Doping in der Bundesrepublik Deutschland wurde sowohl vor als auch nach 1990 in vielen Fällen nachgewiesen. In verschiedenen Sport-Wettkampfdisziplinen wurde es seit 1970 bis circa 1990 systematisch von dem zum Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums gehörenden Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) unterstützt. Später konnte es in großem Umfang insbesondere bei Profi-Radfahrern nachgewiesen werden.
Doping-Geschichte und Aufarbeitung Nach Ansicht von Henk Erik Meier et al. wurde in der Auseinandersetzung mit der „Dopingvergangenheit des bundesdeutschen Sports“ erst durch die „Auseinandersetzung mit dem ‚Staatsdoping‘ in der untergegangenen DDR intensivere Bemühungen“ ausgelöst. Dennoch spielte das Thema in der sportwissenschaftlichen, politischen und öffentlichen Diskussion bereits auch in den vorherigen Jahrzehnten eine Rolle, unter anderem durch Anstöße von Dopingbekämpfern wie Brigitte Berendonk, Werner Franke, Hansjörg Kofink, Gerhard Treutlein und Liesel Westermann. Einer Einschätzung des Journalisten Ralf Meutgens im Magazin „Doping“ zufolge gab es auf solche kritische Stimmen in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren aber weder bei den bundesdeutschen Sportverbänden noch in den meisten Medien entsprechende „Resonanzen und Reaktionen“. In einer Untersuchung zur Rolle des Sportjournalismus in der Dopingberichterstattung kamen die Kommunikationswissenschaftler Michael Schaffrath und Fabian Kautz zu dem Ergebnis, dass sich in Deutschland mit etwa vier Prozent nur eine kleine Minderheit der Sportjournalisten intensiv mit dem Thema Doping beschäftigt und regelmäßig dazu publiziert.
1950er Als der erste Skandal rund um leistungssteigernde Mittel in der Bundesrepublik gilt der Fall Martin Brustmann aus dem Jahr 1952. Der Arzt der bundesdeutschen Rudermannschaft verabreichte den Sportlern Testoviron-Tabletten, die „Kraftpillen“ genannt wurden. Brustmann wurde 1952 vor den Olympischen Spielen aus seiner Funktion als Mannschaftsarzt entlassen. 1952 legte der Deutsche Sportbund (DSB) eine erste Dopingdefinition vor: „Die Einnahme eines jeden Medikamentes - ob es wirksam ist oder nicht - mit der Absicht der Leistungssteigerung während des Wettkampfes, ist als Doping zu bezeichnen.“ Diese Einordnung wurde später kritisiert, da diese etwa auch die Verabreichung von Vitaminpräparaten umfasst.
mini|hochkant|Mannschaftsarzt Franz Loogen Vor dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 erhielten Spieler der deutschen Mannschaft Vitaminspritzen. Mannschaftsarzt Franz Loogen hatte zuvor gelesen, dass in Tierversuchen mit Vitamin C die Ausdauer verbessert worden sei. Da einige Spieler nach dem Turnier an Gelbsucht erkrankten, kamen Gerüchte auf, sie hätten auch andere Mittel erhalten, wofür aber keine Beweise vorliegen. Auch der ungarische Starspieler Ferenc Puskás nährte 1957 diese Spekulationen. Doping wiesen die deutschen Spieler entschieden zurück. Als wahrscheinlichste Annahme gilt, dass sich die Spieler durch nicht genügend sterilisierte Spritzen ansteckten.
1960er Auf höchster politischer Ebene gab es in der BRD ab den 1960er Jahren Bemühungen, Doping zu verbieten: So wurde 1967 in einem Bericht über die Arbeit des Ausschusses für öffentliche Gesundheit festgehalten, dass sich die Bundesregierung im Europarat für die Annahme einer Empfehlung an die Mitgliedsstaaten eingesetzt habe, um „auf die zuständigen Sportverbände einzuwirken, das Doping von Sportlern zu verbieten und Zuwiderhandlungen unter Strafe zu stellen.“ Dass das Thema in der Öffentlichkeit angekommen war, zeigte etwa die ZDF-Sendung „Ein Spiegel des Sports“, die sich Anfang Oktober 1967 in einer Diskussionsrunde dem Thema Doping widmete und in der unter anderem festgestellt wurde, Doping sei „in aller Munde“. Als erster Doping-Todesfall im bundesdeutschen Sport gilt der Profiboxer Jupp Elze, der am 20. Juni 1968 starb. Acht Tage zuvor war er bei einem EM-Kampf bewusstlos zusammengebrochen, mit Verdacht auf eine Hirnblutung ins Krankenhaus geliefert und dort operiert worden, wachte aber nicht mehr aus dem Koma auf. Bei der Untersuchung der Leiche wurden Spuren eines Aufputschmittels gefunden. Im August 1968 gab es auf Vorschlag Willi Daumes im Deutschen Sportbund (DSB) erste Bemühungen, sich für ein Anti-Doping-Gesetz einzusetzen.
Einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Diskussion um Doping im westdeutschen Spitzensport gab es Ende der 1960er Jahre durch einen aufrüttelnden Aufsatz von Brigitte Berendonk in der Wochenzeitung Die Zeit (5. Dezember 1969). Darin beschrieb die Autorin und ehemalige Spitzenkugelstoßerin und -diskuswerferin unter anderem eigene, bei den Olympischen Sommerspielen 1968 gemachte Beobachtungen, machte auf mögliche gesundheitliche Folgeschäden des Anabolikamissbrauchs aufmerksam und gab Beispiele von Medikamenteneinsatz im bundesdeutschen Leistungssport. Sportführung und Sportpresse warf sie in diesem Artikel vor, Doping „zu vertuschen und zu verdrängen“. Berendonk schrieb von einem „Hormon-Doping-Wahn“.
1970er Im September 1970 wurden vom Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes Doping-Rahmenrichtlinien als „gegliedertes Regelwerk mit ausführlicher Dopingliste“ beschlossen.
Für Aufsehen vor den Olympischen Sommerspielen 1972 sorgte der Rücktritt des bundesdeutschen Kugelstoß-Bundestrainers der Damen, Hansjörg Kofink, nachdem dessen Sportlerinnen trotz erbrachter Qualifikation nicht für die Spiele nominiert wurden. Man habe im Verband „keine westdeutschen Sportlerinnen auf den hinteren Rängen sehen“ wollen, so Kofink. Der Verband habe „Ergebnisse verlangt, die nur mit Doping möglich" gewesen seien. „Es wurde ja flächendeckend gedopt“, sagte Kofink 2012 rückblickend.
1974 setzte die Bundesregierung beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft einen Beauftragten für Dopinganalytik ein.
Im 2015 veröffentlichten Gutachten zu Joseph Keul von der Universität Freiburg, einem der führenden Sportmediziner des Landes, wurde festgehalten, dass dessen „positive Haltung in Bezug auf die effektivsten Dopingmittel in der Sportgeschichte überhaupt, die anabolen Steroide“ unverkennbar gewesen sei. Seit Beginn der 1970er Jahre habe er „medizinische Unbedenklichkeitserklärungen in Bezug auf Anabolika“ abgegeben. Ohne Keuls Erklärungen, so die Autoren des Gutachtens, hätte der Sport für „sein systematisches Doping von der Politik nicht jene Rückendeckung erhalten, die für das in einigen Sportarten vermutlich flächendeckende Doping notwendig war“.
Das Thema rückte Mitte und Ende der 1970er Jahre verstärkt in den Mittelpunkt, auch der Politik. Ein Auslöser für die Diskussionen rund um den Einsatz verbotener und zulässiger Medikamente im Spitzensport war die Gabe eines Präparats an bundesdeutsche Athleten zur Verzögerung der Übersäuerung der Muskeln. Rund 1200 Sportler sollen dieses damals nicht verbotene Präparat, das später als „Kolbe-Spritze“ bezeichnet wurde, bei den Olympischen Sommerspielen 1976 erhalten haben. Die Spritze war auf Untersuchungen des Sportmediziners Alois Mader zurückzuführen. Der damalige bundesdeutsche Olympiaarzt Josef Nöcker sagte, die in der „Kolbe-Spritze“ enthaltenen (und geheimgehaltenen) Mittel seien in jeder Apotheke zu kaufen gewesen, er ordnete die Gabe der Spritze als „Leistungsstabilisierung“ und als Teil einer Gesamtheit von Betreuungsmaßnahmen wie eine gezielte Ernährung ein. Dass keine verbotenen Dopingmittel enthalten waren, wurde vom Weltruderverband bestätigt. An der „Kolbe-Spritze“ entzündete sich ein Streit namhafter bundesdeutscher Sportmediziner: Paul Nowacki sprach von „medizinischer Manipulation“ und „peripherem Doping“, Joseph Keul hielt Nowacki „fehlende wissenschaftliche Sachlichkeit und Spekulation“ vor. Laut Kofink kam es in Anschluss an Olympia 1976 in Montreal „in der BRD zu einer einzigartigen Doping-Diskussion in allen Medien“. In dieser wurden auch sportethische Grundsatzfragen sowie das Thema der Schaffung von Chancengleichheit durch medizinische Leistungssteigerung behandelt.
