Ein Sommer in Baden-Baden (russischer Titel: ) ist der Titel eines 1977 bis 1980 entstandenen und 1982 in der Nowaja gaseta, einer in New York erscheinenden Emigrantenzeitung, publizierten Romans des russischen Schriftstellers Leonid Borissowitsch Zypkin über den Schriftsteller Fjodor Dostojewski. mini|300px|Dostojewskis Lieblingsbild: Raffaels Sixtinische Madonna mit der vollkommenen Dreieckskomposition hängt in seinem Arbeitszimmer als Fotografie über dem Diwan, auf dem er am 9. Februar 1881 starb.
Inhalt Überblick Die Handlungen spielen im Wesentlichen auf zwei sich oft durchdringenden Zeitebenen: Ein Ich-Erzähler (mit biographischen Ähnlichkeiten zum Autor) reist im Winter, Ende Dezember, in der Gegenwart Zypkins, in den 1970er Jahren, von Moskau nach Leningrad, um dort für seine Dostojewski-Recherche das im Sterbehaus des Schriftstellers eingerichtete Museum zu besuchen.
Eingeblendet sind die Ergebnisse seiner Forschung: Vergleiche zur Gegenwartsebene und mit Romanfiguren, Interpretationen und ergänzende Phantasien über das Leben Dostojewskis und seiner zweiten Ehefrau Anna zwischen 1867 und 1881, mit zwei Schwerpunkten: dem Aufenthalt in Baden-Baden und dem 9. Februar 1881, dem Sterbetag des Dichters. So entsteht Zypkins Dostojewski-Porträt.
1. Teil: Zwei Reisen (S. 27–88) Die Reise des Erzählers nach Leningrad Ende Dezember fährt der Erzähler mit der Eisenbahn von Moskau nach Leningrad (z. B. S. 27, 30–31, 53–54.Leonid Zypkin: Ein Sommer in Baden-Baden. Aus dem Russischen von Alfred Frank. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8333-0513-9. Nach dieser Ausgabe wird zitiert.), liest während der Fahrt im Tagebuch Anna Dostojewskajas, einer Niederschrift ihrer stenographischen Aufzeichnungen aus dem ersten Sommer nach ihrer Heirat im Ausland und erinnert sich im Bahnhof in Kalinin an den Aufenthalt des Schriftstellers in dieser Stadt nach der Rückkehr aus der Haft in Omsk und seiner Wehrpflicht in Semipalatinsk (S. 55–56).
mini|„[D]ieser feste düstere Blick [Annas] erschien ihm [Dostojewski] klar und sanft, was er sicherlich auch war“.Zypkin, 2007, S. 49. mini|Dostojewski, „ein nicht mehr junger Mann […] mit schlichtem russischen Gesicht, gelichtetem Haar und graublondem Bart“.Zypkin, 2007, S. 70. Dostojewskis Familienbeziehungen Eingearbeitet in diesen Rahmen ist die Reise des Ehepaares Dostojewski Mitte April 1867 von Sankt Petersburg aus nach Wilna, dann über Berlin nach Dresden. In diese Erzählungen sind wiederum Rückblicke auf den Beginn ihrer Beziehung und Ehe aus den Perspektiven Annas und Fedjas (Fjodors) eingeblendet: Die junge Frau bemühte sich aus Bewunderung für den zwanzig Jahre älteren berühmten Schriftsteller in Petersburg dessen Stenographin zu werden (S. 46) und er diktierte ihr den Roman Der Spieler. Begleitet ist die beginnende Liebesbeziehung durch Rivalitäten mit dem Stiefsohn aus erster Ehe Pawel Alexandrowitsch (Pascha) (S. 48), seinen Schwestern, die eine Verwandte als zweite Frau für den Bruder vorgesehen hatten, und Emilia Fjodorowna, der Frau seines toten Bruders, mit dem er eine bankrottgegangene Zeitschriftenredaktion betrieb. Nun muss er die Schulden bezahlen, ebenso soll er die Gläubiger der insolventen Tabakfabrik des Bruders zufriedenstellen (S. 51). Durch finanzielle Unterstützung seiner Schwiegermutter (Snitkina), sie stattet sie auch mit Reisegeld aus, vermeiden die Dostojewskis die Pfändungen, heiraten und fahren nach Moskau, wo die Freunde ihres Bruders Wanja neugierig sind auf die Frau des berühmten Verfassers von Schuld und Sühne (S. 63).
