Der Lamborghini 350 GTV ist ein zweitüriges Coupé, das 1963 als Unikat entstand. Er ist der erste Sportwagen der Automobili Lamborghini S.p.A. und in technischer und stilistischer Hinsicht der Vorläufer des in kleiner Serie produzierten Lamborghini 350 GT. Das Auto war zunächst ein nicht fahrbereites Ausstellungsstück: Bei seiner Präsentation im Oktober 1963 befand sich anstelle des Motors lediglich eine Kiste mit Bauschutt unter der Fronthaube. Erst 25 Jahre später wurde es in einen fahrbereiten Zustand versetzt.
Entstehungsgeschichte Das von Ferruccio Lamborghini gegründete Unternehmen Lamborghini Trattori S.p.A.Hans-Karl Lange: Lamborghini. Alle Sportwagen seit 1963. Verlagsunion Pabel - Moewig, Rastatt 1991, ISBN 3-8118-3063-5, S. 5. produzierte ab 1948 Traktoren und Spezialmaschinen. Zehn Jahre nach der Gründung war Lamborghini der erfolgreichste Traktorhersteller Italiens.Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant'Agata. Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 9.Stefano Pasini: Numero Uno. Motor Klassik, Heft 10/1991, S. 36.
Seit den frühen 1960er-Jahren dachte Ferruccio Lamborghini über die Ausweitung seines Betriebes auf die Automobilproduktion nach. In der Literatur werden diese Überlegungen vielfach auf ein angebliches Zerwürfnis zwischen Ferruccio Lamborghini und Enzo Ferrari zurückgeführt, der sich – je nach Quelle – geweigert haben soll, seine Kupplungen bzw. die Zylinderköpfe seiner Sportwagen nach Lamborghinis Vorstellungen zu modifizierenDavid Lillywhite, Halwart Schrader: Klassische Automobile. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-613-02552-3, S. 260.Reinhard Lintelmann: 1000 Automobile. Geschichte. Klassiker. Technik. NGV, Köln (ohne Jahr), ISBN 3-625-10543-8, S. 335. oder Ferruccio Lamborghini zu einem Gespräch zu empfangen.Seriensportwagen. Könemann, Köln 1993, ISBN 3-89508-000-4, S. 278. Ferruccio Lamborghini beteiligte sich im Laufe der Jahrzehnte wiederholt an der Verbreitung dieser Geschichten. Ihr Wahrheitsgehalt wird allerdings bezweifelt.Distanzierend zu den Legenden um die Unternehmensgründung etwa Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant’Agata. Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 10. Andere Darstellungen gehen davon aus, dass sich Ferruccio Lamborghini und Enzo Ferrari nie persönlich kennengelernt haben. Vielmehr habe Lamborghini die Sportwagenproduktion in erster Linie mit dem Ziel aufgenommen, Werbung für seinen Traktorbetrieb zu machen; die angebliche Animosität zu Ferrari sei lediglich ein PR-Instrument gewesen.Wolfgang Blaube: Grüner Star. 50 Jahre Lamborghini. Oldtimer Markt, Heft 7/2013, S. 246.Georg Amtmann, Halwart Schrader: Italienische Sportwagen. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 228.Matthias Braun, Alexander Franc Storz: Typenkompass Lamborghini: Sportwagen nach 1964. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02645-2, S. 9. Eine italienische Quelle schließlich sieht Ferruccio Lamborghinis „Liebe zu allem Mechanischen“ als den entscheidenden Grund an.
Ferruccio Lamborghini selbst erklärte im Herbst 1963:
Im Dezember 1962 fiel die Entscheidung zugunsten der Produktion eines Lamborghini-Sportwagens. Nach Ferruccio Lamborghinis Vorstellungen sollte das Fahrzeug die stilistischen und technischen Elemente des Jaguar E-Type und die eines Ferrari miteinander verbinden.Wolfgang Blaube: Grüner Star. 50 Jahre Lamborghini. Vorstellung des 350 GTV in: Oldtimer Markt, Heft 7/2013, S. 248. Als Motor war ein Zwölfzylinder vorgesehen, damit das neue Auto mit den aktuellen Ferrari-Modellen konkurrieren konnte.
