mini|hochkant|Wilhelm Bölsche 1908 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid Wilhelm Karl Eduard Bölsche (* 2. Januar 1861 in Köln; † 30. August 1939 in Schreiberhau, Provinz Schlesien) war ein deutscher Schriftsteller.
Familie mini|Grabstätte Bölsche in Nieder-Schreiberhau (Zustand 2024). Er war Sohn des Redakteurs Karl Bölsche (1813–1891); in erster Ehe war er verheiratet mit Adele Bertelt (1860–1942), die Ehe wurde 1896 geschieden. In zweiter Ehe heiratete Bölsche Johanna Walther (1863–1923), eine Jugendfreundin. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Ernst Wilhelm Julius (1898–1899), Karl Erich Bruno (1899–1977) und Johanna Alwine Elisabeth (1900–1935). Er starb am 30. August 1939 und wurde auf dem evangelischen Friedhof von Nieder-Schreiberhau in Abt. F 3 neben seiner Ehefrau Johanna und seiner Tochter begraben (das Grab ist trotz der späteren Verwüstung des Friedhofs erkennbar).Ullrich Junker: Grabstellenbuch von Schreiberhau im Riesengebirge, Kreis Hirschberg. Abschrift der Originalhandschrift, 1998 Ehem. Grabstätte Wilhelm Bölsche in Schreiberhau (abgerufen am 7. Mai 2023)
Leben mini|Gedenktafel am Haus Müggelseedamm 254, in Berlin-Friedrichshagen mini|Turmvilla in Schreiberhau Wilhelm Bölsche studierte von 1883 bis 1885 Philosophie, Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Bonn und lebte ab Herbst 1887 in Berlin. Während des Studiums wurde er Mitglied des Philologischen Vereins Bonn im Naumburger Kartellverband.M. Göbel, A. Kiock, Richard Eckert (Hrsg.): Verzeichnis der Alten Herren und Ehrenmitglieder des Naumburger Kartell-Verbandes Klassisch-Philologischer Vereine an deutschen Hochschulen, A. Favorke, Breslau 1913, S. 20. Von 1890 bis 1893 redigierte er für den Verleger S. Fischer die „Freie Bühne“; die grünen Hefte galten als die wichtigste kulturpolitische Zeitschrift Deutschlands und als Organ des Naturalismus. Die Autoren trafen sich „im Grünen“.Erik Lehnert: „Tiefes Gemüt, klarer Verstand und tapfere Kulturarbeit“. Bruno Wille und der Friedrichshagener Dichterkreis als Ausgangspunkt monistischer Kulturpolitik im Kaiserreich. In: Darwin, Haeckel und die Folgen. Monismus in Vergangenheit und Gegenwart. Hrsg. von Arnher E. Lenz und Volker Mueller, Angelika Lenz Verlag, Neustadt am Rübenberge 2006, 247–273, S. 248 Bölsche wohnte ab Sommer 1890 an wechselnden Wohnstätten in Berlin-Friedrichshagen: zunächst in der Scharnweberstraße 73, ab Frühjahr 1891 in der Wilhelmstraße 72 (seit 1951: Peter-Hille-Straße 66), ab 1894 in der Ahornallee 19. Ab Oktober 1893 lebte er in Zürich, wo er unter anderem Franz Blei und Anita Augspurg kennenlernte.Franz Blei, Erzählung eines Lebens, mit einem Nachwort von Ursula Pia Jauch. Wien 2004, Paul Zsolnay Verlag, ISBN 3-552-05310-7, S. 233, S. 489. 1894 kehrte er zurück nach Friedrichshagen. Er wurde – neben Bruno Wille – Zentralfigur des Friedrichshagener Dichterkreises und galt als „Seele und Geist von Friedrichshagen“. Bölsche wurde in Berlin Mitglied der Freireligiösen Gemeinde und war 1906 Mitgründer des Deutschen Monistenbundes und seit Beginn im Jahr 1905 Mitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene.
1918 siedelte Bölsche dauerhaft nach Schreiberhau im Riesengebirge über, wo er viele Jahre in der „Villa Carmen“ in Ober-Schreiberhau und in den 1930er Jahren in der sog. Turmvilla in der Winklerstraße 736 (heutige ul. 1 Maja 33) wohnte.Beitrag von Dr. Przemysław Wiater über Wilhelm Bölsche
Bölsche gab die Werke namhafter deutscher Schriftsteller heraus, so von Heinrich Heine (1887), Wilhelm Hauff (1888), Ludwig Uhland (1893), Christoph Martin Wieland (1902), Novalis (1903) sowie einzelne Schriften von Alexander von Humboldt, Ludwig Büchner, Carus Sterne und Angelus Silesius. Obwohl die meisten Schriften Bölsches naturwissenschaftliche Themen behandeln, war er kein Naturwissenschaftler, sondern hat als Schriftsteller naturwissenschaftliche Themen popularisiert: Als ein fachkundiger Laie schrieb Bölsche für Laien. Mit seinem Buch Das Liebesleben in der Natur (1898) gilt Bölsche als der Schöpfer des modernen Sachbuches. Er war auch ein Initiator Deutschlands erster Volkshochschule und gab wichtige Impulse für die Lebensreformbewegung.
