Sluggish cognitive tempo (SCT, „Träges kognitives Tempo“) oder auch cognitive disengagement syndrome (CDS, in etwa „Syndrom kognitiver Distanzierung“) ist ein bei Erforschung der ADHS-Subtypen entdecktes Syndrom. Typisch dafür ist ein überdauerndes Verhaltensmuster aus
auffälliger Verträumtheit geistesabwesendem Starren unbeständiger Wachsamkeit häufiger Lethargie und Energielosigkeit langsamem Arbeitstempo
Trotz jahrzehntelanger Diskussionen ist nach wie vor umstritten, was genau SCT ist und wie es behandelt werden sollte. Inzwischen ist jedoch klar, dass dieses Symptommuster wichtig und klinisch relevant ist, denn es hat einen eigenständigen negativen Effekt auf LebensqualitätMartha A. Combs et al. (2014): Impact of SCT and ADHD Symptoms on Adults’ Quality of Life (Volltext verfügbar). und Lebensführung (u. a. mehr Suizidverhalten), der über ADHS alleine hinausgeht. So zeigen Erwachsene mit kombinierter Symptomatik (ADHS + SCT) weit stärkere Alltagsbeeinträchtigungen als jene, die „nur“ ADHS haben. Erste Hinweise deuten auch auf ein schlechteres Ansprechen auf Methylphenidat hin.
Ursprünglich dachte man, SCT betreffe nur etwa 30 % des unaufmerksamen Subtyps („ADS ohne Hyperaktivität“) und sei unvereinbar mit hyperaktiv-impulsivem Verhalten. Es kommt aber auch zusammen mit dem hyperaktiv-impulsiven und kombinierten Subtyp vor – und ebenfalls bei manchen Personen ohne ADHS. Umgekehrt zeigt mindestens die Hälfte aller ADHS-Betroffenen keine SCT-Symptomatik. Daher meinen einige Psychologen und Psychiater, dass es sich dabei entweder um eine neue zweite Aufmerksamkeitsstörung handelt oder zumindest um eine eigene Symptomgruppe innerhalb von ADHS (neben Hyperaktivität-Impulsivität und Unaufmerksamkeit).A Fuzzy Debate About A Foggy Condition. Cincinnati Children’s Hospital, 2015. Idea of New Attention Disorder Spurs Research and Debate. In: NY-Times, 2014.
Abgrenzung von ADHS Folgende Tabelle zeigt einen direkten Symptomvergleich vom unaufmerksamen Subtyp und SCT:
Zwei Arten von AufmerksamkeitsstörungenUnaufmerksamer ADHS-SubtypSCT-Symptome (Vorläufig)Stephen Becker u. a.: The Internal, External, and Diagnostic Validity of Sluggish Cognitive Tempo: A Meta-Analysis and Critical Review. In: Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. Band 55, Nummer 3, März 2016, S. 163–178, doi:10.1016/j.jaac.2015.12.006, PMID 26903250, (Review). Beachtet Einzelheiten nicht Kann kaum länger aufmerksam sein Hört nicht zu, wenn angesprochen Führt Arbeiten unvollständig aus Schwierigkeiten, sich zu organisieren Vermeidet längere geistige Anstrengung Verliert Gegenstände Leicht ablenkbar durch äußere Reize Vergesslich bei Alltagstätigkeiten Verträumt oder geistig „benebelt“ Starrt geistesabwesend ins Leere Lethargisch, träge oder müde Hypoaktiv, reagiert verzögert Langsames Arbeitstempo Leicht durcheinander zu bringen Verliert den gedanklichen Faden Probleme, sich rasch zu orientieren Mühe, Umgebung wachsam wahrzunehmen Der unaufmerksame ADHS-Subtyp nach DSM-5 (linke Seite) ist ganz auf die angegebenen neun Merkmale beschränkt und umfasst Probleme mit mangelnder Ausdauer, Ablenkbarkeit und Desorganisation. SCT (rechte Seite) zeichnet sich dagegen durch eine qualitativ andere, verträumt-träge Unaufmerksamkeit aus, die nicht durch die offizielle Definition von ADHS abgedeckt wird und dort fehlt.
Beide erfassen also zwei verschiedene Typen von Aufmerksamkeitsproblemen und sind daher nicht austauschbar.
Beschreibung Menschen mit SCT verhalten sich von Kindheit an meist gegenteilig zu typischen ADHS-Betroffenen: Statt als hyperaktiv, extrovertiert, störend und risikofreudig aufzufallen, sind sie hypoaktiv, träge und zurückhaltend, gedankenversunken, oft geistig „nicht ganz da“. Kinder und Erwachsene mit SCT scheinen permanent „wie hinter einer Nebelwand“, so als ob sie dem Geschehen um sie herum stets nur ihre halbe Aufmerksamkeit widmeten. In angeregtem Zustand können sie aber durchaus aufgedreht sein: Trotz introvertiertem Temperament suchen sie manchmal stark stimulierende Situationen auf, um sich selbst zu aktivieren und so eine gleichmäßigere innere Wachheit zu erreichen.
