Das Kairos-Palästina-Dokument (Originaltitel: Die Stunde der Wahrheit. Ein Wort des Glaubens und der Hoffnung aus der Mitte des Leidens der Palästinenser) vom 11. Dezember 2009 ist ein Aufruf palästinensischer Christen an die weltweite Christenheit. Er beschreibt die Lage in den palästinensischen Autonomiegebieten als hoffnungslos und ruft dazu auf, sich der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) anzuschließen, um diese Gebiete von Israels Besatzung zu befreien. Der Text versteht sich als palästinensische Befreiungstheologie, erneuert jedoch laut kritischen Textanalysen Kernmotive der antijudaistischen Substitutionstheologie.

Entstehung Vorläufer Das Kairos-Palästina-Dokument wiederholt gebündelt Grundmotive der palästinensischen Befreiungstheologie, die Naim Stifan Ateek mit seinem Werk Justice and only Justice – A Palestinian Theology of Liberation (1989) begründet hatte. Er bestritt darin jede historische, kulturelle und religiöse Kontinuität des heutigen Staates Israel zum biblischen Israel wie auch eine ethnische Kontinuität der meisten jüdischen Israelis zu den biblischen Israeliten, um den (von ihm so genannten) „christlichen Zionismus“ als falsche Bibelauslegung zu delegitimieren.

Direkte Vorläufer des Dokuments waren der „Aufruf von Amman“ von 2007 und die „Berner Perspektive“ von 2008, die beide bei Konferenzen des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) entstanden. Diese Texte enthielten schon viele politische und theologische Positionen, die das Kairos-Palästina-Dokument dann aufnahm.Giovanni Mattheo Quer: Christian BDS, in: Alvin H. Rosenfeld: Anti-Zionism and Antisemitism, Indiana 2019, S. 306–313

Autoren Fünfzehn palästinensische Christen, darunter zwölf Männer und drei Frauen, erstellten das Dokument in mehr als einem Jahr.Livia Wonnerth-Stiller: Palästinensische Theologie als Streitkultur. In: Uta Heil, Annette Schellenberg (Hrsg.): Theologie als Streitkultur. Göttingen 2021, S. 360f. und Fn. 88-90 Hauptautoren waren Naim Ateek, der lutherische Pfarrer Mitri Raheb und der freikirchliche Theologe Yohana Katanacho. Einige kirchliche Amtsträger wurden als Mitautoren genannt, darunter der 2008 emeritierte lateinische Patriarch Michel Sabbah und der griechisch-orthodoxe Erzbischof Atallah Hanna. Der lutherische Bischof Munib Younan zog seine Unterschrift einige Tage später zurück.Malcolm Lowe: The Palestinian "Kairos" Document: A Behind-the-Scenes Analysis. Council of Centers on Jewish-Christian Relations, 1. April 2010

Die an der Entstehung unbeteiligten Kirchenführer in Jerusalem veröffentlichten am 15. Dezember 2009 einen kurzen Kommentar, der den Aufruf als Bitte um verstärkten Einsatz aller Christen für Frieden in der Nahostregion begrüßte, ohne Partei im Israel-Palästina-Konflikt zu ergreifen. Die Autorengruppe Kairos Palestine stellte ihren Text dem Dokument voran, so dass er als Einführung und Zustimmung dazu erschien. Sie stellten das Dokument damit als von den Kirchenführern der Region autorisiert und als repräsentativ für die Christen der Region dar.

Publikation des ÖRK Der ÖRK veröffentlichte den Aufruf am 11. Dezember 2009 als Kairos-Palästina-Dokument in insgesamt 20 Sprachen. Träger war das 2007 gegründete Palestine Israel Ecumenical Forum (PIEF), das interreligiöse und ökumenische Initiativen mit dem Ziel koordiniert, Israels Besetzung palästinensischer Gebiete gemäß UN-Resolutionen zu beenden. Der damalige ÖRK-Generalsekretär Samuel Kobia bezeichnete das Dokument als „frische Basis für den Kampf um Gerechtigkeit“ und legitimierte es damit als ÖRK-Position.Bertold Klappert: Die bleibende Erwählung Israels und die Segensverheißung für die Völker, in: Bertold Klappert: Der Name Gottes und die Zukunft Abrahams, Stuttgart 2019, S. 209

Inhalt Titel Der vom ÖRK hinzugefügte Titel war bewusst an das Kairos-Dokument afrikanischer Theologen von 1985 angelehnt, das die Überwindung des damaligen Apartheidssystems in Südafrika forderte.Thomas Haury, Klaus Holz: Antisemitismus gegen Israel. Hamburger Edition, Hamburg 2021, ISBN 3-86854-355-4, S. 280f. Der Titel verglich also die Lage in Palästina mit der von ideologischem Rassismus, staatlicher Rassentrennung und brutaler Unterdrückung geprägten Lage im früheren Südafrika.Johannes Gerloff: Klassische Ersatztheologie und christliche Israelhetze. Israelreport 5 / 2010, PDF S. 8f.

