mini|hochkant=1.3|Gedenkstein vor der Umsetzung am Ort des ehemaligen Lagers Das Konzentrationslager Bayreuth war eine der zahlreichen Außenstellen des Konzentrationslagers Flossenbürg. Es existierte von Mitte Juni 1944 bis zum 11. April 1945. Viele der KZ-Häftlinge, deutsche und ausländische Zwangsarbeiter, die hier für die Rüstung arbeiten mussten, wurden hingerichtet oder starben an den Folgen von Haft, Hunger und Misshandlung.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 337. Jüdische Häftlinge wurden in Bayreuth nicht eingesetzt.
Lage Das Lager befand sich in einem Seitentrakt auf dem Areal der Neuen Baumwollen-Spinnerei Bayreuth in dessen südwestlicher Ecke. Er war durch einen stacheldrahtbewehrten Graben von der Straße und dem Hauptgebäude getrennt.
Aktuell befindet sich auf dem Gelände an der heutigen Spinnereistraße ein Baumarkt. Für dessen Errichtung wurde das Gebäude des Lagers, ein zweigeschossigerAlbrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 103. Backsteinbau, im Herbst 1994 abgebrochen.
Vorgeschichte Nach dem Scheitern der Blitzkriegstrategie und den beginnenden alliierten Bombardierungen wurde die Entwicklung sogenannter Vergeltungswaffen forciert. Hierbei handelte es sich insbesondere um den Marschflugkörper Fieseler Fi 103 (V1) und die Rakete Aggregat 4 (V2). Beide waren mit automatischen Flugsteuerungsanlagen der im Besitz von Bosch befindlichenAlbrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 53. Berliner Firma Askania, für die ab 1941 Werner Rambauske tätig war, bestückt. Aufgrund kriegsbedingter Engpässe wurden z. B. im Herbst 1943 jedoch nur 30 % der benötigten Geräte ausgeliefert, die sich zudem als sehr störanfällig erwiesen.
Die Produktion der V1 erfolgte im Volkswagenwerk, das ursprünglich für den Bau des KdF-Wagens nahe Fallersleben (seit dem 25. Mai 1945: Wolfsburg) errichtet worden war.
Bodo Lafferentz mini|hochkant|Bodo Lafferentz (Juli 1940), Aufnahme von Heinrich Hoffmann Der Reichshauptamtsleiter der Organisation Kraft durch Freude (KdF), Bodo Lafferentz, war neben Ferdinand Porsche und Jakob Werlin (ab 1941 Anton Piëch) auch Hauptgeschäftsführer der Volkswagenwerk GmbH. 1939 wurde er SS-Obersturmbannführer und Mitglied des Stabes des Rasse- und Siedlungshauptamts.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 348.
Bei der Grundsteinlegung des Volkswagenwerks im Mai 1938 sprach Lafferentz vor Adolf Hitler die einleitenden Worte. Im selben Jahr besuchte er die Bayreuther Festspiele und hatte erstmals Kontakt zur Familie Wagner. Die Schwiegertochter Richard Wagners, Winifred Wagner, war damals Leiterin der Festspiele. Im Dezember 1943 heiratete er deren Tochter Verena.
In seiner Funktion als KdF-Reichshauptamtsleiter wurde Lafferentz für die ab 1940 auf besonderen Wunsch Hitlers veranstalteten „Kriegsfestspiele“ tätig. Seine Einbindung in die Familie Wagner führte zu gelegentlichen Privatkontakten mit deren Duzfreund Hitler, der wiederholt im Haus Wahnfried zu Gast war.
Nach Kriegsbeginn unterstanden Lafferentz im Rahmen der Forschungs- und Verwertungsgesellschaft mbH als einem der beiden Geschäftsführer mehrere „Forschungsinstitute“, die vorwiegend in Berlin und Bayreuth angesiedelt waren. Beispielsweise befasste sich eine etwa vierzig Personen umfassende Gruppe ukrainischer Chemiker in Bayreuth mit der Energiespeicherung in Akkumulatoren.
Wieland Wagner Richard Wagners Enkel Wieland gehörte zu den wenigen jungen Männern, die vom Wehrdienst freigestellt waren, offenbar aufgrund einer persönlichen Sonderregelung Hitlers. Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels verhalf ihm 1943 zur Stelle als Chefregisseur der Opernbühne Altenburg, wo er Werke seines Großvaters inszenierte. Im September 1944 ließ Goebbels die deutschen Theater schließen. Damit war die dortige Tätigkeit des 27-jährigen Wieland Wagner beendet, und er lief Gefahr, doch noch zur Wehrmacht oder zum Volkssturm einberufen zu werden. Am 8. Dezember 1944 legte ihm Hitler in einem persönlichen Gespräch nahe, 1945 die Leitung der Festspiele zu übernehmen.Albrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 51.
