mini|Historische Darstellung des Martinsbühels um 1700, die besonders die beherrschende Position des Kastellhügels im Inntal verdeutlicht, Blick aus NO miniatur|Blick von Nordosten auf den Martinsbühel miniatur|Grabungsbefunde auf der Süd-West-Terrasse des Martinsbühels, 1993–1997 mini|Rekonstruktionsskizze einer bronzenen Riemenzunge einer Kerbschnittgarnitur, gefunden 1987 am Martinsbühel mini|Befunde des SW-Turms von 1995 mini|hochkant|Fundskizze einer spätrömischen Wurfpfeilspitze, gefunden auf den Martinsbühel Teriolis (Teriola) ist ein spätrömisches Kastell und Straßenstation auf dem Gebiet der Marktgemeinde Zirl im Bezirk Innsbruck-Land, Bundesland Tirol in Österreich.

Das Kastell diente dem Schutz einer Fernverkehrsstraße in die rätische Provinzhauptstadt und war Nachschubdepot für die Garnisonstruppen am Donau-Iller-Rhein-Limes. Teriolis war damit – neben dem Kastell Veldidena im heutigen Wilten – einer der wichtigsten römischen Militärstützpunkte im Inntal und mit einer Vexillation der Legio III Italica belegt. Es stand auf dem Gebiet der Provinz Raetia, nach der Provinzteilung unter Diokletian gehörte das Kastell zum Verwaltungsbereich der neugeschaffenen Raetia II. Auch eine frühchristliche Kirche aus dem 5. Jahrhundert ist an diesem Standort belegt. Das Kastell selbst konnte archäologisch nur in kleinen Abschnitten ergraben werden. Vom Kastell ist heute nichts mehr zu sehen. Beweise für die römische Besiedlung dieses Ortes sind jedoch reiche Gerät- und Münzfunde.

Name Der Name des Kastells wird in der Notitia Dignitatum als Teriola überliefert.Notitia Dignitatum Occ. XXXV, 22, 31. Er wurde von den Römern zuerst auf die Straßenstation und später auch auf das Kastell übertragen. Im Zuge der Völkerwanderung und zwei Lautverschiebungen wandelte er sich zum heutigen Zirl. Um 799 wird der Ort als „Cyreolum“ urkundlich erwähnt.

Lage Die Ortschaft Zirl befindet sich am südwestlichen Ende des Karwendelgebirges etwa zehn Kilometer westlich von Innsbruck im Inntal am südöstlichen Ende des Zirler Bergs (). Sie liegt am Nordufer des Inns auf dem Schwemmkegel von Ehnbach und Schloßbach.Benjamin Flöß: Zirl in Wort und Bild. Steiger Verlag, Innsbruck 1983, ISBN 3-85423-021-4. Das spätantike Kastell lag auf dem 25 m bis 30 m hohen, 2,5 ha großen Martinsbühel, nahe am Ufer des Inn (Aenus). Geologisch besehen setzt sich das Gesteinsmaterial des Hügels aus Alpinem Muschelkalk und Partnach-Schichten zusammen. Bis zur Flussregulierung in den 1950er Jahren umspülte der Fluss bei Hochwasser den Hügel noch an allen vier Seiten. Dies war vermutlich auch in der Antike der Fall. Durch seine steil abfallenden Hänge im Norden und im Süden war der Martinsbühel hervorragend als Standort eines Kastells geeignet. Von hier aus hatte die Besatzung auch Sichtkontakt zum östlich gelegenen, rund zehn Kilometer entfernten Kastell in Veldidena (Wilten).Anton Höck: 2001, S. 165. Franz Glaser: 2008, S. 615.

Funktion Zirl war zur Römerzeit eine wichtige Etappenstation an der Römerstraße via Claudia Augusta Altinate (heute als Via Raetia bekannt) nach Augusta Vindelicum (Augsburg).Anton Höck: 2003, S. 77. Die Straße zwischen Veldidena und Teriolis verlief vermutlich am rechten Innufer. Hier begann der steile Anstieg zum Seefelder Sattel, der Verlauf der Römerstraße ist heute jedoch nicht mehr eindeutig zu klären. Bei Teriolis existierte ein Flussübergang, wahrscheinlich eine Furt, Fähre oder Brücke am südöstlichen Ende des Hügels, der von der Kastellbesatzung überwacht wurde.Anton Höck: 2003, S. 9; Thomas Reitmaier: 2003, S. 102. Der mit Tragtieren über den Brenner herangeschaffte Nachschub wurde von den Soldaten und Milizionären des Kastells wohl zuerst zwischengelagert, bevor er von ihnen bis zum Seefelder Sattel eskortiert und dort der Kohorte aus Füssen (Foetibus) zum Weitertransport übergeben wurde. Von Füssen aus konnte er mit Booten das Lechtal hinab verschifft werden, um die Einheiten am Donaulimes zu versorgen.