Für die evangelischen Theologen Ekkehard W. Stegemann und Wolfgang Stegemann erneuerte die Veröffentlichung mit diesem Titel den Rassismusvorwurf gegen Israel: „Das Dokument brandmarkt Israel als rassistischen Apartheidsstaat.“ Auch der englischsprachige Begleittext der Autoren enthalte den Apartheidsvorwurf in dem Satz: Das palästinensische Volk sei „seit mehr als sechs Jahrzehnten mit Unterdrückung, Vertreibung, Leid und klarer Apartheid (clear Apartheid) konfrontiert.“ Dies sei eine offensichtliche „Leserlenkung“, wonach „der Staat Israel seit seiner Entstehung eindeutige Apartheidspolitik betreibe“. Diesen Vorwurf beinhalte auch der Aufruf zum umfassenden Israelboykott. Laut dem Neutestamentler Klaus Wengst erfasste der ÖRK-Titel die im Text nur angedeuteten Apartheidvergleiche und verschärfte damit die antiisraelische Ausrichtung des Dokuments enorm: „Israel wird damit zum Apartheidsstaat erklärt. Das ist unerträglich.“Ekkehart W. Stegemann, Wolfgang Stegemann: Die christlichen Kirchen und der jüdische Staat. In: Jonathan Magonet et al. (Hrsg.): Hat der jüdisch-christliche Dialog Zukunft? Göttingen 2017, S. 127 f.

Lagebeschreibung Die Einleitung bezeichnet das Dokument als „Schrei der Hoffnung, wo keine Hoffnung ist“, inmitten des Leidens der Palästinenser. Ihre aktuelle Lage sei aussichtslos. Die Entscheidungsträger betrieben nur Krisenmanagement, statt Lösungen zu suchen. Eine „Politik, die Menschen vernichtet“, gehe auch die Christen an. Teil 1 („Die Realität auf dem Boden“) benennt die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete als Ursache des Unfriedens und verweist dazu auf: Grenzanlagen („Trennmauer“) auf palästinensischem Gebiet, Zerteilung palästinensischer Wohngebiete, Israels Gaza-Blockade, „unmenschliche Bedingungen“ im Gazastreifen nach dem „grausamen Krieg“ Israels (Operation Gegossenes Blei) von 2008 / 2009, Landraub durch den Bau israelischer Siedlungen, israelische Kontrolle von natürlichen Ressourcen, Wasser und Ackerland, tägliche Demütigung an israelischen Militärkontrollposten, Trennung von Familien, besonders wenn ein Ehepartner keinen israelischen Personalausweis besitze, Zugangsverbote für Christen und Muslime zu den heiligen Stätten Jerusalems, das verweigerte Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge, tausende palästinensische Gefangene in Israel, Verdrängung palästinensischer Bürger aus Jerusalem durch Konfiszieren ihrer Personalausweise, Zerstörung oder Enteignung ihrer Häuser, Israels Missachtung des Völkerrechts und internationaler Resolutionen, Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierung palästinensischer Israelis, Auswanderung vieler ausgebildeter junger Palästinenser aus den besetzten Gebieten. Dass Israel seine Besetzung und Repressalien gegen die Palästinenser als Selbstverteidigung rechtfertige, stelle die Realität auf den Kopf: Ohne israelische Besetzung „gäbe es auch keinen Widerstand“, sondern „eine neue Welt ohne Angst und Bedrohung […], in der Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden herrschen.“ Die Palästinensische Autonomiebehörde (PNA) habe den Friedensprozess mit Verhandlungen nicht vorangebracht. Israel habe den „Weg des bewaffneten Widerstandes“ anderer Parteien als Vorwand benutzt, „die Palästinenser des Terrorismus zu bezichtigen“ und so den Konflikt zum Antiterrorkrieg umzudeuten, obwohl die israelische Besetzung „auf legitimen palästinensischen Widerstand zu ihrer Beendigung stößt“. Die Spaltung der Palästinenser sei großenteils dadurch verursacht worden, dass das Wahlergebnis in Gaza von 2006 (Wahlsieg der Hamas) international nicht anerkannt worden sei.Yohanna Katanacho: The Land of Christ: A Palestinian Cry. Eugene 2013, S. 73–76; Zitate nach der Kairos Palästina, Teil 1 (deutsche ÖRK-Übersetzung)