In Dutzenden von Büchern und „Kosmos“-Bänden popularisierte der Freidenker, Monist und Evolutionär das Wissen seiner Zeit, vor allem die Evolutionstheorie von Charles Darwin und die monistisch geprägte Entwicklungslehre von Ernst Haeckel. Über Darwin, Haeckel und Johann Wolfgang von Goethe schrieb er Biographien. Außerdem betätigte er sich als Herausgeber zahlreicher Autoren.
Zitate Bölsche drückte es in seinem Buch, das den Titel „Die Naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie“ (1887) trug, folgendermaßen aus: „Der Dichter ... ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen vor sich, keine Chemikalien. Aber... auch diese Menschen fallen ins Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre Leidenschaften, ihr Reagieren gegen äußere Umstände, das ganze Spiel ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beobachten hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen wertlosen Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen muss, ehe er ans Werk geht und Stoffe kombiniert.“
Ziel sei es, zu einer wahren mathematischen Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und Gestalten vor unserem Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie die Natur.
In seinem Werk „Von Sonnen und Sonnenstäubchen“ (1903) machte sich Bölsche bereits Gedanken zu Landschaftsschutz, standortgerechter Forstwirtschaft und Vogelschutz: „Ich dachte an leichtsinnig zerstörte deutsche Landschaftsschönheit. Die wundervollen Elbsandsteinfelsen bei der Bastei, von roher Steinbrucharbeit angenagt. Das idyllische Siebengebirge, die Perle der gesamten Rheinlandschaft, schon in weiten Teilen fortgefressen durch gleichen Raubbetrieb. Die Urwaldpracht des Spreewaldes von Jahr zu Jahr eingeengt, aufgesaugt von winzigen Augenblickszwecken einer wahren Pygmäenkultur. Dazu eine nivellierende staatliche Forstkultur, die, um das Ärgernis eines hohlen Baumes zu beseitigen, eine schöne deutsche Vogelart um die andere am Mangel an Nistgelegenheit aussterben lässt. Landschaftliche Schutzgesetze, die zu spät kommen an Orten, wo ein Narr in einer Woche mehr roden und ausrotten kann, als die Natur in Jahrtausenden schenkt. Noch ist es zum Glück an unzähligen Orten nicht zu spät. Aber Heimatschutz muss eine Tat werden, eine Gewalt – nicht nur ein Wort. Wie unsere deutsche Landschaft dasteht, ist sie ein Kunstwerk, aus all seinem Zeitenwandel doch mit allen Mitteln der großen Zauberkünstlerin Natur einheitlich herausgestellt. Nun ist diese Natur eingesunken in uns, wir sind ihre Augen, ihre Hand.“
Mitgliedschaften Wilhelm Bölsche wurde noch im Gründungsjahr 1912 Mitglied der Paläontologischen Gesellschaft.Paläontologische Zeitschrift 1, Heft 1, März 1914
Ehrungen Bölsche zu Ehren sind ein Berggrat im Riesengebirge, eine Schule in Berlin sowie Straßen in etlichen deutschen Städten benannt worden, darunter die Bölschestraße in Berlin-Friedrichshagen.
Der Stuttgarter Kosmos-Verlag, zu dessen produktivsten Autoren Wilhelm Bölsche zählte, verlieh in den 1960er und 1970er Jahren an verdiente Persönlichkeiten eine Bölsche-Medaille. Zu den Preisträgern gehören Alexander Mitscherlich, Theo Löbsack, Carl Friedrich von Weizsäcker, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Hoimar von Ditfurth, Karl Steinbuch, Wilhelm Fröhlich und Christa MevesBölsche-Medaille sowie Robert Jungk.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 593.
Im Januar 2001 wurde der am 31. März 1998 in der Volkssternwarte Drebach (Erzgebirge) entdeckte Planetoid 1998 FC127 nach Bölsche benannt. Er trägt jetzt die offizielle Bezeichnung (17821) Bölsche und bewegt sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter um die Sonne.
