Johanna Diehl (* 1977 in Hamburg) ist eine deutsche Künstlerin, Fotografin und Professorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Beruflicher Werdegang Johanna Diehl hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig zunächst bei Timm Rautert und dann als Meisterschülerin bei Tina Bara studiert.Artnet: Johanna Diehl. (16. August 2013) Außerdem besuchte sie während eines Gastaufenthaltes an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris die Klassen von Jean-Marc Bustamante und Christian Boltanski und arbeitete mit dem Gastprofessor Boris Mikhailov an einem Projekt in Odessa.
Nach ihren Serien Displace, Borgo und der zuletzt in der Pinakothek der Moderne in München ausgestellten Serie Ukraine Series, gilt Johanna Diehl laut der Sendung ARTE metropolis als „Archäologin der jungen deutschen Fotografie“.
Seit 2019 ist Diehl Professorin für Fotografie der Fakultät Gestaltung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.
Werke (Auswahl) „Borgo Romanià Alleanza“ (2012/2014) Potemkinsche Dörfer zwischen Pinien: In ganz Italien wurden unter Mussolinis Diktatur sogenannte Borghi gebaut, am Reißbrett geplante Mustersiedlungen im Sinne der faschistischen Agrarreform. Besonders in Sizilien stehen sie nach wie vor leer, sind Kulissendörfer geblieben. Diehl nimmt in ihrer puristisch-konzeptuellen Serie Borgo mit der Plattenkamera über zwanzig dieser utopischen Plansiedlungen auf und zeigt sie als geisterhafte Theaterszenerien, mitsamt Parteigebäuden und Triumphbögen. 2012 erfolgte durch den damaligen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Bernd Neumann der Ankauf der Arbeit Borgo Bassi III aus der Serie für die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland. In der Folge Romanità untersucht die Künstlerin Materialien und Bildprogramme öffentlicher Gebäude Roms aus dieser Zeit: Marmor und martialische Fresken schlagen historische Bögen vom alten Rom bis zum Faschismus und bestimmen bis heute die Atmosphäre in Ministerien und im Kongresszentrum der Stadt. Im Zentrum von Diehls Arbeiten steht die Frage, wie Rhetoriken der Macht durch Architektur auf das einzelne Subjekt wirken. In Alleanza geht es um die machtvolle Allianz zwischen Kirche und Staat in den Jahren der Diktatur, wie sie in der Formensprache damaliger pathetischer Kirchenbauten Ausdruck fand. „Johanna Diehls fotografischer Blick ist konzeptuell. Erst formt sie eine Idee, ein Thema. Dann geht sie auf die Suche nach ihren Motiven und auf Reisen entstehen dann ihre konzentrierten Werke. (…) Die Kunst der Fotografie, Schärfe, Licht und Perspektive präzise einzusetzen, erreicht bei Johanna Diehl den perfekten Grad. Sie ist eine Ausnahmefotografin.“Swantje Karich, »Verloren in Vollkommenheit«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Januar 2012, Nr. 6, S. 37 Hierzu ist 2014 eine Publikation bei Hatje Cantz erschienen.Johanna Diehl, Borgo. Romanità. Alleanza, Ostfildern (Hatte Cantz) 2014
„Displace“ (2009) Der Titel Displace, was sowohl „Vertreiben“ als auch „Ersetzen“ bedeutet, verweist auf die in den Fotografien charakteristische Abwesenheit der Menschen, die ihre Heimat und ihre Gebetsstätten – Moscheen im christlich-orthodoxen Süden sowie Kirchen im muslimischen Norden – verlassen mussten. Zugleich beschreibt dieser Begriff aber auch den Vorgang der Umwidmung und des Wiederbeschreibens durch eine andere Volksgruppe, die sich in den verlassenen Dörfern neu angesiedelt hat. „Es ist vor allem die überraschende Verknüpfung von objektiver Bildsprache und Diehls fotografischer Interpretation des vieldeutigen Bildgegenstands, die den Betrachter verwirren und zum genaueren Hinsehen animieren.“Miriam Paeslack, »Übersetzungen, Raum und Gedächtnis«, in: Johanna Diehl, Displace, Fotohof edition, Salzburg 2012, o. S. Diese Arbeit wurde 2011 im Fotohof Salzburg publiziert.Johanna Diehl, Displace, Salzburg (Fotohof edition) 2011
„Ukraine Series“ (2013/2015) 2013 besuchte Johanna Diehl ehemalige Synagogen auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Während der deutschen Besatzung teilweise zerstört, wurden diese unter der sowjetischen Herrschaft völlig zweckentfremdet: als Autowerkstatt, Essigfabrik, Krankenstation, Kino, Näherei, Sporthalle oder KGB-Gefängnis. Die Gebäude verdeutlichen die rücksichtslose Machtdemonstration der einen oder der anderen Ideologie über die Synagoge als religiösem Kulturraum. Eine zugemauerte Thora-Nische oder historische Deckenmalereien, die unter einem abbröckelnden Anstrich wieder hervorscheinen, weisen manches Mal auf das reiche religiöse Leben hin, das über Jahrhunderte in diesen Räumen blühte. Die mit einer Großformatkamera gemachten einfühlsamen und zugleich schonungslosen Aufnahmen werden in der 2015 im Sieveking Verlag erschienenen Publikation durch sehr persönliche, literarische Texte von Jurij Andruchowytsch bereichert, einem der renommiertesten ukrainischen Schriftsteller.Johanna Diehl, Ukraine Series, München/Berlin (Sieveking Verlag) 2015
Trivia Diehl ist die Nichte des documenta-Gründers Arnold Bode.
