Der grosse Basar: Gespräche mit Michel Lévy, Jean-Marc Salmon, Maren Sell ist ein von Michel Lévy, Jean-Marc Salmon und Maren Sell 1975 veröffentlichtes Buch auf Basis von Interviews mit Daniel Cohn-Bendit über sein Leben von 1968 bis 1975. Die Originalausgabe erschien bei Pierre Belfond unter dem Titel Le grand bazar. Das Werk wurde u. a. von Thomas Hartmann aus dem Französischen übersetzt und erschien 1975 in deutscher Übersetzung im Trikont-Verlag. Weitere Übersetzungen erfolgten ins Englische (1975), Spanische (1976), Türkische (1987) und Portugiesische (1988). Inhaltlicher Schwerpunkt des Buches sind die politischen Ereignisse vom Mai 1968 und die Rolle Cohn-Bendits hierbei. Im Vorwort wurde das Buch als „ein buntes Warenhaus des Linksradikalismus“ angekündigt.
Im Jahr 2001, und damit 26 Jahre nach Erscheinen des Buches, wurden Textpassagen zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern erstmals zum Thema einer Kontroverse um Cohn-Bendit. 2013 wurden diese Zitate dann erneut aufgegriffen, unter anderem im Rahmen der Pädophilie-Debatte um die Partei Bündnis 90/Die Grünen.Meike Fries: Grüne Hilfe für Päderasten, in: Die Zeit, Nr. 5, 16. Mai 2013.Kate Connolly: Green party in Germany to investigate backing for paedophiles in 80s. In: The Guardian, 14. Mai 2013.Pedophilia accusations haunt Green politician, Deutsche Welle, 4. Mai 2013.Christian Füller: Cohn-Bendits pädophile Äußerungen. Danys Phantasien und Träume. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29. April 2013.
Inhalt Like a rolling-stone Daniel Cohn-Bendit spricht über die Aversion der politischen Linken, sich mit Individuen auseinanderzusetzen. Die kapitalistische Gesellschaft habe ihm seine Identitätsfindung erschwert. Er geht auf seine jüdische Herkunft ein und erwähnt die linke Prägung über das elterliche Umfeld. Cohn-Bendit fühlt sich weder ausschließlich als Deutscher noch als Franzose. Der Sechstagekrieg (1967) habe in ihm eine Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität ausgelöst; die Ziele der israelischen Linken hätten ihm dabei anfangs am nächsten gestanden. Außerdem stellt er das Erlernen von Fremdsprachen als Möglichkeit heraus, nationale Grenzen zu überwinden. Er habe sich mehrmals in Israel aufgehalten und 1969 aufgrund der politischen Ereignisse mit seinem Glauben an den Zionismus gebrochen und sich zum Pazifismus bekannt. Den weiteren Teil des Kapitels widmet er seiner Reise durch Israel, seinen menschlichen Begegnungen (auch mit Vertretern der Matzpen) und seiner politischen Einschätzung zum Jom-Kippur-Krieg (1973).
Es war einmal In diesem Kapitel geht Cohn-Bendit auf das damalige Verhältnis von anarchistischen bzw. anderen linken Gruppierungen und dem größten französischen Studentenverband UNEF ein. Cohn-Bendits Gruppe führte 1967/68 noch ein Außenseiterdasein. Die soziologischen Vorlesungen dienten zur provokativen Diskussion. Er beschreibt dann im Detail und über mehrere Seiten die Anfänge der Bewegung in Nanterre und die Ausweitung auf Paris im Mai 1968. Kurzzeitig wurde er (der Studentenführer) verhaftet; ein Pariser Polizist beschimpfte ihn antisemitisch.Sabine Stamer: Cohn-Bendit. Die Biografie. Europa Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-203-82075-7, S. 74.Anne Siemens: Durch die Institutionen oder in den Terrorismus: Die Wege von Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Hans-Joachim Klein und Johannes Weinrich. Bischoff, Frankfurt am Main 2006, S. 150. (= Dissertation, Universität München, 2005)
Jet Set Daniel Cohn-Bendit lässt sich von der Presse – wie ein Star – interviewen. Seine Äußerungen in Amsterdam über die französische Trikolore und die Rote Fahne führen zur Ausweisung aus Frankreich. Er besucht im Februar 1968 den Internationalen Vietnamkongress in Berlin und kooperiert mit dem SDS in Deutschland.
