Zwischen Autonomie und Angewiesenheit (offizieller Titel: „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“), auch EKD-Familienschrift, EKD-Orientierungshilfe oder Leitbild von Ehe und Familie genannt, ist eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Thema Familie.
In der Orientierungshilfe fordert die EKD, alle Formen von Familie anzuerkennen und zu stärken. Die Orientierungshilfe schließt dabei auch Patchworkfamilien und homosexuelle Partnerschaften ein. Zudem soll das Papier Christen und Pfarrern der evangelischen Landeskirchen für die kirchliche Lehre und Praxis Hilfen geben. Die Orientierungshilfe wurde am 19. Juni 2013 vom EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider in Berlin im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt. Die Autoren gehen davon aus, dass die traditionelle Ehe ihre Leitbildfunktion verloren habe. Leitbild sei nicht mehr die Institution, sondern die Art des Zusammenlebens. Kern der Orientierungshilfe ist der Gedanke, dass das Normative durch das Ideal ersetzt wird. Die evangelische Kirche sieht nun ihre Aufgabe primär darin, dafür Sorge zu tragen, dass sich Menschen dem Ideal der verlässlichen, fürsorglichen, gleichberechtigten und fairen Partnerschaft annäherten.Traditionelle Ehe hat als Leitbild ausgedient, Süddeutsche Zeitung (online) vom 20. Juni 2013
Auf anhaltende heftige Kritik reagierte der Rat der EKD mit der Einberufung einer Konferenz, um die Orientierungshilfe zu überarbeiten und weiteres Vorgehen zu beraten.Benjamin Lassiwe: Distanz zum Familienpapier, in: Weser-Kurier vom 9. September 2013, abgerufen am 20. September 2013
Inhalt Die Orientierungshilfe würdigt in ihrer Intention die Ehe im Allgemeinen.
Die Verfasser vertreten die Ansicht, dass Familie in der Moderne nicht mehr ausschließlich aus Vater, Mutter und Kindern bestehe.
Aus der theologischen Sicht der Autoren sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften der traditionellen christlichen Ehe gleichwertig.
Zudem appellieren die Verfasser an das Treuegelübde, welches sich das Brautpaar durch die Trauliturgie auferlegt.
Zudem fordern die Autoren zu einem Umdenken über das bislang vorherrschende Familienbild auf.
Entstehung Eine Kommission, bestehend aus 14 Mitgliedern (10 Frauen, 4 Männer), verfasste die Orientierungshilfe. Vorsitzende war die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD). Zu dem Gremium gehörten außerdem Ute Gerhard (Frankfurt am Main), die EKD-Oberkirchenrätinnen Kristin Bergmann und Cornelia Coenen-Marx (beide Hannover), Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler (München), Kerstin Feldhoff (Münster), Kirchenpräsident Volker Jung (Darmstadt), Diakoniedirektorin Susanne Kahl-Passoth (Berlin), der Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit Jens-Peter Kruse (Hannover), die Theologieprofessorin Stefanie Schardien (Hildesheim), Rechtsanwalt Bernd Schlüter (Berlin), die Geschäftsführerin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen, Insa Schöningh (Berlin), die Professorin für Gendersensible Soziale Arbeit, Barbara Thiessen (Landshut) und der Diplom-Sozialwissenschaftler Rainer Volz (Düsseldorf). In: ekd.de.
Reaktionen Die Veröffentlichung der Orientierungshilfe führte zu einer Diskussion innerhalb der evangelischen Landeskirchen, freikirchlicher und evangelikaler Organisationen, der römisch-katholischen Kirche sowie den Medien, über die theologischen Standpunkte der Schrift und somit der EKD.
