Hamīd ad-Dīn Abū l-Hasan Ahmad ibn ʿAbdallāh al-Kirmānī (, DMG Ḥamīd ad-Dīn Abū l-Ḥasan Aḥmad ibn ʿAbdallāh al-Kirmānī; gest. 1020 oder später) war ein herausragender ismailitischer Dāʿī und einer der profiliertesten ismailitischen Theologen und Philosophen der Fatimiden-Zeit. Er war mit dem hebräischen Text des Alten Testaments, der syrisch-aramäischen Version des Neuen Testaments und den nachbiblischen jüdischen Schriften ebenso vertraut wie mit der aristotelischen Philosophie, dem Neuplatonismus und den metaphysischen Systemen muslimischer Philosophen wie al-Fārābī und Avicenna. In seinen Schriften fügte er diese Strömungen und Einflüsse zu einem eigenen metaphysischen System zusammen.Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: C. H. Beck, 2013. S. 39. Al-Kirmānī war außerdem ein wichtiger Zeitzeuge für die dogmatischen Entwicklungen innerhalb der ismailitischen Daʿwa, die während des Imamats von al-Hākim bi-amr Allāh (reg. 996–1021) zur Abspaltung des Drusentums geführt haben, und bekämpfte diese neue Lehre.

Leben Dass nur wenig biographische Daten von al-Kirmānī bekannt sind und er von zeitgenössischen Historikern nicht erwähnt wird, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass er den größten Teil seiner Zeit als ismailitischer Dāʿī und Gelehrter in einer feindlichen Umgebung aktiv war, bzw. in einer Umgebung, die von Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen religiösen und politischen Gruppierungen geprägt war. Was man über sein Leben weiß, ist daher zum größten Teil seinen eigenen zahlreichen Werken entnommen.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī. 1999, S. 3, 10

Im Irak Hamīd ad-Dīn al-Kirmānīs Nisba lässt darauf schließen, dass er in der persischen Provinz Kirman geboren wurde. Das Jahr seiner Geburt ist nicht bekannt. Aufgrund seiner Schriften ist nur die Lebenszeit von 1008 bis 1020 sicher. Al-Kirmānī lebte und lehrte zuerst im heutigen Irak. Der Titel seines nicht erhaltenen Werks al-Mağālis al-Baġdādīya al-BaṣrīyaVon al-Kirmānī selbst in seinem Werk Kitāb ar-riyāḍ, S. 108, zitiert. deutet darauf hin, dass er in diesen beiden Städten, Bagdad und Basra, tätig war. Idrīs ʿImād ad-Dīn al-Quraischī, ismailitisch-fatimidischer Dāʿī und Historiker (gest. 1468) im Jemen, bezeichnet al-Kirmānī als Ḥuğğat al-ʿIrāqain,Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī. 1999, S. 10 d. h. als die höchste Autorität der ismailitischen Daʿwa für die beiden Irak, was darauf schließen lässt, dass sich seine Tätigkeit auch auf Zentral- und Westpersien erstreckte.Daftary: Ḥamid-al-Din Kermāni. 2003, Bd. XI, S. 639b.

Zur damaligen Zeit waren Bagdad und Basra Zentren unterschiedlicher geistiger Strömungen und damit die Heimat einiger wichtiger geistiger Führer, wie z. B. Vertretern der Muʿtazila. In seinen Schriften aus dieser Zeit setzt sich al-Kirmānī mit diesen Strömungen auseinander.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī. 1999, S. 51f. Muhammad Kāmil Husain, Herausgeber von al-Kirmānīs ar-Risāla al-wāʿiẓa, war der Meinung, dass al-Kirmānī Mitglied der sogenannten Lauteren Brüder (Iḫwān aṣ-Ṣafāʾ) gewesen sei. Dies begründete er damit, dass al-Kirmānī hauptsächlich in Basra tätig war, wo sich auch die Lauteren Brüder aufhielten, und diese nach Meinung vieler Wissenschaftler ebenfalls Ismailiten waren.Ḥusain: ar-Risāla al-wāʿiẓa fī nafy dāʿwā ulūhīyat al-Ḥākim bi-Amrillāh, S. 4 Nach Ulrich Rudolph ist aber umstritten, ob die Lauteren Brüder wirklich Ismailiten waren: Manche halten ihre Lehren für die offizielle ismailitische Doktrin. Andere vermuten, dass sie von neuplatonischen Philosophen verfasst wurden. Wieder andere vermuten hinter den Lauteren Brüdern ismailitische Dissidenten, die Gegner der Fatimiden geworden waren.Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München, 2013. S. 39. Neben der Darlegung der ismailitischen Glaubenslehre verfolgte al-Kirmānī im Irak mit seinen Schriften das Ziel, lokale Herrscher und Stammesführer für die ismailitische Sache zu gewinnen. Mit einigem Erfolg: im Jahre 401 der Hidschra (= 1010–11 n. Chr.) erklärten der uqailidische Herrscher von Kufa und Mosul sowie der Führer der Banū Asad in Hilla ihre Loyalität gegenüber den Fatimiden.

