Die Aschʿarīya () ist eine Richtung der islamischen Theologie, die auf den basrischen Kalām-Gelehrten Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gest. um 935) zurückgeführt wird. Historisch ist sie aus der Anhängerschaft des Kalām-Gelehrten Ibn Kullāb (gest. um 855) hervorgegangen, der während der Zeit der Mihna an den Diskussionen über das Wesen des Korans teilnahm.
Die Aschʿariten betrachten sich als die theologische Hauptströmung des sunnitischen Islams und grenzen sich sowohl gegenüber den rationalistischen Muʿtaziliten als auch gegenüber den literalistisch-traditionalistischen Hanbaliten ab. Die aschʿaritische Lehre hat sich bereits in vormoderner Zeit in fast alle Länder der islamischen Welt verbreitet und ist bis heute bei den Malikiten und Schafiiten die vorherrschende theologische Richtung. Zu den Lehren, für die die Aschʿariten besonders bekannt sind, gehören ihre spezielle Auffassung von der Rede Gottes, wonach diese keinen lautlichen Charakter hat, sondern als innere Rede (kalām nafsī) in Gottes Wesen subsistiert.
Der Koran und die anderen offenbarten Bücher sind nach der aschʿaritischen Lehre also nicht die Rede Gottes, sondern nur Ausdruck derselben. Bekannt ist auch ihre besondere Handlungstheorie, wonach die Handlungen der Menschen von Gott erschaffen werden, der Mensch sie jedoch erwerben muss. Die aschʿaritischen Lehren sind sowohl von traditionalistischer als auch von muʿtazilitischer und philosophischer Seite heftig kritisiert worden. Die Muʿtaziliten stießen sich besonders an der aschʿaritischen Bejahung des Taklīf mā lā yutāq, d. h. der Möglichkeit, dass Gott den Menschen etwas auferlegen kann, was sie nicht zu leisten imstande sind.
Herausbildung Einer der frühesten Belege für eine als Aschʿarīya bekannte Gruppierung ist das um 985 verfasste Werk Kitāb Aḥsan at-taqāsīm fī maʿrifat al-aqālīm des Geographen Schams ad-Dīn al-Maqdisī. Er notiert darin, dass in seiner Zeit die Bezeichnung Aschʿarīya die frühere Bezeichnung Kullābīya für die Anhängerschaft Ibn Kullābs verdrängt habe.Šams ad-Dīn al-Maqdisī: Kitāb Aḥsan at-taqāsīm fī maʿrifat al-aqālīm. Ed. M. J. de Goeje. 2. Aufl. Brill, Leiden 1906., S. 37, Zeile 10. Digitalisat Dafür, dass al-Aschʿarī nach seiner Abwendung von der Muʿtazila selbst der kullābitischen Schule zugehört hat, gibt es einige Belege. So bezeichnete ihn sein Zeitgenosse Al-Masʿūdī (gest. 956) als Kullābiten (Kullābī),Abū l-Ḥasan ʿAlī al-Masʿūdī: Kitāb at-tanbīh wa-l-išrāf. Brill, Leiden, 1894. S. 396, Z. 9f. Digitalisat und der ebenfalls zeitgenössische Ibn an-Nadīm führt ihn in seinem Fihrist unter der Kullābīya auf.Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. Ed. Riḍā Taǧaddud. 3. Aufl. Dār al-Masīra, Beirut, 1988. S. 231. Digitalisat Al-Aschʿarī selbst äußerte, dass die meisten Lehren der Anhänger Ibn Kullābs mit dem übereinstimmen, was die Sunniten (ahl as-sunna) lehren,Abū l-Ḥasan al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-iḫtilāf al-muṣallīn. Ed. Hellmut Ritter. 2. Aufl. Steiner, Wiesbaden, 1963. S. 298. und in einer seiner Abhandlungen verteidigte er Ibn Kullābs Attributenlehre gegen die Einwendungen Ibn ar-Rāwandīs.Ibn Fūrak: Muǧarrad Maqālāt aš-šaiḫ Abī l-Ḥasan al-Ašʿarī. 1987, S. 12.
