Die Sinfonie C-Dur Hoboken-Verzeichnis I:69 komponierte Joseph Haydn wahrscheinlich um 1774/75. Das Werk trägt den nicht von Haydn stammenden Titel „Laudon“, der sich auf den Feldmarschall Gideon Ernst von Laudon bezieht.
Allgemeines miniatur|200px|Feldmarschall Laudon
Die Sinfonie Nr. 69 komponierte Haydn wahrscheinlich um 1774/75Informationsseite der Haydn-Festspiele Eisenstadt, siehe unter Weblinks. während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Die Bezeichnung „Laudon“ geht auf den Wiener Verleger Artaria zurück. Dieser veröffentlichte 1784 eine Klavierfassung des Werkes als „Sinfonie Loudon“. Der Name bezieht sich auf den populären österreichischen Feldmarschall Gideon Ernst Freiherr von Laudon (1717–1790)Horst Walter: Laudon (Loudon). In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 978-3-89007-557-0, S. 454. und sollte wahrscheinlich verkaufsfördernd wirken. Haydn hatte diese Bearbeitung durchgesehen und am 8. April 1783 an Artaria geschrieben:
Das Finale wurde dann auch in der Klavierbearbeitung weggelassen, erscheint aber in anderen Klavierauszügen des Werkes. Artaria hatte offenbar zu dem Klavierauszug eine Violinstimme geplant, die Haydn in seinem Brief vom 18. Juni 1783 ablehnt:
Der Name „Laudon“ findet sich auch auf Abschriften der Sinfonie Nr. 48, was wohl eine Verwechslung wegen des ähnlichen Anfangs der ersten Sätze ist.van Hoboken (1957) S. 60. Die Sinfonie Nr. 69 wird in der Literatur verschieden bewertet: Sie wurde 1784 vom Verleger Hummel als „Opus 20“ zusammen mit anderen Sinfonien (u. a. Nr. 61) gedruckt. Ernst Ludwig Gerber führt die Sinfonie Nr. 69 in der Besprechung dieses Druckes in seinem „Lexikon der Tonkünstler“ (1812–1814) als „vortrefflich“ an:
Aufgrund derselben Tonart, des ähnlichen Anfangs der ersten Sätze und den Beinamen mit einer historischen Persönlichkeit wird die Sinfonie Nr. 69 oft mit Nr. 48 („Maria Theresia“) verglichen. Unter Aufgriff der sehr negativen Kritik der Sinfonie Nr. 69 bei Howard Chandler Robbins Landon (1955)Howard Chandler Robbins Landon: The Symphonies of Joseph Haydn. Universal Edition & Rocklife, London 1955, S. 353–355. bezeichnet auch Walter Lessing (1989)Walter Lessing: Die Sinfonien von Joseph Haydn, dazu: sämtliche Messen. Eine Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987-89, herausgegeben vom Südwestfunk Baden-Baden in 3 Bänden. Band 1, Baden-Baden 1989, S. 133–136. das Werk als Enttäuschung:
Andere Autoren sehen das Werk trotz seiner Züge von Routine nicht so negativ: Anthony Hodgson (1976)Antony Hodgson: The Music of Joseph Haydn. The Symphonies. The Tantivy Press, London 1976, ISBN 0-8386-1684-4, S. 97–99. weist bei dem Werk auf die besondere Bedeutung der Wahl von Tempo und Rhythmus durch den Dirigenten für die Gesamtwirkung hin und lobt das Presto als wirkungsvolle „Schlacht-Musik“.Antony Hodgson (1976, S. 99): „The Finale is an exciting Presto, light in touch and searching in spirit. Just as the old battle-pieces used to end with a celebration, so too this battle-piece must be joyful and not too deep; the brass parts are conventional but the string counterpoint is intentive.“ Nach James Webster (1999)James Webster: "Program Notes" Oiseau-Lyre CD 460-776-2 (1999), 12: „as finely crafted, as interesting, indeed as original, as the preceding ones, albeit very different in character.“ (zitiert auf der englischsprachigen Website zur Sinfonie Nr. 69) ist die Sinfonie so interessant und originell wie die vorangegangenen, obgleich im Charakter ganz anders. Das Werk sei ein Beispiel für den Aspekt des „leichten Hörens“ in Haydns damaliger Schaffensphase: „unmittelbar zugänglich und satztechnisch mit leichter Hand gearbeitet; es bewegt sich innerhalb vertrauter Stile und Konventionen und weist nur wenige Stellen von expressiver Intensität auf; die ausgedehnten Abschnitte, thematischen Gruppen, Überleitungen usw. sind kristallklar.“James Webster: Hob.I:69 Symphonie in C-Dur. Informationstext zur Sinfonie Nr. 69 von Joseph Haydn der Haydn-Festspiele Eisenstadt. siehe unter Weblinks. Nach Michael Walter (2007/2010)Michael Walter: Haydns Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. C. H. Beck-Verlag, München 2007, ISBN 978-3-406-44813-3, S. 65. ist „kaum zu bestreiten, dass die Sinfonien Nr. 69 und Nr. 61 Beispiele für einen gewissen routinierten Zug in Haydns Sinfonien-Kompositionen sind, der wohl damit zu erklären ist, daß er seit 1776 auch als Opernimpressario in Esterháza tätig war und auch als Opernkomponist in Erscheinung treten mußte.“ Die Sinfonie Nr. 69 biete (ebenso wie Nr. 61) „kultivierte Unterhaltung auf einem Niveau, das zu Erreichen die Komponistenkollegen Haydns schon wegen dessen origineller Einfälle Mühe gehabt haben dürften.“Michael Walter: Sinfonien. In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 978-3-89007-557-0, S. 701.