In seinem Werk al-Maṣābīḥ fī iṯbāt al-imāma, das vermutlich zwischen 1011 und 1015 entstand, wandte sich al-Kirmānī direkt an Fachr al-Mulk, den buyidischen Wesir. Obwohl sie Schiiten waren, unterstützten oder tolerierten die Buyiden das abbasidische Kalifat. Al-Kirmānī übte offene Kritik an dieser Haltung.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī. 1999, S. 11–13. Möglicherweise setzte sich al-Kirmānī mit dieser Kritik einer hohen Gefahr im Irak aus. Sicherlich geschah es auch in Anerkennung seiner Verdienste um die ismailitische Sache und im Vertrauen auf seine Fähigkeiten, dass er 1014 oder 1015, im Zusammenhang mit der Erneuerung der dortigen Daʽwa, nach Kairo, der Hauptstadt der ismailitischen Fatimiden und ihres Herrschers und Imams al-Hākim bi-amr Allāh (reg. 996–1021), gerufen wurde.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 8f.

In Ägypten Die Situation, die al-Kirmānī in Ägypten vorfand, war eine völlig andere als diejenige im Irak, wo der sunnitische Islam abbasidischer Prägung dominierte. In Ägypten war unter den fatimidischen Dāʿīs ein Streit hinsichtlich der Natur des Imamats entbrannt. Einige von ihnen, zu denen auch die Gründer des Drusentums gehörten, vertraten die Lehre von der Göttlichkeit des gegenwärtigen Imams al-Hākim bi-Amr Allāh. Entweder auf Wunsch des Ober-Dāʿī Chatkīn ad-Daif oder des Kalifen selbst, mischte sich al-Kirmānī in diese Debatte ein und verfasste 1014–15 sein Sendschreiben Mabāsim al-bišārāt, in dem er die Lehre vertrat, dass das Imamat al-Hākims trotz seiner außergewöhnlich gesegneten Beschaffenheit von gewöhnlicher Natur sei und die Theorie seiner göttlichen Natur mit dem ismailitischen Dogma der absoluten Transzendenz unvereinbar sei.De Bruijn: “Al-Kirmānī”. 1980, Bd. V, S. 166b.

In einem zweiten Sendschreiben, ar-Risāla al-wāʿiẓa fī nafy daʿwā ulūhīyat al-Ḥākim bi-amr Allāh, das al-Kirmānī 1017 verfasste, antwortete er auf ein Pamphlet von al-Hasan al-Achram al-Farghānī, einen der ismailitischen Dāʿīs, die extremistische Tendenzen verfolgten. Er wies darin die Proklamation von al-Hākims Göttlichkeit zurück und warf den Abweichlern Übertreibung und Unglauben vor. In diesem Werk und in anderen wies al-Kirmānī außerdem die Sichtweise der Drusen zurück, dass die Auferstehung (qiyāma) mit der Erscheinung von al-Hākim eingetreten sei und die Ära des Islams somit beendet sei. Al-Kirmānī hielt dem entgegen, dass mit al-Hākim keinesweges das Ende des Islams und der Scharia gekommen sei, sondern nach ihm noch viele weitere Imame kommen würden. Al-Kirmānīs Schriften erlebten eine weite Verbreitung und trugen zur Eindämmung der drusischen Bewegung bei.Daftary: Ḥamid-al-Din Kermāni. 2003, Bd. XI, S. 640a. Durch die wenigen Jahre, die al-Kirmānī in Kairo verbrachte, wurde er zum Augenzeugen der turbulenten Ereignisse während der letzten Jahre der Herrschaft von al-Hākim bi-Amr Allāh. Aufgrund seiner hohen Funktion innerhalb der Daʿwa konnte er die Dimensionen der Ereignisse besser ermessen als andere, so dass seine Schriften eine der wichtigsten Quellen für diese Zeit aus ismailitischer Perspektive darstellen.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 4.

Rückkehr in den Irak Das Imamat von al-Hākim bi-amr Allāh endete mit dessen Verschwinden am 13. Februar 1021. Schon zuvor war al-Kirmānī in den Irak zurückgekehrt. Die endgültige Version seines bedeutendsten Werks Rāhat al-ʿaql entstand 1020 im Irak. Der Grund seiner Ausreise aus Ägypten ist nicht bekannt. Das Todesjahr von al-Kirmānī liegt ebenfalls im Dunkeln. Keine seiner Schriften ist az-Zāhir, dem Nachfolger al-Hākims, gewidmet. Daher liegt es nahe, dass er nicht viel später als 1021 starb.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 24.

