mini|Illustration von Carl Fahringer (1874–1952) Der Wolf und die sieben jungen Geißlein (oft nur Der Wolf und die sieben Geißlein) ist ein bekanntes Tiermärchen (ATU 123). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 5 (KHM 5) und ist ab der 5. Auflage beeinflusst durch Die sieben Gaislein in August Stöbers Elsässisches Volksbüchlein (1842, Nr. 242). Ludwig Bechstein übernahm es ebenfalls nach Stöber in sein Deutsches Märchenbuch als Die sieben Geißlein (1845 Nr. 56, 1853 Nr. 47). Zudem ist es auch im griechischen,Hans-Jörg Uther (Hrsg.): Die Fabel von dem Wolf und dem Kitz. In: Die Märchen der Weltliteratur – Märchen vor Grimm. Eugen Diederichs Verlag, München 1990, S. 22, 286–287. litauischen,Bronislava Kerbelytė (Hrsg.): Das Mädchen Aguonėlė. In: Litauische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1982, S. 81–83, 422–423; Übersetzung von Viktor Falkenhahn. lettischen, ukrainischen, belorussischen, russischen,P. V. Lintur (Hrsg.): Wie es den Wolf nach den Ziegenkindern gelüstete. In: Ukrainische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1981, S. 40–43, 655. slowakischen,Viera Gašparíková (Samm. und Hrsg.): Die Zicklein. In: Die Märchen der Weltliteratur – Slowakische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, München 2000, S. 243–246, 307; übersetzt von Wilfried Fiedler. tschechischen,Oldřich Sirovátka (Hrsg.): Vom Schäfchen und vom Wolf. In: Die Märchen der Weltliteratur – Tschechische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1969, S. 235–239, 305; übertragen von Gertrud Oberdorffer. französischen,Felix Karlinger, Bohdan Mykytiuk (Hrsg.): Von der Muttergottes und den sieben Geißlein. In: Die Märchen der Weltliteratur – Legendenmärchen aus Europa. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1967, S. 39–41, 297.Felix Karlinger, Gertrude Gréciano (Hrsg. und Übers.): Die Geißlein und der Wolf. In: Die Märchen der Weltliteratur – Provenzalische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1974, S. 13–16, 258. rumänischen,Pauline Schullerus: Der Wolf und die zwei Geisslein. In: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal. Bukarest 1977, S. 302–303; .Felix Karlinger, Ovidiu Bîrlea (Hrsg.): Die Geiß mit den drei Geißlein. In: Die Märchen der Weltliteratur – Rumänische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf / Köln 1969, S 49–59, 299. türkischen,Pertev Naili Boratav: Die Lämmer Aysche und Fatma. In: Türkische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1970, S. 33–34, 346; Übersetzung von Doris Schultz und György Hazai. usbekischen,Ilse Laude-Cirtautas (Hrsg. und Übers.): Das Schaf und der Wolf. In: Die Märchen der Weltliteratur – Märchen der Usbeken. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1984, S. 9–12, 250. tadschikischenIsidor Levin (Hrsg.): Das Zicklein-Zottelbein. In: Die Märchen der Weltliteratur – Märchen vom Dach der Welt – Überlieferungen der Pamir-Völker. Eugen Diederichs Verlag, 1986, S. 226–227, 331; übersetzt von Gisela Schenkowitz. und mongolischenWalther Heissig (Übers.): Die Geschichte der Bergziege. In: Die Märchen der Weltliteratur – Mongolische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1963, S. 42–46, 246. Sprachraum sowie in PakistanAnnemarie Schimmel (Übers. und Hrsg.): Die Gazelle und das Krokodil. In: Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Pakistan. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1980, S. 218–221, 281. bekannt. mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909
