Die Unterkonsumtionstheorie ist in der Volkswirtschaftslehre eine Theorie von John Atkinson Hobson, nach der die Entstehung von Wirtschaftskrisen (Unterkonsumtionskrise) aus einer unzureichenden Nachfrage nach Konsumgütern zu erklären ist und durch Stärkung der Massenkaufkraft durch Lohnerhöhungen bekämpft werden kann. Gegensatz ist die Überproduktionstheorie.

Allgemeines Insbesondere ist es gemäß dieser Theorie die zurückbleibende zahlungsfähige Nachfrage der Arbeiterklasse, die zu einer Krise führt. Ein zu großer Anteil der Einkommen wird dem Sparen zugeführt („Übersparen“), wodurch ein Ungleichgewicht zwischen Produktion und Absatz entsteht.Verlag Dr. Th. Gabler (Hrsg.): Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band 6, 1984, Sp. 1783 f. Als klassische Vertreter der Unterkonsumtionstheorie gelten Robert Malthus – Unterkonsumtion der unproduktiven Klasse – und Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi – Unterkonsumtion der Arbeiterklasse.Alfred Müller: Die Marxsche Konjunkturtheorie – Eine überakkumulationstheoretische Interpretation, PapyRoss/Köln, 2009 (Dissertation 1983), S. 9. Die Unterkonsumtionstheorie ist Grundlage für Hobsons Imperialismuskritik, nach der die englische imperialistische Expansion Ende des 19. Jahrhunderts durch eine allgemeine Lohnerhöhung und ansteigenden Binnenkonsum hätte vermieden werden können.

Unterkonsumtion wegen mangelnder Kaufkraft hat meist strukturelle Ursachen und bedeutet, dass zumindest eine relative Überproduktion bei gleichzeitiger Armut eines erheblichen Teils der Bevölkerung vorliegt. Die Produkte, die verkauft werden könnten, sind potenziell vorhanden und werden benötigt, aber die Kaufkraft reicht nicht aus, diese tatsächlich zu kaufen.

Bereits vor Hobson wurde eine ähnliche Theorie entwickelt von Johann Karl Rodbertus. Außerdem spielt bis heute die Unterkonsumtionstheorie eine Rolle etwa in der Diskussion um den Keynesianismus. Sie liegt der Kaufkrafttheorie zugrunde oder begründet höhere Staatsausgaben, um der Unterkonsumtion zu begegnen.

Als Theorie ist sie auch innerhalb des Marxismus aus dem Grunde umstritten, dass sie eine Lösung in Form von „produktivitätsorientierter Lohnpolitik“ hat im Gegensatz zum Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, das keine nachhaltige Krisenlösung sieht.

Systematische Überlegung

Der Philosoph Karl Popper gibt in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Band 2) eine systematische Zusammenstellung, wie eine Gesellschaft auf eine Steigerung der Arbeitsproduktivität reagieren kann.

Die zur Verfügung stehende höhere Produktivkraft kann genutzt werden für:

Fall A: Investitionsgüter. Dann wird investiert, um mehr Investitionsgüter herzustellen, welche die Produktivität noch mehr steigern. Das Problem wird in die Zukunft verschoben. Popper hält dies daher für keine Dauerlösung. Fall B: Konsumgüter für die gesamte Bevölkerung für einen Teil der Bevölkerung Fall C: Arbeitszeit-Verkürzung tägliche Arbeitszeit die Anzahl der „unproduktiven“ Arbeiter, Popper meint diejenigen außerhalb des produzierenden Gewerbes, steigt, insbesondere Wissenschaftler, Ärzte, Künstler, Geschäftsleute usw.

Popper zieht hier jetzt eine Linie. Bisher handelte es sich um für die Bevölkerung erfreuliche Wirkungen einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Es sind jedoch auch unerfreuliche Wirkungen denkbar.

die Anzahl der Arbeitslosen steigt. Fall D: Die Anzahl der Güter, die produziert, aber weder konsumiert noch investiert werden, steigt Konsumgüter werden zerstört Kapitalgüter werden nicht genutzt, d. h. Betriebe liegen brach es werden Güter, die weder Investitions- noch Konsumgüter sind, produziert, z. B. Waffen (siehe auch Rüstungskeynesianismus, Permanente Rüstungswirtschaft) Arbeit wird eingesetzt, um Kapitalgüter zu zerstören und so die Produktivität wieder zu senken.

Im Lichte der Wachstumstheorie kann die Problematik anhand von Zahlenbeispielen dargestellt werden.