Das Aschʿaritentum bedeutete anfangs auch eine Abgrenzung gegenüber bestimmten zeitgenössischen Strömungen der Muʿtazila. Dies wird in einer Passage des Werks al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa von Abū Haiyān at-Tauhīdī (gest. nach 1009) deutlich, an der der Autor seinen Verdruss über den Parteiengeist der zeitgenössischen Theologen äußert und die Unsitte beklagt, Menschen nach ihrem religiösen Standpunkt zu etikettieren. Die Namen der von ihm angeführten islamische Lehrrichtungen, die er dabei anführt, stellt er dabei häufig zu Gegensatzpaaren zusammen.Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. 2011, S. 411. Den Aschʿariten (al-Ašʿarī) stellt er hierbei dem Dschubbā'iten (al-Ǧubbāʾī), also dem Anhänger des muʿtazilitischen Gelehrten Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī und seines Sohns Abū Hāschim al-Dschubbā'ī, gegenüber.Abū Ḥaiyān at-Tauḥīdī: al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa. Ed. Aḥmad Amīn, Aḥmad az-Zain. 3 Bände. Kairo 1953. Reprint Dār Maktabat al-ḥayāh, Beirut ohne Datum. Bd. II, S. 77 Digitalisat Dass er ausgerechnet Aschʿariten und Dschubbā'iten einander gegenüberstellte, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass al-Aschʿarī vor seinem Wechsel zur Kullābīya ein Schüler Abū ʿAlī al-Dschubbā'īs gewesen war.al-Maqrīzī: al-Mawāʿiẓ wa-l-iʿtibār bi-ḏikr al-Ḫiṭaṭ wa-l-āṯār. 1998, Bd. III, S. 424.
Verbreitung Irak und Iran Dem geographischen Werk Schams ad-Dīn al-Maqdisīs lässt sich entnehmen, dass es schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Bagdad eine aschʿaritische Gemeinde gab.Šams ad-Dīn al-Maqdisī: Kitāb Aḥsan at-taqāsīm fī maʿrifat al-aqālīm. Ed. M. J. de Goeje. 2. Aufl. Brill, Leiden 1906., S. 126, Zeile 6. Digitalisat Asch-Schaich al-Mufīd (gest. 1022) erwähnt, dass sich zu seiner Zeit bereits die Mehrheit der Schafiiten in Bagdad, Basra, Chusistan, Persien, Chorasan und anderer Länder dieser Lehrrichtung angeschlossen hatte. Als bedeutenden aschʿaritischen Gelehrten nennt er Ibn Mudschāhid aus Basra, der durch al-Bāhilī ein indirekter Schüler al-Aschʿarīs war, sowie al-Bāqillānī (gest. 1013).aš-Šaiḫ al-Mufīd: al-Ǧamal. Nadschaf 1949. Reprint 1983. S. 24. Digitalisat Für die Vermittlung der Aschʿarīya nach Chorasan war Ibn Fūrak (gest. 1015) sehr wichtig.Ibn Ḥazm: al-Faṣl fi-l-milal wa-l-ahwāʾ wa-n-niḥal. 1996, Bd. II, S. 324. Ibn ʿAsākir schreibt dem schafiitischen Gelehrten Muhammad ibn Sulaimān as-Suʿlūkī (gest. 980) und seinen Nachkommen das Verdienst zu, die Lehrrichtung der Aschʿarīya in Nischapur verbreitet zu haben. Sie sollen dort auch Muʿtaziliten, Rāfiditen und Karrāmiten bekämpft haben.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī fī-mā nusiba ilā l-imām Abī l-Ḥasan al-Ašʿarī. 1978/79, S. 54. Ein Schüler al-Bāqillānīs war der hanafitische Qādī von Mosul Abū Dschaʿfar as-Simnānī (gest. 1052). Ibn Hazm bezeichnet ihn als den Vorsteher (muqaddam) der Aschʿariten in seiner Zeit.
