Ummidia Quadratilla (* um 28; † 107 wahrscheinlich in Rom) war Angehörige der gens Ummidia, eines römischen Adelsgeschlechtes aus Casinum, das im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. einige Senatoren und Konsuln stellte. Sie selbst ist vor allem für ihre private Theatergruppe in Rom bekannt, durch deren öffentliche Auftritte sie große Beliebtheit bei der Bevölkerung erlangte. Daneben engagierte sie sich in der Heimatstadt ihrer Familie, wo sie mit einem Tempel, einem Amphitheater sowie der Restauration eines Theaters mehrere umfangreiche Bauvorhaben finanzierte und möglicherweise ihr Mausoleum errichten ließ. Früh verwitwet, übernahm sie die Erziehung ihres Enkels Gaius Ummidius Quadratus; die weiteren Details ihres Stammbaumes sind aber noch sehr unklar.
In einem Brief Plinius’ des Jüngeren erscheint Ummidia Quadratilla als resolute Witwe und MatriarchinZum Begriff „Matriarchin“ Jacqueline M. Carlon: Pliny’s Women. Constructing Virtue and Creating Identity in the Roman World. Cambridge University Press, Cambridge 2009, S. 187. und wird mit dem nahezu majestätischenEmily Hemelrijk: Female Munificence in the Cities of the Latin West. In: Dies., Greg Woolf (Hrsg.): Women and the Roman City in the Latin West. Brill, Leiden/Boston 2013, S. 80 f. (Online). Titel „princeps femina“ bedacht. Gleichzeitig übt der Autor jedoch einige Kritik, besonders an ihrem mondänen Lebensstil und ihren nicht standesgemäßen Interessen. Insgesamt zeichnete sich Ummidia durch enormen Reichtum und „gesellschaftliche Prominenz“ aus;„wealth and social prominence“, so Emily A. Hemelrijk: Matrona docta. Educated women in the Roman élite from Cornelia to Julia Domna. Routledge, London/New York 2004, ISBN 0-203-47944-0, S. 307, Anm. 131. Mauriz Schuster nennt sie in der Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft ein „Weib von Eigenart und überdurchschnittlicher Bedeutung“.
Bericht Plinius’ des Jüngeren
Plinius der Jüngere beschreibt Ummidia Quadratilla in einer seiner Epistulae (Briefe) (Buch VII, Brief 24Plinius der Jüngere, Briefe 7,24 (lateinisches Original, englische Übersetzung). Sofern nicht anders angegeben, beziehen sich alle weiteren Nennungen von Plinius ebenfalls auf diesen Brief.), die anlässlich ihres Todes geschrieben wurde. Plinius selbst war ein Freund ihres Enkels Gaius Ummidius Quadratus (Suffektkonsul 118) und stellt diesen stets außerordentlich positiv dar. Der Text zu Ummidia Quadratilla wurde zusammen mit dem siebten Buch der Epistulae von Theodor Mommsen auf das Jahr 107 datiert.Theodor Mommsen: Zur Lebensgeschichte des jüngeren Plinius. In: Hermes. Zeitschrift für classische Philologie. Band 3, 1869, S. 31–139, hier S. 50 f. Der Empfänger ist Rosianus Geminus, an den Plinius insgesamt sechs Briefe geschrieben hat und der hier nur mit Geminus angeredet wird.Anthony R. Birley: Rosianus Geminus. In: Onomasticon to the younger Pliny. K. G. Saur, München/Leipzig 2000, S. 85, vgl. auch ebd. S. 18. In den Handschriften finden sich (wohl durch Abschreibefehler) neben Ummidia noch die Namensvarianten Valmidia, Ommidia, Commidia, Numidia und Vimidia.
