Abū Muhammad ʿAbdallāh ibn Saʿīd Ibn Kullāb al-Qattān at-Tamīmī ( gest. wahrscheinlich 855)Van Ess: Theologie und Gesellschaft 1997. Bd. IV, S. 180. war ein islamischer Kalām-Gelehrter aus Basra, der während der Zeit der Mihna an den Diskussionen über den Koran und die Rede Gottes teilnahm und eine Attributenlehre entwickelte, die später von Abū l-Hasan al-Aschʿarī und seinen Anhängern übernommen wurde. ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gest. 1037) zählt ihn zu den Kalām-Gelehrten der Sunniten (ahl as-sunna) in der Zeit des Kalifen al-Ma'mūn (reg. 813–833).al-Baġdādī: Uṣūl ad-Dīn. 1928, S. 309. Einige seiner theologischen Lehren gehen wahrscheinlich auf christlichen Einfluss zurück. Die von Ibn Kullāb begründete Schule der Kullābīya ging später in der Aschʿarīya auf.

Leben und Werke Über das Leben von Ibn Kullāb gibt es so gut wie keine gesicherten Informationen. Nach dem jemenitischen Gelehrten as-Saksakī (gest. 1284) gehörte er zu den Bewohnern von Basra.as-Saksakī: al-Burhān fī maʿrifat ʿaqāʾid ahl al-adyān. 1996, S. 36. Bekannt ist außerdem, dass er sich an den theologischen Diskussionen, die während des Kalifats von al-Ma'mūn geführt wurden, beteiligte. Wie ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī schreibt, hat Ibn Kullāb „die Muʿtaziliten im Kollegium (maǧlis) des Ma'mūn zertrümmert und durch seine Beredsamkeit (bayān) bloßgestellt.“al-Baġdādī: Uṣūl ad-Dīn. 1928, S. 309, Z. 6–8. Zu den Muʿtaziliten, mit denen er in Diskussionen verwickelt war, gehörten ʿAbbād ibn Sulaimān (gest. ca. 864) aus Basra sowie Abū Sālih und Abū Mudschālid, die beide zur Bagdader Schule gehörten. Abū Sālih war ein Schüler von Bischr ibn al-Muʿtamir. Ibn Kullābs schärfster Gegner soll aber Ahmad ibn Hanbal gewesen sein.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Lisān al-mīzān. 2002, Bd. IV, S. 486.

Ibn an-Nadīm erwähnt von Ibn Kullāb drei Bücher: ein „Buch über die Attribute“ (Kitāb aṣ-Ṣifāt), ein „Buch über die Erschaffung der Handlungen“ (Kitāb Ḫalq al-afʿāl) und ein Buch zur „Widerlegung der Muʿtazila“ (Kitāb Radd al-Muʿtazila).Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. 1988, S. 230. Ismāʿīl Pascha schreibt ihm außerdem eine Widerlegung der Haschwīya (ar-Radd ʿalā al-Ḥašwīya) zu.Ismāʿīl Pascha al-Baġdādī: Hadīyat al-ʿārifīn asmāʾ al-muʾallifīn wa-āṯār al-muṣannifīn. Istanbul 1951. Bd. I, S. 440. Digitalisat Es handelt sich aber vermutlich um eine bloße Verschreibung, denn Ibn Kullāb wird von Ibn an-Nadīm selber der Haschwīya zugeordnet.Van Ess: Theologie und Gesellschaft 1995. Bd. VI, S. 402. Haschwīya war ein verächtlicher Begriff für die Ashāb al-hadīth.

Von Ibn Kullābs Schriften ist bis heute keine wieder aufgefunden worden,Van Ess: „Ibn Kullāb und die Miḥna“. 1965, S. 137. doch haben sich in Werken späterer Autoren Fragmente erhalten.Van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1995, Bd. VI, S. 402–417. Ibn Kullāb galt als Schafiit, auch wenn er selbst keinen eigenen Beitrag zum islamischen Rechtsdenken geleistet hat.Van Ess: Theologie und Gesellschaft 1997. Bd. IV, S. 195.

Lehre Attributenlehre Ibn Kullābs wichtigster Beitrag zur islamischen Theologie war seine spezielle Lehre von den Attributen Gottes, zu denen er auch ein eigenes Buch verfasst hat. Ibn ar-RāwandīVgl. Ibn Fūrak: Muǧarrad Maqālāt aš-šaiḫ Abī l-Ḥasan al-Ašʿarī. 1987, S. 12. und der imamitische Theologe asch-Schaich al-MufīdVgl. Van Ess: Theologie und Gesellschaft 1995. Bd. VI, S. 402. (948–1022) schrieben dazu Widerlegungen.

