mini|Straßen, Städte und Befestigungen der Römer in Großbritannien, Karte von 1910 Die Insel Britannien, heute als Großbritannien bezeichnet, stand von 43 bis etwa 440 n. Chr. zu Teilen unter römischer Herrschaft. Nach zwei Feldzügen durch Gaius Iulius Caesar in den 50er Jahren v. Chr., die keine dauerhaften Erfolge hatten, kam es zur römischen Eroberung größerer Teile der Insel erst 43 n. Chr. unter Kaiser Claudius. Im Folgenden wurde die Provinz Britannia gegründet, die sich für die meiste Zeit ihrer Existenz auf die heutigen Landesteile England bis zum Hadrianswall sowie Wales erstreckte.
Dieser Artikel widmet sich vorwiegend den römisch beherrschten Gebieten der britischen Insel. Zur Geschichte der nördlichen, nicht durch das Römische Reich kontrollierten Areale siehe die Artikel zur Geschichte Schottlands und den Pikten.
Geschichte Vorrömisches Britannien
Als die Römer nach Britannien kamen, wurde dieses zu großen Teilen von Stämmen bewohnt, die enge Verbindungen mit Gallien unterhielten, jedoch von den antiken Autoren anders als die Bewohner des Festlandes nicht als Kelten (Keltoi/Celtae) bezeichnet wurden. Aufgrund fehlender archäologischer Hinweise wird eine keltische Einwanderung vom Festland zunehmend in Zweifel gezogen. Wie es zur Verbreitung keltischer Sprachen in Britannien kam, ist unklar.Bernhard Maier: Geschichte und Kultur der Kelten. C. H. Beck, München 2012, S. 214; Bernhard Maier: Die Kelten – Geschichte, Kultur und Sprache. Francke, Tübingen 2015, S. 14–15. Bereits vor ihnen hatte es in Britannien Megalithkulturen gegeben, die unter anderem imposante Steinmonumente errichteten, wie zum Beispiel in Wiltshire. Über die Zeit des vorrömischen Britanniens ist ansonsten nur wenig bekannt. Gaius Iulius Caesar berichtet in De bello Gallico, dass vor seinen eigenen (mehr oder weniger gescheiterten) Feldzügen nach Britannien angeblich nur einige Kaufleute die Überfahrt von Gallien nach Britannien über den Ärmelkanal wagten.Caesar, De bello Gallico 4,20.
Feldzüge Caesars 55/54 v. Chr.
Während Caesars Eroberung Galliens (Gallischer Krieg) war offensichtlich geworden, dass die Gallier im Kampf gegen die Römer auch Unterstützung von Stämmen aus Britannien erhielten. Ob der römische Feldherr darüber hinaus noch weitere Beweggründe dafür hatte, den Krieg in Britannien zu beginnen, ist unklar. So wurde in der modernen Forschung vermutet, dass diese Verlängerung der Kampfhandlungen auch seinem innenpolitischen Machterhalt dienen sollte.Kai Brodersen: Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 11. Um sich zuverlässige Informationen über die politischen Verhältnisse auf der Insel zu beschaffen, sandte er im Jahr 55 v. Chr. den Offizier Gaius Volusenus mit einem Kriegsschiff voraus, um damit die britische Kanalküste zu erkunden. Caesar selbst stellte in der Zwischenzeit eine Invasionsflotte zusammen. Daraufhin wurden britische Gesandte bei ihm vorstellig, die versprachen, Geiseln zu stellen und die Römer zu unterstützen. Er empfing sie wohlwollend und sandte sie mit dem Atrebaten Commius, von dem er annahm, dass dieser einen gewissen Einfluss bei den Briten hatte, wieder zurück.
Wenig später stach Caesar mit zwei Legionen in See. Das Flottengeschwader bestand aus rund 80 Truppentransportern, 18 Transportschiffen für die Kavallerie und einigen Kriegsschiffen. Der Großteil der Flotte überquerte problemlos den Ärmelkanal, konnte aber zunächst nicht anlanden, da britische Krieger von den Hügeln an der Küste aus die Strände blockierten. Daraufhin segelte sie einige Meilen weiter, um einen besseren Landeplatz zu finden. Die Schiffe mit der Kavallerie an Bord mussten dagegen wegen eines Sturms in die gallischen Häfen zurückkehren. Die Briten folgten mit ihren Reitern und Streitwagen der Flotte entlang der Küste und griffen die Römer noch während der Landung an. Trotz der zunächst prekären Situation gelang es den Legionären schließlich, die Briten unter anderem mit Hilfe von Brandgeschossen von der Küste zu vertreiben. Danach richteten sie ein Feldlager ein. Caesar empfing erneut Gesandte, von denen er die Überstellung von Geiseln forderte. Bald traf auch Commius ein, der nach seiner Ankunft in Britannien sofort gefangen genommen worden war.