Der Brief beginnt mit einer unüblich sachlichen Einleitung über Ummidias Tod: Die ersten Worte (abgesehen vom Gruß an Rosianus) sind ihr vollständiger Name in Nominalform, sodass diese Passage in ihrem Stil an eine öffentliche Inschrift erinnert („Ummidia Quadratilla ist im Alter von fast 80 Jahren gestorben […]“Plinius der Jüngere: Briefe. Übersetzt von Helmut Kasten. Sammlung Tusculum, 5. Auflage, Artemis Verlag, München/Zürich 1984. S. 411 ff.).Emily Hemelrijk: Female Munificence in the Cities of the Latin West. In: Dies., Greg Woolf (Hrsg.): Women and the Roman City in the Latin West. Brill, Leiden/Boston 2013, S. 65 (Online). Im weiteren Verlauf zeichnet Plinius jedoch ein lebhaftes Bild Ummidias als kulturbeflissene, rüstige und für ihr Alter erstaunlich aktive Frau, die eine große Vorliebe für ihre Theatergruppe an den Tag gelegt und einen mondänen Lebensstil gepflegt habe. Der Brief ist die einzige Stelle in Plinius’ Werk, in der auf die Physis einer Frau genauer eingegangen wird. Auch die Vorstellung einer Frau, die ein eigenständiges (und laut Plinius gerechtes) Testament in einer sehr von Männern dominierten Welt durchsetzen kann, ist untypisch.Jacqueline M. Carlon: Pliny’s Women. Constructing Virtue and Creating Identity in the Roman World. Cambridge University Press, Cambridge 2009, S. 205 f.
Obwohl er Ummidia also sehr wohlwollend beurteilt, lässt Plinius auch feinfühlig Kritik durchscheinen, besonders an ihrer übermäßigen und als nicht standesgemäß empfundenen Vorliebe für die Schauspieler und das Glücksspiel. Adrian N. Sherwin-White sieht in diesem im Brief beschriebenen Lebensstil der alten Dame ein Relikt der julisch-claudischen Epoche, das im Gegensatz zur zunehmenden Sittenstrenge der Oberschicht ab der flavischen Zeit als anstößig empfunden worden sei.Adrian N. Sherwin-White: The letters of Pliny. A historical and social commentary. Reprint, Oxford University Press, Oxford 1998, S. 431. Plinius geht also durchaus auf die Schwächen Ummidias ein, betreibt aber durch seine Darstellungsweise gleichzeitig eine gezielte Leserlenkung, sodass auch diese Charaktereigenschaften als Stärken erscheinen – diese geschickte positive Darstellung an sich als negativ angesehener Eigenschaften ist in seinem Werk einzigartig.Jacqueline M. Carlon: Pliny’s Women. Constructing Virtue and Creating Identity in the Roman World. Cambridge University Press, Cambridge 2009, S. 186 und S. 204. Für Plinius war die Darstellung der Rechtschaffenheit Ummidias und besonders ihres Enkels Gaius sicher auch von persönlicher Bedeutung, da er dessen Lehrer war.
Gerade Gaius und sein Verhältnis zu Ummidia behandelt er recht ausführlich. Obwohl der Enkel von seiner lebensfrohen Großmutter streng erzogen worden sei, habe er sich folgsam und brav verhalten und sei ihren moralisch zweifelhaften Beschäftigungen ferngeblieben. Sie wiederum habe Plinius selbst als seinen Lehrer engagiert. Als Grund für den Brief wird angegeben, dass der Empfänger, Rosianus Geminus, stets an Neuigkeiten sowie geschehenen Begebenheiten interessiert sei und die Briefform für den Autor selbst eine Gelegenheit darstelle, das Geschehene noch einmal zu reflektieren. Es wird außerdem vermutet, dass dieser gleichzeitig Ummidia seinem Protegé Geminus in pädagogischer Absicht als vorbildhafte Persönlichkeit vorstellen wollte.Jacqueline M. Carlon: Pliny’s Women. Constructing Virtue and Creating Identity in the Roman World. Cambridge University Press, Cambridge 2009, S. 205.
Leben und Familie Abstammung und Biographie Das Geburtsjahr der Ummidia Quadratilla (etwas vor 30 n. Chr.) lässt sich aus der (107 niedergeschriebenen, siehe oben) Information Plinius’ des Jüngeren erschließen, sie sei mit fast 80 Jahren gestorben. Ummidias Vater war Gaius Ummidius Durmius Quadratus, der um 40 n. Chr. Suffektkonsul und im sechsten Jahrzehnt n. Chr. Statthalter der Provinz Syria war. Gelegentlich wird er auch als ihr Bruder bezeichnet; allerdings wurde er 12 v. Chr., also etwa 42 Jahre vor seiner angeblichen Schwester, geboren. In Inschriften wird Ummidia zudem als C. f., also Caī filia („Tochter des Gaius“), bezeichnet. Als Mutter der Ummidia Quadratilla wird eine sonst nicht bekannte Sallustia angenommen, weil ein mutmaßlicher Bruder Ummidias auf einer Inschrift vom Augustusforum () „C. Ummidius Sall[ustius]“ genannt wird.Jo-Ann Shelton: The Women of Pliny’s Letters. Routledge, Abingdon (Oxfordshire) 2013, S. XIV. Die Familie Ummidias stammte aus Casinum, dem heutigen Cassino, das deshalb oft als ihre Heimatstadt angegeben wird; ob sie jedoch dort oder in Rom geboren wurde, ist nicht bekannt.
