum beherbergt auf dem Gelände psychiatrische, geriatrische und onkologische Kliniken. Gegründet wurde es im Jahr 1912 als IV. Pommersche Heil- und Pflegeanstalt. mini|Krankenhaus West, Stralsund (2013) mini|OSM-Karte des Krankenhauses (2024) Geschichte Bis zum 19. Jahrhundert Für Stralsund erwähnt die Stralsundische Chronik von Johann Berckmann eine Unterbringungsmöglichkeit Geisteskranker, „Thoren-Kiste“ genannt, im Jahr 1452, das Memorialbuch Lindemanns erwähnt für das Jahr 1579 den Bau am Frankentor, diese Unterbringung wird auch noch für das Jahr 1627 von Nikolaus Dinnies beschrieben. Ein weiters, „Tollhaus“ genanntes, Haus zur Unterbringung geistig Kranker befand sich im Johanniskloster; Kranke wurden noch im 19. Jahrhundert aber auch im Stadtlazarett, im Zuchthaus oder in Siechenhäusern untergebracht, wie es der Militärarzt Knorr in einer Handschrift über die Stralsunder Ärzte beschrieb. Immer wieder wurden Forderungen nach dem Bau einer „Irrenanstalt“ erhoben und Pläne aufgestellt; letztlich beschloss der 6. Kommunallandtag von Neuvorpommern 1837 die Errichtung einer Provinzial-Irrenanstalt in Stralsund. In der Bleistraße entstand ein erstes Gebäude (heute die Hausnummer 13), welches im Sommer des Jahres 1842 als Irren- und Siechenhaus eröffnete. Erster Direktor war Ferdinand Picht. In ihr konnten zu dieser Zeit 30 Patienten betreut werden. Die Anstalt wurde wegen des Neubaus der Provinzialheilanstalt Treptow an der Rega im Jahr 1900 aufgelöst; zu dieser Zeit war die Anstalt für 75 Patienten ausgelegt.Übersicht zur Geschichte der Betreuung psychisch Kranker in Pommern, www.ns-eugenik.de Die Stralsunder Patienten kamen in die Siechenanstalt in der Tribseer Straße 25 bzw. in ein Gebäude des Krankenhauses am Frankenwall.
1908 bis 1918 Der 35. Pommersche Provinziallandtag beschloss im März 1908 den Bau einer neuen Provinzial-Heilanstalt, die nach den Anstalten in Lauenburg i. Pom., Treptow a. R. und Ueckermünde die vierte werden sollte; der 36. Provinziallandtag erkor im Jahr 1909 die Stadt Stralsund als Sitz dieser Anstalt. Das 400 Morgen Acker umfassende Gelände, das die Stadt für den Bau kostenlos zur Verfügung gestellt hatte, befand sich damals noch außerhalb der Stadtgrenzen. Im April begann der Bau unter Leitung des Landesbaurats Drews und des Architekten Gustav Broder; Oberarzt Wilhelm Horstmann entwarf das Bauprogramm. Die Patienten sollten nach Möglichkeit arbeitstherapeutisch behandelt werden, sonst über die Bett- und Dauerbadbehandlung und über Isolierung oder Sedierung.
Bereits im November 1911 war ein von einer Mauer umgebenes Verwahrhaus für etwa 50 als besonders gefährlich eingeschätzte Personen errichtet worden. Am 21. Mai 1912 wurden die ersten 63 Patienten, aus der Anstalt in Lauenburg i. Pom. kommend, eingeliefert; bis Ende Mai 1912 gab es 314 Patienten. Am 5. Juni 1912 wurde die IV. Pommersche Provinzial-Heilanstalt zur Behandlung psychisch Kranker eröffnet, als Gäste anwesend waren der Oberpräsident der Provinz Pommern, der Provinzialausschuss, der Landeshauptmann, der Regierungspräsident, Oberbürgermeister Ernst Gronow, weitere Vertreter von Behörden sowie mehrere Hundert Besucher. Bis Jahresende 1912 hatte die Anstalt bereits 397 Patienten und stieß damit an ihre Aufnahmegrenze von 400 Betten. Im April 1914 begannen deshalb Bauarbeiten zur Errichtung eines Erweiterungsbaus, der eine Gesamtkapazität von 910 Patienten ermöglichen sollte, damals noch nach Frauen und Männern getrennt. Der Provinziallandtag stellte dafür 1,5 Millionen Mark bereit. Auf der Frauenseite wurde ein dreigliedriges Haus in Korridorbauweise für 285 Patientinnen errichtet, auf der Männerseite ein Haus für 56 Patienten und eine Infektionsbaracke für 50; die Werkstätten für die Arbeitstherapie wurden erweitert. Weitere Pläne wurden wegen des beginnenden Ersten Weltkrieges nicht umgesetzt. Mit Kriegsbeginn wurde eine militärärztliche psychiatrische Abteilung aufgebaut und bis 1919 unterhalten.
