Die Gazette des Ardennes war eine französischsprachige Zeitung, die von den deutschen Besatzungsbehörden während des Ersten Weltkriegs vom 1. November 1914 bis 9. November 1918 für Nordfrankreich und Belgien, aber auch die französischsprachige Westschweiz und die französischkundigen Neutralen herausgegeben wurde. Über Mittelsleute in der Schweiz wurde die Zeitung sogar eine Zeit lang an Parlamentsabgeordnete in Frankreich verschickt.

Finanzierung und Erscheinungsfolge Die Gazette des Ardennes war ein deutsches militärisches Unternehmen. Sie unterstand der Sektion 6 der Abteilung III b des Generalstabs des Feldheers, also dem militärischen Nachrichtendienst der Obersten Heeresleitung.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 135. Der Generalstab unterstützte ihre Gründung mit 10.000 bis 15.000 Mark,Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 135. später trug sich die Zeitung auf Grund der Bemühungen ihres Herausgebers selbst und brachte sogar Gewinn ein. Geleitet wurde die Zeitung vom Herausgeber Dragoner-Rittmeister der Reserve Fritz H. Schnitzer, einem deutschen Reserveoffizier und Kaffeegroßhändler aus Rotterdam, der gut Französisch sprach, allerdings keinerlei journalistische Erfahrung mitbrachte. Ein rühriger Chefredakteur war seit März 1915 der französischstämmige Elsässer und deutsche Staatsbürger Dr. René Prévot – vor dem Krieg Paris-Korrespondent der Münchner Neueste Nachrichten – dessen Arbeit von Freunden wie Feinden als effizient eingeschätzt wurde.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 140f.

Die erste Ausgabe erschien am 1. November 1914.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 131. Schnell stellte Prévot die Zeitung auf das für Frankreich typische große Folio-Format 44 × 56 cm und ein französischen Zeitungslesern vertrautes Layout um. Anfangs erschien nur eine Ausgabe pro Woche, was sich bis Anfang 1918 auf sechsmal pro Woche steigerte.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 156f. In den Jahren 1915 und 1916 war die finanzielle Situation so schwierig, dass die Redaktion auf einen Fortsetzungsroman verzichten musste und nur in begrenztem Maße Freiexemplare an das deutsche Heer liefern konnte. Ab Ende 1917 nahm die Redaktion Werbung – die ausschließlich von deutschen Firmen stammteLaska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 161. – ins Blatt auf, womit ein derartiger Gewinn erzielt werden konnte, dass der Verlag sogar eine Kriegsanleihe über 560.000 Mark zeichnete.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 136. Die Auflage schoss schnell von ursprünglich 4000 – 5000 Exemplaren in die Höhe und betrug in den letzten beiden Kriegsjahren ca. 175.000 Exemplare pro Nummer, wobei die Zeitung sechsmal wöchentlich erschien und zusätzlich, entsprechend französischer Lesegewohnheiten, illustrierte Beilagen lieferte. Besonders interessiert wurden von den französischen Leser die regelmäßig abgedruckten Listen französischer Kriegsgefangener in deutschen Gefangenenlagern studiert. Die "Gazette des Ardennes" berichtete als erstes Presseorgan vom Tod des französischen Abgeordneten Emilie Driant (1855–1916), gefallen als Oberstleutnant und Kommandeur einer Jäger-Halbbrigade vor Verdun am 21. Februar 1916, was in Frankreich offizielle Stellen interessierte. Über die Schweiz wurden sodann seine Habseligkeiten der Witwe übermittelt.

Die Redaktion befand sich in Charleville, auch wenn im Zeitungskopf zeitweise anderes behauptet wurde.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 132. Gesetzt wurde die Gazette des Ardennes in den Räumen der Zeitung L'Usine, die kurz vor dem Krieg ihre Ausstattung erneuert hatte. Gedruckt wurde sie in der Druckerei Petit Ardennais, wofür eine große Rotationsdruckmaschine aus Lille herbeigeschafft wurde. Die Drucker waren deutsche Soldaten und zwangsverpflichtete Franzosen. Um den Abtransport der Zeitung zu organisieren, wurde sogar ein Schienenanschluss zwischen der Eisenbahn und dem Straßenbahnnetz der Stadt gebaut.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 136. Ein Teil der Auflage wurde auch in Freiburg im Breisgau bei der Druckerei Poppen & Sohn gedruckt, was zu einem Bombenabwurf auf das Firmengebäude am 12. Oktober 1916 führte. Nach dem Abzug des deutschen Heeres im Oktober 1918 kam die Gazette des Ardennes in Frankfurt am Main in den Räumen des Generalanzeigers unter. Dort erschien die letzte Nummer, die auf den 2. November 1918 datiert war. Am 9. November wurde die Redaktion vom Arbeiter- und Soldatenrat besetzt, der die Zeitung am folgenden Tag schloss.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 136f.

Verbreitung Die Gazette des Ardennes veröffentlichte ihre Auflagenhöhe im Zeitungskopf. Anfang 1915 wurden 25.000 Exemplare gedruckt, danach nahm ihre Auflage stark zu, weil sie im Oktober begonnen hatte, Listen mit französischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern zu veröffentlichen.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 147. Zuvor waren bereits Listen mit französischen Kriegsgefangenen als getrennte suppléments erschienen. Ende Oktober 1917 erreichte die Zeitung nach eigenen Angaben eine Auflage von 175.000, die bis Kriegsende stabil blieb.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 147. Diese Angabe erscheint realistisch, denn eine andere deutsche Quelle spricht für 1918 von einer Auflage zwischen 149.000 und 194.000 Exemplaren.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 147.