Auch die Aufmerksamkeitsdefizite sind anders: Bei klassischem ADHS kann die Aufmerksamkeit durchaus rasch zu einem neuen Reiz hin gelenkt werden. Dann lässt sie aber sehr bald nach und springt unruhig und nervös hin und her. Hier ist die kurze Aufmerksamkeitsspanne das entscheidende Problem. Hinzu kommt die leichte Ablenkbarkeit durch die starke Impulsivität: ADHS-Betroffene sind „hyper-reaktiv“ und reagieren zu viel auf wahrgenommene Reize. Die Fähigkeit, schnell Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, scheint dagegen nicht vorrangig betroffen zu sein. In der Schule bestehen die Probleme bei ADHS dementsprechend kaum im Fehlermachen, sondern in der zu geringen erledigten Arbeitsmenge bzw. Produktivität.Russell Barkley: Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Hans Huber 2021, 4. Auflage, ISBN 978-3-456-86082-4. Siehe S. 233f (zu SCT) und S. 92 (Kinder mit ADHS sind auch hyperreaktiv).
Bei SCT ist der Wahrnehmungsstil dagegen eher träge und zäh. Das macht es schwer, sich überhaupt erst einer Sache aufmerksam zuzuwenden – die Orientierung der Aufmerksamkeit wirkt beeinträchtigt. Im Vordergrund steht also nicht mangelnde Ausdauer (wie bei ADHS), sondern der zu schwerfällige Wechsel der Aufmerksamkeit von einem Reiz zum anderen. Auch Verarbeitungsgeschwindigkeit und Reaktionszeit sind langsamer, trotz normaler Intelligenz. Kinder mit SCT haben Probleme mit der selektiven Aufmerksamkeit; diese Art von Unaufmerksamkeit betrifft die Filterung von Wahrnehmungsreizen. Dadurch wird sorgfältiges und genaues Arbeiten erschwert und so machen sie bei Schularbeiten viele Fehler.Russell Ramsay (2014): Cognitive-behavioral therapy for adult ADHD: An integrative psychosocial and medical approach. 2. Auflage, S. 11–12. Zitat: "The classic presentation of ADHD involves features of high distractibility and poor attention vigilance, which can be considered as examples of attention and sustained concentration being engaged but then punctuated or interrupted. In contrast, SCT/CDD is characterized by difficulties orienting and engaging attention, effort, and alertness in the first place."
Neuropsychologische Tests zeigen, dass sie bei visuomotorischer Geschwindigkeit und Auge-Hand-Koordination viel schlechter abschneiden als andere. Auch Gedächtnistests, die vor längerer Zeit gelernte Inhalte abfragen, bereiteten den Kindern mit SCT besonders große Mühe; die Kinder mit ADHS dagegen zeigten hier keine Probleme.
Mit SCT sind häufig internalisierende Probleme wie mehr Unglücklichkeit, Angststörungen und Depressionen verbunden. In sozialen Situationen wird das oft zurückhaltende, schüchterne Auftreten manchmal als Distanziertheit oder Desinteresse fehlgedeutet. In Gruppen werden Menschen mit SCT daher übersehen oder nicht beachtet. Kinder mit ADHS werden tendenziell eher wegen aufdringlichem oder aggressivem Verhalten aktiv zurückgewiesen und haben mehr externalisierende Probleme, z. B. Drogenmissbrauch und oppositionelles Trotzverhalten. Im Kontrast dazu sind Kinder mit SCT im Kontakt mit Gleichaltrigen passiver, weniger dominant und neigen zu sozialem Rückzug.M. V. Solanto et al. (2009): Social functioning in predominantly inattentive and combined subtypes of children with ADHD. doi:10.1177/1087054708320403.