Forschungsgeschichte Der aus Hall stammende Bibliothekar und Chronist Anton Roschmann berichtete 1756 von einem Jäger, der einen ganzen Hut voll römischer Münzen von Zirl nach Innsbruck gebracht haben soll. Bei der Errichtung einer Stützmauer an der Straße Zirl-Seefeld stieß man auf einen römischen Meilenstein aus der Zeit des Kaisers Decius.Inschrift: . 1881 bis 1882 beobachtete Franz von Wieser im Steinbruch am Westhang des Martinsbühels die Freilegung von römischem Mauerwerk (Turm- und Umfassungsmauerfundamente) und drei Skelettgräbern. Das Mauerwerk wurde fotografiert. Im späten 19. Jahrhundert kamen immer wieder zahlreiche Kleinfunde, Mauerwerk und Gräber ans Tageslicht. Richard Heuberger sah die Ruinen nur als Überreste einer befestigten Zivilsiedlung, Straßensperre und Etappenstation an.Anton Höck: 2003, S. 11–12.

1913 erkannte Osmund Menghin den Standort als die in der Notitia angegebene römische Militärstation. 1950 stieß er nordwestlich der Martinskapelle auf eine Hypokaustenanlage (antike Warmluftheizung). Erste archäologische Untersuchungen durch Alfons Wotschitzky fanden 1964 bei der Martinskapelle statt. Liselotte Zemmer-Plank legte auf der südöstlichen Hügelkuppe 1987 die Reste von hölzernen und steinernen Lagerhäusern frei (Horrea). Von 1993 bis 1997 wurden bei Notgrabungen immer wieder Teile der Kastellmauern angeschnitten. Im Laufe dieses Jahrzehnts konnten insgesamt 15 Mauerreste, 19 Körperbestattungen und ein quadratischer Turm aus der Spätantike beobachtet werden. Im Westen des Hügelareals entdeckte man 1995 einen zum Kastell gehörigen Abwasserkanal und einen Kuppelofen. Die Befunde waren allerdings durch zahlreiche neuzeitliche Eingriffe, die teilweise bis auf den gewachsenen Fels herabreichten, gestört.

Fundspektrum Erwähnenswert sind Lavezgeschirr, glasierte Reibschalen, gläserne Nuppenbecher, das Bruchstück eines Sigillata-Tellers,Terra Sigillata aus Nordafrika, Typ Hayes 61b. eine Faltenschale aus grünem Glas (Mitte 5. Jahrhundert) sowie die Münzfunde (32 v. Chr. bis 423 n. Chr.). Sie datieren mehrheitlich in das 4. bis 5. Jahrhundert. An Militaria kam die Spitze eines Wurfgeschosses, eine sogenannte Plumbata mamillatae vom Typ 1 ans Tageslicht. Weiters fanden sich Fragmente von bronzenen Gürtelkerbschnittgarnituren wie sie von germanischen Söldnern getragen wurden. Der Fund von 15 mit Kaisertitulaturen punzierten Bleibullen bestätigte die Existenz eines Nachschubdepots auf dem Martinsbühel. Wahrscheinlich dienten sie zur Versiegelung von Geldbeuteln für Soldzahlungen.Anton Höck: 2001, S. 167. Franz Glaser: 2008, S. 614.

Entwicklung Die Region um Zirl ist bereits seit vorrömischer Zeit besiedelt. Funde von Urnengräberbestattungen lassen annehmen, dass die Breonen/Breuni in der Bronzezeit (2000–1000 v. Chr.) in das Inntal eingewandert waren. Ihre nur aus einfachen Hütten bestehende Siedlung befand sich wahrscheinlich auf der vom Schloss- und Ehnbach aufgeschütteten Schotterterrasse nahe dem Zirler Berg.

