mini|Olympic Studios Die Olympic Studios waren bedeutende unabhängige Tonstudios in Barnes (London Borough of Richmond upon Thames), bei denen die Band The Rolling Stones große Teile ihres frühen Repertoires aufgenommen hatten. Die Studios existierten von 1957 bis 2009. Auf die Studios entfiel ein wesentlicher Anteil der britischen Musikproduktionen von Beatbands, deren Musik die kontinentalen Hitparaden dominierte und die British Invasion in den USA repräsentierte.
Gründung 1957 Sie begannen als Olympic Sound Studios im Jahre 1957 in der Carton Hall, Carton Street im Londoner Stadtteil Marylebone. Gemietet wurde das Gebäude durch den blinden Geschäftsmann Angus McKenzie, der kurz zuvor von Larry Lyon das Olympia Studio in Fulham gekauft hatte; hiernach benannte er seine neuen Tonstudios. Als Partner involvierte er den Toningenieur Richard „Dick“ Swettenham. Die Carton Hall war eine ehemalige Synagoge, umgebaut durch Robertson Grant (dem Vater von Keith Grant, der in den neuen Tonstudios 1958 als Toningenieur begann). Die ersten Aufträge waren Jingles, die ab dem 2. März 1959 bis 4. November 1962 hier entstanden. In den Studios gab es ab 1960 einen der ersten Vierspurrekorder in Großbritannien und das weltweit erste Mischpult auf Transistorbasis, entwickelt von Swettenham. Auch klassische Musik wurde anfangs hier aufgenommen. Konzertpianist Sergio Fiorentino nahm hier Frédéric Chopins Tarantella As-Dur (op. 43), Franz Liszts Canzone Napolitana (S. 248) und Nocturne Impromptu (S. 191) (aufgenommen am 4. März 1960), Ludwig van Beethovens Sonata 9 in E-Dur (op. 14#1), Sonate 27 e-Moll (op. 90), Chopins Nocturnen 1-20 (5. März 1960) oder Chopins Impromptu #4 C-Moll (op. 66) (3. Mai 1960) auf.
Rock ’n’ Roll und Beatmusik Gene Vincent hielt sich gerade wegen einer Europa-Tournee in London auf, um am 7. November 1963 (Humpity Dumpity) und 14. November 1963 (Temptation Baby, Where Have You Been All My Life, The Beginning of the End), 16. März 1964 (Love Love Love, Lavender Blue, You Are My Sunshine), 15. April 1964 (fünf Titel), 23. Juni (drei Titel) und 24. Juni 1964 (drei Titel) in den Olympic Sound Studios aufzunehmen. Dusty Springfield war hier bis Juni 1964 häufiger Gast und stand für ihr Album Stay Awhile (Oktober 1963 bis Januar 1964) mit dem Hit I Only Want to be With You (17. Oktober 1963; Rang 4) oder I Just Don’t Know What to do With Myself (4. Juni 1964; Rang 3) vor dem Mikrofon. Die erstgenannte Ballade wurde zum ersten Millionenseller für das Studio.Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 182. Gene Pitney nahm hier That Girl Belongs to Yesterday (29. Februar 1964) auf, produziert von Rolling-Stones-Produzent Andrew Loog Oldham und Chris Blackwell. Letzterer buchte die Studios für Millie Small und ihr nachhallbeladenes One-Hit-Wonder My Boy Lollipop (Januar 1964)., MixOnline vom 1. Dezember 1999. Der Song mit dem Ska-Rhythmus verkaufte weltweit mindestens sechs Millionen ExemplareHeather Augustyn, Ska: An Oral History, 2010, S. 139. und war die erfolgreichste Single aus den Studios. Marianne Faithfull nahm unter anderem ihre Hits As Tears Go By (28. Mai 1964; Rang 9) und This Little Bird (9. April 1965; Rang 6) hier auf.
Die ersten Aufnahmen der Graham Bond Organisation fanden am 16. und 19. Dezember 1964 für das Album The Sound of ’65 mit berühmter Besetzung statt: Graham Bond (Orgel/Altsaxophon/Gesang), Jack Bruce (Bass), Ginger Baker (Schlagzeug) und Dick Heckstall-Smith (Tenorsaxophon); produziert von Robert Stigwood, Toningenieur war Keith Grant.Discography, Graham Bond Organisation Es folgten die Alben There’s a Bond Between Us (16. Dezember 1964, 30. Juni und 1. Juli 1964) sowie Teile des Albums Solid Bond (Oktober 1966).
Die Band The Troggs suchte im Februar 1966 die Studios für Wild Thing auf, die Aufnahmesession fand unter der Leitung von Keith Grant mit dem Produzenten Larry Page statt. Die Gruppe orientierte sich an der ursprünglichen Demoaufnahme, so dass auch die von Musikdirektor Colin Frechter gespielte Okarina zu hören war. Die Gitarren sind nicht korrekt auf ein Mittel-C gestimmt, und so erscheinen die Akkorde wie zwischen A und B. Von nur zwei Takes wurde das einheitlich aufgenommene Take 2 als Mastertape verwendet und am 22. April 1966 veröffentlicht.Alan Clayson / Jacqueline Ryan, Rock’s Wild Things – The Troggs Files, London, 2000, S. 57. In derselben Aufnahmesession entstand auch der Nachfolgehit With a Girl Like You, der nach seiner Veröffentlichung im Juni 1966 zum ersten Nummer-eins-Hit für die Olympic-Tonstudios wurde. Dem Jazz zuzurechnen sind das Mike Westbrook Sextet und Mike Osborne Quintet/Mike Surman, die hier acht bisher unveröffentlichte Titel aufnahmen (28. August 1966).
Die, in Europa noch unbekannten, australischen Easybeats nahmen im September 1966 insgesamt vier Titel während einer 8-Stunden-Session in den Olympic Studios unter Studioregie von Shel Talmy auf. Talmy entschied sich für Friday on My Mind mit den markanten verflochtenen Riffs zweier Gitarren, in nur einem Take fertiggestellt. Seine Idee war das kurze Schlagzeugsolo kurz vor Schluss, das den letzten Refrain einleitet. Der am 14. Oktober 1966 veröffentlichte Titel Friday on My Mind entwickelte sich zum Millionenseller, für den sie am 12. Mai 1967 eine Goldene Schallplatte verliehen bekamen.John Tait, Vanda and Young: Inside Australia’s Hit Factory, 2010, S. 87.
Neue Studios Im Jahre 1965 erfuhr Studioinhaber Angus McKenzie von Abrissplänen in der Carton Street, wodurch das Studiogebäude einem Parkhaus weichen musste. Auf der Suche nach einem neuen Standort fand er in Barnes (einem Stadtteil im London Borough of Richmond upon Thames) 1966 ein neues Objekt. In der ehemaligen, am 20. Dezember 1906 eröffneten Byfeld Hall (117 Church Road) war zunächst eine Tanzhalle, danach ein Filmstudio für Fernsehwerbung untergebracht. In der Bauphase erfolgten zahlreiche Umbauten für Studiotechnik durch Keith Grant und Russel Pettinger, es fand sogar ein 70-Personen-Orchester Platz. Grant und Cliff Adams kauften 1966 die Anteile von Angus McKenzie und benannten das Tonstudio in Olympic Studios um. Im Januar 1967 wurden die Studios mit einem Hauptstudio 1, einem zweiten Studio und einer Echokammer im Keller eröffnet, Chefingenieur wurde Richard Swettenham.Clive Green, Silver Shadow, PSN Europe vom 6. Januar 2012. Eine der ersten Aufnahmen in den noch unfertigen Studios machten die Rolling Stones, die dort am 16. November 1966 ihre Hitsingle Ruby Tuesday aufnahmen.Gordon Thompson, Please Please Me. Sixties British Pop, Inside Out, Oxford 2008, S. 301. Es folgten Eric Burdon and the Animals im Dezember 1966 mit When I Was Young; bereits im Januar 1967 kehrten sie für Winds of Change und Poems by the Sea zurück. Das Ben Webster Sextet nahm hier am 27. April 1967 den Jazztitel Moonglow auf.
The Rolling Stones Die Rolling Stones wurden zu regelmäßigen Kunden und buchten die inzwischen renommierten Studios für sechs aufeinanderfolgende Alben zwischen 1966 und 1972. Ihnen gefielen die Studios wegen der technischen Möglichkeiten, die an die RCA-Studios in Los Angeles heranreichten.Stephen Davis, Old Gods Almost Dead, 2001, ohne Seitenangabe Die ersten Aufnahmesessions fanden am 10. Mai 1963 noch in den alten Studios statt (darunter die erste Single Come On / I Want to Be Loved). In einer Zwischenphase nutzten sie dann die Decca-eigenen Tonstudios. Dann kamen sie zwischen dem 8. und 26. November 1966 zu Aufnahmen für die LP Between the Buttons zurück, von der Hits wie Dandelion und Ruby Tuesday / Let’s Spend the Night Together (mit Jack Nitzsche am Klavier) ausgekoppelt wurden; die Abmischung fand am 6. Januar 1967 statt. Die nächste LP Their Satanic Majesties Request (9. Februar bis 23. Oktober 1967) wurde bereits in den neuen Olympic Studios aufgenommen. Es folgten Beggars Banquet (17. März bis 25. Juli 1968; mit Sympathy for the Devil, Juni 1968), Let It Bleed (16./17. November 1968, 10. Februar bis 2. November 1969; mit You Can’t Always Get What You Want, 16./17. November 1968), das Doppelalbum Exile on Main St (Juni 1969 bis März 1972), Get Yer Ya-Ya’s Out! (Januar bis April 1970) oder Teile von Sticky Fingers (22. März 1969 bis Januar 1971). Es folgte Mixed Emotions (9. März bis 29. Juni 1984); noch bis Steel Wheels (Juli 1989) waren die Studios – allerdings gemeinsam mit anderen – in die Sessions der Stones eingebunden.
Weitere Beatbands Inzwischen hatten auch weitere Interpreten hier aufgenommen. Eric Clapton und Jimmy Page spielten im Juni 1965 vier bluesorientierte Stücke ein, und zwar Choker / Draggin’ My Tail / Snake Drive / West Coast Idea; sie wurden am 17. August 1965 nochmals verbessert aufgenommen. Die Who hatten ihre bisherigen Hits in anderen Londoner Studios aufgenommen. Am 12. Februar 1966 standen sie in der Carton Street – den alten Studios -Andy Neill / Matt Kent, Anyway, Anyhow, Anywhere: The Complete Chronicle of the Who 1958-1978, 2011, S. 113. für Substitute vor den Mikrofonen, jedoch nicht von Shel Talmy produziert,Richard Barnes, The Who: Maximum R&B, 1982, S. 42 wovon 200.000 Exemplare verkauft wurden.Andy Neill / Matt Kent, Anyway, Anyhow, Anywhere: The Complete Chronicle of the Who 1958-1978, 2011, S. 116. Erst 1971 kehrten die Who zu den Studios zurück.
Die britische Artrock-Formation Soft Machine nahm am 5. Februar 1967 in den neuen Studios ihre erste Single Love Makes Sweet Music / Feelin’ Reelin’ Squeelin’ auf, ebenso ihr Album Volume 2 (Februar bis März 1969). Bei Del Shannons LP Runaway ’67 wirkten viele Sidemen wie John Paul Jones, Nicky Hopkins oder Jimmy Page mit (23. bis 26. Februar 1967). Die neue Band Procol Harum stand im April 1967 für ihre Bach-Adaption A Whiter Shade of Pale vor den Mikrofonen und vollendete den Song während einer dreistündigen Session in nur zwei Takes ohne Overdubs. Weltweit wurden hiervon mindestens sechs Millionen Singles verkauft.Eric Siblin, The Cello Suites: In Search of a Baroque Masterpiece, 2010, S. 231. Die Jazzsängerin Carmen McRae reiste für ihre LP For Once in my Life (10. bis 12. April 1967) eigens nach London.
Das gleichnamige Debütalbum der Small Faces (Februar 1966) wurde bei IBC und Olympic aufgenommen, die LP From the Beginning? entstand bei Decca, IBC und Olympic (Mai 1967), die dritte LP hieß nochmals Small Faces (veröffentlicht im Juni 1967). Der im Cockney-Dialekt gesungene Hit Lazy Sunday wurde aus dem Album Ogdens’ Nut Gone Flake (November bis Dezember 1967) ausgekoppelt. Die Single Itchycoo Park (3. bis 7. Juli 1967; über Schulschwänzen im Little Ilford Park in London) fiel aufnahmetechnisch durch das Flanging von Toningenieur George Chkiantz auf, der diesen Soundeffekt dem regulären Toningenieur Glyn Johns zeigte. Zur selben Zeit befand sich die neugegründete Gruppe Traffic im Studio, um mit dem amerikanischen Produzenten Jimmy Miller ihr Debütalbum Mr. Fantasy (April bis November 1967) aufzunehmen. Hits hieraus waren Paper Sun und Hole in My Shoe. Im selben Zeitraum weilten auch die Rolling Stones in den Studios für ihr Album Their Satanic Majesties Request.
Die Yardbirds begannen ihre Karriere in den Olympic Studios mit der Single A Certain Girl / I Wish You Would (März 1964) und Crossroads (August 1964), danach wechselten sie häufig die Studios. Es folgte der Yardbirds-Hit Still I’m Sad, sowohl in den IBC-Studios als auch bei Olympic aufgenommen (27. Juli 1965). Erst zu Little Games (5. März 1967) und Ten Little Indians (25. September 1967) kehrten sie in die Studios zurück.