Extreme Gefühle In Dresden beziehen die Dostojewskis ein Drei-Zimmer-Quartier bei Mme. Zimmermann. Sie flanieren durch die Stadt, speisen in möglichst preiswerten Restaurants, ärgern sich über die Bedienung des von ihnen „Diplomat“ genannten Kellners und besuchen das Museum, wo der Schriftsteller Raffaels Gemälde, mit der für ihn die Vollkommenheit symbolisierenden Dreiecksgruppe über den Wolken, hoch vom Stuhl des Museumswärters (S. 40, 44) aus betrachtet und von diesem heruntergebeten wird. Solche Situationen des gescheiterten Aufstiegs sind für ihn typisch. In Verbindung damit taucht in wiederholten Erinnerungen, (z. B, S. 34, 39, 43) das Motiv der Demütigungen während der Zeit der Katorga und der ängstlichen Unterwürfigkeit Dostojewskis dem Platzmajor in der Festung von Omsk gegenüber auf, wo er von 1850 bis 1854 inhaftiert war. Oft reagiert er dann aus seinem Minderwertigkeitsgefühl oder der Angst, von den anderen nicht ernst genommen und verspottet zu werden, unbeherrscht, wie in Frankfurt, als er einen Hutkauf abbricht, weil er sich einbildet, die Verkäuferin halte ihn für einen Barbaren, oder wenn er in Gesellschaften befürchtet, man lache über ihn, wenn er seine Gefühle offenbart (S. 80–85). Auch das Verhalten seiner um ihn besorgten Frau und deren Lächeln beurteilt er oft falsch und wird wütend. Später nähert er sich ihr kniend mit schlechtem Gewissen, bringt ihr kleine Geschenke mit und sucht die Versöhnung beim abendlichen „sich verabschieden“.Zypkin, 2007, S. 38. Zu Beginn der Beziehung versuchte er ihr auf einem Jahrmarkt durch seine Schießkünste zu imponieren, er ist in ständiger Sorge, dass sich seine jüngere Frau über ihr „gemeinsames Schwimmen“Zypkin, 2007, S. 82. lustig mache, was ihn daran hindert, zu „fliegen wie eine Möwe, frei und leicht über dem Meer dahinschwebend“.Zypkin, 2007, S. 84. Eifersüchtig beobachtet er ihre heiteren Gespräche mit andern. Stattdessen möchte er, dass sie sich neben ihn an seinen Schreibtisch setzt, weil er dann besser nachdenken kann. Wenn sie dies schließlich auf sein Drängen macht, wirft er ihr vor, es nicht gern zu tun, und gerät in Wut, wofür er sie dann wieder in Kreislaufbewegungen um Verzeihung bitten muss (S. 83, 85).
Das unerreichbare Ziel Die Reise nach Baden-Baden (S. 64, 70, 71, 80, 86) über Leipzig und Frankfurt ist durchsetzt mit eingeschobenen Rückblicken und Erinnerungen, welche die wechselseitige Abhängigkeit der Eheleute voneinander spiegeln. Von Dresden aus besucht Dostojewski Homburg und Anna liest den während seiner Abwesenheit eintreffenden Brief von seiner früheren Freundin Apollinarija Suslowa.In literarischer Verarbeitung dieser einseitigen Liebesbeziehung im Der Spieler erscheint sie als die für den Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch unerreichbare Polina. Nach seiner Rückkehr beobachtet Anna ihren Mann beim Lesen des Briefes. Dieser erinnert ihn (S. 67–69) an die gemeinsame Reise mit Apollinarija nach Italien und Paris. Sie liebte einen Spanier, und nachdem dieser sie verließ, durfte Dostojewski sie, allerdings nur als Freund, auf ihrer Reise im Zug und auf dem Schiff begleiten. In solchen Situationen, wie bereits zuvor, als sie befürchtete, die Familie ihres Mannes würde ihre Verbindung untergraben, sucht Anna nach einem Halt, der durch einen Schiffsmast symbolisiert wird, an den sie sich klammert, und dies verdeutlicht, dass der Schriftsteller das Zentrum ihres Lebens ist. Während Anna aus dem Zugfenster die vorbeiziehenden Landschaften betrachtet und sich vorstellt, wie die Menschen in den vorbeiziehenden Städten leben (S. 72), hofft sie, dass in Baden-Baden „das Glück […] Fedja endlich einmal hold sein“ müsseZypkin, 2007, S. 88. und ihre finanzielle Situation sich stabilisiert. Ihr Mann denkt aber darüber hinaus an den Berg der Goldmünzen, der erst wenn er „die Form eines Dreiecks erlangt hat[] und einen Gipfel bildet[] […] in seinen Besitz übergehen [kann]“ an die „silbrige[] Kugel, die Schicksale entscheidend dahinrollt[], für niemanden erreichbar“.Zypkin, 2007, S. 87.