Ibn Kullāb verwendete den Begriff „Attribute“ (ṣifāt) allgemein für „die Bedeutungen, die in Körpern bestehen“ (al-maʿānī al-qāʾima bi-l-aǧsām) wie Ruhe und Bewegung. Diese Bedeutungen bezeichnete er nicht nur als Attribute, sondern auch als Akzidentien (aʿrāḍ) und Sachen (ašyāʾ).al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 370. Außerdem lehrte er, dass allem, womit eine Sache beschrieben wird, ein Attribut (ṣifa) zugrunde liegt, das dessen Bedeutung (maʿnā) bildet.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 357. Hinsichtlich der Namen lehrte er, dass der Name (ism) weder mit dem Benannten (musammā) identisch ist, noch mit ihm nicht identisch ist. Der Akt des Benennens sei dagegen etwas anderes als das Benannte. Nach al-Bazdawī (gest. 1099) setzte er sich damit auf der einen Seite von den übrigen Sunniten ab, die Namen und Benanntes gleichsetzten, und auf der anderen Seite von den Muʿtaziliten, die lehrten, dass Name und Benanntes nicht identisch sind.Abū l-Yusr al-Bazdawī: Kitāb Uṣūl ad-Dīn. Ed. Hans Peter Linss und Aḥmad Ḥiǧāzī as-Saqqā. Al-Maktaba al-Azharīya li-t-Tūrāṯ, Kairo 2003. S. 93. Digitalisat

Diese Lehre übertrug Ibn Kullāb nun auch auf Gott. Er lehrte, dass es für die im Koran erwähnten Namen wie „wissend“ (ʿālim), „mächtig“ (qādir), „lebendig“ (ḥaiy), „hörend“ (samīʿ), „sehend“ (baṣīr), „stark“ (ʿazīz), „erhaben“ (ǧalīl), „gütig“ (karīm), „fortdauernd“ (bāqī), „wollend“ (murīd), „verabscheuend“ (kārih) usw. jeweils korrelierende Attribute gibt, also „Wissen“ (ʿilm), „Macht“ (qudra), „Leben“ (ḥayāt), „Gehör“ (samʿ), „Sehkraft“ (baṣar), „Stärke“ (ʿizza), „Erhabenheit“ (ǧalāl), „Güte“ (karam), „Fortdauer“ (baqāʾ), „Wille“ (irāda), „Abscheu“ (karāha) usw. Namen Gottes und Attribute Gottes setzte er insofern gleich.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 169, 173. Gott hat seiner Meinung nach diese Namen und Attribute schon immer besessen; sie bilden seine Wesensattribute (ṣifāt aḏ-ḏāt).al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 546. Auch die Freundschaft (wilāya) und Feindschaft (ʿadāwa) Gottes sowie sein Wohlgefallen (riḍā) und sein Zorn (saḫaṭ) gehören zu seinen Wesensattributen.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 582. Die von manchen Muʿtaziliten vertretene Auffassung, dass die Güte Gottes zu seinen Tatattributen (ṣifāt al-fiʿl) gehört, lehnte er ab.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 179. Gott ist nach Ibn Kullāb außerdem anfangslos (qadīm), aufgrund einer Anfangslosigkeit (qidam), die als Bedeutung in ihm besteht.al-Baġdādī: Uṣūl ad-Dīn. 1928, S. 89, 123. Anders als später al-Aschʿarī, der acht Wesensattribute unterschied, hat Ibn Kullāb die göttlichen Attribute nicht gezählt.Van Ess: Theologie und Gesellschaft 1997. Bd. IV, S. 187f.

Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen den Namen-Attributen und Gott lehrte Ibn Kullāb, dass sie weder mit ihm identisch noch mit ihm nicht-identisch sind.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 169. Gott ist zum Beispiel wollend durch einen Willen, von dem weder gesagt werden kann, dass er gleich Gott ist, noch, dass er nicht gleich Gott ist.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 514. Ibn Kullāb übertrug diese Formel auch auf die im Koran genannten Körperteile Gottes (Antlitz, Hände, Auge usw.), die er gleichfalls für Attribute Gottes hielt. Nur das Wesen (ḏāt) und das Selbst Gottes waren seiner Meinung nach mit Gott identisch.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 169f.

