Beim Bombenanschlag auf das AMIA-Gebäude am 18. Juli 1994 in Buenos Aires wurden 85 Menschen getötet und weitere 300 verletzt.Argentinien entschädigt Opfer von 1994, Deutsche Welle, 30. April 2015, abgerufen am 18. Juli 2019. Es war der schwerste Bombenanschlag in der Geschichte Argentiniens. Das Gebäude der Asociación Mutual Israelita Argentina, eine Zentrale der jüdischen Gemeinde in Argentinien, in welchem zahlreiche jüdische Organisationen und Vereine vertreten waren, wurde dabei völlig zerstört. Der Anschlag löste das umfassendste Ermittlungsverfahren der argentinischen Rechtsgeschichte aus.

Die Hintergründe für den Anschlag wurden nie vollständig geklärt. Das höchste argentinische Strafgericht machte im April 2024 den Iran und die Hisbollah-Miliz für den Anschlag verantwortlich. Das Urteil wurde so erwartet, wegen fehlender Beweise jedoch auch kritisiert. Der argentinischen Regierung und Justiz wird von Hinterbliebenen mangelndes Engagement bei der Aufklärung der Tat vorgeworfen.

Hintergründe und Spekulationen Ablauf und Herkunft der Beweise Um 09:53 Uhr Ortszeit explodierte eine 300 bis 400 kg schwere Bombe auf der Basis eines ANC-Sprengstoffes, die in einem Renault-Lieferwagen vom Attentäter vor das Gebäude transportiert und gezündet wurde. Als Urheber und Auftraggeber werden die Hisbollah und Iran vermutet. Die Ermittlungen hinsichtlich der Urheberschaft sollen, nach Angaben von Wikileaks, von der US-Botschaft beeinflusst worden seinCable 22/05/2008. In: Wikileaks, abgerufen am 5. August 2013.Sarah Ausburn: Argentina: WikiLeaks reveals US interference in bombing case. In: greenleft.org.au, 12. März 2011, abgerufen am 5. August 2013. und „nicht auf in Argentinien selbst ermittelten Beweisen, sondern auf Informationen der US-amerikanischen und israelischen Geheimdienste beruhen“.Ignacio Klich: Koordinaten der argentinischen Außenpolitik. In: monde-diplomatique.de, 9. März 2007, abgerufen am 26. Januar 2015

Hisbollah als Urheber Von verschiedenen Quellen und Analysten wurde als mögliches Motiv der Hisbollah Rache für die Tötung Abbas al-Musawis oder auch „Vergeltung“ für die Entführung Mustafa Diranis und Luftschläge in der Bekaa-Ebene vermutet.Hisbollah soll für Anschlag auf jüdisches Zentrum verantwortlich sein. In: spiegel.de, 10. November 2005, abgerufen am 26. Januar 2015. Musawis Tod wurde, in einem Bekennervideo, mit dem Anschlag von Buenos Aires von 1992 „gerächt“. In einer Anklage des argentinischen Sonderermittlers aus dem Jahr 2006 bekräftigte dieser, dass der Attentäter Hussein Berro Hisbollah-Mitglied gewesen sei.

Iran als Urheber Vor dem Hintergrund der unilateralen Aufkündigung der argentinischen Unterstützung für das Iranische Atomprogramm im Jahre 1993 wurde ein „Vergeltungsanschlag“ des Iran als Motiv angenommen. Demnach habe der Iran die Hisbollah beauftragt, den Anschlag durchzuführen. Argentinien unterstützte das iranische Atomprogramm seit den 1980er Jahren bis 1993 und lieferte noch im Februar 1993 115,8 kg auf 20 % angereichertes Uran an den Iran.Christina Walrond: Timeline 1967–1993: Argentine Low-Enriched Uranium at Teheran Research Reactor. In: isisnucleariran.org, 7. Oktober 2009, abgerufen am 25. Januar 2015 (PDF; 101 kB).