Zahlenbeispiele

Fall kein technischer Fortschritt

Gäbe es keinen technischen Fortschritt und keine natürlichen Grenzen des Wachstums, dann könnte die Wirtschaft andauernd wachsen und es ergäbe sich auch keine Überproduktions- oder Unterkonsumtionsproblematik, wenn man annimmt, dass der Lohn der Arbeiter und die Produktivität stabil bleibt und der Ausgangspunkt ausgeglichen ist, sowie keine gesellschaftlichen Konflikte auftreten. Der Anteil der Konsumgüter an der Gesamtproduktion bliebe dann konstant. Im Folgenden wird ein Zahlenbeispiel gegeben etwa gemäß den Berechnungen von Harrod und Domar, wie eine Wirtschaft wachsen kann.

A Anzahl der Arbeitskräfte C Anzahl der Konsumgüter C/A Reallohn: Konsumgüter je Arbeiter K Kapitalstock K/A Kapitalintensität Y Produktion Y/A Arbeitsproduktivität je Kopf K/Y Kapitalkoeffizient

Die Produktion einer Periode Y dient dazu, um in der nächsten Periode die Arbeiter mit Konsumgütern (C) und mit Produktionsmitteln (K) zu versorgen. C und K addieren sich somit zu Y jeweils der Vorperiode (in der Tabelle wegen Rundung nicht immer genau gegeben). So wiederholt sich auf immer größerer Stufenleiter die Produktion von Periode zu Periode. Die Aufteilung der Produktion auf K und C bzw. A richtet sich nach der als technisch gegeben angenommenen Kapitalintensität K/A. Außerdem muss der Reallohn C/A, der ebenfalls als gegeben angenommen ist, der für den einzelnen Arbeiter zu zahlen ist, berücksichtigt werden.

Im folgenden Zahlenbeispiel sind außerdem die Anfangswerte der Periode 1 exogen angenommen, soweit sie sich nicht aus den anderen Anfangswerten errechnen. Für einige Größen gibt es exogene Annahmen, wie sie sich verändern. Diese Größen sind in der zweiten Tabelle blau gekennzeichnet. Die Kapitalintensität K/A bleibt als technische Größe unverändert und damit wird auch keine Veränderung der Arbeitsproduktivität Y/A ausgelöst. Außerdem wird der Reallohn C/A konstant gehalten. Die restlichen Größen errechnen sich dann unter der Annahme, dass die Produktion voll für die nächste Periode verwendet wird in der Form von Lohn C und Kapital K.

Absolutwerte:

Periode tA C C/A C(t)/Y(t-1) K K/A Y Y/A K/Y-- € € -€ € € € -1100,0 262,8 2,63 - 100,0 1,00 400,0 4,000 0,252110,3 289,7 2,63 72,4 % 110,3 1,00 441,0 4,000 0,253121,6 319,5 2,63 72,4 % 121,6 1,00 486,2 4,000 0,254134,0 352,2 2,63 72,4 % 134,0 1,00 536,1 4,000 0,255147,8 388,3 2,63 72,4 % 147,8 1,00 591,1 4,000 0,256162,9 428,1 2,63 72,4 % 162,9 1,00 651,7 4,000 0,25

W(…) Wachstumsrate in %

Wachstumsraten:

Periode tW(A) W(C) W(C/A)   W(K) W(K/A) W(Y) W(Y/A) W(K/Y)1- - - - - - - -210 % 10 % 0 %  10 % 0 % 10 % 0 % 0 %310 % 10 % 0 %  10 % 0 % 10 % 0 % 0 %410 % 10 % 0 %  10 % 0 % 10 % 0 % 0 %510 % 10 % 0 %  10 % 0 % 10 % 0 % 0 %610 % 10 % 0 %  10 % 0 % 10 % 0 % 0 %

In diesem Zahlenbeispiel kann die Wirtschaft mit 10 % wachsen.

Damit zwischen der Produktionsmenge Y und dem Kapitalstock K ein technisches Verhältnis besteht, v = K/Y, der Kapitalkoeffizient oder 1/v = Y/K, die Kapitalproduktivität, muss die Produktionsmenge Y und der Kapitalstock K mit derselben Rate wachsen. Der Kapitalstock vermehrt sich nun um die Investitionen. Je größer also die Wachstumsrate sein soll, desto mehr muss investiert werden, ein desto größerer Teil der Produktion muss also gespart und investiert werden und darf nicht konsumiert werden.

Da üblicherweise angenommen wird, dass die Arbeiter in erster Linie konsumieren, während die Unternehmer mit ihren höheren Einkommen in erster Linie sparen und damit die Finanzierung für Investitionen bereitstellen, ergibt sich als wachstumspolitische Maßnahme, dass der Konsum umso geringer sein muss, je höher das Wachstum sein soll, oder anders ausgedrückt, die Gewinne sollen möglichst hoch sein. Während also diese Lehre davon ausgeht, dass Wirtschaftswachstum etwa zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit durch einen geringeren Konsumanteil am Produkt erreicht wird, behauptet die Unterkonsumtionstheorie oder die Überproduktionstheorie im Gegensatz dazu, dass mangelnder Konsum zu Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit führt.