Während des Ersten Weltkrieges gab es im gesamten Reich in den Anstalten Hungertote und Tuberkuloseopfer; in der Stralsunder Anstalt stieg die Sterbequote von 4,8 Prozent (28 Todesfälle von 581 Patienten) im Jahr 1914 auf 23,6 Prozent (134 Todesfälle von 567 Patienten) im Jahr 1917.
1918 bis 1933 Nach dem Krieg war die Versorgung der Patienten zunächst weiter angespannt; über die Entwicklung der Stralsunder Anstalt, die nunmehr Landesheilanstalt hieß, ist wenig bekannt. Im Jahr 1924 schrieb Landeshauptmann Johannes Sarnow, dass die vier Anstalten erweitert und ausgebaut wurden; tatsächlich wurde erst im Juli 1924 beschlossen, den Ausbau der vor dem Krieg geplanten Häuser voranzutreiben, da die Krankenzahlen stetig anstiegen. Ziel war es, die schon bei der Eröffnung der Anstalt vorgesehenen 1000 Patienten unterbringen zu können; bei den Frauen betrug die Überbelegung in Stralsund im Jahr 1924 139 Prozent. Im Jahr 1927 wurde der Neubau für 216 Frauen fertiggestellt, es folgten ein Haus für 70 „unruhige“ Frauen, eins für 55 „unruhige“ Männer und eins für je 25 Infektiöse.
In Berichten der Besuchskommission zur Überwachung der Anstalten in den Jahren 1925 bis 1933 finden sich überwiegend positive Berichte. Die Arbeitstherapie nach Hermann Simon war etabliert. Gearbeitet wurde auf den anstaltseigenen Feldern und in Werkstätten. Die anfangs noch oft eingesetzten Dauerbäder waren überwiegend außer Betrieb. Im Jahr 1925 wurde auch festgestellt, dass die Stralsunder Ärzte biologische Therapieverfahren einsetzten, wie die Malariatherapie, zudem wurden Epileptiker mit Luminal behandelt. Die Familienpflege wurde in nur sehr geringem Umfang etabliert, dafür umso mehr die offene Fürsorge nach Gustav Kolb. Im Jahr 1932 wurden 150 Patienten in den Außenfürsorgebereichen Sellin, Putbus, Bergen, Juliusruh und Breege betreut.
Die Weltwirtschaftskrise wirkte auch in die Stralsunder Anstalt hinein. Stand im Jahr 1928 noch ein Arzt für maximal 150 Kranke bereit, waren es im Jahr 1933 schon 208 Patienten je Arzt. Der vom Provinzialverband Pommern gewährte Zuschuss für die Kranken sank von 415 Reichsmark im Jahr 1928 auf 249 Reichsmark im Jahr 1931. Die Arbeitstherapie wurde wegen der fehlenden Mittel reduziert, Betten ohne Zwischenraum zusammengeschoben; Zwangsmittel wie die Isolierung und das Dauerbad wurden wieder eingeführt. In der „Unruhigen“-Abteilung führte Anstaltsleiter Wilhelm Horstmann ein Panopticon zur Überwachung ein.
1933 bis 1939 Im Jahr 1933 wurde Anstaltsleiter Wilhelm Horstmann nach 21 Jahren durch Franz Enke abgelöst. Dieser wiederum schied im April 1936 aus Altersgründen aus und übergab dem Juristen Kurt Reinhold Drews (* 1882) die Leitung. Ihm wurde im Mai 1938 Hans-Dietrich Hilweg als ärztlicher Direktor zugeordnet, der aus einer der aus einer Heilanstalt in Lauenburg/Elbe kam,Hans Laehr, Georg Ilberg (Hrsg.): Die Anstalten für Geisteskranke, Nervenkranke, Schwachsinnige, Epileptische, Trunksüchtige usw. in Deutschland, Österreich und der Schweiz einschließlich der psychiatrischen und neurologischen wissenschaftlichen Institute, Verlag Walter de Gruyter, 2015. S. 67. Nachdem Hilweg im Jahr 1939 zur Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde versetzt worden war, kam Franz Encke noch einmal in den Dienst zurück.
Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde im Jahr 1933 die Basis für Zwangssterilisationen in großem Umfang geschaffen. Erwin Walraph kam in seinen Untersuchungen ab 1984 zum Ergebnis, dass im Stralsunder Klinikum 656 Personen zwangssterilisiert wurden, davon wurden seitens der Landesheilanstalt Stralsund 452 Personen gemeldet. Diese Maßnahmen stießen wegen der angespannten personellen Situation an Grenzen; im Jahr 1936 war je ein Arzt für 300 Patienten zuständig. Generell kann festgestellt werden, dass die Behandlung der Patienten gegenüber ihrer reinen Verwahrung in den Hintergrund getreten war. Die Arbeitstherapie wurde zur effizienten Ausnutzung der arbeitsfähigen Patienten forciert.