Ausstellungen Einzelausstellungen (Auswahl) 2021: Broken Repertoire, Jahresausstellung des Kunstvereins Göppingen 2019: In den Falten das eigentliche, Haus am Waldsee, Berlin 2017: Constellations, Galerie Wilma Tolksdorf, Frankfurt am Main 2016: Johanna Diehl und Claudia Wieser, Galerie der Villa Massimo, Rom 2016: Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 2015: Ukraine Series, Pinakothek der Moderne, München 2015: Eurotopians, Oldenburger Kunstverein, Oldenburg 2015: SETS, Galerie Wilma Tolksdorf, Frankfurt am Main 2013: Eurotopians, Galerie Wilma Tolksdorf, Frankfurt am Main 2013: Displace, Hospitalhof, Stuttgart 2012: Borgo. Romanità, Overbeck-Gesellschaft, Kunstverein, Lübeck 2012: Galerie Fiebach, Minninger, Köln 2011: Borgo, Galerie Wilma Tolksdorf, Frankfurt am Main 2010: Displace, Oldenburger Kunstverein, Oldenburg 2010: Galerie Wilma Tolksdorf, Berlin 2010: Galerie Fiebach&Minninger, Köln 2009: Atelierfrankfurt, Frankfurt am Main; New Positions 2009; Art Cologne/Förderkoje 2008: Das Gedächtnis der Orte, Stadtmuseum im Spital, Crailsheim 2007: Galerie Fiebach & Minninger, Köln 2007: Galerie Emmanuel Post, Leipzig
Gruppenausstellungen (Auswahl) 2022: Viaggio in Italia XXI – Reise nach Italien XXI, Museum Casa di Goethe Roma, 2022: EVROVIZION.CROSSING NOVI SAD, Museum der zeitgenössischen Kunst Vojvodina, Novi Sad 2017: Vermisst – Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc, Haus am Waldsee, Berlin 2016: Not here yet, H2 Zentrum für Gegenwartskunst, Glaspalast Augsburg 2015: Es war einmal ein Land, Heidelberger Kunstverein 2015: Freude Schöner Götter Funken, Galerie ABTART, Stuttgart 2014: Facts and Fiction, Multimedia Art Museum, Moskau 2013: Internationaler Welde Kunstpreis für Fotografie, Alte Feuerwache Heidelberg 2013: Religion&Riten, Art Foyer DZ Bank Kunstsammlung 2012: Paris Photo, Grand Palais, Paris 2012: Wie zusammen leben?, Salzburger Kunstverein 2012: Über-Zeit / Showing the case: Showcase #2, Heidelberger Kunstverein 2012: Bildspuren – Unruhige Gegenwarten, Darmstädter Tage der Fotografie 2012: Viaggio in Italia / Italienische Reise, Werkschauhalle, Baumwollspinnerei Leipzig 2011: Nachbilder – Junge Fotografie, Schloss Ritzebüttel, Cuxhaven 2011: G#11, Galerie Fiebach, Minninger, Köln 2011: SCHAURAUM II, KG Freiräume, Hallein (Österreich) 2011: Selection/Auswahl, Photoforum Pasquart, Biel/Bienne 2010: Re-Envisioning Cyprus, Pantheon Gallery, Nicosia/Zypern 2010: Enovos Preis Junge Kunst 2010, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen 2010: 10 Jahre Kunstverein, Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt 2010: REMINDER, The Forgotten Bar Project, Galerie im Regierungsviertel, Berlin 2010: International Festival for Photography & Video, Gallery Iang, Seoul/Korea 2010: Im Verborgenen, F-Stop Fotografiefestival, Leipzig 2009: No Sound of Music, Salzburger Kunstverein (Österreich) 2009: Parcours, KG Freiräume, Hallein (Österreich) 2009: Stille Welt – Realität und Symbolik der Dinge, Städtische Galerie Traunstein 2008: Vertrautes Terrain – Aktuelle Kunst in und über Deutschland, ZKM Karlsruhe 2008: Zeitbilder, Marta-Hoepffner-Gesellschaft für Fotografie, Stadtmuseum Hofheim am Taunus 2007: R.O.T.