Einzelausgaben
mini|hochkant| mini|hochkant|Liebe in der Welt des Lebens (Ungarische Ausgabe) mini|hochkant|Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft (Ungarische Ausgabe) mini|Wilhelm Müller-Schönefeld: Illustration zu Das Liebesleben in der Natur Paulus. Roman aus der Zeit des Kaisers Marcus Aurelius, 2 Bde., 1885 Der Zauber des Königs Arpus, Roman, 1887 Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Ästhetik, 1887 Heinrich Heine. Versuch einer ästhetisch-kritischen Analyse seiner Werke und seiner Weltanschauung, 1888 Die Poesie der Großstadt, 1890 Digitalisierter Text Die Mittagsgöttin. Ein Roman aus dem Geisteskampfe der Gegenwart, 3 Bde., Roman, 1891 Digitalisierter Text Freireligiöse Neujahrsgedanken. Festvortrag, gehalten am 1. Januar 1893 in der Freireligiösen Gemeinde zu Berlin, 1893 Entwicklungsgeschichte der Natur, 2 Bde., 1894–1896 Das Liebesleben in der Natur, 1898–1903 Bd. 1. Diederichs, Florenz u. Leipzig 1898. () Bd. 2. Diederichs, Leipzig 1900. () Bd. 3. Diederichs, Leipzig 1903. () Goethe im zwanzigsten Jahrhundert. Ein Vortrag, 1900 Tiere der Urwelt, 1900 (Illustration: Heinrich Harder) Digitalisierte Kopie Ernst Haeckel. Ein Lebensbild, 1900 Die Entwicklungslehre (Darwinismus), 1900 Vom Bazillus zum Affenmenschen. Naturwissenschaftliche Plaudereien, 1900 Hinter der Weltstadt. Friedrichshagener Gedanken zur ästhetischen Kultur, 1901 Die Eroberung des Menschen, 1901 Die Entwicklungslehre im 19. Jahrhundert, 1901 Von Sonnen und Sonnenstäubchen. Kosmische Wanderungen, 1903 Aus der Schneegrube. Gedanken zur Naturforschung, 1903 Weltblick. Gedanken zu Natur und Kunst, 1904Enthält u. a.: Ob Naturforschung und Dichtung sich schaden?- Die Welt als Werk unseres Wunsches.- Der Mensch, der die Natur moralisch macht.- Vom Bild zur Realität.- Einheit im Geiste.- Das Unberechenbare in der Natur.- Wenn die Elektrizität aufhörte?- Das dritte Auge.- Der Kredit der Natur.- Die Flucht vor der Stadt.- Zur Geschichtsphilosophie des Bienenstaates.- Neues über den Stammbaum des Menschen.- Fünf Märchen des Lebens.- Gedanken über die Schule.- Vom alten Geiste des Humanismus.- Die Masseninvasion des Wissens.- Schutzanpassungen unseres Geistes.- Das Assoziations-Gedächtnis.- Die neue Front der ästhetischen Forderungen Naturgeheimnis, 1905 Der Sieg des Lebens, 1905 Die Schöpfungstage. Umrisse zu einer Entwicklungsgeschichte der Natur, 1906 Im Steinkohlenwald, 1906 Auf den Spuren der tropischen Eiszeit, 1907 Was ist die Natur?, 1907 (Illustration: Marie Gey-Heinze) Tierbuch. Eine volkstümliche Naturgeschichte (Illustration: Heinrich Harder), Berlin, Bondi 1908–1911 Bd. 1: 1908 Bd. 2: Das Pferd und seine Geschichte, 1909 Bd. 3: Der Hirsch und seine Geschichte, 1911 Darwin, seine Bedeutung im Ringen um Weltanschauung und Lebenswert. 6 Aufsätze, 1909 Auf dem Menschenstern. Gedanken zu Natur und Kunst, 1909 Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium, 1909 Komet und Weltuntergang, 1910 Stunden im All, 1910 Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten, 1913 Stirb und Werde! Naturwissenschaftliche und kulturelle Plaudereien, 1913 Ernst Haeckel im Bilde. Eine phÿsiognomische Studie zu seinem 80. Geburtstage. Herausgegeben von Walther Haeckel. Mit einem Geleitwort von Wilhelm Bölsche. Georg Reimer, Berlin 1914. (24 Porträts von Ernst Haeckel aus verschiedenen Lebensaltern; dazu 14 Seiten kommentierender Text von Bölsche.) Tierwanderungen in der Urwelt, 1914 (Illustration: Heinrich Harder) Der Mensch der Zukunft, 1915 Von Wundern und Tieren. Neue naturwiss. Plaudereien, 1915 Der Stammbaum der Insekten, 1916 Neue Welten – die Eroberung der Erde in Darstellungen großer Naturforscher. Deutsche Bibliothek, Berlin, 644 S, 1917 Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur, 1917 Eiszeit und Klimawechsel, 1919 Naturphilosophische Plaudereien, 1920 Tierseele und Menschenseele, 1924