Die Peisistratiden-Tyrannis in Athen ist ein Abschnitt in der archaischen Epoche Athens, der durch die Vormachtstellung des Peisistratos und seiner ihm nachfolgenden Söhne Hippias und Hipparchos in der athenischen Polis bestimmt war. Diese annähernd über ein halbes Jahrhundert sich erstreckende Ära folgte auf die Solonischen Reformen und hatte die Kleisthenische Neuordnung der attischen Bürgerschaft zur Folge. In der althistorischen Forschung schwankt das Urteil über die Peisistratiden-Tyrannis, bedingt durch Zweifel und Lücken bei den historischen Quellenzeugnissen, speziell in der Frage, welchen Beitrag Peisistratos und seine Söhne zur weiteren Entwicklung des attischen Staatsverbands geleistet haben.
Unklare Überlieferung
Die Quellenlage für die athenische Geschichte des 6. Jahrhunderts v. Chr. ist davon bestimmt, dass praktisch keine schriftlichen Zeugnisse aus dieser Zeit existieren. Der älteste Bericht über die Peisistratiden-Tyrannis stammt von Herodot, der 100 Jahre später schrieb und sich auf mündliche Erzählungen stützen musste.Herodot, Historien 1, 59; 5, 55–57, 62–65 und 90 (griechischer Text und deutsche Übersetzung). Seine Darstellung enthält legendenartige Elemente, die von der historischen Realität nicht immer leicht zu trennen sind. Demgegenüber dienten Thukydides die Begebenheiten um den Tyrannenmord an Hipparchos dazu, das eigene akribisch prüfende Vorgehen als Historiker herauszustellen.Thukydides 1, 20; 6, 54–59. Seine Darstellung der Athener Tyrannis ist jedoch auf wenige Ausschnitte beschränkt. Die nochmals 100 Jahre später entstandenen Ausführungen des (Pseudo-)Aristoteles in der Athenaion Politeia sind mit Anachronismen und Projektionen durchsetzt.Aristoteles, Der Staat der Athener 13, 4–19. Vielerlei Zweifeln und unterschiedlichen Deutungen wird dadurch Raum geboten. So gehen manche Historiker davon aus, Peisistratos habe nicht dreimal, sondern nur zweimal versucht, sich zum Alleinherrscher aufzuschwingen. Teils wird auch die herkömmliche Chronologie in Frage gestellt, etwa mit der Annahme späterer Lebensdaten des Peisistratos.
Entstehungsbedingungen der Tyrannis in Attika
Über die Ursprünge der Tyrannis in Athen berichtet Herodot, dass drei Gruppierungen als Anhängerschaften der Adligen Lykourgos, Megakles und eben Peisistratos um die Vorherrschaft in Athen stritten: die „Küstenbewohner“ (Paraloi bzw. Paralioi), die „Leute aus der Ebene“ (Pediakoi oder Pedieis), und die „Bewohner jenseits des Gebirges“ (Hyperakrioi bzw. Diakrioi).Herodot, Historien 1, 59 (griechischer Text und deutsche Übersetzung). Diesen im 5. Jahrhundert v. Chr. nach regionaler Zugehörigkeit unterschiedenen Anhängerschaften wurden in der Athenaion Politeia aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. zusätzlich bestimmte Verfassungspräferenzen zugeschrieben: Die Bewohner der attischen Ebene standen demnach für eine Oligarchie; die Küstenbewohner für einen mittleren bzw. gemischten Verfassungstyp; die Bewohner der Bergregionen für eine besonders volksfreundliche Herrschaft. Für die letztere Gruppierung habe der durch seine führende Rolle im Krieg gegen die Megarer populäre Peisistratos gestanden.Aristoteles, Der Staat der Athener 13, 4; 14, 1.