Vermutlich wurde unter Augustus am Martinsbühel zuerst ein römischer Militärposten (Statio Teriolis?) gegründet. Es wird weiters angenommen, dass das Ackerland entlang der Straße und am rechten Innufer als landwirtschaftliche Staatsdomänen (ager publicus) für die Versorgung des staatlichen Kurierdienstes (cursus publicus) verwendet wurde.Franz Glaser: 2008, S. 614. Unter Tiberius (14–37 n. Chr.) oder Claudius (41–54 n. Chr.) wurden die Gebiete zwischen dem westlichen Bodensee, der Donau und dem Inn sowie des nördlichen Tirol in den Militärbezirk Raetia et Vindelicia – später die Provinz Raetia – eingegliedert.

In der mittleren Kaiserzeit scheint der Hügel nicht großflächig besiedelt gewesen zu sein. Ab 180 oder 195 existierte eine gut ausgebaute und fast ganzjährig benutzbare Straße, eine sogenannte via publica (mehr als fünf Meter breit), ausgehend von Vipitenum (Sterzing) über den Brennerpass und den Zirler Berg bis nach Parthenum (Partenkirchen). Auch acht aufgefundene Meilensteine stammten aus dieser Zeit. 215 konnte der letzte Bauabschnitt fertiggestellt werden. Nur wenige Jahre später wurde auch eine Verbindung nach Telfs in Betrieb genommen.

Im 3. Jahrhundert kam es zu einer Verlagerung des Hauptverkehrs von der Via Claudia Augusta auf die Brennerroute. Um diese nun wichtigste Nord-Süd-Transitroute in die Provinzhauptstadt und an den Donaulimes besser zu sichern und überwachen zu können, erbaute das Militär nach Aufgabe des Obergermanisch-rätischen Limes (Limesfall und Reichskrise des 3. Jahrhunderts) auf dem Martinsbühel ein Kastell bzw. Nachschubdepot zur Versorgung der Garnisonstruppen am Donau-Iller-Rhein-Limes, der neuen Grenzlinie des Reiches. Anton Höck vermutet, dass das Kastell in der Regierungszeit des Aurelian oder des Probus gegründet, dann unter Konstantin I. und letztmals unter Valentinian I. weiter ausgebaut wurde.Franz Glaser: 2008, S. 616. Grund für die Anlage eines Kastells an diesem Standort war wohl auch seine beherrschende Position an einem Flussübergang und dem Straßenaufstieg Zirler Berg über das Außerfern zum benachbarten Kastell Foetibus (Füssen). Foetibus stand direkt am Endpunkt des Gebirgsabschnittes der Fernverkehrsstraße Via Claudia Augusta.Anton Höck: 2001, S. 175. Teriolis könnte zu dieser Zeit auch Veldidena als Hauptort der Breonen abgelöst haben.Franz Glaser: 2008, S. 614.

Das Schicksal von Teriolis ab der Mitte des 4. Jahrhunderts liegt mangels historischer Quellen weitgehend im Dunkeln. Es könnte schon bei den Germaneneinfällen der Jahre 357/358 zerstört oder zumindest schwer beschädigt worden sein.Wolfgang Sölder: 2002, S. 59. Nach den Funden zu urteilen, waren hier aber noch bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts römische Soldaten stationiert. Die römische Zivil- und Militärverwaltung löste sich nach Mitte des 5. Jahrhunderts im Inntal endgültig auf und Rätien fiel an das Reich der Ostgoten unter Theoderich (439–526). Wahrscheinlich hielt sich auch der rätische Bischof Martinus im 6. Jahrhundert für kurze Zeit hier auf. Ein frühchristlicher Kirchenbau auf dem Martinsbühel aus dieser Zeit ließ sich archäologisch nachweisen.Anton Höck: 2003, S. 81. Die Breonen bzw. Romanen lassen sich bis 765 n. Chr. in der Region um Zirl nachweisen. Bischof Arbeo von Freising berichtet von einem freien Großgrundbesitzer (nobilis) namens Dominicus, der bei den „Preonenes“ im Oberinntal lebte und „seiner Abkunft und seines Aussehens nach ein Romanus war“.Andreas Otto Weber: Studien zum Weinbau der altbayerischen Klöster im Mittelalter. Altbayern, österreichischer Donauraum, Südtirol. (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beiheft 141), Steiner, Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07290-X, S. 65; und Walter Leitner, Josef Fontana: Geschichte des Landes Tirol. Band 1: Von den Anfängen bis 1490. Athesia, Bozen 1985, ISBN 88-7014-390-2, S. 235.

Im 15. Jahrhundert wurde über der Ruine des Kastells ein Jagdschloss für Friedrich IV. und Herzog Sigmund erbaut.

Kastell