Werke Idrīs ʿImād ad-Dīn, Geschichtsschreiber und Oberhaupt der taiyibitschen Daʿwa von 1428 bis 1468, erstellte eine Liste aller Schriften al-Kirmānīs, die sowohl diejenigen umfasste, die zu Idrīs' Lebzeiten im Jemen vorhanden waren, als auch diejenigen, die ihm nur dem Titel nach bekannt waren, vor allem weil al-Kirmānī selbst in seinen erhaltenen Werken darauf Bezug nimmt. Daraus ergibt sich ein Korpus von insgesamt 29 Werken. Von diesen sind achtzehn Bücher und Abhandlungen erhalten.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 28–30.

Nur drei von al-Kirmānīs Werken, nämlich ar-Risāla al-ḥāwiya (399/1008), ar-Risāla al-wāʿiẓa (408/1017) und die letzte Version von Rāḥat al-ʿaql (411/1020), sind eindeutig datiert. Anhand von Verweisen al-Kirmānīs in seinen Werken auf frühere seiner Schriften und aufgrund von darin enthaltenen Hinweisen auf historische Ereignisse gelangt Paul E. Walker zu einer ungefähren chronologischen Reihenfolge. Eine eindeutige zeitliche Einordnung ist größtenteils nicht möglich, weil al-Kirmānī seine Werke selbst immer wieder überarbeitete, so dass aus einem Verweis auf ein anderes Werk nicht zwangsläufig zu schließen ist, dass es sich dabei um ein älteres handelt.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 30–34, 125–130.

Erhaltene Werke Aus der frühen Zeit im Irak ar-Risāla al-ḥāwiya fī l-lail wa-n-nahār (399/1008). Es ist das früheste erhaltene Werk von al-Kirmānī. Es ist aber anzunehmen, dass sein literarisches Schaffen in die Zeit davor zurückreicht. In der kleinen Abhandlung beantwortet al-Kirmānī die Anfrage eines untergeordneten Dāʿī darüber, ob der Tag oder die Nacht früher dagewesen sei in Zusammenhang mit der Frage der Vorrangigkeit und der Stellung sogenannter Sprecher-Propheten (nuṭaqāʾ) gegenüber sogenannten Gründern (asās).Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 34f. ar-Risāla al-lāzima fī ṣaum šahr Ramaḍān wa-ḥīnihi. Al-Kirmānī beantwortet darin eine Anfrage bezüglich des Beginns des Fastenmonats Ramadan im Jahr 400/1010. Die Ismailiten ermittelten den Beginn des Ramadan durch astronomische Berechnungen, während für die Sunniten der sichtbare Neumond entscheidend war. Im Jahr 400/1010 lag der Beginn nach ismailitischer Berechnung und entsprechender Verfügung des Imams zwei Tage vor dem tatsächlichen Erscheinen des Neumonds. Al-Kirmānī rechtfertigt in dem Werk den Unterschied.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 35. Das Werk wurde 1979 von Muhammad ʿAbd al-Qādir ʿAbd an-Nāsir erstmals ediert.Mağallat Kullīyat al-Ādāb, Ğāmiʿat al-Qāhira, 31 (1979), pp. 1–52. al-Aqwāl aḏ-ḏahabīya. Es handelt sich um eine Gegenschrift gegen aṭ-Ṭibb ar-rūḥānī von Abū Bakr ar-Rāzī, in der al-Kirmānī diesen attackiert und ihm die Qualifikation abspricht, sich mit Krankheiten der Seele zu befassen, auch wenn er dessen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Medizin anerkennt.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 37, 73. Das Werk wurde 1977 von Ṣalāḥ aṣ-Ṣāwī in Teheran ediert. Maʿāṣim al-hudā wa-l-iṣāba fī tafḍīl ʿAlī ʿalā ṣ-ṣaḥāba (nach 401 der Hidschra). Al-Kirmānī attackiert darin al-Dschāhiz, der in seinem Werk Kitāb al-ʿUṯmānīya die Überlegenheit von ʿAlī ibn Abī Tālib gegenüber Abū Bakr, ʿUmar ibn al-Chattāb und ʿUthmān ibn ʿAffān leugnet. Al-Kirmānī beschreibt die Tugenden und Vorzüge, durch die sich ʽAlī vor allen anderen Gefährten auszeichnet, erweist aber auch Abū Bakr Respekt.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 37f. Die chronologische Einordnung beruht darauf, dass es auf einen Erlass von al-Hākim bi-Amr Allāh im Jahr 401 n. H. Bezug nimmt.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 31. Die zweite Hälfte des Werks ist in zwei Handschriften der Bibliothek des Institute of Ismaili Studies erhalten.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 158. Die erste Hälfte des Werks ist verlorengegangen.Walker: Ḥamīd ad-Dīn al-Kirmānī, 1999. S. 29.