Protestantismus Der Vorsitzende des größten evangelischen Verbandes von Landeskirchlichen Gemeinschaften, des als evangelikal geltenden Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Michael Diener, sieht in der Orientierungshilfe eine auffällige Abwertung des sogenannten „bürgerlichen Ehe- und Familienverständnisses“ als auch eine Absage an jedes „normative Verständnis der Ehe als göttliche Stiftung“ oder „natürliche Schöpfungsordnung“. Diener sieht in dem Papier eine reine Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen. So würden die Hinweise auf „Patchwork-Konstellationen“ bei Abraham, Sarah und Hagar oder auf zusammenlebende Geschwister wie Maria und Martha als eine familiale Vielfalt in der biblischen Überlieferung gegen ein singuläres Verständnis von „Ehe“ als verantwortliche und dauerhafte Verbindung von Mann und Frau gestellt. Aus der schöpfungsgemäßen Polarität von Mann und Frau werde die allgemeine „Angewiesenheit auf ein Gegenüber“. Biblische Stellen, welche die Orientierungshilfe als „zärtlichen Beziehungen zwischen Männern“ anführe, dienten ohne Textbeleg zur Relativierung der biblischen Aussagen über praktizierte Homosexualität als Sünde. Diener wirft der Kommission „hermeneutische und theologische Einseitigkeit“ vor, da in der gesamten biblischen Überlieferung die Polarität der Beziehung von Mann und Frau als schöpfungsgemäß und konstitutiv betrachtet werde.Michael Diener: Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband e.V., Kassel, 19. Juni 2013.
Der sächsische Landesbischof und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Jochen Bohl bemerkte zu dem Kurswechsel der EKD, dass es sehr wohl gleichgeschlechtliche Partnerschaften gebe, in denen Menschen verlässlich und verbindlich füreinander einstünden, was uneingeschränkten Respekt verdiene. Er betonte jedoch den Leitbildcharakter der Ehe, in der er die grundlegende und exemplarische Form des Zusammenlebens von Mann und Frau gemäß dem Willen Gottes sehe.Andreas Roth: In: Der Sonntag. 4. Juli 2013.
Bischof Markus Dröge begrüßte die Orientierungshilfe der EKD, bemängelte jedoch die fehlende theologische Klarheit. Das Papier würde mehr beschreiben als bestimmen, mehr erzählen als positionieren, mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern. Als ungeeignet wertete er die Bibelstellen, die von „zärtlichen Beziehungen zwischen Männern“ sprächen, um diese als Gegengewicht gegen die Bibelstellen zu stellen, die Homosexualität als Sünde bezeichneten. Die Kritik an Homosexualität in der Bibel sei die Kritik am Missbrauch von Lustknaben. Paulus habe die heute in gegenseitiger Verantwortung gelebten Lebensgemeinschaften nicht im Blick gehabt.Markus Dröge: Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
Ralf Meister, Landesbischof der Hannoverschen Kirche, hat das Positionspapier der EKD zur Familie verteidigt und als Wortmeldung im protestantisch-freiheitlichen Geist gewürdigt, welche die Ehe als zentrale Rolle im Familienbild in der Gesellschaft stärke. Aus der Bibel könne man nicht die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau herleiten, welche für Jahrhunderte die Ehe und das Familienbild geprägt habe. In: Evangelische Zeitung. 21. Juni 2013
Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, wehrte sich gegen Kritik an dem Positionspapier zur Familienpolitik und sagte, es gebe weder einen Kurswechsel, noch verabschiede sich die EKD vom Ideal der auf Dauer angelegten Ehe. Allerdings solle künftig nicht mehr der Status einer Beziehung zählen, sondern deren Qualität.EKD-Ratschef Schneider: Kein Kurswechsel in Familienpolitik. Evangelische Kirche in Deutschland, 21. Juni 2013, abgerufen am 1. September 2025. Schneider sprach im Zusammenhang der Orientierungshilfe von einem dringend nötigen Perspektivenwechsel. Die evangelische Kirche könne und dürfe sich nicht vor der gesellschaftlichen Realität verschließen.Schneider: Erweitertes Familienverständnis „dringend nötig“. In: evangelisch.de. 27. Juni 2013, abgerufen am 1. September 2025. Schneider vertrat die Auffassung, dass aus der Bibel und der evangelischen Theologie weder ein enges Verständnis der Ehe als „göttliche Stiftung“, noch eine traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau herleitbar seien.
Der Landesbischof der württembergischen Landeskirche, Frank Otfried July, sieht in der Orientierungshilfe ein bemerkenswertes Dokument. So zeichne man kein idealtypisches Kunstbild, sondern liefere eine detaillierte Beschreibung von Lebenssituationen und Lebensverhältnissen. Er bemängelte, dass der institutionelle Charakter der Ehe lautlos aufgegeben worden sei. Die sogenannte klassische Familie sieht July zu wenig geachtet, zudem würden sich viele Christen seiner Landeskirche durch das EKD-Papier desorientiert fühlen. Seiner Meinung nach sei ein Prozess, der Konsultationen in den Landeskirchen, Synoden und den Kirchengemeinderäten mit einbeziehe, besser dazu geeignet, eine weithin getragene Orientierung zu erreichen. Evangelische Landeskirche in Württemberg, 25. Juni 2013.