Zur Musik Besetzung: zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauken, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Über die Beteiligung eines Cembalo-Continuos in Haydns Sinfonien bestehen unterschiedliche Auffassungen.Beispiele: a) James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608); b) Hartmut Haenchen: Haydn, Joseph: Haydns Orchester und die Cembalo-Frage in den frühen Sinfonien. Booklet-Text für die Einspielungen der frühen Haydn-Sinfonien., online (Abruf am 26. Juni 2019), zu: H. Haenchen: Frühe Haydn-Sinfonien, Berlin Classics, 1988–1990, Kassette mit 18 Sinfonien; c) Jamie James: He'd Rather Fight Than Use Keyboard In His Haydn Series. In: New York Times, 2. Oktober 1994 (Abruf am 25. Juni 2019; mit Darstellung unterschiedlicher Positionen von Roy Goodman, Christopher Hogwood, H. C. Robbins Landon und James Webster). Die meisten Orchester mit modernen Instrumenten verwenden derzeit (Stand 2019) kein Cembalocontinuo. Aufnahmen mit Cembalo-Continuo existieren u. a. von: Trevor Pinnock (Sturm und Drang-Sinfonien, Archiv, 1989/90); Nikolaus Harnoncourt (Nr. 6–8, Das Alte Werk, 1990); Sigiswald Kuijken (u. a. Pariser und Londoner Sinfonien; Virgin, 1988 – 1995); Roy Goodman (z. B. Nr. 1–25, 70–78; Hyperion, 2002).
Aufführungszeit: ca. 20 bis 25 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen).
Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf die Sinfonie Nr. 69 übertragen werden kann. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.
Erster Satz: Vivace C-Dur, 2/2-Takt (alla breve), 184 Takte miniatur|450px|Beginn des Vivace
Das erste Thema ist aus zwei viertaktigen Hälften aufgebaut, wobei die erste Hälfte mit ihrem fanfarenen- bis marschartigen Charakter eine auffällige Ähnlichkeit zum Anfang der Sinfonie Nr. 48 aufweist. Bis auf den Akkordschlag, der vom ganzen Orchester gespielt wird, ist der Rest des Themas sanglich im Piano gehalten, die erste Hälfte lediglich für Oboen und Violinen, die zweite für Violinen und begleitendes Cello instrumentiert. Das Thema wird wiederholt, anschließend steigert sich der Kopf der zweiten Hälfte im Crescendo bis zum Fortissimo, wo das Geschehen nach fanfarenartiger Akkordmelodik mit drei Akkordschlägen in der Dominante G-Dur kurzfristig zum Stehen kommt. Der Kopf der zweiten Themenhälfte wird nun nochmals von G-Dur ausgehend sich aufwärts schraubend wiederholt, anschließend folgt eine kurze Verarbeitung mit den beiden Achtelfiguren des ersten Themas. Nach fallenden Staccato-Ketten im Dialog der Instrumente führen wiederum Akkordschlägen (nun als D-Dur – Septakkorde) zu einer Stauung, die das zweite Thema ankündigen.
Auch das zweite Thema (ab Takt 45, G-Dur) ist wie das erste aus zwei viertaktigen Hälften strukturiert. Die Streicher spielen piano eine sangliche Melodie, die mit Beteiligung der 1. Oboe und begleitendem Fagott wiederholt wird. Die Schlussgruppe bringt zunächst energische, aufsteigende Achtelketten im Unisono, am Ende der Exposition geben die solistischen Oboen und die Violinen kurze, konstratierende Piano-Einwürfe als Staccato-Terzen.
Die Durchführung beginnt als Variante des ersten Themas in E-Dur: Der Wechsel von forte zu piano erfolgt erst im zweiten Takt (nicht bereits nach dem Oktavsprung abwärts), weiterhin ist die zweite Hälfte durch eine Variante der ersten ersetzt. Die Musik scheint sich dann in der Figur mit dem punktierten Rhythmus (aus Takt 3 des Themas) im a-Moll-Pianissimo zu verlieren, ehe in Takt 84 das ganze Orchester fortissimo unter Synkopenbegleitung die Achtelfiguren des ersten Themas verarbeitet und dabei verschiedene Tonarten streift. Dieser Kontrast zwischen Zurücknahme im Pianissimo und darauffolgendem Forte-Einsatz wird in der Durchführung noch weitere zwei Male praktiziert: Nach einigen Akzenten staut sich die Musik wiederum in Akkordschlägen von E-Dur, mit der die Durchführung begonnen hatte. Anschließend bekommt das zweite Thema einen Auftritt in a-Moll, und auch hier wird die erste Hälfte als Variante (mit Dur-Schluss) wiederholt. Erneut scheint die Musik pianissimo zu verebben, indem sich die Tonrepetition vom Thema zum Liegeton ausweitet, dann beginnt mit Dreiklangsfiguren in halben Noten ein aufstrebendes Crescendo. Der letzte Abschnitt der Durchführung greift auf die Staccato-Terz aus der Schlussgruppe zurück, die im Dialog der Violinen (staccato) sowie der Oboen und Fagotte (legato) aufwärts wie abwärts gespielt wird. In der Überleitung zur Reprise wird das Auslaufen im Pianissimo mit anschließendem Forte-Einsatz zum dritten Mal mit dem Terzmotiv durchgeführt.
In der Reprise ab Takt 136 sind die Hörner bei der Themenwiederholung in der ersten Hälfte mit stimmführend, die variierte zweite Hälfte geht dann direkt ins zweite Thema über. Daraufhin schließt wie in der Exposition die Schlussgruppe mit ihren aufsteigenden Unisono-Achtelketten an, anstelle des Terzmotivs folgt nun aber die vor dem zweiten Thema ausgelassene Passage der fallenden Achtelketten. Die Coda ist mit einer Variante der zweiten Hälfte vom ersten Thema und einer Schlussfanfare gestaltet. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.Die Wiederholungen der Satzteile werden in einigen Einspielungen nicht eingehalten.
Zweiter Satz: Un poco adagio più tosto andante F-Dur, 3/4-Takt, 122 Takte
Die Streicher stellen piano das ausgedehnte erste Thema vor (Takt 1 bis 12, Violinen spielen mit Dämpfer). Hauptelemente sind der in Tonrepetition aufsteigenden F-Dur – Dreiklang sowie die anschließende, in Sekunden absteigende Linie in abgesetzten Bewegung. Beide Elemente sind für das weitere Thema und den weiteren Satzaufbau von Bedeutung. Das Thema wird ohne den aufsteigenden Eröffnungsdreiklang wiederholt (Takt 13 bis 21). Anschließend setzen zunächst der Bass (mit Fagott), dann die Violinen und schließlich die Streicher als Gesamtheit die abgesetzte Bewegung fort und wechseln dann unter Beteiligung der Bläser mit neuem Material und inklusive kurzer Molltrübung zur Doppeldominante G-Dur, die dominantisch zum folgenden Eintritt des zweiten Themas in C-Dur wirkt.
Das zweite Thema (ab Takt 33, Dominante C-Dur), ein „reizvoll keckes hemiolisches Hoquetusthema“, wird ebenfalls nur von den Streichern vorgestellt. Es ist in seiner auftaktigen Stimmführung zwischen Ober- und Unterstimmen aufgeteilt. Die Pendelfigur vom Ende des Themas steigert sich anschließend unter Beteiligung des ganzen Orchesters bis zum Forte, um danach wieder bis ins Pianissimo zurückzufallen – am Ende der Exposition mit charakteristischem Dreiklangsmotiv im Bass.