Neben der Hauptausgabe gab es eine illustrierte Ausgabe, die dreimal im Monat erschien.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 157. Sie erreichte 1917 eine Auflage von 100.000 Exemplaren.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 147. Der französischen Pressetradition folgend erschienen außerdem illustrierte Almanache auf die Jahre 1916, 1917 und 1918.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 133. Der Zeitungsverlag veröffentlichte darüber hinaus Broschüren zu politischen Fragen, aber auch ein deutsch-französisches Vokabular oder ein Telefonverzeichnis des deutschen Hauptquartiers.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 134.

Der Verkauf wurde von den Kommandanturen der deutschen Militärregierung selbst in die Hand genommen. Bei Einführung in einem Ort wurde die Zeitung zunächst zwei Wochen lang kostenlos verteilt, dann zum Preis von fünf Centimes, später fünf Pfennig verkauft.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 148f. Ab Mai 1915 konnte sie im Abonnement bezogen werden.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 156. Die Marktdurchdringung war immens: So gab es Orte wie Douai, in denen auf acht Einwohner eine Zeitung verkauft wurde.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 150. In Belgien – wo weitere von den deutschen Besatzungsbehörden herausgegebene Zeitungen existierten – und in dem zum Deutschen Reich gehörigen Elsass-Lothringen war die Gazette des Ardennes verbreitet.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 151. Und in deutschen Kriegsgefangenenlagern, wo sie über eigene Mitarbeiter verfügte, wurde sie ebenfalls gelesen.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 146. Allerdings soll die Gazette des Ardennes dort auf großes Misstrauen unter französischsprachigen Kriegsgefangenen gestoßen sein.Pöppinghege: Deutsche Auslandspropaganda …, S. 53. Einige Exemplare wurden durch Flieger hinter den feindlichen Linien abgeworfen, andere über die Schweiz verbreitet.Pöppinghege: Deutsche Auslandspropaganda …, S. 53f.

Ihr Erfolg wird dadurch belegt, dass Frankreich mit gefälschten Ausgaben der Gazette des Ardennes auf das deutsche Produkt reagierte, die hinter der Front abgeworfen wurden.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 152. Zahlreiche Kriegserinnerungen von Franzosen sprechen ebenfalls dafür, dass das einzige im besetzten Nordfrankreich in französischer Sprache verfügbare Informationsmedium tatsächlich weithin gelesen wurde.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 153f.

Der propagandistische Charakter der Zeitung Die Redaktion versuchte den Anschein zu erwecken, dass sie in ihrer Berichterstattung unabhängig sei. So brachte die Gazette des Ardennes nicht nur den deutschen Heeresbericht, sondern – wie allgemein in der deutschen Presse üblich – auch Stimmen aus dem neutralen Ausland, sowie die feindlichen Heeresberichte, darunter den französischen Heeresbericht in Originalfassung.Pöppinghege, „Deutsche Auslandspropaganda 1914–1918 …“, S. 59. Allerdings wurde Lesern der unmittelbare Vergleich erschwert, weil der französische Heeresbericht mit einigen Tagen Verzögerung abgedruckt wurde.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 157f. Ständig führte die Gazette des Ardennes Beispiele für Zensur in der französischen Presse an, erwähnte jedoch nie die Tatsache, dass auch auf deutscher Seite zensiert wurde.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 184.

Durch Regionalberichterstattung wurde versucht, das Interesse der französischen Leser zu wecken.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 158. Während die französische Provinz als liebenswert dargestellt wurde, schienen alle negativen Züge Frankreichs in Paris konzentriert zu sein.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 198. In aller Regel schrieben die französischen Mitarbeiter unter Pseudonym.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 142–145. Hier auch die Auflösung der Pseudonyme. Die Zeitung druckte überdies zahlreiche Berichte von Kriegsgefangenen ab, die den Aufenthalt in deutschen Lagern beinahe wie einen Urlaub erscheinen ließen.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 185. Stilistisch war an den Artikeln nicht festzustellen, dass die Zeitung von Deutschen herausgegeben wurde.Pöppinghege, „Deutsche Auslandspropaganda 1914–1918 …“, S. 59.

Deutschland wurde in den Meinungsbeiträgen als junge, aufstrebende, im Grunde aber pazifistische Macht dargestellt, die nur den ihr zustehenden „Platz an der Sonne“ beanspruche.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 177. Die Deutschen seien – anders als von der alliierten Propaganda behauptet – keine „Barbaren“, sondern erfüllten in Europa eine Kulturmission.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 178. Großbritannien wurde heftig attackiert und als Hauptverantwortlicher am Krieg dargestellt.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 179f. Deutschland wolle Frankreich vom britischen Joch befreien.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 183. Dass die Entente Kolonialsoldaten im Krieg einsetzte („wilde Stämme gegen die weiße Rasse“), sei ein elementarer Verstoß gegen die Solidarität des alten Europas. Besondere Sympathie genoss der irische Unabhängigkeitskampf gegen die britische Kolonialmacht.Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée …, S. 181.