Der Vorsitzende der württembergischen „Christus-Bewegung Lebendige Gemeinde“, Ralf Albrecht, sieht in der Orientierungshilfe eine Abwertung von Ehe und Familie. In: Evangelischer Pressedienst. 25. Juni 2013. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bewertete die Orientierungshilfe positiv, es bestehe eine unbegründete Angst, dass die Ehe entwertet werde. Vielmehr sollten die ethischen Standards, die der Ehe ihre bleibende Bedeutung als Leitbild geben, als Orientierung für alle Lebensformen gelten. Darin liege das Anliegen der EKD-Orientierungshilfe. Wenn etwa Menschen in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften sich gegenseitig Liebe und Treue versprechen, könne dies aus der Sicht christlicher Ethik doch nur erfreuen. Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, 25. Juni 2013.
Ulrich Fischer, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, verteidigte die Orientierungshilfe und sieht darin eine „riesige Werbung dafür, Mut zu haben zur Familie, Kinder zu bekommen, Familie zu gründen und Verantwortung zu übernehmen“. Eine Schwächung der Familie, oder eine Vergleichgültigung der Ehe könne er in dem Papier nicht erkennen. Die Orientierungshilfe trage Rechnung, dass sich Familie in seiner sozialen Gestalt geändert habe. Dementsprechend dürfe sich auch eine evangelische Ethik nicht nur auf ein Ideal von Ehe und Familie der 1950er und 1960er Jahre festlegen. Der bürgerlichen Ehe stünden andere Formen familiären Zusammenlebens gegenüber.
Der damalige Vorsitzende der „Christus-Bewegung Baden“, Pfarrer Hermann Traub, sieht in dem EKD-Papier eine Aushöhlung des im Grundgesetz vorgesehenen Schutzes von Ehe und Familie. Auch Tabea Dölker, württembergisches EKD-Ratsmitglied, hatte sich von der Orientierungshilfe distanziert.
Der Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Hans-Jörg Voigt, hat mit einem Hirtenwort auf die Orientierungshilfe des Rates der EKD zur Familie reagiert. Laut Voigt hat Verunsicherung nun auch „den inneren Bereich der Kirchen erreicht“. Er ermutigte besonders junge Menschen, „sich auf eine Eheschließung und auf die Gründung einer Familie mit Kindern einzulassen“. Voigt betonte, dass die Ehe nach lutherischem Verständnis unauflöslich sei. Jesus selbst habe dies bekräftigt. Hinter diesen biblischen Anspruch könne die Kirche nicht zurück, wenngleich Situationen möglich seien, in denen eine Scheidung das „geringere Übel“ sei. Dass die Kirche homosexuell empfindenden Menschen respekt- und liebevoll begegne und zudem gegen ihre Diskriminierung auftrete, sei „Frucht und Folge gewinnender Liebe Christi, die allen Menschen gilt“. Da die Bibel Homosexualität als Sünde ausweise, sei es aber nicht möglich, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen.SELK-Bischof reagiert mit Hirtenwort auf EKD-Familienpapier. In: idea-Pressedienst. 3. Juli 2013, Nr. 184, Seite 3.
Laut Wolfgang Huber, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, kann die Orientierungshilfe keinen Alleinvertretungsanspruch innerhalb des evangelischen Verständnisses geltend machen.Wolfgang Huber: Scharfe Kritik am Familienpapier. In: Medienmagazin pro. 21. September 2013. In: RBB inforadio. 21. September 2013 Audio-Version (MP3; 35,6 MB).
Ökumene Der Vatikan-Berater Wilhelm Imkamp sieht die Orientierungshilfe „ganz auf Linie Luthers“, bewerte sie doch die Ehe im Sinne Luthers als rein „weltlich Ding“ und nicht als Sakrament.Dankbar für Klarstellung. In: domradio.de. 27. Juni 2013, abgerufen am 1. September 2025.