Fall technischer Fortschritt

Bei technischem Fortschritt kann eine Unterkonsumtion auftreten, wenn die Löhne nicht so steigen wie die Arbeitsproduktivität. Die Nachfrage der Arbeiter bleibt dann hinter der Produktion zurück. Die Streitfrage ist, ob dies durch vermehrte Nachfrage der Unternehmen ausgeglichen werden kann, einmal durch mehr Konsum der Unternehmer oder durch mehr Nachfrage nach Investitionsgütern. Üblicherweise wird die höhere Konsumnachfrage der Unternehmer ausgeschlossen, weil deren Konsumbedürfnis nicht beliebig steigerbar ist.

Im folgenden Beispiel wird der technische Fortschritt so dargestellt, dass jetzt jeder Arbeiter von Jahr zu Jahr immer mehr Produktionsmittel verwendet, dass also die Kapitalintensität K/A steigt, Durch den größeren Kapitaleinsatz je Arbeiter wird auch eine größere Arbeitsproduktivität erreicht. In dem Zahlenbeispiel wird angenommen, dass von Jahr zu Jahr die Kapitalintensität K/A um 50 % gesteigert wird und dass dadurch eine jährliche Steigerung der Arbeitsproduktivität Y/A von ebenfalls 50 % erzielt wird. Wieder gilt wegen der technisch gegebenen Beziehung K/Y = v, dass Kapitalstock und Produktion mit derselben Rate wachsen müssen.

Gleichzeitig werden jetzt aber mit der Rate des technischen Fortschritts Arbeitsplätze rationalisiert. Muss also das Wirtschaftswachstum so groß sein, dass ein bestimmtes demografisch gegebenes Wachstum des Arbeitsangebotes von der Wirtschaft aufgenommen werden kann, dann führt der technische Fortschritt mit seinem Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen dazu, dass zum Ausgleich die Wirtschaft noch rascher wachsen muss, dass also ein noch größerer Teil der Produktion gespart und investiert werden muss.

Produktivitätsorientierte Lohnpolitik

Nimmt man eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik an, dass also die Löhne genau so steigen wie die Arbeitsproduktivität, dann stellt sich das Unterkonsumtionsproblem zunächst mal nicht. Vielmehr könnte wegen des technischen Fortschritts selbst, durch den Arbeitsplätze eingespart werden, die Beschäftigung schrumpfen.

Schrumpfende Beschäftigung

Wieder wird wie im letzten Zahlenbeispiel die Produktion dazu verwendet, in der nächsten Periode möglichst viel Arbeit und Kapital (Produktionsmittel) einzusetzen, wobei beachtet werden muss, dass die Kapitalintensität K/A steigt und dass die Reallöhne C/A steigen. Dies führt unter diesen Zahlenannahmen dazu, dass jetzt von Periode zu Periode die Beschäftigung schrumpft. Der steigende Bedarf an Produktionsmitteln je Arbeiter, die steigende Kapitalintensität K/A, führt dazu, dass von Periode zu Periode immer weniger beschäftigt werden können (oder müssen).

Absolutwerte:

Periode tA C C/A C(t)/Y(t-1) K K/A Y Y/A K/Y-- € € -€ € € € -1100,0 262,8 2,63 - 100,0 1,00 400,0 4,000 0,25273,5 289,7 3,94 72,4 % 110,3 1,500 441,0 6,000 0,25354,0 319,5 5,91 72,4 % 121,6 2,250 486,2 9,000 0,25439,6 352,2 8,87 72,4 % 134,0 3,375 536,1 13,500 0,25529,1 388,3 13,30 72,4 % 147,8 5,063 591,1 20,250 0,25621,4 428,1 19,96 72,4 % 162,9 7,594 651,7 30,375 0,25

Wachstumsrate:

Periode tW(A) W(C) W(C/A)   W(K) W(K/A) W(Y) W(Y/A) W(K/Y)1- - - - - - - -2−27 % 10 % 50 %  10 % 50 % 10 % 50 % 0 %3−27 % 10 % 50 %  10 % 50 % 10 % 50 % 0 %4−27 % 10 % 50 %  10 % 50 % 10 % 50 % 0 %5−27 % 10 % 50 %  10 % 50 % 10 % 50 % 0 %6−27 % 10 % 50 %  10 % 50 % 10 % 50 % 0 % Bei produktivitätsorientierter Lohnpolitik bleibt das Verhältnis Konsumgüterproduktion C zur gesamten Güterproduktion Y stabil (Konsumquote). Soll die Beschäftigung trotz des arbeitssparenden technischen Fortschritts wachsen, muss zunächst ein Konsumverzicht stattfinden.

Wachsende Beschäftigung

Soll die Beschäftigung nicht schrumpfen, sondern wachsen, dann müssen sich die Arbeiter mit einem geringeren Teil der Produktion als Lohn (Konsumgüter) zufriedengeben. Allerdings kann anschließend der Lohn wieder der Arbeitsproduktivität folgen.