Unter dem seldschukischen Sultan Toghril Beg, der selbst ein Hanafit war, und seinem Wesir al-Kundurī, der die Muʿtaziliten unterstützte, kam es jedoch zu einer Verfolgung der Aschʿariten. Als 1053 Toghril Beg alle Neuerer beim Freitagsgebet von den Kanzeln herab verfluchen ließ, sorgte al-Kundurī dafür, dass diese Bezeichnung auch auf die Aschʿariten ausgeweitet wurde.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī fī-mā nusiba ilā l-imām Abī l-Ḥasan al-Ašʿarī. 1978/79, S. 108. Nach Tādsch ad-Dīn as-Subkī wollte er damit einen persönlichen Rivalen ausschalten, Abū Sahl Ibn al-Muwaffaq, den Anführer der Schafiiten in Nischapur, der ein bekannter Anhänger der aschʿaritischen Lehrrichtung war und von dem al-Kundurī fürchtete, dass er ihm sein Amt streitig machen könnte.as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿīya. 1967, Bd. III, S. 390f. Toghril Beg befahl, vier Anführer der Aschʿariten zu verhaften, darunter al-Dschuwainī (gest. 1085) und al-Quschairī (gest. 1072), und um die 400 Aschʿariten flüchteten nach Mekka.Nagel: Die Festung des Glaubens. Triumph und Scheitern des islamischen Rationalismus. 1988, S. 88f.
Die Aschʿariten setzten sich gegen ihre Verfolgung zur Wehr, indem sie sich in Bagdad von dem hanafitischen Qādī Muhammad ibn ʿAlī ad-Damaghānī (gest. 1085) und seinem schafiitischen Kollegen Abū Ishāq asch-Schīrāzī (gest. 1083) eine Fatwa erteilen ließen, in der ihre Rechtgläubigkeit bescheinigt wurde.Halm: „Der Wesir Al-Kundurī und die Fitna von Nīšāpūr“. 1971, 229. In der Version, die von Abū Ishāq asch-Schīrāzī unterzeichnet wurde, lautete die Fatwa:
Unter Toghril Begs Nachfolger Alp Arslan (reg. 1063–1072) kam es zu einer Änderung der seldschukischen Religionspolitik. Alp Arslans Wesir Nizam al-Mulk war ein aschʿaritischer SchafiitŠams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. Ed. Šuʿaib al-Arnaʾūṭ und Ḥusain al-Asad. Mu'assasat ar-Risāla, Beirut 1981. Bd. XIX, S. 96. Digitalisat und gründete eine Anzahl von islamischen Hochschulen, in der besonders Gelehrte mit dieser Ausrichtung zum Zuge kamen. Die bedeutendste dieser Nizāmīya-Schulen wurde 1065 in Bagdad gegründet. An ihr wurde al-Dschuwainīs Schüler al-Ghazali tätig. Al-Dschuwainī selbst erhielt einen Lehrstuhl an der Nizamīya von Nischapur. Im Jahr 1076 kam es in Bagdad zu schweren Kämpfen zwischen Aschʿariten und Hanbaliten, nachdem Abū Nasr al-Quschairī (gest. 1120), der Sohn und Schüler des oben genannten Mystikers Abū l-Qāsim al-Quschairī, in der Stadt eingetroffen war und angefangen hatte, in der Nizāmīya für die aschʿaritische Lehrrichtung zu predigen. Dadurch hatten sich die Anzahl der aschʿaritischen Anhänger und Eiferer vermehrt. Hierauf waren die Hanbaliten ihre Anhänger zum Sūq der Nizamīya-Schule gezogen und hatten dort eine Anzahl von den Aschʿariten getötet.Ibn al-Aṯīr: al-Kāmil fī t-tārīḫ. Ed. Muḥammad Yūsuf ad-Daqqāq. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 1987. Bd. VIII, S. 413. Digitalisat
Der schiitische Autor ʿAbd-al-Dschalīl Qazwīnī, der zwischen 1160 und 1170 ein Buch verfasste, um die Angriffe eines zum Sunnitentum abgefallenen Glaubensbruders zurückzuweisen, berichtet darin, dass eine der drei Hauptmoscheen seiner Heimatstadt Raiy in der Hand der Aschʿariten war.ʿAbd-al-Ǧalīl Qazwīnī: Kitāb an-Naqḍ maʿrūf bi-Baʿḍ maṯālib an-nawāṣib fī naqḍ baʿḍ faḍāʾiḥ ar-rawāfiḍ az taṣānīf-i ḥudūd-i 560 hiǧrī qamarī. Ed. Ǧalāl ad-Dīn Muḥaddiṯ Urmawī. Čāpḫāna-i Sipihr, Teheran, 1952. S. 551f. Ein weiterer bedeutender Aschʿarit in Ostiran war später Fachr ad-Din ar-Razi (gest. 1209).
