Die Landschaftssphäre ist eine teilnatürliche Erdsphäre und eine Möglichkeit, den Forschungsgegenstand der Wissenschaft namens Geographie zu bezeichnen: Sie kann als Begriff für jenen Erdraum benutzt werden, in dem sich die Dinge befinden, mit denen sich die meisten Disziplinen der Geographie zumindest mehrheitlich beschäftigen.E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. 15, 1960, S. 48. Im deutschen Sprachraum allerdings wird der Ausdruck vornehmlich bloß von einer einzigen geographischen Disziplin verwendet, der Landschaftsökologie.U. Steinhard, O. Blumenstein, H. Barsch: Lehrbuch der Landschaftsökologie. Heidelberg 2012, S. 31.

Wenig gebrauchte und veraltete Synonyme für die Landschaftssphäre lauten geographische Substanz,H. Carol: Zur Diskussion um Landschaft und Geographie. In: Geographica Helvetica. 11, 1956, S. 113. geographisches Milieu.E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. 15, 1960, S. 48. und geographische Sphäre.E. Winkler: Die Sowjetgeographie im Lichte der Anutschin-Kontroverse. In: Geographica Helvetica. 21, 1966, S. 7. Zudem können ChorosphäreE. Winkler: Über den Funktionalismus in Ethnographie und Geographie, Skizze eines wissenschaftlichen Vergleichs. In: Ethnologische Zeitschrift. 2, 1972, S. 390. und ein bestimmter Geosphäre-BegriffE. Winkler: Über die natürliche Ordnung der Erdwissenschaften. In: Geographica Helvetica. 25, 1970, S. 8.H. Barsch: Zur Kennzeichnung der Erdhülle und ihrer räumlichen Gliederung in der landschaftskundlichen Terminologie. In: Petermanns geographische Mitteilungen. 119, 1975, S. 83. ebenfalls weitgehend als Synonyme gelten.

Begriff Die Bezeichnung Landschaftssphäre gelangte aus der sowjetischen Geographie (ru. ландшафтная сфера – „Landschaftnaja sfera“)Георгий Ефремов (Юрий) Константинович: О месте геоморфологии в круге географических наук. In: Вопросы географии. 21, 1950, S. 47.Георгий Ефремов (Юрий) Константинович: Ландшафтная сфера Земли. In: Известия Всесоюзного географ об-ва. 6, 1959, S. 525–528. in die deutsche Sprache.E. Winkler: Die Sowjetgeographie im Lichte der Anutschin-Kontroverse. In: Geographica Helvetica. 21, 1966, S. 7. Dies geschah zu Beginn der 1960er Jahre durch Ernst Winkler, einem Schweizer Geographen:

Ernst Winkler war der Hauptvertreter der älteren Zürcher Landschaftsschule – der älteren Ausrichtung der universitären Zürcher Schule der Landschaftskunde.H. R. Brunner: Die Zürcher Landschaftsschule. In: Geographica Helvetica. 36, 1981, S. 146. Die Ansichten der Zürcher Landschaftsschule waren beeinflusst von den Ideen des deutschen Geographen Kurt Bürger. Er war der erste Geograph, der ganz rigoros Landschaft zum zentralen und eigentlichen Forschungsgegenstand der Geographie erklärt hatteH. R. Brunner: Die Zürcher Landschaftsschule. In: Geographica Helvetica. 36, 1981, S. 147.K. Bürger: Der Landschaftsbegriff. Dresden 1935, S. 27. (und damit einen Gedanken zum Abschluss gebracht hatte, der bereits 1912 beim deutschen Geographen Otto Karl Siegfried Passarge aufgetaucht war).S. Passarge: Physiologische Morphologie. Hamburg 1912, S. 11. Demgemäß lag es für Ernst Winkler nahe, das Wortkonstrukt namens Landschaftssphäre aus dem Russischen zu entlehnen und es als Begriff für das allgemeine und umfassende Objekt geographischer Forschung auch für die deutschsprachige Geographie vorzuschlagen.E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. 15, 1960, S. 48.

Dauerhaft festsetzen konnte sich Landschaftssphäre jedoch nur innerhalb der Landschaftsökologie. Denn diese geographische Disziplin erforscht nach wie vor terrestrische Ökosysteme, also Ökosysteme in Landschaften (Landschaftsökosysteme).H. Leser: Das elfte „Basler Geomethodische Colloquium“: Methodische Probleme großmaßstäbiger geoökologischer Feldaufnahmen in Entwicklungsländern Afrikas. In: Geomethodica. 11, 1986, S. 13.H. Küster: Die Entdeckung der Landschaft. München 2012, S. 85. In anderen geographischen Disziplinen konnte sich der Begriff nicht etablieren. Dies lag einerseits an Veröffentlichungen des Geographen Alfred Hettner, der sich als scharfer Gegner der Landschaft-Ideen von Siegfried Passarge erwies.A. Hettner: In: Methodische Zeit- und Streitfragen: Passarges Landschaftskunde. In: Geographische Zeitschrift. (1925), S. 162–164 Und es lag andererseits an einer generellen zunehmenden Unsicherheit bezüglich des Landschaft-Begriffs, wenn dessen Begriffsinhalt über bloße einfache Terrestrizität hinausgehen sollte.J. Schmithüsen: Was ist Landschaft? In: Erdkundliches Wissen. 9, 1964, S. 1–24.E. Neef: Zu einigen Fragen der vergleichenden Landschaftsökologie. In: Geographische Zeitschrift. 59, 1970, S. 161.H. R. Brunner: Die Zürcher Landschaftsschule. In: Geographica Helvetica. 36, 1981, S. 147–148.U. Eisel: Geographie – Die Wissenschaft von den Unterscheidungen und Korrelationen, die jedem zugänglich sind; oder: Wie man die Landschaftskunde nicht retten kann. In: Geographica Helvetica. 37, 1982, S. 166–170.