Bei einem geheimen Treffen des Iranischen Sicherheitsrats in Maschhad soll am 14. August 1993 die Entscheidung für einen Anschlag gefällt worden sein. Die Los Angeles Times berichtet in ihrer Ausgabe vom 6. Dezember 1997 von einem iranischen Überläufer namens Manouchehr Moatamer, der diese Informationen gab.Sebastian Rotella: Trail Heats Up in ’94 Argentina Bombing. In: latimes.com, 6. Dezember 1997, abgerufen am 25. Januar 2015. Der ehemalige US-Botschafter in Argentinien, James Richard Cheek, hält Manouchehr Moatamer für unglaubwürdig. Es gäbe keinen Beweis der iranischen Verantwortung.Gareth Porter: In: thenation.com, 19. Januar 2008, abgerufen am 25. Januar 2015. Ein weiterer Informant, Abdolghassem Mesbahi, Kronzeuge (C) im Mykonos-Prozess, berichtet auch über das Treffen in Maschhad, jedoch nur vom Hörensagen.hagalil.com (abgerufen am 25. Januar 2015). Für Gareth Porter stützten sich die Annahmen für eine Urheberschaft des Iran ausschließlich auf Mitglieder der Volksmudschahedin.Gareth Porter: Indictment of Iran for ’94 Terror Bombing Relied on MEK. In: ipsnews.net, 7. August 2013, abgerufen am 25. Januar 2015. Im Januar 2014 erklärte Itzhak Aviran, von 1993 bis 2000 amtierender Botschafter Israels in Argentinien, in einem von der Zeitung Clarín abgedruckten Interview, Israel wisse, wer die Hauptverantwortlichen seien (nämlich Iraner), und habe inzwischen die meisten von ihnen getötet. Das israelische Außenministerium wies die Äußerungen Avirans hingegen zurück.

Argentinische Urheberschaft Ein Prozess gegen ehemalige Polizeibeamte der Provinz Buenos Aires wegen Beteiligung an den Vorbereitungen des Anschlags endete im September 2004 mit einem Freispruch aller 22 Angeklagten.Matthias Rüb: Die Spur nach Qom. In: faz.net, 26. Januar 2015, abgerufen am 27. Januar 2015 Ein Angeklagter wurde beschuldigt, „400.000 US-Dollar vom argentinischen Geheimdienst Side erhalten zu haben, um mit seiner Aussage den Verdacht auf den Iran zu lenken.“ Vermutet wurde die Urheberschaft bei „Leuten in der Armee und Polizei, die in die Militärdiktatur von 1976 bis 1984 (sic) verwickelt waren und ausgeprägt antisemitisch sind,“ (abgerufen am 26. Januar 2015) oder bei „argentinische[n] Nazis“.Wer hat den blutigen Anschlag auf die jüdisch-argentinische Gemeinde verübt? In: zeit.de, abgerufen am 26. Januar 2015

Ersuchen um Festnahme Als Attentäter wurde im November 2005 der 21-jährige Libanese Ibrahim Hussein Berro vom FBI und dem Staatsanwalt Nisman beschuldigt.Peter Chalk: Encyclopedia of Terrorism, ABC-Clio Inc, 2012, ISBN 978-0-313-30895-6, S. 375–378Buenos Aires bomber identified. In: bbc.co.uk, abgerufen am 5. August 2013 In: lanacion.com.ar, abgerufen am 5. August 2013

Am 9. November 2006 wurde von den argentinischen Behörden, auf Grundlage der Ermittlungsergebnisse der Sonderermittler Alberto Nisman und Marcelo Martinez Burgos, bei Interpol eine „Red Notice“ (Ersuchen um Festnahme) gegen neun Personen ersucht, die im März 2007, nach Prüfung der Unterlagen, auf sechs Personen reduziert wurde, darunter Imad Fayez Mughniyah (ehemaliger Hizbollah-Chef) und Mohsen Rezai (ehemaliger Leiter der Iranischen Revolutionsgarde). Die Red Notices wurden nicht – entgegen dem Ersuchen – für den ehemaligen Präsidenten des Iran, Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, für den ehemaligen Außenminister des Iran Ali Akbar Velayati und den ehemaligen Botschafter des Iran in Buenos Aires, Hadi Soleimanpour, ausgestellt. INTERPOL Executive Committee takes decision on AMIA Red Notice dispute (abgerufen am 5. August 2013)

Im Mai 2009 wurde von den argentinischen Behörden bei Interpol um eine weitere Red Notice ersucht. Der Kolumbianer Samuel Salman El Reda soll in den Anschlag verwickelt sein.CON. RES. 156. In: govtrack.us, 20. Juli 2009, abgerufen am 6. August 2013 EL REDA, SAMUEL SALMAN (abgerufen am 6. August 2013) Im Oktober 2009 wurde vom argentinischen Bundesrichter Ariel Lijo Anklage gegen den zur Zeit der Anschläge amtierenden und von syrischen Eltern abstammenden argentinischen Präsident Carlos Menem, dessen Bruder Munir Menem, den früheren Chef des argentinischen Geheimdienstes Secretaría de Inteligencia de Estado (SIDE) Hugo Anzorreguy, gegen den damals ermittelnden Bundesrichter Juan José Galeano und weitere Regierungsangestellte wegen Behinderung der Ermittlungen erhoben. Die Angeklagten sollen Akten gefälscht, vernichtet sowie Zeugen bestochen haben.