1976 räumte Sportmediziner Armin Klümper ein, Anabolika an Sportler gegeben zu haben. Den Vorwurf einer „planmäßigen Verseuchung von Athleten mit Anabolika“ wies er zurück. mini|hochkant|Wolfgang Schäuble 1977 empfahl Wolfgang Schäuble, damals sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, bei einer Anhörung im Bundestag, den Einsatz von Medikamenten, wenn sie denn im Leistungssport unverzichtbar seien, fürsorglich von Sportmedizinern steuern zu lassen.Systematisches Doping in der Bundesrepublik: Freiburg – das Paradies für Doper in Tagesspiegel, 1. März 2016 Schäuble sprach sich demzufolge nicht gegen Doping aus, sondern äußerte mit Bezug auf Anabolika:
Im April 1977 veröffentlichte Werner Franke den Artikel „Anabolika im Sport“, in dem er auf Gesundheitsrisiken hinwies, beschrieb die Rolle einflussreicher Sportmediziner und kritisierte die Behauptung der Unbedenklichkeit von Anabolika.
Berendonk prangerte in den 1970er Jahren wiederholt in den Medien Doping an. So beklagte sie 1977 im Aktuellen Sportstudio, der „Betrug mit Anabolika“ sei nach den Olympischen Sommerspielen 1976 von Montreal „zusehends gebilligt worden“ und warf der Presse vor, das Problem zu verharmlosen und herunterzuspielen. Bestimmte Sportmediziner zeigten eine „scheinheilige und zynische Haltung“, indem sie behaupteten, dass es bei der Verabreichung von Anabolika „keine schädlichen Nebenwirkungen“ gebe, so Berendonk 1977. In einem ebenfalls im Aktuellen Sportstudio stattfindenden weiteren Streitgespräch nur wenige Wochen später kam es unter anderem zu Konfrontationen zwischen Berendonk und Sportmediziner Joseph Keul. In derselben Sendung verteidigten Sprinter Manfred Ommer und Hammerwerfer Walter Schmidt die Einnahme leistungssteigernder Mittel unter anderem mit dem Argument, sonst in Wettkämpfen nicht konkurrenzfähig zu sein. Ommer, der im März 1977 gestand, Dopingmittel verwendet zu haben, bezeichnete später die Sportmedizin der Universität Freiburg als „Paradies für die Athleten. Dort bekam man das, was man brauchte.“ Hingegen sei Köln „die Hölle“ gewesen, da dort Manfred Donike versucht habe, dopende Sportler zu überführen. In einer im Juni 1977 veröffentlichten Grundsatzerklärung, die von einer Kommission unter Leitung von Ommo Grupe erarbeitet worden war, hielt der Deutsche Sportbund unter anderem fest, dass „jede medikamentös-pharmakologische Leistungsbeeinflussung und technische Manipulation am Athleten zum Zwecke der Leistungssteigerung“ abzulehnen sei. Diese beeinträchtigten die Würde des Athleten, widersprächen dem Sinne des Sports und schließen schädigende Nebenwirkungen nicht aus.
mini|hochkant|Sportmediziner Wildor Hollmann Wildor Hollmann, einer der seinerzeit führenden deutschen Sportmediziner, kritisierte diese Erklärung sinngemäß als naiv, diese habe ein „rührend anmutendes Niveau“. Grupe, dessen Werk die Grundsatzerklärung gewesen sei, so Erik Eggers, äußerte später, die Grundsatzerklärung und deren erneuerte Fassung aus dem Jahr 1983 seien „fast wirkungslos“ geblieben. Es habe in den 1970er Jahren unter einigen Sportmedizinern die Überzeugung gegeben, „dass man für den Erfolg fast alles tun dürfe. (…) Das galt aber auf keinen Fall für alle Sportmediziner“, urteilte Grupe als einer der führenden bundesdeutschen Sportwissenschaftler und -funktionäre dieser Zeit. Gerhard Treutlein fasste die Erkenntnis der großen Doping-Diskussionen in den Jahren 1976/1977 wie folgt zusammen: „Eine Bereitschaft zu mehr als verbaler Bekundung zum Kampf gegen Doping war nicht erkennbar, die Heuchelei wurde immer größer.“
1979 erließ das Bundesinnenministerium eine „Vergütungsordnung für Bundestrainer“, in der die Möglichkeit einer Ahndung von Verstößen gegen das Dopingverbot durch eine fristlose Kündigung des Vertragsverhältnisses enthalten war.
1980er Bei der Sportministerkonferenz im April 1980 wurde auf die Grundsatzerklärung Bezug genommen und die Forderung aufgestellt, „Doping und technologisches Wettrüsten“ dürften „die sportliche Leistung der Sportler nicht verfälschen“.