Geschichte mini|Kommandantur am Eingang zur KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Im März 1944 lief im Volkswagenwerk die Großserienfertigung der Flugbombe Fi 103 (V1) an. Die mangelnde Zielgenauigkeit der Askania-Steuerungsanlagen führte zu einem Auftrag über Steuerungsgeräte an Bodo Lafferentz, der nach wie vor Geschäftsführer der Volkswagenwerks war. Im Rahmen seiner Gesellschaft für Forschung und Entwicklung entstand das Institut für physikalische Forschung in Bayreuth als Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg.
Am 26. Mai 1944 beantragte Werner Rambauske die Genehmigung zur Einrichtung eines Arbeitsraums in der vormaligen Zwirnerei der Neuen Baumwollen-Spinnerei sowie zum Bau einer Unterkunftsbaracke für die SS an der Carl-Schüller-Straße 54. Als zweiter Baubedarfsträger trat das Reichsministerium für Luftfahrt auf.
Aufgaben und Tätigkeiten Anders als beim Rundfunk lagen die Erwartungen an die Fernsehtechnik vorrangig im Bereich der Rüstungsforschung. Mittels eines Fernsehbilds sollten fernlenkbare Gleitbomben ins Ziel gesteuert werden. Dieser Art der Fernlenkung von Sprengkörpern wurde bei der Lösung der Steuerungsprobleme gegenüber anderen Zielerkennungsverfahren Priorität eingeräumt. Das KZ-Außenlager Bayreuth gehörte zu den Einrichtungen, die am „Projekt Fernsehwaffe“ für die „sehende Bombe“ beteiligt waren.
Die Gefangenen arbeiteten hauptsächlich als Konstruktionszeichner, an Drehbänken und bei der Herstellung feinmechanischer Metallteile. Der größere Zusammenhang ihrer Tätigkeit erschloss sich ihnen offenbar nicht.Albrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 113.
Die enge Verwobenheit der Entwicklungsgeschichte des Mediums Fernsehen mit der nationalsozialistischen Rüstungsforschung ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast völlig unbekannt.Albrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 88 ff.
Die Wächter Die SS-Wachmannschaft bestand im Durchschnitt aus 14 Männern und unterstand der Kommandantur des KZ Flossenbürg. Erster Lagerführer in Bayreuth war Adolf Nies, vorher Leiter des Exekutionskommandos sowie Arrest- und Bordellverwalter in Flossenbürg. Nach der Flucht zweier Häftlinge aus Bayreuth am 2. November 1944 wurde er strafversetzt. Sein Nachfolger Arno Schmidt war bereits 1937 Wachmann im KZ Sachsenburg gewesen. Im Winter 1944 wurde ein SS-Hundeführer mit Diensthund nach Bayreuth abkommandiert.
Die Gefangenen Bereits am 24. Mai 1944 wurden aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg 33 KZ-Häftlinge aus unterschiedlichen Nationen nach Flossenbürg überstellt. Schon in Neuengamme waren sie nach beruflichen Qualifikationen als Techniker und technische Zeichner für ihren Einsatz in Bayreuth ausgewählt worden. Am 13. Juni trafen im Außenlager Bayreuth die ersten Häftlinge ein. Am 3. Juli 1944 wurde es mit 38 Häftlingen im Haftstättenverzeichnis des Internationalen Suchdienstes Arolsen erwähnt. Der ehemalige Häftling Ernst Hoyer nannte für Februar 1945 die Zahl von etwa 60 Gefangenen aus zehn Nationen: sieben Deutsche, zwei Niederländer, ein Belgier, acht Franzosen, ein Ukrainer und eine unbestimmte Zahl von Italienern, Polen, Tschechen, Jugoslawen und Russen.
Da die Verantwortlichen ein Interesse an der Erhaltung der Arbeitskraft der Häftlinge hatten, waren die Ernährungslage und die hygienischen Bedingungen offenbar etwas besser als in anderen Außenlagern und dem Stammlager. Bereits mit dem ersten Transport war ein tschechischer Häftlingskoch nach Bayreuth überstellt worden, am 11. November dann ein französischer Häftlingsarzt. In unregelmäßigen Abständen durften die Gefangenen Päckchen von Angehörigen erhalten und gelegentlich in deutscher Sprache verfasste Postkarten versenden. Vermutlich trugen die Häftlinge keine gestreifte Lagerkleidung, sondern Zivilkleidung, auf die großflächig mit Ölfarbe die Buchstaben „KL“ gemalt war. Diese Kleidung stammte möglicherweise von in Auschwitz und Majdanek ermordeten Juden.Albrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 115–116. Zumindest einige der Häftlinge behielten aber ihre in anderen Konzentrationslagern erhaltenen blau-weiß gestreiften Anzüge, in denen sie, z. B. bei von der SS begleiteten Arztbesuchen, auch in der Öffentlichkeit zu sehen waren.Peter Engelbrecht: Geheimwaffen für die Nazis, S. 38 f.