Währenddessen wurden jedoch die Schiffe der Römer durch unerwartete Springtiden stark beschädigt, sodass sich die Rückfahrt nach Gallien verzögerte. Deshalb überraschten britische Reiter einige Legionäre bei dem Versuch, sich in der Nähe des Lagers Nahrungsmittel zu beschaffen. Die Soldaten konnten jedoch bald von römischen Kräften entsetzt werden. Nach einigen Tagen Kampfpause (aufgrund eines Sturms) erhielten die Briten Verstärkung und sammelten sich erneut, wurden aber beim Angriff auf die gut gedrillten Römer ein weiteres Mal zurückgeschlagen und erlitten große Verluste. Erneut schickten die Briten Parlamentäre zu Caesar. Dieser verdoppelte die Zahl der geforderten Geiseln, was letztlich aber nur zwei Stämme befolgten. Kurz vor der Tagundnachtgleiche schiffte sich Caesars Armee wieder ein und kehrte nach Gallien zurück.
Im Jahr 54 v. Chr. kehrte Caesar mit einer größeren Armee nach Britannien zurück. Diese Kampagne war erfolgreicher als der vorangegangene Feldzug, aber eher als Bestrafung und nicht als Eroberungsfeldzug gedacht. Die britischen Stämme übertrugen den Oberbefehl über ihre Verteidigung Cassivellaunus, von dem nicht sicher ist, ob er König eines eigenen Stammes war. Mit Ende des Sommers zog sich die römische Armee, nach Zahlung von Tributen und der Stellung von Geiseln, wieder auf den Kontinent zurück – zumal Caesar sich jetzt auf den sich abzeichnenden Konflikt innerhalb des Ersten Triumvirats konzentrieren und zuvor auch die endgültige Eroberung und Unterwerfung Galliens abgeschlossen werden musste.
Die Invasion der britischen Insel durch die Römer wurde damit um fast ein Jahrhundert aufgeschoben. Durch spätere antike Autoren, beispielsweise in Tacitus’ Werk Agricola oder in Plutarchs Biographie des Feldherren, werden die Feldzüge Caesars in Britannien zum Teil deutlich kritisiert. Weder wirtschaftlich noch politisch hätten sie Rom einen Mehrwert gebracht.Tacitus, Agricola 13,1; Plutarch, Caesar 23,3.
Zwischen Caesar und Claudius Octavianus (als „Kaiser Augustus“ bekannt geworden), der Begründer des Prinzipats, plante in den 30er und 20er Jahren v. Chr. zweimal Feldzüge zur Eroberung Britanniens, wurde aber beide Male durch ausbrechende Konflikte in anderen Regionen an der Durchführung gehindert. In der Folgezeit galt Britannien zunehmend als wirtschaftlich und politisch unprofitabel (zumal Rom auch ohne Eroberung auf den Handel dorthin Zölle erhob) und man beschränkte sich auf diplomatische Kontakte auf die Insel. Parallel dazu erschien Britannien in der Literatur der folgenden Zeit nicht mehr wie in früheren Texten als direkte Fortsetzung des gallischen Kulturraums, sondern als exotisches, unerreichbares Land jenseits des Ozeans – wie um Caesars Leistung bei seinen Britannienfeldzügen zu überhöhen und gleichzeitig das Desinteresse der folgenden Herrscher zu rechtfertigen.Kai Brodersen: Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 45–54. Dennoch scheint es während der Alleinherrschaft des Octavianus ab den 20er Jahren v. Chr. wieder zu engeren Beziehungen Roms mit führenden Kreisen der südostenglischen Stämme gekommen zu sein.Andrew P. Fitzpatrick, Colin Haselgrove: Caesar in Britain: Britain in Rome. In: Jan Kindberg Jacobsen, Rubina Raja, Sine Grove Saxkjær (Hrsg.): Caesar, Rome and Beyond. New Research and Recent Discoveries. Brepols, Turnhout 2023, ISBN 978-2-503-60344-5, S. 97–116, hier S. 108–109.