Die somit von Aristoteles den drei attischen Regionen für das 6. Jahrhundert v. Chr. zugeordneten Verfassungspräferenzen werden von der neueren Forschung als anachronistische Rückprojektion aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. kaum mehr ernsthaft erwogen. Nicht unumstritten ist aber auch Herodots klare Unterscheidung der jeweiligen Anhängerschaft nach Großregionen. Karl-Wilhelm Welwei sieht in ihnen nicht durchorganisierte Kollektive, sondern temporäre Interessengemeinschaften, die auch herkunftsräumlich nicht einheitlich zusammengesetzt waren. Peisistratos habe bei der Sammlung seiner Anhängerschaft aber zumindest zeitweilig ein zahlenmäßiges Übergewicht erlangt, das ihm zum Erfolg verhalf.Welwei 2011, S. 222 f. Auch Michael Stahl erkennt keine fest gefügten Anhängerblöcke bei den drei Kontrahenten. Als verlässliche Basis eigener Machtambitionen in den Auseinandersetzungen zwischen Adligen sieht er allein den jeweiligen Oikos, also den unmittelbaren Besitz mit Familie und zugehörigem Bewirtschaftungspersonal. Geschlechterverbände oder Klientelverhältnisse wie bei der antiken römischen Aristokratie entstanden im archaischen Griechenland nicht:Stahl 1987, S. 101. „Der an die Verwirklichung aristokratischer Normen gebundene individuelle Ehrerwerb vollzieht sich also nur, indem der einzelne Aristokrat seine von Hause aus zunächst gegebene ökonomisch-soziale Vereinzelung durch die bewußte Pflege verschiedener aristokratischer Geselligkeitsformen (z. B. Hetairien, Symposien, Agone) sowie das Auftreten vor und den Dienst an der Gemeindeöffentlichkeit überwindet.“Stahl 1987, S. 87.
Unterstützung für die eigenen Vormachtbestrebungen wurde von ambitionierten Adligen aber nicht nur im eigenen Polisverband, sondern auch durch gastfreundliche Beziehungspflege mit äußeren Partnern in anderen griechischen Poleis gesucht. Mithin blieb man auch als zeitweilig Unterlegener und als durch Exilierung vom eigenen Oikos Abgeschnittener nicht ohne Rückhalt, sondern hatte Chancen, mit äußerer Hilfe gestärkt zurückzukehren.Stahl 1987, S. 96 f. So hat Peisistratos nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen, die Rivalen Lykourgos und Megakles staatsstreichartig zu überflügeln – und nachfolgenden Rückzügen aus Attika – erst im dritten Anlauf mit Unterstützung innerer und äußerer Helfer die Vormachtstellung eines Tyrannen in Athen errichten können. Als wirtschaftliche Basis für die Anwerbung von Söldnern und für die Gewinnung außerathenischer Aristokraten als Partner seines bewaffneten Rückkehr-Unternehmens diente ihm in annähernd 10-jährigem Exil die Ausbeutung von Gold- und Silberminen am Strymon im Pangaion-Gebirge.Welwei 2011, S. 227–229.
Merkmale der Peisistratiden-Herrschaft
Die Sonderstellung der Peisistratiden im Alltag Athens zeigte sich augenfällig in der Söldner-Leibgarde, die das Tyrannenregime demonstrativ vorhielt, um Gegner einzuschüchtern. Als Gesetzgeber traten die Athener Tyrannen zwar nicht hervor; vielmehr galt die solonische Gesetzesordnung auch weiterhin. Auf die Besetzung der wichtigen Archonten-Ämter übten die Peisistratiden mit ihren Gefolgsleuten aber maßgeblichen Einfluss aus.
Viele andere in den späteren Quellenzeugnissen angesprochene Maßnahmen der Peisistratiden-Ära stehen in der Forschung als zurechenbar gewichtiges oder als historisches Faktum überhaupt auf dem Prüfstand. Anlass zu Zweifeln gibt es etwa hinsichtlich der Art und des Umfangs der Herrschaftssicherung, unter anderem die Stellung von Geiseln durch Adelsfamilien betreffend oder in Bezug auf die Entwaffnung der gesamten Bürgerschaft. Nur in der Athenaion Politeia ist die Rede davon, dass Peisistratos Demenrichter eingesetzt habe und in Attika auf dem Lande dahin gewirkt habe, dass die Bürger ihre Rechtsstreitigkeiten dort beilegten, um sie von Athens Zentrum fernzuhalten.Aristoteles. Der Staat der Athener 16, 5. Als finanzpolitische Maßnahme ist von einer sonst im archaischen Griechenland unbekannten wohl zehnprozentigen Bodenertragssteuer die Rede und davon, dass der armen Bauernschaft zu ihrer Besänftigung großzügige Darlehen ausgereicht wurden.Aristoteles, Der Staat der Athener 16, 2–4.