Das höchste argentinische Strafgericht urteile im April 2024, dass der Iran die Tat geplant und die Hisbollah die Ausführung übernommen habe. Der Angriff sei eine Vergeltung dafür gewesen, dass Argentinien ein Abkommen über eine nukleare Kooperation mit Teheran gekündigt hatte. Das Urteil wurde so erwartet. Der den Fall seit längerem untersuchende Journalist Joe Goldman kritisierte das Gerichtsverfahren. Es habe keine neue Erkenntnisse und keine spezifischen Beweis für einen Plan des Irans gebracht.

Die Staatsanwaltschaft kündigte 2025 an, zehn flüchtigen Verdächtigen den Prozess zu machen, denn durch ein neues Gesetz sei es in Argentinien möglich, Strafverfahren gegen Angeklagte in Abwesenheit zu führen. Zu den Verdächtigen gehören der ehemalige iranische Innenminister und frühere Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, Ahmad Vahidi, sowie der ehemalige Führer der Revolutionsgarde und frühere iranische Vizepräsident für Wirtschaft, Mohsen Rezai.Amia-Anschlag in Buenos Aires soll vor Gericht kommen In: juedische-allgemeine.de, abgerufen am 8. April 2025 Laura Ginsberg, eine Vertreterin der Hinterbliebenen des Anschlags, bezeichnete die Ankündigung als „Zirkus“ der argentinische Regierung Milei und forderte eine Untersuchungskommission mit anerkannten Persönlichkeiten, etwa aus der Menschenrechtsbewegung, zur Aufklärung des Anschlags.

Der Fall Nisman Alberto Nisman, 2005 von Néstor Kirchner zum Sonderstaatsanwalt und Nachfolger von Juan José Galeano für diesen Fall ernannt, erhob Anklage gegen mehrere Vertreter der iranischen Regierung. Die iranische Regierung lieferte die beschuldigten Staatsbürger jedoch nicht aus. Deshalb verhandelte der damalige argentinische Außenminister Timerman mit dem Iran ein danach nicht in Kraft getretenes Abkommen. Es sollte Nisman ermöglichen, die Beschuldigten im Iran zu befragen, und sah die Einsetzung einer gemeinsamen „Wahrheitskommission“ vor. Nisman beschuldigte daraufhin die damalige argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und andere hochrangige Funktionäre, dass sie die Aufklärung des Terrorattentates zu verhindern versuchten.

Im Januar 2015 klagte Nisman die damalige amtierende Staatspräsidentin Argentiniens, Cristina Kirchner, an; er warf ihr vor, die Verfolgung der Hauptverdächtigen sabotiert zu haben. Am Tag, an dem Nisman seine Anklage im Parlament von Buenos Aires erläutern sollte, wurde er tot in seiner Wohnung mit einer Schusswunde am Kopf aufgefunden. Der auf Nisman folgende Staatsanwalt, Gerardo Pollicita, wertete die Anklageschrift Nismans aus und erhob am 13. Februar 2015 Anklage gegen Cristina Kirchner wegen Strafvereitelung im Amt. Zudem wurden der Außenminister Héctor Timerman und der Abgeordnete Andrés Larroque beschuldigt, Kirchner unterstützt zu haben, die mutmaßlichen Attentäter zu decken. Das zuständige Gericht wies die Anklage gegen Kirchner zurück. Auch das Berufungsgericht bezeichnete nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen diese Abweisung die Anklage als „spekulativ“ und lehnte die Zulassung ebenfalls ab.

Die größte argentinische Zeitung Clarín berichtete nach dem Tod, Informanten der CIA hätten ihr mitgeteilt, dass Nisman ermordet worden sei. Laut der zuständigen Staatsanwältin Viviane Fein fanden sich schlussendlich keine Befunde für einen Mord, es gebe etwa keine Hinweise, dass sich eine weitere Person während des vermutlichen Todeszeitpunkts in dem Badezimmer aufgehalten habe. Der Journalist Facundo Pastor schlussfolgerte aus Depeschen der US-Botschaft, dass Nisman sämtliche rechtliche Schritte mit der US-Botschaft kommuniziert habe. Vor seinem Tod habe Nisman laut Pastor jedoch die Unterstützung der US-Regierung verloren. Nisman realisierte demnach, dass er aus den USA keine Beweise für seine Anklage erhalten werde, und stand mit leeren Händen da. Der Filmautor Justin Webster befragte für eine 2020 veröffentlichte Netflix-Dokumentation zahlreiche Zeugen und Experten zum AMIA-Anschlag und den darum rankenden Justiz- und Geheimdienstaffären. Jens Glüsing für das Magazin Der Spiegel schlussfolgerte aus der Dokumentation, dass die Beweislage von Nisman gegen Kirchner dünn war und ein Suizid die plausibelste Erklärung sei, dies ergebe sich auch aus den eigenen Recherchen. Nisman erscheine als Marionette im Intrigenspiel der Geheimdienste.