Für einen Häftlingsfacharbeiter wurden der Forschungs- und Verwertungsgesellschaft mbH pro Arbeitstag sechs Reichsmark in Rechnung gestellt. Harte Bestrafungen von Häftlingen wurden im KZ Flossenbürg durchgeführt, wohin auch kranke Häftlinge gebracht wurden.Albrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 108. Obwohl alltägliche Gewaltexzesse wie in den Stammlagern „eher selten“ waren, kam es dennoch zu Lagerstrafen wie Stockschlägen und Folterungen vermeintlicher Mitwisser nach Fluchtversuchen. Insbesondere Dr. Rambauske hat, der Aussage eines ehemaligen Häftlings zufolge, die Gefangenen „schlecht behandelt“.
Die Gefangenentransporte nach Bayreuth lassen sich zweifelsfrei rekonstruieren: 13. Juni 1944: 33 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme (über Flossenbürg) und 5 Häftlinge aus dem Stammlager Flossenbürg 8. August 1944: 2 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme 17. August 1944: 3 Häftlinge aus dem KZ Dachau 12. September 1944: 1 Häftling aus dem KZ Groß-Rosen 6. November 1944: 20 Häftlinge aus dem KZ Groß-Rosen (darunter 12 Elektriker, 2 technische Zeichner, 2 Dreher, 2 Schneider bzw. Schuster, 1 Elektromechaniker, 1 Mechaniker; mit einer Ausnahme Polen und Russen) 11. November 1944: 1 Häftling aus dem Stammlager Flossenbürg 3. Februar 1945: 20 Häftlinge aus dem Stammlager Flossenbürg (darunter 8 Italiener)Albrecht Bald/Jörg Skriebelein: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg, S. 118.
Insgesamt waren 85 Menschen aus neun Nationen im Außenlager Bayreuth inhaftiert. Detaillierte Erinnerungsberichte liegen von Ernst Hoyer (Holländer, Häftlingsnummer 17566), Henri Clément (Franzose, Häftlingsnummer 10399) und Pierre Sourisse (Franzose, Häftlingsnummer 10334) vor. Die Häftlingsnummern wurden vom Stammlager Flossenbürg vergeben.
Die Haftbedingungen Die Nächte verbrachten die kahlgeschorenenVor 25 Jahren. Gedenkstein für KZ-Häftlinge in: Nordbayerischer Kurier vom 5. Dezember 2025, S. 12. Gefangenen im Keller des Gebäudes. Nach dem Morgenappell um 6:30 Uhr wurden sie an ihre Arbeitsplätze geschickt. Weitere Appelle fanden um 12:00 Uhr sowie um 18:30 auf dem Gelände vor dem Eingang zum Keller statt.
Das Essen wurde von den tschechischen Häftlingen zubereitet, mittags gab es Suppe oder Pellkartoffeln, manchmal ein wenig Wurst oder Käse. Abends erhielten die Gefangenen ein Stück Brot mit etwas Margarine oder einem Löffel Marmelade. Die Rationen wurden mit der Zeit kleiner und fielen im Frühjahr 1945 oft ganz aus. Nachweislich wurden auch ein Hund und eine Katze verarbeitet.
Leichte Erkrankungen behandelte der französische Arzt, auch kam es vor, dass Häftlinge in Begleitung der SS zu einem Arzt in die Stadt gebracht wurden (dokumentiert sind ein Augenarzt- und ein Zahnarztbesuch). Da bei schwereren Krankheiten der Rücktransport ins Stammlager drohte, versuchten Gefangene, zum Beispiel Tuberkuloseinfektionen zu verheimlichen.
Das zivile Personal (die Leiter, eine Sekretärin, zwei Ingenieure sowie Schneiderinnen in den oberen Stockwerken) erschien erst nach Arbeitsantritt der Häftlinge und verschwand vor deren Arbeitsende. Da der „Chef“ (gemeint war vermutlich Dr. Rambauske) gelegentlich eine Zeitung herumliegen ließ, waren die Häftlinge über das Vorrücken der amerikanischen Truppen weitgehend informiert.