mini|Säuglingspflegerin in Berlin, 1955

Das Säuglingsheim (manchmal auch als Säuglingsklinik bezeichnet) ist eine Fürsorgeeinrichtung für die vorübergehende oder ständige Betreuung von gesunden, verlassenen, verwaisten oder ausgesetzten Säuglingen und Kleinkindern. Auch Kinder der Sünde, die von ihren Müttern getrennt wurden, wurden hier aufgenommen. Betreuung und Pflege erfolgten u. a. durch Säuglingspflegerinnen oder -krankenschwestern. Die Heime befinden sich überwiegend in staatlicher, kirchlicher sowie freier Trägerschaft und werden häufig von einem Kinderarzt geleitet oder unterstehen ihm. In Deutschland nehmen die Gesundheitsbehörden die verantwortliche Aufsicht wahr.

Die ersten Gründungen erfolgten Ende des 19. sowie Anfang des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit waren die Säuglingsheime vorwiegend stationäre medizinische Einrichtungen. Ihre Verbreitung fanden die Anstalten insbesondere in den Industriestaaten Europas, den USA und den RGW-Staaten. Historische Vorläufer waren das Findelhaus im Mittelalter und das Waisenhaus nach dem Dreißigjährigen Krieg. Die Aufnahme der Säuglinge und Kleinkinder erfolgte auf Wunsch der Eltern oder auf behördliche Anordnung, einzelne Ausnahmen waren möglich. Ab Mitte der 1960er-Jahre ging in der Bundesrepublik die Zahl der in Säuglingsheimen betreuten Kinder stark zurück; in der DDR verlief der Rückgang langsamer. Gründe dafür waren unter anderem Erkenntnisse aus der Säuglings- und KleinkindforschungNorbert Kühne: Frühe Entwicklung und Erziehung – Die kritische Periode, in: Unterrichtsmaterialien Pädagogik – Psychologie, Nr. 694, Stark Verlag, Hallbergmoos, Veröffentlichungen von Filmaufnahmen aus den Heimen sowie öffentliche Proteste.

Heute findet man diese Form der Einrichtung in westlichen Industrieländern nur noch selten. In osteuropäischen Ländern oder in Ländern der Dritten Welt ist das klassische Säuglingsheim für Kleinstkinder noch anzutreffen, was u. a. von den Vereinten Nationen kritisiert wird.

Deutschland Die Entwicklung In Deutschland wurde am 20. Dezember 1897 vom Kinderarzt Arthur Schloßmann, gemeinsam mit Ärzten und Dresdner Bürgern, der Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt gegründet. 1898 eröffneten sie das Dresdner Säuglingsheim als erstes Heim seiner Art in Deutschland.Zu Leben und Werk von Arthur Schlossmann vgl.: Peter Wunderlich, Arthur Schlossmann und die Düsseldorfer Kinderklinik: Festschrift zur Feier des 100. Geburtstages am 16. Dezember 1967. Düsseldorf 1967.Säuglingsheim, Lingner Archiv