Handlung mini|Illustration von Leutemann/Offterdinger Die Geißenmutter muss das Haus verlassen und gibt ihren sieben Geißlein auf, während ihrer Abwesenheit niemanden ins Haus zu lassen. Nachdem sie gegangen ist, kommt der böse Wolf vorbei und begehrt Einlass. Die Geißlein erkennen jedoch an der rauen Stimme, dass der Wolf und nicht ihre Mutter vor der Türe steht, und lassen ihn nicht herein. Der Wolf frisst daraufhin Kreide, um seine Stimme zarter zu machen, und kehrt zum Haus der Geißlein zurück. Da der Wolf allerdings seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett legt, erkennen die Geißlein den Betrugsversuch und lassen ihn nicht herein. Für den dritten Versuch lässt sich der Wolf vom Bäcker Teig auf den Fuß streichen und zwingt danach den Müller, diesen mit Mehl zu bestäuben. So gelingt es ihm nun, die Geißlein zu täuschen, die daraufhin die Tür öffnen. Der böse Wolf stürmt hinein und frisst sechs der sieben Geißlein, eines kann sich in der Standuhr verstecken. Als die Mutter wieder nach Hause kommt, schlüpft das Geißlein aus seinem Versteck und berichtet von dem Überfall und den gefressenen Geschwistern. Der Wolf liegt noch schläfrig auf der Wiese vor dem Haus, woraufhin Mutter Ziege zurück ins Haus eilt und Schere und Nähzeug holt. Mit der Schere öffnet sie den Bauch des Wolfs, und es zeigt sich, dass alle Geißlein noch am Leben sind und dem Bauch entspringen können. Die Mutter beauftragt ihre Kinder, Wackersteine zu sammeln, die sie in den Bauch des Wolfs einnäht. Als der Wolf wieder aufwacht und zum Trinken an den Brunnen geht, wird er durch die Last der Steine hineingezogen und ertrinkt.
Stil mini|Illustration von Leutemann/Offterdinger Verglichen mit Jacob Grimms handschriftlicher Urfassung ist der Erstdruck von 1812 mit wörtlichen Reden ausgeschmückt, womit auch das in der Anmerkung noch wiedergegebene französische Fragment auf Deutsch in den Text integriert wird.Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. Cologny-Geneve 1975, S. 46–51, 352. (Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland). Die Auflage letzter Hand von 1857 ist besonders nach der Wiederkunft der Geißenmutter noch lebendiger erzählt, dazu der Ausspruch des Wolfes:
„was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? ich meinte es wären sechs Geißlein, so sinds lauter Wackerstein.“
Die Alliteration „so frisst er euch alle mit Haut und Haar“ gehört zu Grimms Standardrepertoire (vgl. KHM 23, 119, 134, 70a, DS 213, ), besonders Jacob Grimm kannte sie auch aus den Deutschen Rechtsaltertümern. „Nicht langes Federlesen“ und „seine Lust büßen“ waren bekannte Wendungen (, ).Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 44–45.
Herkunft mini|Postkartenserie von Oskar Herrfurth Grimms Anmerkung notiert „Aus der Maingegend“ (wohl von Familie Hassenpflug). In einer pommerschen Erzählung (wohl nach Hendel-Schütz) werde ein Kind vom Kindergespenst verschlungen, das aber Steine mit verschlingt und schwer zur Erde fällt, sodass das Kind herausspringt. Sie nennen Stöbers Volksbüchlein „S. 100“, Boners Edelstein Nr. 33, Reinhart Fuchs 346, Bukard Waldis Kap. 24, Hulderich Wolgemuths Esopus, Haltrich Nr. 33, Lafontaine IV 1, 15, und erinnern ein französisches Märchenbruchstück (wohl nach Familie Hassenpflug), wo der Wolf zum Müller sagt: „meunier, meunier, trempe moi ma patte dans ta farine blanche“. „non, non!“ „alors je te mange“ („Müller, Müller, tunk mir meine Pfote in dein reines Mehl.“ „Nein, nein!“ „Dann fresse ich dich.“). Psamathe setzt den Wolf auf Peleus’ und Talamons Herden an, da versteinert er.Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 27, 444–445.