Erst Caligula (regierte 37–41 n. Chr.) dachte wieder an eine Eroberung der Insel, als mit Adminius der Sohn eines britannischen Stammesherrschers zu den Römern floh. Diese Flucht brachte sowohl einen Vorwand für einen römischen Angriff als auch gleichzeitig die Gefahr, dass es bei weiterer Tatenlosigkeit auf römischer Seite zu einer weiteren Machtkonzentration bei Adminius’ Vater Cunobelinus kommt. Der Kaiser ließ einen Feldzug in die Wege leiten, der dann aber kurzfristig abgebrochen wurde – laut den antiken Quellen aufgrund der Weigerung der Soldaten, über das offene Meer überzusetzen. Um künftige Überfahrten zu erleichtern, ließ Caligula in Gesoriacum (heute Boulogne-sur-Mer) an der gallischen Nordküste einen Leuchtturm erbauen.Kai Brodersen: Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 54–58.
Eroberung Britanniens 43 n. Chr. mini|Büste des Kaisers Claudius Die Eroberung Britanniens wurde schließlich im Jahr 43 unter Caligulas Onkel und Nachfolger Claudius in Gang gesetzt. Claudius besaß nur geringes Ansehen bei den Truppen und musste sich daher dringend mit militärischen Lorbeeren schmücken, um seine Herrschaft dauerhaft abzusichern. Es bot sich daher an, das lang geplante Projekt der Eroberung Britanniens wieder aufzunehmen. Den Anlass hierfür stellte der Hilferuf des britischen Anführers Verica dar, der ein Freund der Römer war, sich von anderen Fürsten bedrängt fühlte und daher persönlich in Rom erschienen war. Unter dem Vorwand, diesem Verbündeten helfen zu müssen, beschloss Claudius die Invasion.
mini|hochkant|links|In Colchester gefundener Grabstein des Hilfstruppensoldaten Longinus, Sohn des Sdapezematygus, der aus Thrakien stammte und als Angehöriger der Ala I Thracum an der Eroberung Britanniens teilnahm Mit der Organisation und Durchführung wurde Aulus Plautius beauftragt. Dafür wurden einige Legionen aus anderen Teilen des Reiches abgezogen, nämlich die Legio II Augusta (unter dem Befehl des späteren Kaisers Vespasian), die Legio VIIII Hispana, die Legio XX Valeria Victrix und möglicherweise (aber nicht sicher) auch die Legio XIIII Gemina. Hinzu könnten Teile anderer Legionen (Vexillationen) gekommen sein.Lawrence Keppie: Legiones II Augusta, VI Victrix, IX Hispana, XX Valeria Victrix. In: Yann Le Bohec (Hrsg.): Les Légions de Rome sous le Haut-Empire. Actes du Congrès de Lyon (17–19 septembre 1998) (= Collection du Centre d’Études Romaines et Gallo-Romaines. Nouvelle série, N° 20). De Boccard, Paris 2000, ISBN 2-904974-19-9, S. 25–37, hier S. 26–27. Die Streitmacht des Aulus Plautius umfasste somit ca. 20.000 Legionäre, dazu vermutlich die gleiche Anzahl von Hilfstruppen.
Als Landungspunkt der Invasoren galt lange ausschließlich das Kastell Rutupiae (Richborough) im heutigen Kent im Südosten Englands; einige Archäologen haben dies jedoch in Frage gestellt und nehmen an, dass ein Teil der römischen Streitkräfte auch noch an anderen Punkten, zum Beispiel an der Meerenge Solent, auf der Insel gelandet sind. Die meisten Hinweise sprechen jedoch weiterhin dafür, dass Richborough für die Invasion sehr bedeutend war, zumal dort auch die Spuren eines großen Feldlagers aus claudischer Zeit entdeckt wurden. Auch Cassius Dios Beschreibung der Landezone passt gut zur Topographie des östlichen Kent. Dennoch landete vermutlich noch eine zweite Armee in Hampshire, um dort die verbündeten Briten Vericas zu unterstützen. Diese hatten, wie archäologische Funde ergeben haben, bereits zuvor die römische Lebensweise angenommen und dürften die Invasoren begrüßt und bei der Landung unterstützt haben.