Eine Inschrift, die im Theater von Casinum gefunden wurde, nennt eine Ummidia Quadratilla Asconia Secunda, die dort als „Tochter des Gaius“ bezeichnet wird.EAOR-04, 00047 (bisher nicht im CIL oder der AE veröffentlicht). Beschrieben in Amedeo Maiuri: Cassino. Inscrizione monumentale presso l’Anfiteatro. In: Notizie degli scavi di antichità. 1929, S. 29 f. Dabei könnte es sich um die gleiche Person wie in den Briefen des Plinius handeln, aber auch um eine sonst nicht bekannte (Halb-)Schwester oder gar ein Mitglied eines anderen Familienzweiges.
Auf die Biographie der Ummidia Quadratilla lassen sich aus den Quellen nur wenige Rückschlüsse ziehen. Dass sie persönlich die Unterhaltung der Gäste bei Abendgesellschaften übernahm, deutet darauf hin, dass sie gegen Ende ihres Lebens verwitwet oder geschieden war, da sich verheiratete Frauen im Alten Rom meist nicht aktiv an Veranstaltungen in ihrem Haus beteiligen oder diese sogar ausrichten konnten.Emily A. Hemelrijk: Matrona docta. Educated women in the Roman élite from Cornelia to Julia Domna. Routledge, London/New York 2004, ISBN 0-203-47944-0, S. 43. Auf S. 224, Anm. 15 bezeichnet Hemelrijk Ummidia direkt als Witwe. Aus dem Fund einer Inschrift, die Ummidias Namen trägt (), wurde geschlossen, dass sich ihr Palast in der 12. Region im Osten des Aventins befand.Ludwig Friedländer: Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit von August bis zum Ausgang der Antonine. 9. Auflage, Hirzel, Leipzig 1920, Band 3, S. 27 (online). Plinius der Jüngere spricht von einer „letzten Krankheit“, die als Todesursache in Betracht kommt, da sie Ummidia erheblich geschwächt haben soll.
Testament und Nachkommen Überliefert ist der Inhalt des Testaments der Ummidia Quadratilla, in dem sie ein Drittel ihres Vermögens ihrer Enkelin und zwei Drittel ihrem Enkel Gaius vermachte. Die Erbschaft umfasste unter anderem die luxuriöse Villa auf dem Aventin, in der Plinius zufolge ehemals der Jurist Gaius Cassius Longinus gewohnt und die Ummidia um 80 n. Chr. erworben oder geerbt hatte.Detlef Liebs: Rechtsschulen und Rechtsunterricht im Prinzipat. In: Hildegard Temporini (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung. 2. Reihe (Principat), Band 15. De Gruyter, Berlin/New York 1976, ISBN 3-11-006736-6, S. 197–286, hier: S. 239. Nun fiel sie dem Enkel zu, der das Gebäude in der darauffolgenden Zeit bewohnte. Plinius lobt diese als weise und ehrenvoll empfundene testamentarische Aufteilung ihres Besitzes und freut sich für seinen Freund, den Enkel und Haupterben Gaius.
Es ist nicht bekannt, wie viele Kinder Ummidia Quadratilla hatte und ob ihre beiden bekannten Enkelkinder dieselben Eltern hatten. Dass es sich bei diesen aber tatsächlich um ihre direkten Nachfahren und nicht beispielsweise um ihre Großneffen handelt, lässt sich daraus ersehen, dass Plinius das hier benutzte lateinische „nepos“ in seinen Texten immer in seiner engsten Bedeutung „Enkel“ verwendet. Laut Plinius war Ummidia für die Erziehung des Gaius verantwortlich, möglicherweise wohnten die beiden Enkelkinder sogar bis zu ihrem Tod bei ihr. Es ist also zu vermuten, dass zumindest ihre Väter bereits früh verstorben waren.Suzanne Dixon: The Roman Family. The Johns Hopkins University Press, Baltimore/London 1992, ISBN 0-8018-4199-2, S. 231, Anm. 32. Zum Zeitpunkt von Ummidias Tod war wohl keiner aus der Generation ihrer Kinder noch am Leben, da derjenige sonst bei der testamentarischen Aufteilung berücksichtigt worden wäre.
Versuch einer Rekonstruktion des Stammbaumes