Das Märchen gelangte auch in die publikumswirksame kleine Ausgabe von Grimms Märchen und später in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch, das sich allerdings genau an Stöbers Fassung hält, sie nur ins Hochdeutsche überträgt. Sie wurde in vielen Lesebüchern nachgedruckt. Laut Hans-Jörg Uther gehört es zu den vielen Beispielen, wie Kinder im Märchen erzogen werden, am frühesten im Liber fabulorum Aesopi des Romulus aus dem 5. Jahrhundert: „Auf die Weisungen der Eltern zu hören dient den Kindern zum Wohl, wie die folgende Fabel lehrt.“ Entsprechend der Titel in Ulrich Boners Edelstein (um 1350, Nr. 33): „von kinden gehorsami“, ebenso in Heinrich Steinhöwels Fabel (Esopus, Nr. 92). Dort werden „väterliche Gebote“ gehalten, hier versagen die Tierkinder vor dem Fremden, was die Rolle der Mutter als Erzieherin und Retterin noch betont. Grimms Märchen beachten auch das Exzeptionsprinzip – ein Geißlein muss überleben, um erzählen zu können (z. B. auch KHM 49, 62, 91).Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 12–15. Psychologische Interpreten interessierte dann mehr der Konflikt mit dem – etwa als Vater aufgefassten – Wolf.
Sieben Geißchen hat dann auch die Geiß in Wolfs Tiermärchen Der Traum des Wolfes.
Varianten Die Fabel vom Wolf und den Geißlein war bereits dem griechischen Fabeldichter Äsop bekannt. Heinrich Steinhöwels Edition, die um 1476/1477 entstand, erzählt von einem Kitz, das auf seine Mutter hört, die Tür nicht öffnet und deshalb vom Wolf verschont bleibt. In Hans-Jörg Uthers Märchen vor Grimm (München 1990) trägt diese Variante den Titel Die Fabel von dem Wolf und dem Kitz. In Litauen sind 120 Varianten des Märchens bekannt, wobei meist der Schluss variabel ist. In sechs dieser Varianten raubt der Wolf ein Mädchen, so etwa in Das Mädchen Aguonėlė. P. V. Lintur gibt an, dass die größte Anzahl an Varianten im lettischen und litauischen Material zu finden sei. In seiner ukrainischen Variante, die im Deutschen den Titel Wie es den Wolf nach den Ziegenkindern gelüstete bekam, wird der Wolf zum Schluss von dem Schmied, der eigentlich seine Stimme stählen soll, erschlagen. Diese Variante wurde in M. Voznjaks Ukrainische Volksmärchen (Kiew 1946–1948, Band 1, S. 44 f.) veröffentlicht. Zur weiteren Verbreitung nennt Lintur für die Ukraine Ju. Ja. Javorskij (Denkmäler des galizisch-russischen Volksschrifttums, Ausgabe I. Legenden, Märchen, Erzählungen und Anekdoten. Kiew 1915, S. 161) und für Belarus V. K. Bondarčyk (Belorussische Volksmärchen. Minsk 1962, S. 299 f.) sowie Michał Federowski (Das belorussische Volk in Litauisch-Rußland. Krakau 1897–1903, Band 2, Nr. 6 und 12); zudem seien im Russischen 8 Varianten bekannt.
Die älteste slowakische Aufzeichnung des Märchens stammt aus dem Werk Prostonárodní zábavník (Band 1, S. 265–266, Nr. 13) und wurde 1842 in Ratková aufgezeichnet. In dieser Variante lässt sich der Wolf von einem Schmied die Kehle bearbeiten, um eine feinere Stimme zu bekommen. Im Deutschen erhielt sie in Viera Gašparíkovás Slowakische Volksmärchen (München 2000) den Titel Die Zicklein. Weitere slowakische Varianten finden sich in Pavol Dobšinskýs Slowakische Volksmärchen (3 Bände, Bratislava 1966). František M. Vránas tschechisches Märchen Vom Schäfchen und vom Wolf aus seinem Werk Mährische Volksmärchen und Sagen enthält den Stoff als ersten Teil einer Erzählung, in der dem Wolf allerlei Unheil geschieht.