Johnny Weissmüller In diesem Kapitel redet er über ein Western-Filmprojekt mit dem Regisseur Jean-Luc Godard, das jedoch in der geplanten Form nicht realisiert wurde. Er nimmt Bezug auf die Bürgerrechtsbewegung der USA, die Russische Revolution und die Indianer Nordamerikas. Cohn-Bendit erkennt die Bedeutung des Mediums Film für seine Bewegung und spricht über die Grenzen in Bezug auf die herrschenden Machtstrukturen. Neben dem Kino schildert er auch sein Interesse am Fußball als weltanschaulich integrierendem Medium. So sei man sich trotz unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Positionen in der Kurve einig gewesen, dass die Eintrittspreise zu teuer seien.
Die Reise jenseits des Kommunismus Cohn-Bendit legt seine antikapitalistische, antiautoritäre und antikommunistische Grundüberzeugung dar. Bestärkt sieht er sich durch die Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands (1956). Er analysiert die Oktoberrevolution von 1917 in Russland und nimmt kritisch zur Rolle der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) sowie zu den politischen Zielen der DDR Stellung. Als Nächstes befasst er sich mit der Parti communiste français (PCF) und anderen kommunistischen Parteien in Europa.
Little Big Men In diesem Kapitel beschreibt Cohn-Bendit seine rund zweijährige Tätigkeit als Kindergärtner. Er habe diese Stelle angetreten, da seiner Meinung nach die Beschäftigung mit Kindern in seinem politischen Umfeld zu kurz komme. Cohn-Bendit schreibt, er habe sich bei seiner antiautoritär geprägten Arbeit sehr stark mit den zu betreuenden Kindern identifiziert und den Wunsch entwickelt, von diesen geliebt und benötigt zu werden. Es sei dabei teilweise auch darum gegangen, seine eigene Kindheit aufzuarbeiten. Er habe das Wesen der Kinder zudem als sehr lehrreich empfunden; so seien diese sehr empathisch und ehrlich gewesen und hätten einen bemerkenswerten Sinn für die Probleme der Erwachsenen gehabt.
Er beschreibt auch eine erotische Komponente der Beziehung zu den Kindern (siehe Gesellschaftliche Debatte). Den vornehmlich aus linksliberalen Akademikerfamilien stammenden Kindern habe es allerdings teilweise an emotionaler Ausdrucksweise gemangelt und sie hätten sich im Kindergarten vornehmlich austoben und weniger etwas lernen wollen. In diesem Zusammenhang zieht Cohn-Bendit den Schluss, man könne Kinder nicht mit (für sie abstrakten) politischen Problemen konfrontieren, jedenfalls nicht, ohne sie kindgerecht aufzubereiten und den Kindern Raum für individuelle Gedanken und Interpretationen zu lassen. Nach etwa eineinhalb Jahren habe er schrittweise das Interesse an seiner Arbeit verloren, da er das Gefühl hatte, gesellschaftlich nichts bewegen zu können. Forciert worden sei dies durch Konflikte, die durch Kinder türkischer Gastarbeiter entstanden seien. Eine notwendige Sozialisation dieser Kinder habe den Kindergarten überfordert und man habe sich schließlich nicht anders zu helfen gewusst, als sie nach Hause zu schicken.
Das Kapitel Little Big Men, das Gegenstand einer Pädophilie-Debatte wurde, erschien 1976 als Abdruck unter dem Titel „Damals im Kinderladen“ in dem von Klaus Rainer Röhl gegründeten Monatsmagazin das da.