Mit Unsicherheiten insbesondere hinsichtlich der Datierbarkeit ist auch die Bautätigkeit der Peisistratiden behaftet, so ihr Anteil am Bau des später von den Persern zerstörten alten Athena-Tempels auf der Akropolis sowie an den im 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Agora, dem politischen Zentrum Athens, errichteten Neubauten. Dazu gehörten neben einem größeren Gebäudekomplex, der als Wohn- und Regierungssitz des Peisistratos in Frage kommt, mehrere andere Bauten, die für Versammlungen, Gerichtsbarkeit und Verwaltung nutzbar waren. Für eine deutlich verbesserte Wasserversorgung des Stadtzentrums sorgte ein zu dieser Zeit errichtetes Brunnenhaus. Kultischen Zwecken diente der 522 v. Chr. auf der Agora errichtete Zwölfgötter-Altar. Stahl 1987, S. 233–241; Welwei 2011, S. 214–217; 250 f.
Die außenpolitische Lage Athens zur Zeit der Peisistratiden-Tyrannis blieb weitgehend stabil. Militärisch riskante Unternehmen wurden vermieden. Einen prestigeträchtigen Erfolg konnte Peisistratos mit der Rückgewinnung Sigeions im Kampf mit Mytilene erzielen. Damit war ein wichtiger Handelsstützpunkt für das Schwarzmeergebiet wieder in athenischer Hand.Welwei 2011, S. 244 f.
Sturz des Regimes
Nach dem Tod des Peisistratos 528/27 v. Chr. setzten die Söhne Hippias und Hipparchos als unangefochtene Erben das Regime des Vaters fort.„Da die Polisordnung formal weiterexistierte, stand eine Legalisierung des Machtmonopols zweifellos nicht zur Debatte.“ (Welwei 2011, S. 247) In der Besetzung des höchstrangigen Archontats folgte auf Hippias, der das Amt 526/25 persönlich bekleidete, der Alkmeonide und spätere Reformer Kleisthenes. Anscheinend bemühten sich die Nachfolger des Peisistratos um Kooperation mit prominenten attischen Adelshäusern auf höchster Ebene. Die Alkmeoniden gingen jedoch bald nach Kleisthenes’ Archontat wieder ins Exil, wohl um sich gegen die Tyrannen – zunächst vergeblich – in Stellung zu bringen.Welwei 2011, S. 249.
In welchem Maße das Tyrannenregime bereits vor den Umsturzaktivitäten der Attentäter Harmodios und Aristogeiton Kritik und unterschwelligen Widerstand in Athen verursachte, ist nicht bezeugt. Allerdings rechneten die später als Tyrannenmörder Gefeierten bei ihrem Anschlag während der Großen Panathenäen 514 v. Chr. mit Unterstützung in der Bürgerschaft. In ihren Attentatsplan eingeweiht hatten sie wohl nur wenige. Als ihr ursprüngliches Vorhaben, den auf der Akropolis den Panathenäen-Festzug erwartenden Hippias, den führenden Kopf des Tyrannengespanns, als Ersten umzubringen, möglicherweise durch ein Missverständnis scheiterte, töteten sie den mit der Ordnung der Prozession noch auf der Agora befassten Bruder Hipparchos. Während Harmodios sogleich umgebracht wurde, unterzog man Aristogeiton nach seiner Ergreifung der Folter, um Mitwisser zu ermitteln. Der Athenaion Politeia zufolge hat Hippias ihn schließlich selbst niedergemacht.Aristoteles, Der Staat der Athener 18.
Danach verhärtete der nun gegenüber vielen misstrauische Hippias sein tyrannisches Regime und stärkte damit die Widerstandspotentiale, ohne dass die von außerhalb auf den Regimesturz hinarbeitenden Alkmeoniden mit ihren Unterstützern sich aber allein hätten behaupten können. Erst die Hilfe des spartanischen Königs Kleomenes I., der dabei angeblich delphischen Orakelsprüchen folgte, führte zu wiederholten Belagerungen der Zufluchtsstätte des Hippias auf der Akropolis und schließlich 510 v. Chr. zu seinem unter Druck ausgehandelten Wegzug ins Exil.Aristoteles, Der Staat der Athener 19.
Historische Einordnung der Athener Tyrannis
Die Einschätzungen zu Ausrichtung, Handhabung, Wirkungen und Bedeutung der Peisistratiden-Tyrannis schwankten bereits bei den antiken Quellenautoren seit Herodot. In der modernen althistorischen Forschung hängen die Urteile nicht zuletzt davon ab, welche der Quellenaussagen als geschichtliche Tatsachen angenommen und herangezogen oder als fehlerhaft verworfen werden. Zentral ist dabei die Frage nach der Bedeutung der Tyrannis für den Fortgang der politischen Entwicklung Attikas.
Breites antikes Spektrum