-die vierzehnte, Leipziger Jahresausstellung, Leipzig 2007: Frozen Moments, Galerie Christa Burger, München 2007: F-Stop-1. Internationales Fotografiefestival Leipzig, ZZF Leipzig 2007: Ortswechsel, Atelierfrankfurt, Frankfurt am Main 2005/2006: THE LEIPZIG LENS, German Embassy, London 2005: The Glasgow School of Art, Glasgow 2005: Caxap-Zucker, Galerie Aspekte, München 2005: Kalte Herzen, Klasse Rautert, Kunstverein Radolfzell 2005: Si jeunes, on ne se retrouvera plus, Galerie Droite, ENSBA, Paris 2005: Kalte Herzen, Klasse Rautert, Kunstbunker Tumulka, München 2004: Auf der Suche nach Identität, Kunsthalle Villa Kobe Halle 2002/2003: CAXAP-Zucker, HGB Leipzig 2002/2003: Silver & Gold, Klasse Rautert, Städtische Galerie Wolfsburg, Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt / Festspielhaus Hellerau, Dresden / Galerie 20.21, Essen
Auszeichnungen Johanna Diehl erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Dazu zählen unter anderem das Arbeitsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung (EHF) (2016), der Stiftung Kunstfonds Bonn (2014), der Robert Bosch Stiftung (2012), des DAAD, der Stiftung Kulturwerk, der Rudolf Augstein Stiftung, der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart (2015), sowie der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo für die Casa Baldi.
Ihr Buch Borgo, Romanità, Alleanza, erschienen 2014 bei Hatje Cantz, erhielt den Deutschen Fotobuchpreis in Silber.
Monographien, Kataloge, Künstlerbücher Archipelagos of Resistance. Sarajevo. Hartmann Books, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-96070-126-2. Taubes Geäst. Spector Books, Leipzig 2021, ISBN 978-3-95905-538-3. In den Falten das Eigentliche. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2020, ISBN 978-3-96098-749-9. mit Niklas Maak: Eurotopians. Fragmente einer anderen Zukunft. Hirmer Verlag, München 2017, ISBN 978-3-7774-2883-3 Vermisst – der Turm der blauen Pferde von Franz Marc. Hg. Haus am Waldsee, Berlin. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2017. Religion und Riten. Hg. DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt am Main 2012. Ukraine Series. Mit Texten von Juri Andruchowytsch und einer Einleitung von Bernhard Maaz. Sieveking Verlag, München, Berlin 2015, ISBN 978-3-944874-14-2 Borgo. Romanità. Alleanza. Hatje Cantz, Ostfildern 2014, ISBN 978-3-7757-3879-8. Displace. Fotohof, Salzburg 2011, ISBN 978-3-902675-28-6. Re-Envisioning Cyprus. University of Nicosia Press, Nicosia 2010. Im Verborgenen / In the Hidden. Zentrum für Zeitgenössische Fotografie Leipzig. Kehrer Verlag, Heidelberg, /Berlin 2010. JUNGE KUNST 2010 – Enovos. Hg. Wilhelm Hack Museum Ludwigshafen am Rhein; Enovos Deutschland 2010. photo speaks 2010. Hg. The society of Korean Photography. 2010. Vertrautes Terrain – Aktuelle Kunst in und über Deutschland. Hg. Gregor Jansen, Thomas Thiel. Kehrer Verlag, Heidelberg 2009. Zeitbilder – Marta Hoepffner-Preis für Fotografie 2008. Hg. Magistrat der Stadt Hofheim am Taunus Stadtmuseum/Stadtarchiv und Marta Hoepffner Gesellschaft für Fotografie e. V. Hofheim am Taunus 2008. R.O.T.-die vierzehnte. Hg. Leipziger Jahresausstellung e. V. Leipzig 2007. F/STOP- 1.Internationales Fotografiefestival Leipzig 2007. Hg. Zentrum für Zeitgenössische Fotografie Leipzig e. V., 2007. CAXAP/Zucker – Zwölf Tage in Odessa. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin und Hochschule für Grafik und Buchkunst, 2005. Echtes Leipziger Allerlei. Hochschule für Grafik und Buchkunst, 2004. Kalte Herzen. Schaden.com Buchhandlung, 2004. Silver&Gold. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2003.
Weblinks Website Johanna Diehl
Einzelnachweise
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