Umfang und Inhalt Die Landschaftssphäre besitzt keinen Begriffsgegenstand, der ohne Weiteres klar fasslich ist. Während andere Erdsphären eindeutige und stofflich greifbare Dinge thematisieren – beispielsweise umfasst die Atmosphäre die irdische Lufthülle und die Aquasphäre das irdische Flüssigwasser – umreißt die Landschaftssphäre zuallererst einfach einen bestimmten Erdraum. Der umrissene Erdraum beinhaltet alle Dinge, mit denen sich viele Bereiche der Geographie hauptsächlich und die Landschaftsökologie praktisch ausschließlich befassen. Dieser Erdraum kann demnach (zumindest aber nach Meinung des deutschsprachigen Erstbenutzers Ernst Winkler)E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica 15, 1960, S. 48. in seiner Gänze als maßgebliches Objekt geographischer ForschungH. Carol: Zur Diskussion um Landschaft und Geographie. In: Geographica Helvetica. 11, 1956, S. 113. angesehen werden: Die Landschaftssphäre umreißt den festländischen Erdraum,K. Bürger: Der Landschaftsbegriff. Ein Beitrag zur geographischen Erdraumauffassung. In: Dresdener Geographische Studien. 7 (1935) die landschaftliche Erdhülle.E. Winkler: Über den Funktionalismus in Ethnographie und Geographie, Skizze eines wissenschaftlichen Vergleichs. In: Ethnologische Zeitschrift. 2, 1972, S. 390. So bezeichnet sie die Gesamtheit der terrestrischen Gebiete der Erde – beziehungsweise die Gesamtheit der irdischen Landschaften. – beziehungsweise die Gesamtheit der terrestrischen Erdoberfläche zusammen mit den Räumen, die sich unmittelbar neben und oberhalb und unterhalb von ihr befinden.E. Winkler: Über die natürliche Ordnung der Erdwissenschaften. In: Geographica Helvetica. 25, 1970, S. 6–7.

Innerhalb des Raums der Landschaftssphäre durchdringen und durchwirken sich verschiedene Erdsphären. Dazu zählen in übergeordneter Weise die terrestrische Ökosphäre und die terrestrische Anthroposphäre. Beide lassen sich weiter untergliedern:vgl. U. Steinhard, O. Blumenstein, H. Barsch: Lehrbuch der Landschaftsökologie. Heidelberg 2012, S. 152.vgl. E. Winkler: Über die natürliche Ordnung der Erdwissenschaften. In: Geographica Helvetica. 25, 1970, S. 7–8.vgl. W. Endlicher: Einführung in die Stadtökologie. Stuttgart 2012, S. 20

Die Landschaftssphäre beinhaltet sowohl die Menschen mit ihrem Lebensraum und ihrer Lebenswirklichkeit – die nach wie vor hauptsächlich auf dem Land lokalisiert sind – als auch die übrigen terrestrischen Lebewesen zusammen mit beider Gruppen Lebensgrundlagen (Rohstoffe, Physiosystem). Dabei zeichnet sich die Landschaftssphäre in ihrer Gänze durch mannigfaltige Wechselbeziehungen zwischen den Bestandteilen der beteiligten Erdsphären aus. Hierin liegt die Begründung, die Landschaftssphäre als maßgebliches Objekt vieler Bereiche allgemeiner geographischer Forschung ansehen zu können.

Darüber hinaus erwächst durch die mannigfaltigen Wechselbeziehungen ein komplexes WirkungsgefügeE. Neef: Zu einigen Fragen der vergleichenden Landschaftsökologie. In: Geographische Zeitschrift. 59, 1970, S. 165.E. Winkler: Über die natürliche Ordnung der Erdwissenschaften. In: Geographica Helvetica. 25, 1970, S. 3–4, 7–8.vgl. E. Neef: Geographie und Umweltwissenschaft. In: Petermanns geographische Mitteilungen. 116, 1972, S. 83 und Tafel 3. – der LandschaftshaushaltA. J. Wulf: Die Eignung landschaftsökologischer Bewertungskriterien für die raumbezogene Umweltplanung. Kiel 2001, S. 73. – das Landschaften formt. Und es sind eben die Landschaften in ihrer Entwicklung und Dynamik, ihren Prozessen und ihrer räumlichen Struktur, die in ihrer Gesamtheit die Landschaftssphäre zum zentralen Forschungsgegenstand der Landschaftsökologie werden lassen.

Literatur E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. 15, 1960, S. 47–49. E. Winkler: Die Sowjetgeographie im Lichte der Anutschin-Kontroverse. In: Geographica Helvetica. 21, 1966, S. 7–10.

Einzelnachweise

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