Der Gauleiter der NSDAP in der Provinz Pommern, Franz Schwede-Coburg, beschloss bereits kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, die vier ihm unterstehenden Landesheilanstalten in Stralsund, Ueckermünde, Meseritz-Obrawalde und Treptow a. R. anderen Zwecken zuzuführen; die Stralsunder Anstalt bot er Heinrich Himmler als Kaserne an. Im Oktober 1939 gab Schwede-Coburg Kurt Eimann den Befehl zur Erschießung der Kranken, die nach Neustadt in Westpreußen transportiert worden waren. Fritz Hube wurde von ihm mit der Räumung der Stralsunder Landesheilanstalt im Rahmen der nationalsozialistischen Politik der Eugenik beauftragt; die Räumung begann am 17. November 1939 – noch vor dem offiziellen Beginn der NS-Krankenmorde. In zehn Transporten vom 17. November bis 14. Dezember 1939 wurden insgesamt 1162 Patienten der Anstalt abtransportiert. Die ersten drei Transporte wiesen als Bestimmungsort in den Hauptkrankenbüchern nur die Angabe „verl in westpr Anstalt“ (verlegt in westpreußische Anstalt) auf; sie wurden beim Massaker von Piaśnica durch Angehörige des SS-Wachsturmbann Eimann erschossen. Die weiteren sieben Transporte hatten als Ziel die Landesheilanstalt Ueckermünde (zwei Transporte mit insgesamt 226 Patienten), Lauenburg i. Pom. (zwei Transporte mit insgesamt 367 Patienten) und Treptow a. R. (drei Transporte mit insgesamt 279 Patienten). Lediglich 109 Patienten blieben in der Stralsunder Anstalt zurück, die mit der endgültigen Auflösung nach Meseritz-Obrawalde transportiert wurden. Die Stralsunder Landesheilanstalt war somit die erste komplett geräumte Anstalt im Deutschen Reich. mini|Stolperschwelle ehemalige Landesheilanstalt Stralsund Bei der Räumung der Anstalt wurden 1285 Patienten deportiert und wahrscheinlich mehr als 1101 Kranke ermordet..Ekkehard Kumbier, Holger Steinberg: Psychiatrie in der DDR. Beiträge zur Geschichte, be.bra Wissenschafts-Verlag, 2018, S. 42.
Im Dezember 1939 wurde das Anstaltsgelände an die SS-Totenkopfverbände übergeben. Fortan dienten die Gebäude als Kaserne.
1939 bis 1945 In die Gebäude der ehemaligen Landesheilanstalt zog unmittelbar nach der Räumung zunächst das II. SS-Totenkopf-Rekrutenregiment ein, stationiert waren hier in der Folge auch das SS-Panzer-Grenadier-Ausbildungs- und Ersatzbataillon 9, das SS-Infanterie-Ersatz-Bataillon Der Führer, das SS-Totenkopf-Ersatz-Bataillon I, eine SS-Kraftfahr-Staffel und die SS-Panzer-Grenadier-Schule. Die Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung des SS-Wirtschafts- und Verwaltungsamtes des Reichsführers SS übernahm am 1. Mai 1940 den Gutshof der Anstalt.
Die Klinikumskirche wurde entkernt und als Magazin der SS genutzt, das Gestühl wurde vernichtet, die Glocken wurden demontiert und eingeschmolzen zur Waffenproduktion. Die militärische Nutzung der ehemaligen Parkanlage führte dazu, dass die Rasenflächen der das Gelände teilenden Ost-West-Achse zerstört wurden, die Gartenanlagen verwilderten. Die Gebäude erhielten Tarnanstriche.
Da das neu errichtete, im Oktober 1938 als Marinelazarett am Sund eröffnete Krankenhaus nach Kriegsbeginn bald überbelegt war, wurde auf dem Gelände der ehemaligen Landesheilanstalt ein Reservelazarett eingerichtet; am 21. Dezember 1939 wurde es wieder geschlossen. In den Räumlichkeiten eröffnete am 1. Juni 1940 die Lazarett-Abteilungs-Heilanstalt. Wahrscheinlich befand sich auch die Krankenabteilung für Nerven- und Geisteskranke des Marinelazaretts auf dem Gelände der ehemaligen Heilanstalt.
Ab 1941 wurde das ehemalige Feste Haus zum Hilfskrankenhaus für bis zu 120 Patienten umgebaut, das Erdgeschoss diente ab Januar 1943 als Frauenklinik. Bis Kriegsende wurde das Haus nochmals ausgebaut und als Hilfskrankenhaus genutzt.