Der Forderungsteil kennzeichnet den Ausdruck „Terrorismus“ in distanzierenden Anführungszeichen erneut als israelische Geschichtsverfälschung und macht Israel für bewaffnete Gewalt von Palästinensern verantwortlich: „Die Wurzeln des ‚Terrorismus‘ liegen in dem menschlichen Unrecht, das uns angetan wird, und in dem Übel der Besetzung.“ Diese Schuldzuweisung deckt sich mit der Position der Hamas, der PNA und der BDS-Kampagne.Thomas Haury, Klaus Holz: Antisemitismus gegen Israel. Hamburg 2021, S. 281

Christliche Theologen in und außerhalb Palästinas kritisierten an der Lagebeschreibung vor allem: den Vergleich des zweifellos vorhandenen Rassismus in Israels Siedlerbewegung mit Südafrikas früherem gesamtstaatlich institutionalisierten Rassismus. So verwies der Pfarrer Shihadeh Jadallah aus Beit Jala darauf, dass Israel kein Rassentrennungsprogramm kenne, keine genozidale Politik betreibe und auch seine kollektiven Sanktionen nicht auf Auslöschung einer Volksgruppe zielten. die Gleichsetzung terroristischer Raketenangriffe und Selbstmordattentate gegen Israel mit legitimem Widerstand. Laut dem evangelischen Theologen Bertold Klappert unterschied das Kairosdokument von 1985 den Grenzfall legitimer Gegengewalt gegen übermächtige rassistische Staatsgewalt genau von terroristischer Willkürgewalt. Im Kairos-Palästina-Dokument dagegen fehle diese Unterscheidung und eine klare Verurteilung des Terrors der Hamas. das Weglassen oder Verschweigen interner Ursachen des Elends in den Palästinensergebieten, etwa durch Geldtransfers der EU gestützte korrupte palästinensische Führungseliten, den gewaltsamen Kampf zwischen Hamas und Fatah, antisemitische Schulbuchpassagen und Hassfilme im Westjordanland und Jordanien, innerisraelische Opposition zu den jüdischen Siedlern, palästinensische Opposition, interne Ursachen für das Versagen der PNA. Bertold Klappert fragte daher, ob die Autoren überhaupt eine umfassende differenzierte Gesellschaftsanalyse geleistet hätten.Bertold Klappert: Die bleibende Erwählung Israels und die Segensverheißung für die Völker, in: Bertold Klappert: Der Name Gottes und die Zukunft Abrahams, Stuttgart 2019, S. 210–212 die Behauptung, mit der Besetzung werde der Terror gegen Israel und der Unfrieden in der Region enden. Klaus Wengst zufolge hat die nach Israels Rückzug aus dem Südlibanon und dem Gazastreifen fortgesetzte Gewalt gegen Israel diese Sicht als Illusion erwiesen. Das entscheidende Problem sei die fehlende Anerkennung des Staates Israel durch mächtige Staaten der Region und von ihnen finanzierter militanter Palästinenser-Organisationen. Das Kairosdokument spreche diese Anerkennung nicht aus, sondern untergrabe sie indirekt, weil es mit keinem Wort an die Kriege arabischer Staaten gegen Israel, die Nichtintegration palästinensischer Flüchtlinge dort und Vertreibung hunderttausender Juden von dort erinnere. Daher zitierte Wengst den evangelischen Theologen Rolf Schieder: Das Dokument sei „frappierend selbstgerecht. Ein Bekenntnis eigener Schuld fehlt. Die Opferperspektive erstickt jede Selbstkritik.“Klaus Wengst: Land Israel und universales Heil im Neuen Testament: Eine theologische Auseinandersetzung mit dem „Kairos Palästina-Dokument“. Compass-Infodienst, Online-Extra Nr. 145, Juli 2010 Malcolm Lowe zufolge war den Autoren bekannt, dass die nach Israels Abzug aus dem Gazastreifen an die Macht gelangte Hamas geschworen habe, ihre als „Widerstand“ verharmloste Terrorgewalt gegen Israel so lange fortzusetzen, wie der Staat Israel bestehe.

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