Was das Verhältnis zwischen den einzelnen Attributen Gottes wie Wissen und Macht anlangt, so lehrte er ebenfalls, dass sie weder miteinander identisch noch miteinander nicht-identisch sind.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 170, 546. Allein von Gottes Willen, dass etwas sei, und seiner Abscheu dagegen, dass es nicht sei, lehrte er, dass sie miteinander identisch sind.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 547. Die Attribute Gottes können nach Ibn Kullāb keine anderen (göttlichen) Attribute annehmen, weil sie nicht in sich selbst bestehen, sondern nur in Gott. Deshalb könne auch nicht gesagt werden, dass Gottes Attribute anfangslos oder fortdauernd sind, weil die Anfangslosigkeit und die Fortdauer Bedeutungen sind, die allein in Gott bestehen. Man könne diese Attribute allenfalls als „anfangsewig“ (azalī) und „beständig“ (dāʾim al-wuǧūd) bezeichnen.al-Baġdādī: Uṣūl ad-Dīn. 1928, S. 89f, 109.

Die Rede Gottes und der Koran Im Rahmen der Diskussionen über den Koran entwickelte Ibn Kullāb eine Kompromissposition zwischen der Position der Muʿtazila, die von der Erschaffenheit des Korans ausging, und der Position der Ashāb al-hadīth, die die Unerschaffenheit des Korans lehrten, indem er zwischen der Rede Gottes und ihrer Ausdrucksform differenzierte. Ibn Kullābs Position zu dieser Frage war in eine umfassendere Theorie über die Rede (kalām) und die Rede Gottes (kalām Allāh) eingebettet. Josef van Ess vermutet, dass Ibn Kullāb diese Theorie entwickelt hat, um dadurch die Position der Ashāb al-hadīth von der Unerschaffenheit des Korans während der Verfolgungen der Mihna aufrechterhalten zu können.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. Bd. IV, S. 182f.

Rede ist nach Ibn Kullāb jegliche Form von Äußerung (qaul). Aufgrund von etwas Gebotenem kann sie Gebot (amr) sein, aufgrund von etwas Verbotenem Verbot (nahy), aufgrund von etwas Mitgeteiltem Mitteilung (ḫabar) und aufgrund von etwas Gewünschtem Wunsch (tamannī). Allerdings kann Rede auch aus diesen Kategorien herausfallen, dann ist sie nur Äußerung.Al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 444. Rede ist aber nach Ibn Kullāb grundsätzlich etwas Unartikuliertes. So lehrte er, dass die Rede des Menschen (kalām al-insān) eine Bedeutung ist, die in der Nafs besteht und durch Buchstaben ausgedrückt wird.Al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 604. Das Wort „redend“ (mutakallim) bezeichnet nach Ibn Kullāb nicht mehr, als dass jemand mit Rede begabt ist.Asch-Schaich al-Mufīd, zit. bei van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1995, Bd. VI, S. 414. Rede trete beobachtbar zwar nicht ohne Laute und Töne auf, sei aber nicht deswegen Rede, sondern weil sie als ein Attribut Schweigen und einen Sprachdefekt (āfa) ausschließe.Van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1995, Bd. VI, S. 415.

Den Begriff „Rede Gottes“ verwendete Ibn Kullāb zum einen für das Schöpfungswort kun, mit dem Gott alles erschafft.Zit. bei al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 512. Da Gott mit ihm alles erschafft, ist es undenkbar, dass dieses kun selbst erschaffen ist.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 585. Zum anderen verwendete er den Ausdruck „Rede Gottes“ für den Koran. Er definierte nämlich den Koran als die „unerschaffene Rede Gottes“ (kalām Allāh ġair maḫlūq).Al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 298. Gott ist nach Ibn Kullāb schon immer ein Redender (mutakallim) gewesen. Die Rede besteht in ihmal-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 584. und gehört wie das Wissen und die Macht zu den Attributen seines Selbst.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 517. Diese Selbst-Rede (al-kalām an-nafsī) Gottes, die schon im Azal, also vor allen Zeiten, existierte, ist allerdings weder durch Gebot und Verbot, noch durch Mitteilung gekennzeichnet, weil diese Dinge erst in der Zeit entstanden sind.Zit. bei as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿīya. Bd. II, S. 300. Aus diesem Grund weist Ibn Kullāb die Auffassung zurück, dass Gott immer schon ein Mitteilender oder Verbietender war. Die Rede Gottes hat seiner Auffassung nach keine Buchstaben und Laute, kann nicht aufgeteilt, gegliedert oder zerlegt werden und ist in sich nicht verschieden, sondern bildet eine einzige Bedeutung in Gott (maʿnā wāḥid bi-Llāh). Gott ist zwar von aller Ewigkeit her redend, aber nicht anredend (mukallim), weil am Anfang die Adressaten seiner Rede noch nicht existieren.Al-Bazdawī: Kitāb Uṣūl ad-Dīn. 2003, S. 75.