Durch hygienische Maßnahmen und die Umstellung der Säuglingsernährung (u. a. Einsatz von Ammen) und den medizinischen Fortschritt bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten wurde die Säuglingssterblichkeit in diesem Heim in der Zeit von 1912 bis 1920 von 71 % auf 17 % drastisch gesenkt. Die „Säuglingsheime“ waren zu dieser Zeit vor allem pädiatrische Forschungsanstalten, u. a. zum Thema Für und wider die Buttermehlnahrung.K. O. H. Klingelhöfer: Für und wider die Buttermehlnahrung. Aus dem Säuglingsheim Berlin-Halensee. In: Jahrbuch für Kinderheilkunde. 93(1920), 3. Folge, Bd. 43, H. 3, S. 137–150.Entwicklung des Pflegeheimes für gesunde Säuglinge. In: 80 Jahre neue Universitäts-Kinderklinik Greifswald, Greifswald S. 13 (PDF; 9,7 MB) Zuweilen entwickelten sich die Heime weiter zu Kinderkliniken, u. a. die Kinderklinik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.G. Thie-Mummenthey: Vom Säuglingsheim zur Universitätsklinik. Die Entwicklung der Kinderklinik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. (Studien zur Geschichte des Krankenhauswesens, Bd. 10). Murken-Altrogge, Münster 1980. Ein Hauptanliegen der Kinderärzte in dieser Zeit war es, die nach wie vor hohe Säuglingssterblichkeit in den Anstalten zu bekämpfen. Anhand statistisch erfasster Beobachtungen wurden die unbestreitbaren Erfolge in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit für die zeitgenössische Fachöffentlichkeit dokumentiert. Die Erfolge der Pädiater förderten ein Umdenken in der klinischen Kinderheilkunde. Die Säuglingsheime (häufig auch Säuglingskliniken genannt) wurden nach hygienischen Grundsätzen (Quarantäne, Asepsis bei der Versorgung, Impfungen, gesunde Ernährung) modernisiert. Die Pflege der Säuglinge und Kleinkinder wurde nach allgemeinen Normen, weniger nach den individuellen Bedürfnissen des Kindes, geregelt. In gut geführten Heimen sank die Sterblichkeitsrate auf 0 bis 2 %. Damit verbunden war zudem ein starkes und in dieser Zeit einflussreiches sozialpolitisches Engagement der Pädiater, das auch die öffentliche Säuglingsfürsorge einschloss. So waren den Säuglingsheimen der Zeit auch staatlich anerkannte Säuglingsschwesternschulen angegliedert, die Kurse für die allgemeine Bevölkerung anboten. Darüber hinaus gründeten sich engagierte Bewegungen, wie das Komitee für Säuglingsheime oder der Verein Mütter- und Säuglingsheime, die den Aufbau von Säuglingsheimen förderten.vgl. exemplarisch: Hamburger Säuglingsheim (Hrsg.): Not der Kinder im Hamburger Säuglingsheim. Hamburg 1922.

Der Kinderarzt Meinhard von Pfaundler rückte schon früh den Hospitalismus ins Blickfeld und zeigte die Folgen von Mutterentbehrung sowie schematischer Anstaltsroutine auf. In seinem 1901 gehaltenen Vortrag „Über die natürliche und rationelle Säuglingspflege“ rügte er die widernatürliche Entfernung des Säuglings von der Mutter unter den modernen zivilisatorischen Bedingungen. Er erläuterte die Entstehung und die Bedingungen des Hospitalismus in seiner „Physiologie des Neugeborenen“ im Handbuch der Geburtshilfe 1915.H. M. v. Pfaundler: Physiologie des Neugeborenen. In: A. Döderlein: Handbuch der Geburtshilfe. Band I, Wiesbaden 1915. Der Kinderarzt Gustav Tugendreich schrieb 1910 über den Hospitalismus in den Heimen:

Zwischen den beiden Kinderärzten A. Schloßmann und M. v. Pfaundler entwickelte sich in den Jahren 1920–1930 eine heftige Kontroverse über die Bedeutung der Säuglingspflege in den Säuglingsheimen. A. Schloßmann verteidigte die Anstaltspflege, während M. v. Pfaundler eine zutiefst skeptische Haltung gegenüber der „widernatürlichen Massenpflege“ junger Kinder in den Säuglingsheimen einnahm. Er kritisierte heftig die steigende Tendenz, Säuglingsheime als geeignete Unterbringungsstätte für Kleinkinder anzusehen. Er regte die im Weltmaßstab erste große vergleichende Untersuchung zum Problem des Hospitalismus an.M. Rieländer: Deprivationsforschung: Überblick und eigene Untersuchung Auswirkungen frühkindlicher Heimaufenthalte und Trennungserfahrungen auf das soziale Selbstbild bei männlichen Heimjugendlichen. Diplomarbeit. Fachbereich Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen 1975, Redaktionelle Überarbeitung 2000, (PDF; 1,2 MB) 1925 verglich Zaida Eriksson 425 Anstaltskinder, die aus wohlhabenden Elternhäusern stammten, mit 760 Familienkindern aus einem städtischen Armutsviertel. Die Anstaltskinder waren gegenüber bestimmten Infektionskrankheiten deutlich anfälliger. Weiterhin waren die Heimkinder in ihrem Längenwachstum deutlich beeinträchtigt. Die Familienkinder wirkten geistig reger sowie intelligenter und waren wesentlich kontaktfähiger als die Anstaltskinder.Z. Eriksson: "Hospitalismus" in Kinderheimen: Über Anstaltsschäden der Kinder. Akad. Abh. ; Aus der Münchener Kinderklinik ; Dir. Prof. M. v. Pfaundler, Akademiska Bokhandeln 1925. In der Säuglingspflege in den Heimen lag der Schwerpunkt auf der körperlichen Hygiene der Kinder zur Abwehr von Infektionen. Hildegard Durfee und Käthe Wolf stellten in ihrer 1933 durchgeführten Untersuchung fest, dass durch eine allzu strenge Beachtung der Hygieneregeln Pflegebedingungen verstärkt werden, die den psychischen Hospitalismus fördern.H. Durfee, K. Wolf: Anstaltspflege und Entwicklung im ersten Lebensjahr. In: Zeitschrift für Kinderforschung. 42, 1933, S. 273–320.