2. Teil (S. 88–135) Dostojewsi-Recherchen des Erzählers Zu Beginn dieses Abschnitts deutet der Erzähler biographische Bezüge zum Autor Zypkin an (S. 89–92), indem er von der Rückkehr nach Ende des Krieges in die zerstörte Stadt berichtet, wo er als Medizinstudent mit seinen Eltern im Krankenhaus wohnte, in dem sein Vater arbeitete. Eine weitere Parallele sind die Dostojewski-Recherchen: Beim zweiten Aufenthalt seines Zuges in Bologoje (S. 121) erinnert er sich an eine gewerkschaftlich organisierte Exkursion »Dostojewski in Staraja Russa«Zypkin, 2007, S. 124. mit einer Filmvorführung Die Brüder Karamasow, denn in einem Eckhaus dieser Stadt am Ilmensee, dem Romanhaus Fjodor Pawlowitsch Karamasows, verbrachten die Dostojewskis mit ihren beiden Kindern Ljubotschka (Ljubow) und Fedenka (Fodor) von Petersburg aus jeden Sommer, und hier steht auch das Haus Gruschenka Menschowas, Vorbild für Gruschenka Swetlowa (S. 123).
Roulette-Rausch mini|„Fedja pendelte manchmal zwischen der Pension und dem Kurhaus, wo sich das Roulette befand, mehrmals täglich hin und her“.Zypkin, 2007, S. 92. Baden-Baden erscheint, trotz der wegen einer Schmiede im Hof und kinderreicher Mieter unruhigen Pension, in den ersten Tagen wie ein klarer Sommermorgen. Fedja besucht oft mehrmals täglich das Kurhaus, um Roulette zu spielen. Er gewinnt und Annas »Geldkatze« füllt sich. Die beiden wandern, trotz Annas Schwangerschaft,Sonetschka, = Sonja bzw. Sofia stirbt in Genf 1868 bald nach der Geburt. gemeinsam zum Neuen und Alten Schloss und flanieren durch den Kurpark.
Doch eine wechselhafte Phase schließt sich an, manchmal hat der Schriftsteller alle Münzen verspielt, womit ihn Anna dosiert ausgestattet hat, und muss sie um weiteres Geld bitten. Auf seinem Weg zum Kurhaus zählt er abergläubisch genau 1457 Schritte ab (S. 115), um das Spiel zu beeinflussen, das ihn in einen Rauschzustand versetzt: Er gewinnt mehrmals und der Geldberg vor ihm wächst. Doch durch die Störung eines anderen Besuchers gerät er aus dem Rhythmus „und er saust[] jählings den Berg hinunter“Zypkin, 2007, S. 118. und im Versuch, diesen aufzuhalten, geht „sein Absturz […] weiter“.Zypkin, 2007, S. 119. Wütend schreiend und unglücklich weinend kehrt er in solchen Situationen in die Pension zurück, wo ihn seine Frau beruhigt. Auch in Tagträumen artikulieren sich seine Wahnvorstellungen. Während eines Kurkonzertes (S. 131) stellt er sich zur Egmont-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven den Aufstieg in eine gewaltige majestätische Kristall-Bergwelt zum von Wolken umhüllten Gipfel vor, während ihn die Menge seiner Kritiker vom Tal aus verhöhnt. Seine Frau rettet ihn im Traum vor dem drohenden Absturz, aber beim abendlichen gemeinsamen Schwimmen wiederholt sich der Angstzustand. Sie „blickt[] ihm in die Augen und streckt[] die Arme nach ihm aus“,Zypkin, 2007, S. 134. doch „es [treibt] ihn ab, unerbittlich und schnell“ […] „sein Körper erschlafft[] willenlos – rasch und unaufhaltsam [sinkt] er auf den Grund.“ Die Enttäuschungen über die verlorenen Spiele überlagern sich mit gesellschaftlichen Demütigungen. Die arrivierten und gut situierten Schriftsteller Turgenjew und Gontscharow residieren im Hotel 'Europe', in das er vom Portier nicht eingelassen wird. Diese Literaten-Klassengesellschaft erinnert ihn an die Spannung zu dem Satiriker Panajew und seinem Kreis (S. 94–100), die ihn wegen seiner hohen Selbstbewertung als Dichter karikierten. Wie der von ihm bewunderte Turgenjew, den er vergeblich zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift Wremja zu gewinnen (S. 103) suchte, haben sie den jungen Schriftsteller anfänglich gefördert. Jetzt fühlt er sich von ihnen ignoriert und gesellschaftlich isoliert, z. B. von Nekrassow und Belinski, der durch seine Rezension der Arme[n] Leute seinen Aufstieg förderte. Gründe dafür sind, neben seiner zunehmenden Berühmtheit, „hitzige und unvorsichtige Äußerungen“Zypkin, 2007, S. 230. über den Panajew-Kreis, seine Definition der wahren Literatur und der „Streit zwischen Slawophilen und Westlern“.Zypkin, 2007, S. 108.
3. Teil (S. 135–181) Der Absturz mini|Nachdem Dostojewski das Reisegeld verspielt hat, klettert er mit Anna hoch zum Alten Schloss, von wo aus „sich eine herrliche Aussicht auf […] Baden-Baden bot“ und „Fedja [trat] an den Rand […] und schrie: ‚Leb wohl, Anja, ich stürze hinunter!‘“Zypkin, 2007, S. 160.