Einzelheiten Im Laufe des Jahres 1963 entstand in Sant’Agata Bolognese das Automobilwerk der neu gegründeten Automobili Lamborghini S.p.A. Zu dieser Zeit hatte das Unternehmen noch keine eigene Konstruktionsabteilung, die in der Lage war, einen Sportwagen der Oberklasse zu entwickeln. Viele Konstruktionsaufgaben für den 350 GTV wurden daher an selbständige Ingenieure wie Giotto Bizzarrini und Giampaolo Dallara oder an etablierte Betriebe vergeben. Die Einzelteile des Autos und des Motors wurden nach Lamborghinis Vorgaben von diversen selbständigen Betrieben als Auftragsarbeit gefertigt; soweit keine Neuentwicklung nötig war, kaufte Lamborghini technische Komponenten auch bei Zulieferbetrieben wie Girling, Salisbury oder ZF ein.
Chassis und Aufhängung Der 350 GTV hatte einen Gitterrohrrahmen, den Dallara entworfen hatte. Der ganz überwiegende Teil der Automobilliteratur geht davon aus, dass er bei Neri e Bonacini in Modena aufgebaut wurde.Hans-Karl Lange: Lamborghini. Alle Sportwagen seit 1963. Verlagsunion Pabel - Moewig, Rastatt 1991, ISBN 3-8118-3063-5, S. 10. Eine einzelne Quelle nennt abweichend davon das Modeneser Werk Marchesi als Hersteller des Rahmens.Stefano Pasini: Numero Uno. Motor Klassik, Heft 10/1991, S. 38.Zutreffend ist, dass Marchesi den Großteil der Chassis der Serienmodelle 350 GT und 450 GTV herstellte. Vgl. Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant'Agata. Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 20.
Alle vier Räder waren einzeln aufgehängt. Ferruccio Lamborghini legte besonderen Wert auf dieses Merkmal, mit dem sich sein Auto insbesondere von den Maserati-Modellen absetzte, die auch in den 1960er-Jahren noch eine hintere Starrachse mit Blattfedern hattenDavid Hodges: Lamborghini. The Legend. Smithmark Publishers, London 1998, ISBN 978-0-7651-0846-3, S. 13. und im Hinblick darauf in der Presse gelegentlich spöttisch als „übermotorisierte Lastwagen“ bezeichnet wurden.Hans-Karl Lange: Maserati. Der andere italienische Sportwagen. Zsolnay, Wien 1993, ISBN 3-552-05102-3, S. 27. An allen vier Rädern befanden sich Scheibenbremsen, die von Girling bezogen wurden.
Karosserie mini|Heckansicht mini|Eines der ersten europäischen Fahrzeuge mit Klappscheinwerfern: Lamborghini 350 GTV
Für den Karosserieentwurf hatte sich Ferruccio Lamborghini zunächst um die etablierten Designhäuser Bertone, Ghia, Pininfarina, Touring und Zagato bemüht. Sie alle sagten wegen angeblich fehlender Kapazitäten ab. Letztlich beauftragte Lamborghini den selbständigen Designer Franco Scaglione, der bis 1959 Chefdesigner bei Bertone gewesen war.
Der alkohol- und kokainabhängigeWolfgang Blaube: Grüner Star. 50 Jahre Lamborghini. Vorstellung des 350 GTV in: Oldtimer Markt, Heft 7/2013, S. 250. Scaglione galt unter den italienischen Designern als „der Mann fürs Wilde“.Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant'Agata. Heel, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 16. - Scaglione hatte in den 1950er-Jahren zahlreiche ausgefallene und Aufsehen erregende Karosserien entworfen. Von besonderer Bedeutung waren hier die Alfa-Romeo-BAT-Prototypen. Er gestaltete ein zweisitziges Coupé mit langer Frontpartie, knapp geschnittener Fahrgastzelle und einer fließenden Dachlinie, die in ein kurzes Stufenheck mündete. Der Entwurf griff Designmerkmale des Osca 1500 Berlinetta auf, den Scaglione 1959 für Bertone entworfen hatte. Lediglich die Proportionen im vorderen Wagenbereich wurden geändert, und die angedeuteten Heckflossen des Osca entfielen. An der Frontpartie trug das Fahrzeug Klappscheinwerfer. Die Kofferraumklappe gab aufgrund des weit herabreichenden und abgerundeten Heckfensters nur eine schmale Öffnung frei. Wie beim Jaguar E-Type öffnete die gesamte Motorhaube einschließlich der vorderen Kotflügel nach vorn.
Scagliones Entwurf wurde und wird unterschiedlich bewertet. Einige Beobachter sprachen von einem „aufregenden Entwurf“,Kevin Brazendale: Kevin Brazendale: The Encyclopedia of classic cars. Advanced Marketing Services, London 1999, ISBN 1-57145-182-X, S. 183. und Giampaolo Dallara, der den 350 GTV zum 350 GT weiterentwickelte, fand die Karosserie gelungener als die des späteren Serienmodells.Zitiert nach Anthony Pritchard: Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant'Agata. Heel Verlags GmbH, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-574-3, S. 28. Andere sahen Scagliones Karosserie als „polarisierend“, „bizarr“ oder „aufgetakelt“Dean Bachelor, Chris Poole, Graham Robson: Das große Buch der Sportwagen. Müller, Erlangen 1990 (keine ISBN), S. 236. an oder hielten ihn für ein „konfuses Ensemble von Detailansichten etlicher anderer Sportwagen“.
Die Karosserie bestand aus Stahlblech und war mit dem Chassis verschraubt. Anders als die Aufbauten der späteren Serienfahrzeuge wurde die Karosserie des 350 GTV bei der Carrozzeria Sargiotto in Nichelino aufgebaut. Ferruccio Lamborghini war mit der Arbeit der Franco Scaglione gehörenden Werkstatt unzufrieden. Er nannte sie später „eine wacklige Hütte, die kaum größer als drei mal vier Meter war“. Das handwerkliche Niveau war nach Darstellungen in der Fachpresse schlecht; das Fahrzeug sei „hastig hingepfuscht“ worden.
Nach einer Quelle verhandelte Ferruccio Lamborghini im Zusammenhang mit dem Turiner Automobilsalon mit dem Turiner Unternehmen Carrozzeria Sibona-Basano, das 1963 ebenfalls dort debütierte, über eine Kleinserienfertigung des 350 GTV. Letztlich entschied sich Lamborghini jedoch für die Überarbeitung des ursprünglichen Entwurfs und einen namhafteren Partner.Elvio Deganello, in: Auto Italia (Zeitschrift), Ausgabe 227, Januar 2015, „Italian Coachbuilders – Carrozzeria Sibona & Basano“, S. 50–54 (53) (englisch), abrufbar auf dem Webportal porschecarshistory.com.
Motor: 100 PS pro Liter Hubraum Mit der Konzeption des Motors beauftragte Ferruccio Lamborghini den ehemaligen Ferrari-Ingenieur Giotto Bizzarrini. In welchem Maße der Motor allerdings tatsächlich von Bizzarrini konstruiert wurde und welche technischen Vorbilder das Triebwerk hat, wird in der Automobilliteratur unterschiedlich gesehen.
Giotto Bizzarrini Der überwiegende Teil der Automobilliteratur sieht in der Konstruktion des Lamborghini-Zwölfzylinders eine Arbeit Giotto Bizzarrinis. Neuere Untersuchungen kommen dagegen zu dem Ergebnis, dass Bizzarrini entgegen der gängigen Darstellung den Motor nicht selbst konstruierte. Vielmehr lieferte er lediglich einige Skizzen für einen 1,5 Liter großen Zwölfzylindermotor, die er im Jahr 1959 noch als Ferrari-Angestellter gefertigt hatte. Die Detailkonstruktion des Lamborghini-Motors übernahmen Oliviero Pedrazzi und Achille Bevini als Subunternehmer für Bizzarrini. Hergestellt wurde er schließlich bei Neri e Bonacini.Wolfgang Blaube: Grüner Star. 50 Jahre Lamborghini. Vorstellung des 350 GTV in: Oldtimer Markt, Heft 7/2013, S. 249.
Lamborghinis Triebwerk war nach den Ferrari-Motoren von Gioacchino Colombo und Aurelio Lampredi sowie Giulio Alfieris Maserati der vierte in Italien konstruierte Zwölfzylinder der Nachkriegszeit. Die konzeptionellen Ursprünge des Motors sind nicht vollständig geklärt. Lamborghini erklärte bei der Vorstellung des Modells, es handele sich um ein komplett neu konstruiertes, eigenständiges Triebwerk. Giotto Bizzarrini trat dem in den 1990er-Jahren entgegen und behauptete, er habe im Wesentlichen den Ferrari-Zwölfzylindermotor von Gioacchino Colombo kopiert. Andere Quellen gehen demgegenüber davon aus, dass Maseratis Zwölfzylindermotor (Tipo 9) als Vorbild gedient hatte, der ab 1957 in der Formel 1 zum Einsatz kam: Beide Motoren hätten erhebliche technische Übereinstimmungen.
Technische Einzelheiten mini|3,5-Liter-V12-Motor von Lamborghini