Durch die Erfolge in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit verbreitete sich in der Öffentlichkeit allmählich eine tolerierende bis positive Einstellung zu den Säuglingsheimen. So kam es zu einer starken Ausbreitung von Heimen in den 1920er und 30er Jahren. Ein beschleunigender Faktor waren die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. In den Jahren 1923–1963 änderte sich das zahlenmäßige Verhältnis der Kinder in Familienpflege : Heimpflege in der Stadt Frankfurt a. M. von 78 % : 22 % auf 27 % : 73 %.K. Hartung, H. Glattkowski: Erhebungen über Aufenthaltsdauer und Gründe, die zur Heimaufnahme von Säuglingen führen. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. 14, 1965, S. 297 ff.

Über die Säuglingsheime während der NS-Zeit ist gegenwärtig wenig bekannt. Eine Ausnahme bilden dabei die unter rassenpolitischen Überlegungen gegründeten Lebensborn-Heime und die Kinderfachabteilungen. Ziel der Nazis war es, den Bestand der Arier durch gezielte „Züchtung“ oder Tötung zu vergrößern und von „Erbdefekten“ zu „befreien“.A. Böhnke: Die Nazijägerin Beate Klarsfeld. WDR 2013. Inwieweit bestehende Säuglingsheime in Kinderfachabteilungen umgewandelt wurden und Säuglinge und Kleinkinder aus den Heimen durch die Kinder-Euthanasie gezielt getötet wurden, bedarf noch der weiteren Forschung. Für eine mögliche Verflechtung mag der Hamburger Kinderarzt, Säuglingsheimleiter und Leiter des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort Wilhelm Bayer stehen. Insgesamt wurden im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort von Juni 1940 bis zum April 1945 mindestens 56 sogenannte „Reichsausschusskinder“ durch tödlich wirkende Medikamentencocktails ermordet.Thomas Beddies (Hrsg.) im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ): (PDF; 5,8 MB), Berlin 2012, ISBN 978-3-00-036957-5, S. 90. In den 37 Kinderfachabteilungen in Deutschland wurden in den Jahren 1939 bis 1945 zwischen 5.000 und 10.000 Säuglinge, Kinder und Jugendliche ermordet.

mini|Bronzetafel am Mahnmal der Gedenkstätte Gantenwald Eine besondere Form des Säuglingsheims stellte die Ausländerkinder-Pflegestätte während des Zweiten Weltkrieges dar. Es war eine Einrichtung, die osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen ihre Kinder entzog. Ihre Errichtung wurde durch einen Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler von 1943 verfügt.Trennungs-Erlasse. auf: krieggegenkinder.de Viele Zwangsarbeiterinnen wurden auch zur Abtreibung genötigt. auf: 175jahrefrauenklinik.de Die Sterblichkeit der Kinder lag zwischen 80 und 90 Prozent insbesondere in den größeren Pflegestätten.Raimond Reiter: Tötungsstätten für ausländische Kinder im Zweiten Weltkrieg: Zum Spannungsverhältnis von kriegswirtschaftlichem Arbeitseinsatz und Nationalsozialistischer Rassenpolitik in Niedersachsen. In: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. 34: Niedersachsen 1933–1945. Hanover 1993, zit. n. Holocaust Memorial Museum, S. 78 (siehe Literatur) Ausgewählte Babys und größere Kinder wurden durch „arische“ Familien adoptiert. Es wird geschätzt, dass zwischen 100.000 und 200.000 Kinder in diesen Einrichtungen zu Tode kamen. Die Datenbank Krieg gegen Kinder enthält Informationen über mehr als 400 Orte, an denen Kinder von Zwangsarbeitern zur Welt kamen, untergebracht waren oder zu Tode kamen – darunter auch zahlreiche Ausländerkinder-Pflegestätten.

Säuglingsheime in Deutschland-West bzw. der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg