Die Baum-Hasel (Corylus colurna), auch Türkische Hasel, Türkische Haselnuss,Byzantinische Hasel oder BaumhaselDie Baumhasel awg.bayern.de, Bayerisches Amt für WaldgenetikBaumhasel uni-muenster.de genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Hasel (Corylus) innerhalb der Familie Birkengewächse (Betulaceae). Ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht von Südosteuropa und Kleinasien über den Transkaukasus und den Kaukasus bis in den Himalaya. Sie zeichnet sich durch eine außerordentliche Toleranz gegenüber Dürre aus, so dass sie als Baumart im Klimawandel prädestiniert ist. Sie hat ein wertvolles Holz, weswegen sie auf dem Balkan stark dezimiert wurde.
Beschreibung mini|hochkant|Stamm und Borke eines alten Exemplars mini|hochkant|Reifer, bereits vom Baum gefallener, Fruchtstand
Die Baum-Hasel wächst als sommergrüner Baum, normalerweise mit geradem Stamm und pyramidenförmiger Baumkrone, seltener als Strauch. Sie erreicht wild wachsend in Europa eine Wuchshöhe von gut 20 Metern, insgesamt werden Wuchshöhen bis 40 Meter angegeben. Der Stamm erreicht Durchmesser von normalerweise 30 bis 60, in Ausnahmefällen bis 120 Zentimeter. Junge Triebe sind drüsenhaarig. Die Borke ist korkig, längsrissig und grau gefärbt.
Die wechselständig und zweizeilig an den Zweigen angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Sie erreichen 7 bis 18 Zentimeter Länge. Die einfache Blattspreite ist herzförmig, rund, oval, eiförmig oder verkehrteiförmig, manchmal schwach gelappt, der Rand der Blattspreite meist doppelt gesägt, gelegentlich gezähnt, die Spitze (Apex) spitz bis lang zugespitzt. Der Blattstiel erreicht bis 2,5 Zentimeter Länge, er ist normalerweise glatt, gelegentlich schwach drüsenhaarig. Die Blätter sind unterseits behaart, oberseits glatt oder fast glatt. Die Nebenblätter sind lanzettlich und zugespitzt (nicht abgerundet wie bei der Gemeinen Hasel).
Die Hasel-Arten sind einhäusig getrenntgeschlechtig (monözisch). Die männlichen Blütenstände (Kätzchen) stehen an Kurztrieben in vielen traubenartigen Gruppen. Sie sind bei der Baum-Hasel hängend und bis zu 12 Zentimeter lang. Die Baum-Hasel blüht im späten Winter bis zum zeitigen Frühjahr.
Die Früchte, die für die Gattung typischen Nüsse, reifen in aus fünf bis acht (selten von zwei oder bis zehn) Nüssen bestehenden Fruchtständen. Sie stehen gedrängt und sind jeweils von einer vielfach geschlitzten Hülle umgeben, die etwa zwei- bis dreimal so lang wie die Nuss ist. Die Hüllzipfel sind bis fast zum Grund geteilt und lang zugespitzt, sie sind etwas fleischig und sehr dicht drüsig behaart. Die Nüsse sind mit etwa 1 bis 2 Zentimeter Durchmesser im Vergleich zur Gemeinen Hasel (Corylus avellana) deutlich kleiner. Sie sind eiförmig, fast rund bis abgeflacht, manchmal kantig. Sie sind bei der Wildform meist bis zur Reife fest mit der Hülle verwachsen, bei Kultivaren aber abgetrennt und fallen nach der Reife heraus Die Nüsse sind zwar essbar, sind jedoch aus der sehr harten Hülle mit einem herkömmlichen Nussknacker nur mühsam zu gewinnen.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 28.
Vorkommen Die Baum-Hasel kommt von Südosteuropa bis zum nördlichen Iran vor. Sie gedeiht in Europa, im nordwestlichsten Abschnitt ihres Verbreitungsgebiets, in Gesellschaften der Ordnung der wärmegebundenen Flaumeichenwälder (Quercetalia pubescentis-petraeae).
Das nördlichste autochthone Vorkommen befindet sich bei Oravita (Rumänien), nicht weit vom Eisernen Tor der Donau entfernt. Die Art besiedelt in Rumänien nur ein kleines Areal ganz im Westen, südlich der Südkarpaten. Die westlichsten Vorkommen sind in Bosnien-Herzegowina.
Nedyalkov (1978) erwähnt natürliche Vorkommen im Norden des Iran in den Bergen der Hyrkanischen und Turanischen Region. Alexandrov (2014) veröffentlichte eine Verbreitungskarte mit Vorkommen im Iran und Afghanistan. Die Literaturangaben über Vorkommen im Iran sowie in Afghanistan erscheinen allerdings unsicher, weil Forstwissenschaftler des Iran (Sagheb-Talebi) keine aktuellen Vorkommen bestätigen konnten.
mini|hochkant|Am Wildstandort im „montanen Mischwald mit Weißtanne“ im Orjen, Montenegro
Waldgesellschaft Die Baum-Hasel kommt überwiegend einzeln oder truppweise eingemischt in Buchenwäldern (einschließlich Wäldern der Orientbuche) in höheren Lagen und Eichenwäldern in tieferen Lagen vor. In der Türkei ist sie typisch für Orientbuchenwälder der euxinischen Region (südlich des Schwarzen Meeres). In Serbien und Nordmazedonien tritt sie in Schluchtwäldern der Rotbuche auf. In Montenegro kommt sie zusammen mit Tanne und Buche vor.
Sie ist konkurrenzschwach (ähnlich wie die Elsbeere) und hat ihr ökologisches Optimum da, wo andere Baumarten ihr auf trockenen Standorten nicht mehr gefährlich werden können. In rumänischen Karstgebieten bildet sie kleine Reinbestände, wo wegen Wassermangels andere Baumarten wie Rotbuche, Spitzahorn, Esche, Elsbeere, Orienthainbuche, Silberlinde oder Birne nicht mehr gedeihen können.
mini|hochkant|Baum-Hasel als Alleebaum
Standortansprüche Baum-Hasel wächst in Regionen mit kontinentalem Klima, meist in Regionen mit höheren Jahresniederschlägen in wärmebegünstigten Lagen. Sie kommt in Höhen von 100 bis 1400, ausnahmsweise bis 1700 Meter über dem Meeresspiegel vor. Baum-Hasel wird in die Winterhärtezone 5b eingeordnet, ist also auch in Mittel- und Teilen Nordeuropas frosthart, anbaufähig bis zu Wintertemperaturen von -23,4 °C bis -26,0 °C, wobei sie kurzfristige Extreme von -38,2 °C bis +40 °C übersteht. Sie ist sehr resistent gegenüber Sommerdürre, kann aber auch wochenlange Überflutung aushalten. Aufgrund der dicken Borke ist sie nicht sensitiv gegenüber starker Einstrahlung im Stammbereich und erträgt Schäden durch Schneebruch gut. Baum-Hasel gedeiht nur in Regionen mit mindestens 500 Millimeter Jahresniederschlag. Sie wächst optimal auf Böden mit pH zwischen 5,5 und 8, auf basenreichen, aber stickstoffarmen Böden. Für die türkischen Vorkommen im Schwarzmeergebiet wird angegeben: Höhenverbreitung zwischen 700 und 1600 Metern, mittlere Jahrestemperatur von 8,83 °C (Spanne von 6.9 – 11 °C), mittlerer Jahresniederschlag 654 mm (Spanne von 477 – 952 mm).
mini|hochkant|Baum-Hasel wächst auf extrem trockenem, felsigem Standort (Karst; Oravita/Rumänien)
Biotische und abiotische Gefahren Baumhasel sind im Alter sehr dürretolerant und vertragen auch Spätfröste gut, allerdings werden Jungpflanzen dadurch stärker geschädigt. Spätfröste beim Laubaustrieb (in Mitteleuropa Anfang April) sind problematisch. Vor allem in der Jugendphase kommt es auch zu Verbiss durch Wild und durch Nager, was vor allem eine Naturverjüngung verhindern kann. Das Spektrum der biotischen Schädlinge ist ähnlich wie bei den anderen Hasel-Arten. Berichtet wird über Schäden durch den Blattbräunepilz Phyllosticta coryli und Verticillium-Welke durch Verticillium dahliae. An Trieben können als Schwächeparasiten die Pilze Diaporthe decedens und Henderosonia corylaria problematisch sein. In Baumschulen sind Rostmilben der Gattung Aculops schädlich. Weitere Schäden verursachen die Käferarten Grauer Knospenrüssler (Peritelus sphaeroides) und Japankäfer (Popillia japonica).Baumhasel (Corylus colurna L.). Steckbriefe Ergänzende Baumarten, Stand: April 2020. FAWF / RLP Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen. Autoren: Dr. A. Kleber, P. Reiter, H.-P. Ehrhart, Dr. U. Matthes. (PDF)
Wachstum Alter bzw. Altersschätzung In der Literatur findet sich als maximales Alter 200 Jahre (Alexandrov 1995, S. 217) bzw. 200 Jahre (bei Schmidt 2003). In Oravita (Rumänien) wurden Bäume gebohrt und das Alter auf 330 Jahre geschätzt.
Bei Afyon-Derecine (Türkei) steht ein Baum, dessen Alter auf 340 Jahre geschätzt wird, ein weiterer wird auf 620 Jahre geschätzt (Genc 1998). Bei Rogatica (Bosnien) wird ein Baum mit dem BHD 240 cm auf 460 Jahre geschätzt.
Das Problem bei alten Bäumen besteht darin, dass der Baumstamm hohl ist bzw. man mit dem Zuwachsbohrer nur die äußeren 30 cm des Stamms beproben kann. Das Alter muss anhand der außen gebohrten Jahrringe geschätzt werden. Man weiß leider nicht, wie breit die Jahrringe im Inneren des Stamms waren. Alte Bäume können in den letzten Jahrzehnten sehr enge Jahrringe bilden. Wenn man unterstellt, dass sie auch in der Jugend ähnlich enge Jahrringe gebildet haben, wird das Alter ganz erheblich überschätzt. Die Wurzel wird als Pfahlwurzel ausgebildet, die bis zu 4 Meter tief wächst. Die Krone ist in der Jugend oft pyramidenförmig oder spitz ausgeformt, im Alter generell breiter und gerundet. mini|hochkant|Ausgesprochen geradschaftige Stämme, 11-jährig, Verband 3x1m (Versuchsfläche Glaswein / Waldviertel Österreich)
Die natürliche Astreinigung ist sehr gut. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Bismarckwald bei Würzburg, wo Stämme mit 15 m astfreiem Stamm zu sehen sind. Die Baum-Hasel ist somit kein Totasterhalter wie die Kirsche.
mini|hochkant|Wipfelschäftiger Straßenbaum (Dorheim/Hessen)
Der Anteil der geraden Stämme ist bei Baum-Haseln ausgesprochen hoch. Ein besonderes Charakteristikum der Baum-Hasel ist der ausgeprägt wipfelschäftige Wuchs, ähnlich wie bei Pappel oder Erle. Die Stämme wachsen meist bis in den Wipfel ohne Zwieselbildung. Daher müssen nicht so viele Pflanzen bei der Kultur gepflanzt werden wie z. B. bei Buche oder Eiche.
mini|hochkant|Zahlreiche Stockausschläge an einem Altbaum in Oravita, Rumänien
Bei Wurzelbrut schlagen Schösslinge in größerem Abstand vom Stamm aus der Wurzel aus. Dies ist bei Baum-Haseln bislang nicht bekannt geworden. Stockausschlag ist in dem urwaldartigen Bestand bei Oravita (Rumänien) an zahlreichen Bäumen (direkt am Stamm des Altbaums) zu sehen. Bei jungen Bäumen sind es manchmal zahlreiche wenige Zentimeter dicke Stockausschläge, an Altbäumen wachsen teilweise sehr starke Stockausschläge. Stirbt ein junges Bäumchen ab, werden Johannistriebe ausgebildet.
Wuchseigenschaften Baumhaseln erreichen ein Alter von ca. 400 Jahren, eine Höhe von über 30 Metern und einen Brusthöhendurchmesser über 170 Zentimeter. In süddeutschen Versuchspflanzungen wurde ein jährlicher Zuwachs von durchschnittlich 75 bis 87 Zentimeter erreicht. Im Alter von 16 Jahren waren die Bäume 14 Meter hoch. Auf mesotrophen oder trockenen Standorten kann man davon ausgehen, dass die Baum-Hasel im Höhenwuchs mit den ansonsten sehr schnellwüchsigen Bergahornen und Vogelkirschen mithalten kann.
Bestandesvorrat In Oravita (Rumänien) ermittelte Neumann (2015) im Naturwald auf 6 Probekreisen Grundflächen von 34–38 m² und Vorräte von maximal 214 Vfm/ha Baum-Hasel, wobei der Gesamtvorrat des Probekreises bei 406 Vfm/ha lag; die anderen beteiligten Baumarten waren Silberlinde, Hainbuche und Esche.
Anbau in Mitteleuropa Laut einem Bericht von Clusius soll Valerius Cordus im Jahr 1582 die Baum-Hasel in Mitteleuropa aus Saatgut verbreitet haben, das er von Baron David Ungnad von Weissenwolff (1535–1600), kaiserlicher Gesandter an der Hohen Pforte in Konstantinopel, erhalten habe. Ein Baum in Frankfurt am Main soll bereits 1657 so hoch gewesen sein, dass der spätere Kaiser Leopold I. in seinem Schatten gespeist hätte.nach Alfred Erlbeck: Zur Kulturgeschichte der Hasel- und Walnuß. In: Die Gartenwelt. Band 25, Nr. 39, 1921, S. 389–391.