Ägypten und Syrien Auch in Ägypten und Syrien hielt die Aschʿarīya bald Einzug. Als Anfang des 11. Jahrhunderts der hanbalitische Sufi Ahmad al-Mālīnī (gest. 1022) mit einer Anzahl von Gefährten nach Ägypten reiste, wurde die Gruppe, als sie sich in der ʿAmr-ibn-al-ʿĀs niederlassen wollte, von einem Scheich verscheucht, der sie darauf hinwies, dass dies der Platz der Aschʿariten (mauḍiʿ al-Ašʿarīya) sei.al-Anṣārī: Ḏamm al-kalām wa-ahlihī. Bd. IV, S. 418. Zu einem der entschiedensten Verteidiger der aschʿaritischen Lehre in Syrien wurde der Historiograph Ibn ʿAsākir (gest. 1176).Vgl. Makdisi: Ashʿarī and Ashʿarites. 1962, S. 38.
Nach al-Maqrīzī trug auch Sultan Saladin, der 1171 Ägypten unter seine Kontrolle brachte, zur Verbreitung der aschʿaritischen Lehrrichtung bei. Er wuchs schon mit dieser Glaubenslehre auf, als er im Dienst des Zengiden Nūr ad-Dīn (gest. 1173) stand, und memorierte im Knabenalter ein Glaubensbekenntnis, das ihm der ostiranische Gelehrte Masʿūd ibn Muhammad an-Naisābūrī, ein Absolvent der Nizāmīya von Nischapur, verfasst hatte. Dieses Glaubensbekenntnis ließ er auch seine Kinder lernen. Das war nach al-Maqrīzī der Grund dafür, dass Saladins Nachkommen, die Aiyubiden der aschʿaritischen Lehrrichtung die Treue hielten und auch alle anderen Menschen dazu anhielten, sich ihr anzuschließen.
Der Einfluss der Aschʿarīya zeigte sich nun auch hier im Schulwesen. So wurde im Jahre 1180 für die schafiitischen Rechtsgelehrten, „die durch die aschʿaritische Einheitslehre charakterisiert sind“ (al-mauṣūfūn bi-l-uṣūlīya al-muwaḥḥida al-Ašʿarīya), in der Nähe des Mausoleums von asch-Schāfiʿī im Südosten von Kairo eine eigene Madrasa errichtet.Ét. Combe, J. Sauvaget und G. Wiet: Répertoire chronologique d'épigraphie arabe. Institut français d'archéologie orientale, Kairo 1937. Band IX, S. 95f. Digitalisat Der aiyubidische Herrscher al-Malik al-Aschraf (reg. 1229–1237) stiftete 1232 in Damaskus eine Hochschule für Hadith-Wissenschaften, die als Dār al-Hadīth al-Aschrafīya bekannt wurde. In der Stiftungsurkunde legte er fest, dass alle Lehrer die dort angestellt wurden, Schafiiten und Aschʿariten sein mussten. An ihr waren später so bedeutende Gelehrte wie an-Nawawī (gest. 1277) und al-Mizzī (gest. 1341) tätig.Garrett Davidson: Carrying on the tradition: a social and intellectual history of Hadith transmission across a thousand years. Brill, Leiden 2020. S. 102.