Diagnose SCT ist momentan keine offizielle Diagnose im DSM-5 oder ICD-11 und wird bei der Behandlung von ADHS nicht berücksichtigt. Es existieren aber einige Rating-Skalen, welche die Symptome abdecken (etwa das Concentration Inventory und die Barkley Sluggish Cognitive Tempo Scale).Concentration Inventory (Stephen Becker et al.) und Barkley Sluggish Cognitive Tempo Scale (Guilford Press)
Auch bei anderen medizinischen Problemen können ähnliche Symptome auftreten (z. B. exzessives Tagträumen oder geistesabwesendes „Ins-Leere-starren“). Daher ist eine Verwechselung denkbar mit Schilddrüsenunterfunktion, Absence-Epilepsie, Fetalem Alkoholsyndrom, akuter lymphatischer Leukämie, Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), schizoider Persönlichkeitsstörung,DSM-III (1980), Kapitel: (PDF). Zitat: “Individuals with this disorder are often unable to express aggressiveness or hostility. They may seem vague about their goals, indecisive in their actions, self-absorbed, absentminded, and detached from their environment (‘not with it’ or ‘in a fog’). Excessive daydreaming is often present.” Autismus oder Schlafstörungen. Eine genaue und systematische Untersuchung der Häufigkeit von SCT bei diesen Erkrankungen steht jedoch noch aus.
Forschung ADHS wird heute als Störung der exekutiven Funktionen (EF) verstanden. Diese Fähigkeiten machen Selbstregulation, Umsetzungskompetenz und Belohnungsaufschub erst möglich und sind unverzichtbar für eine eigenständige Lebensführung. Darum wurden Probleme mit den EF auch bei SCT untersucht. SCT war allgemein schwächer mit exekutiven Defiziten verbunden als ADHS, wirkte sich jedoch auf einen Bereich (Planen, Organisation und Problemlösen) noch stärker aus. ADHS wirkt sich also auf alle exekutiven Funktionen gleichermaßen aus, SCT dagegen nur auf bestimmte EF. Bei ADHS waren auch die meisten Lebensbereiche stärker betroffen.
Faktorenanalysen zeigten, dass sich alle SCT-Symptome auf einen verträumt-benebelten und einen träge-lethargischen Faktor reduzieren lassen. Der erste Faktor eignete sich am besten, um SCT von ADHS zu trennen. Demnach ist SCT vermutlich kein Subtyp von ADHS – obwohl in bis zu 30–50 % der Fälle beide Störungen gleichzeitig vorliegen können. Das legt anstatt verschiedener ADHS-Formen eher eine Komorbidität zwischen zwei verwandten Aufmerksamkeitsstörungen nahe.
Bei der Kombination von SCT und ADHS addieren sich die Belastungen: Die Gruppe mit beidem zeigte die ausgeprägtesten exekutiven Defizite und Alltagsbeinträchtigungen von allen. Das ist ein wichtiges Argument dafür, dass SCT und ADHS getrennte Konstrukte sind. Ursprünglich wurde vermutet, dass SCT nur auf den unaufmerksamen Typus beschränkt ist. Das hat sich jedoch als falsch erwiesen. In dieser Gruppe ist es zwar am häufigsten, aber die SCT-Symptome treffen dort nicht auf alle zu. Außerdem zeigte sich, dass es ebenfalls beim Mischtypus von ADHS zu beobachten ist. Das könnte bedeuten, dass SCT tatsächlich eine eigene Problematik ist, die alleine oder zusammen mit allen ADHS-Subtypen vorkommt.
Ursachen Die genauen Ursachen von SCT sind unbekannt, aber eine multikausale Entstehung erscheint wahrscheinlich. Eine erste Zwillingsstudie zeigte, dass es einen genetischen Einfluss gibt; die Rolle von Umwelteinflüssen war jedoch auch bedeutsam und größer als bei ADHS.
Eine erste fMRT-Untersuchung zeigte, dass bei starken SCT-Symptomen der linke Lobulus parietalis superior unteraktiviert ist.Catherine Fassbender, C. E. Krafft, J. B. Schweitzer: Differentiating SCT and inattentive symptoms in ADHD using fMRI measures of cognitive control. In: NeuroImage. Clinical. Band 8, 2015, S. 390–397, doi:10.1016/j.nicl.2015.05.007, PMID 26106564, . Eine neue Untersuchung zur Neurobiologie von SCT weist auf Verbindungen zu bestimmten Teilen des Frontallappens hin, die sich von der üblicherweise bei ADHS gefundenen Neuroanatomie unterscheiden.
Behandlung Die Behandlung von SCT wurde noch nicht genauer untersucht. Erste Studien gibt es nur zu Methylphenidat (Ritalin®), wo die meisten Kinder mit dem ADHS-Mischtyp gut auf mittlere bis hohe Dosierungen ansprachen. Einem größeren Anteil von Kindern mit ADS ohne Hyperaktivität nützte Methylphenidat (MPH) jedoch kaum. Wenn sie doch profitierten, lag die optimale Dosis bei ihnen viel niedriger. Eine aktuelle gezielte Untersuchung dieser Frage fand, dass ein Teil der SCT-Symptome ein schlechteres Ansprechen auf MPH vorhersagte.