Gesellschaftliche Debatte
Äußerungen im Buch Einige Äußerungen Cohn-Bendits über Erfahrungen während seiner Arbeit in einem Kinderladen von 1972 bis 1974 in Frankfurt am Main im Kapitel Little Big Men (S. 139–147) wurden wiederholt öffentlich aufgegriffen. So veröffentlichte die feministische Zeitschrift Emma in ihrer Ausgabe vom Mai/Juni 2001 strittige Auszüge aus dem Buch unter dem Titel „Ich hatte Lust“.Ich hatte Lust, in: Emma, Mai/Juni 2001. Aus dem Buch wurden in späteren Debatten meist die folgenden Passagen aufgegriffen und zitiert:
und
Anschuldigungen Im Januar 2001 beschuldigte die Journalistin Bettina Röhl auf ihrer Web-SeiteAlexander Smoltczyk: „Bettina Röhl – Die letzte Gefangene der RAF“, Spiegel Reporter, Nr. 3, 27. Februar 2001. Cohn-Bendit des sexuellen Missbrauchs von Kindern und bezog sich dabei auf eine Textpassage aus Der grosse Basar. Röhl bot die Entdeckung der Textpassagen mehreren Presseorganen zum Verkauf an. Die britische Wochenzeitung The Observer druckte den von Röhl beanstandeten Buchauszug ab.Paul Berman: Power and the Idealists. Or, the Passion of Joschka Fischer and it’s aftermath. Soft Skull Press, New York 2005, ISBN 1-932360-91-3, S. 18. Die französische Tageszeitung Libération entschied sich gegen Röhls Geschichte, das Nachrichtenmagazin L’Express (Frankreich), die Bildzeitung (Deutschland) und La Repubblica (Italien) griffen das Thema jedoch auf, wobei L’Express das Buch rezensiert hatte, nachdem es erschienen war, und damals nichts Anstößiges darin entdeckt hatte. Der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel (FDP) forderte am 31. Januar 2001 den Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit in einem offenen Brief in der Berliner Zeitung dazu auf, sich von den Äußerungen zu distanzieren.Rüdiger Gollnick: Sexuelle Grenzverletzungen im Lehrer-Schüler-Verhältnis an staatlichen Schulen (= Geschlecht-Gewalt-Gesellschaft; 8). Lit Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-643-11931-5, S. 195–197.
Verschiedene französische, österreichische und Schweizer Politiker aus dem politisch rechten Lager qualifizierten Cohn-Bendit als pädophil.
Eklat vor Preisverleihung Im März 2013 sagte der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Andreas Voßkuhle seine zugesagte Laudatio zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises der überparteilichen Theodor-Heuss-Stiftung an Cohn-Bendit mit der Begründung ab, Cohn-Bendit habe sich „in nicht unproblematischer Weise über die Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern geäußert“.Äußerungen zur Sexualität mit Kindern: Voßkuhle sagt Festrede für Cohn-Bendit ab. In: Der Spiegel, 14. März 2013.
In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Mai 2013 erklärte Cohn-Bendit, Der grosse Basar sei „nicht nur furchtbar schlecht geschrieben, sondern auch eine merkwürdige Kolportage aus Fiktion und Erlebtem“. Das Buch sei „aus einem Interview entstanden, als eine Art Manifest gegen die bürgerliche Gesellschaft“.Jan Fleischhauer, René Pfister: Interview mit Daniel Cohn-Bendit, in: Der Spiegel, Ausgabe 20, 13. Mai 2013, S. 26–29.
Reaktion Cohn-Bendits Cohn-Bendit antwortete Kinkel am 1. Februar 2001:Die Kinkel-Cohn-Bendit-Kontroverse, in: Berliner Zeitung, 1. Februar 2001.
Entlastungen Eltern und Kinder aus Kinderläden und früheren Wohngemeinschaften (2001)Thea Vogel u. a.: (PDF; 1,5 MB), 31. Januar 2001. sowie eine frühere Kollegin (2013)Inge Günther: Der Kinderfreund, in: Frankfurter Rundschau, 17. Mai 2013. Cohn-Bendits aus Frankfurt nahmen ihn gegen den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs in Schutz. Eine Initiatorin erklärte später, Cohn-Bendit lediglich entlastet zu haben.Daniel Cohn-Bendit in der Defensive Eine Ehrung voller Entschuldigungen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 21. April 2013 (online) Ihr Sohn wurde laut Angaben der FAZ erst 1980 geboren und konnte demnach nicht von Cohn-Bendit in dem in seinem Buch beschriebenen Zeitraum betreut worden sein.Vorwurf des Kindesmissbrauchs Mutter korrigiert ihre Entlastung Cohn-Bendits. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. April 2013 (online)Theodor-Heuss-Preis für Cohn-Bendit Dany im Kinderladen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 28. Mai 2013 (online) Die Initiatorin des Briefs von 2001 erläuterte im Interview mit der FAZ:Interview mit Thea Vogel. (; PDF; 16 kB) und
Der Archivleiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Christoph Becker-Schaum, erwähnte Protest- und Solidaritätsbriefe von Eltern, die sich im Archivbestand befinden. Becker-Schaum berichtete, die entsprechende Akte sei .Christian Füller: Danys Phantasien und Träume, in: FAZ vom 29. April 2013. Anfang Mai 2013 konnte die Akte von Bild eingesehen werden; sie enthielt keine be- oder entlastenden Momente.Grünen-Politiker Cohn-BenditGeheime Akte geöffnet. In: Bild, 3. Mai 2013 (online)